Polen ist nicht mehr die Werkbank im Osten

Nationalkonservative Politiker wie PiS-Parteichef Jaroslaw Kaczynski behaupten gerne, dass ausländische Unternehmen nur wegen der billigen Arbeitskräfte in Polen investieren. Doch eine Daten-Analyse zeigt: das Gegenteil ist der Fall. Polen entwickelt sich zu einer innovationsgetriebenen Ökonomie. Konzerne aus dem Ausland stellen immer mehr akademisch ausgebildete Polen ein und die Gehälter steigen kontinuierlich.

 

Die Europäische Union hat 28 Mitgliedsstaaten. Alle Länder erhalten Subventionen von der EU. Ein Viertel des Geldes fließt allerdings nach Polen. Von 2014 bis 2020 werden es laut Germany Trade and Invest (GTAI) rund 82,5 Milliarden Euro sein. 2,3 Prozent des diesjährig auf 3,7 Prozent geschätzten Wirtschaftswachstums geht auf die Subventionen zurück. Die Zahlen zeigen: Polen ist auf Brüssel angewiesen.

 

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Seit dem EU-Beitritt 2004 befindet sich das Land auf dem Weg der Modernisierung. Straßen, Krankenhäuser, Brücken – vieles in Polen wird nur gebaut oder erneuert, weil die EU jedes Jahr Milliarden an Polen überweist. Der Modernisierungsprozess aber ist noch lange nicht abgeschlossen. Abseits der Großstädte Warschau, Breslau, Krakau oder Danzig hat das ländliche Polen ökonomisch betrachtet noch einen langen Weg vor sich.

 

Kleine Städte – vor allem jene im Osten des Landes – kämpfen nach wie vor mit einer hohen Arbeitslosigkeit, wo teilweise über 20 Prozent der Menschen keinen Job haben. Die Subventionen aus Brüssel ändern daran nur wenig und aus eigener Kraft können die Kleinstädte ihre Einwohner nur selten in Lohn und Brot bringen. Häufig sind es ausländische Investoren, die etwas an dieser Misere ändern. Im Falle von Polen kommen die Geldgeber meist aus Deutschland. In Posen hat Volkswagen eine Fabrik eröffnet, wo der VW-Transporter Crafter gebaut wird. Im schlesischen Jawor baut Mercedes derzeit für 500 Millionen Euro ein neues Motorenwerk. Und an der deutsch-polnischen Grenze in der Nähe von Stettin errichtet Zalando ein 130.000 Quadratmeter großes Versandlager.

 

Im VW-Werk in Posen verrichten die Arbeiter meist Montagearbeiten. Im Mercedes-Motorenwerk wird ein Großteil der Arbeiter ebenfalls eher einfache Arbeiten übernehmen. Bei Zalando dürfte ein Großteil der Belegschaft mit logistischen Aufgaben betraut werden. Nichtsdestotrotz sind die ausländischen Arbeitgeber meist ein Segen für die Einwohner der jeweiligen Städte. Denn oftmals ist die Bezahlung bei VW, Mercedes & Co. höher als bei den heimischen Arbeitgebern.

 

Dennoch wird aus nationalkonservativen Kreisen in Polen Kritik laut, dass Investoren aus Deutschland, Frankreich oder den Niederlanden Polen lediglich als verlängerte Werkbank im Osten ausnutzen würden. Die gutbezahlten Jobs hingegen bleiben im jeweils eigenen Land. Eine Analyse von Statistiken und historischen Daten jedoch zeigt ganz klar, dass die Vorwürfe haltlos sind. Denn vor allem in den vergangenen Jahren lassen Investoren aus dem Ausland auch komplizierte Arbeitsprozesse in Polen durchführen, was die Nachfrage nach Akademikern erhöht. Besonders hoch ist die Nachfrage dabei nach Ingenieuren und Informatikern mit deutschen sowie englischen Sprachkenntnissen.

 

Ein anderes Bild ergibt sich auch, wenn man einen Blick in die polnischen Großstädte wirft. Dort ist der Anteil der akademischen Berufe um ein Vielfaches höher als in Polens Dörfern. Auch deswegen ergeben sich völlig andere Sichtweisen zwischen der Land- und der Stadtbevölkerung, die Polen derzeit in ein politisches Spannungsverhältnis bringen. In der Stadt spüren die Menschen den Aufschwung und die EU-Mitgliedschaft. Auf dem Land fühlen sich die Polen hingegen vernachlässigt und zum Teil auch ausgenutzt.

 

Niedrige Arbeitskosten spielen immer weniger eine Rolle

Laut einer Studie der Deutsch-Polnischen Industrie- und Handelskammer (AHK) ist für deutsche Unternehmen die Qualifikation der polnischen Arbeitnehmer nach der EU-Mitgliedschaft der zweitwichtigste Grund für mögliche Investitionen in Polen. Erst auf dem achten Platz landen die im Vergleich zu Deutschland niedrigeren Arbeitskosten. Eine Auflistung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) zeigt zudem, dass immer aufwändigere Güter von Polen nach Deutschland importiert werden. Den größten Anteil machen dabei Kraftfahrzeuge und Autoteile mit einem Volumen von 6,4 Milliarden Euro aus. Hier ist vor allem der polnische Bushersteller Solaris hervorzuheben.

