Konfrontation oder Koexistenz?

Einige Überlegungen zum europäischen Islam – eine Stimme aus Polen

 

Jeder von Dschihadisten durchgeführte terroristische Angriff lässt die Diskussion über die Anpassungsfähigkeit des Islam an die Grundlagen der westlichen Zivilisation erneut aufkommen. In Zeitungen, Fernsehsendungen und Büchern findet dann eine Auseinandersetzung mit der Frage statt, ob Muslime denn imstande seien, in einem liberalen Staat zu leben. Nach jeder neuen Explosion einer Autobombe oder in einem Einkaufszentrum steigt in den Medien, im Internet und auf der Straße eine Welle der Anti-Islam-Stimmung. In solchen Augenblicken denken nur Wenige daran, dass auch gewöhnliche Muslime Attentätern zum Opfer fallen, die dann für die gemeinsame Religion mit den Extremisten stigmatisiert werden.

 

© Piotr Mordel

Was die Wirkung derartiger Stereotype anbetrifft, stellt Polen keine Ausnahme dar. Obwohl es dort kaum Muslime (ca. 0,1 % der Einwohner) und auch keine Anschläge gibt, scheint das Ausmaß der Islamophobie entweder vergleichbar oder gar größer zu sein als in den Ländern, wo der Prozentsatz der Anhänger dieser Religion spürbarer ist. Die Islamfeindlichkeit tritt auf unterschiedliche Art und Weise zutage: angefangen mit der Verweigerung der Aufnahme von Flüchtlingen über die steigende Skepsis gegenüber der EU bis hin zu gewalttätigen Übergriffen auf Ausländer auf der Straße.

 

Wird in den multikonfessionellen Ländern über den Islam gesprochen, so bleibt in Polen eine fundierte Diskussion zu diesem Thema aus. Die Tatsache ist zum Teil auf die bereits erwähnte geringe Zahl der heimischen Muslime zurückzuführen. In die Lücke springen daher Populisten und Nationalisten, die fast in allen Ländern Europas an Bedeutung gewonnen haben: in Griechenland und Bulgarien, Polen und Ungarn sowie in Deutschland, Italien und Frankreich.

 

Um nicht haltlos zu klingen, nenne ich an dieser Stelle einige Beispiele: Nigel Farage macht den Londonern Angst mit „muslimischen Zonen”, in Frankreich kämpfte Marine Le Pen gegen den Islam bei ihrer Präsidentschaftskampagne. Ähnlich handelte auch die Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) vor den Wahlen für den Sejm, als sie von schwedischen „No-Go-Zonen“ und von Flüchtlingen übertragenen Krankheiten erzählte. Kürzlich kam die deutsche Anti-Migranten-Partei, die AfD, mit einem guten Wahlergebnis (13%) in den Bundestag. Besonders interessant ist das Werben dieser Partei um die russischsprachigen Wähler. Auf einem ihrer Wahlplakate stand in russischer Sprache: „Ein ungewollter Gast ist schlimmer als ein Tatar”. Es ging dabei um den Kampf gegen muslimische Migranten, was ein klarer Ausdruck von Fremdenfeindlichkeit war.

 

In der Literatur kommen Haltungen solcher Autoren durch wie der inzwischen verstorbenen italienischen Journalistin Oriana Fallaci (die den Begriff „Eurabien“ verwendet), des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq (mit seinem Roman „Unterwerfung“) oder Marek Orzechowskis mit seinem Buch „Mój sąsiad islamista“ (Mein Nachbar, der Islamist). Orzechowski begegnete ich jüngst bei dem Wirtschaftsforum in Krynica. Die Podiumsdiskussion, an der wir gemeinsam teilnahmen, trug den Titel “Politischer Islam in Europa: Ist ein Dialog möglich?” Grundlage der Überzeugung Orzechowskis von einer unvermeidbaren Islamisierung des Westens oder dem kämpferischen Charakter der Scharia ist die falsche Annahme, alle Muslime würden eine geschlossene Einheit bilden, die sich die Welt unterwerfen möchte. Diese Überzeugung lässt die Heterogenität unter den Moslems selbst außer Acht, die nationalen und kulturellen Unterschiede. Eine solche Betrachtungsweise impliziert die Unmöglichkeit einer Koexistenz der Muslime und Anhänger anderer Religionen, zwingt sie dazu, sich an ihrem Wohnort fremd zu fühlen.

 

Über das Fremdheitsgefühl bei Muslimen verschiedener Nationalität, die in den Ländern der Europäischen Union leben, sprach die türkische Soziologin Nilüfer Göle von der Pariser Elite-Hochschule für Sozialwissenschaften, École des Hautes Études en Sciences Sociales, Autorin der Publikation „Musulmans au quotidien. Une enquête européenne sur les controverses autour de l’islam” (Muslime in Europa. Die heutigen Kontroversen um den Islam), die ein Ergebnis von Studien ist, die zwischen 2009 und 2013 in 21 europäischen Staaten durchgeführt worden sind (u.a. in Paris, Kopenhagen, Bologna, Oslo, Brüssel und Sarajevo). In ihrem Buch lässt Göle gewöhnliche Muslime zu Wort kommen und zeigt, wie heterogen ihre Gemeinschaften und wie unterschiedliche ihre Meinungen zu bestimmten Fragen sind. Die Äußerungen der Teilnehmer von Diskussionsgruppen, die gegründet wurden, um ihre religiöse Identität zu untersuchen, widerlegen die Mythen über die Unvereinbarkeit des Islams mit der Demokratie und dem Laizismus. Die Mehrheit junger Muslime hat kein Problem damit, ihren Glauben im Einklang mit den Normen eines laizistischen Staates zu praktizieren.  Sie schätzen den Laizismus und Liberalismus, weil diese es ihnen ermöglichen, die Vorteile der Demokratie in Anspruch zu nehmen, ohne ihre muslimische Identität zu verraten.

 

Es ist bedauernswert, dass das in zugänglicher Sprache geschriebene Buch von Nilüfer Göle auf weitaus geringeres Interesse der polnischen Leser stieß als Orzechowskis „Mein Nachbar, der Islamist” oder ähnliche Publikationen dieser Art. Für den Dialog über die Zukunft des europäischen Islams ist diese Tatsache nicht förderlich. Der Dialog wäre erst dann möglich, wenn Muslime als Teil dieser Region und ihres Kulturerbes anerkannt werden würden. Und obwohl die tatsächliche Zahl der Islam-Bekenner in Europa weitaus geringer ist als in der Vorstellung eines Durchschnittseuropäers (so machen beispielsweise in Frankreich Muslime 8% der Gesamtbevölkerung aus, und nicht 30%, wie Franzosen glauben), so gehören sie zu den am schnellsten wachsenden Glaubensgemeinschaften auf der Welt. In etwa 30 Jahren werden sie vermutlich zehn Prozent der europäischen Bevölkerung ausmachen. Es liegt also nahe, sich auszurechnen, dass sie nicht verschwinden. Wenn wir also einen Glaubenskrieg oder irgendwelche „Endlösungen“ verhindern wollen, dürfen wir es nicht zulassen, dass die europäischen Muslime als Terroristen betrachtet werden. Wir sollten die Verantwortung für die Zukunft des Kontinents mit ihnen teilen und sie zu unseren Verbündeten im Kampf gegen den Extremismus machen.

 

Allein durch intensives Engagement der europäischen muslimischen Kreise wird es gelingen, eine erfolgreiche Front im Kampf gegen den Islamismus zu bilden. Sie soll sich auf europäische Werte stützen, die von den jungen Befragten von Göle so hochgeschätzt wurden. Die in Europa geborenen Muslime sollten den Laizismus und die Demokratie in ihren Ländern verteidigen, die ja Minderheiten das Recht auf ihre eigene Religion gewähren. Beispiele für solche Haltungen gibt es – dazu gehören die Solidaritätsaktionen mit den Opfern der Attentate in Paris oder London (z.B. die Kampagne “Not in my name”, die die Gräueltaten des sogenannten Islamischen Staates scharf verurteilte) sowie eine entschlossene Haltung von über 700 Oberhäuptern muslimischer Gemeinschaften in Großbritannien, die den Mördern die religiöse Beerdigungszeremonie verweigerten.

 

Dennoch, ein erfolgreiches Handeln gegen die Verbrechen und die Wiederherstellung des Rufs des Islam erfordern weitaus mehr Arbeit als nur eine deutliche Distanzierung von den Dschihadisten. Die Kreise der europäischen Muslime, die von angesehenen religiösen und intellektuellen Autoritäten in den jeweiligen Ländern vertreten werden, sollten sich an der globalen Debatte über die Quelle des heutigen islamistischen Extremismus aktiver beteiligen und die Grundlagen für eine dauerhafte Koexistenz des Islam mit der westlichen Welt ausarbeiten.

 

Aus dem Polnischen von Monika Satizabal Niemeyer

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Nedim Useinov

Nedim Useinov ist Mitglied des Koordinationsrates des Weltkongresses der Krimtataren in Polen. Er studierte Politologie an der Universität Danzig. Seit 2003 arbeitet er im Nichtregierungssektor in Polen und der Ukraine.

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