 

Die Busse des Posener Unternehmens fahren unter anderem für Verkehrsbetriebe in Berlin, Frankfurt, Düsseldorf und Hamburg. Kein anderes Bus-Unternehmen exportiert so viele Busse nach Deutschland wie Solaris. Das liegt allerdings nicht nur am Preis. Auch wegen der technologischen Fortschrittlichkeit greifen immer mehr Verkehrsbetriebe in Deutschland auf die Busse aus Polen zurück. So hat Solaris bereits sehr früh Hybrid-Busse angeboten. Im Bereich der Elektrobusse ist das Unternehmen aus Polen zudem führend und könnte im Zuge des Dieselskandals zu einer ernsthaften Konkurrenz für die deutschen Bus-Bauer werden. So forderten im Rahmen des Dieselgipfels im August dieses Jahres deutsche Buskonzerne den Fonds „Nachhaltige Mobilität für die Stadt“ um 250 Millionen Euro zu erhöhen, um die Forschung und Entwicklung von E- sowie Hybrid-Oberleitungsbusen zu unterstützen. Solaris hingegen hat diese bereits im Angebot und die Nachfrage danach steigt in Deutschland.

 

Neben Kraftfahrzeugen werden den BDI-Zahlen zufolge aus Polen auch Maschinen im Wert von 3,4 Milliarden und IT-Erzeugnisse in einem Volumen von 2,8 Milliarden Euro nach Deutschland importiert. Polen ist dabei in der vorteilhaften Lage auf eine große Anzahl akademisch ausgebildeter junger Menschen zugreifen zu können. Dieses Human-Kapital haben ausländische Unternehmen für sich entdeckt und eröffnen nun neben den Fabriken, in denen einfache Arbeiten verrichtet werden, auch vermehrt Abteilungen für Forschung und Entwicklung. Unternehmen wie der französische Autozulieferer Valeo, der deutsche Ingenieurdienstleister MBtech oder der US-Konzern Delphi lassen in Polen an neuen Produkten forschen.

 

Neben den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Industrieunternehmen nimmt einer aktuellen Studie der Beratungsgesellschaft Deloitte zufolge auch die Zahl der Arbeitsplätze im Finanzsektor sukzessive zu. Besonders groß ist die Nachfrage von Arbeitgeberseite nach IT-Experten, die innovative Finanzprodukte entwickeln. Laut polnischen Stadtverwaltungen arbeiten bereits 200.000 Menschen in diesem Sektor. Die Branche wächst nach Berechnung von Marcin Piątkowski von Brookings Institution im Schnitt pro Jahr um 20 Prozent. Zwischen 2015 und 2016 ist der IT-Finanzsektor sogar um 25 Prozent gestiegen. Die Daten zeigen, dass die Relevanz technologisch fortgeschrittener Unternehmen in Polen immer weiter wächst. „Wir beobachten auch eine immer stärkere Einbindung von polnischen Geschäftsführungen in die Geschäfte der deutschen Zentralen“, erklärt Łukasz Łyszczarz von Deloitte. „Immer öfter wirken sie bei Schulungen mit und werden bei der Bestimmung von regionalen Strategien miteinbezogen.“

 

Die Entwicklungen in der Industrie- und der Finanzbranche decken sich mit dem Ergebnis des Global Competitiveness Index 2016/2017. Demnach befindet sich Polens Wirtschaft derzeit in einer Übergangsphase von einer preiseffektiven hin zu einer innovationsgetriebenen Ökonomie. Künftig wird daher die Nachfrage nach akademisch ausgebildeten Polen und dementsprechend auch die Bezahlung steigen. Peter Baudrexl, Siemens-Chef in Polen, erklärt anschaulich, in welchem Prozess sich das Land befindet: „Kurz vor 1989 galt es Polen zunächst zu stabilisieren. Anschließend ging es darum Wachstum zu generieren und erst danach geht es um die Schaffung von Wohlstand.“

 

Michał Woźniak, Direktor für die Abteilung Polen bei der Germany Trade and Invest, sieht das ähnlich. „Die Entwicklung Mittelosteuropas nach 1989 ist ein Paradebeispiel, wie wichtig ausländische Investitionen für die wirtschaftliche Weiterentwicklung sind“, erklärt Woźniak. „Ohne sie wäre die Erfolgsgeschichte der letzten 30 Jahre nicht möglich gewesen.“

 

Zahlen entlarven populistische Phrasen nationalkonservativer Politiker

Viele nationalkonservative Politiker in Polen hingegen sehen einen anderen Zusammenhang. „Wir wollen nicht die Reserve billiger Arbeitskräfte für andere Staaten sein“, forderte PiS-Parteichef Jarosław Kaczyński im vergangenen Jahr während eines Parteikongresses in Warschau lautstark. Daher sei es laut dem PiS-Vorsitzenden für die Wirtschaft essenziell, dass Polen seine Rechte und seine Souveränität verteidige.

 

Die Statistiken entlarven diese Aussagen als populistische Phrase. Denn gerade aus der EU-Mitgliedschat und der zunehmenden Investitionen ausländischer Unternehmen entstehen in Polen immer mehr Berufe, die eine akademische Ausbildung verlangen und dementsprechend besser bezahlt werden. Allerdings muss diese Arbeitsmarktveränderung als Prozess verstanden werden, der sich über Jahre hinziehen wird. Polen ist auf dem Weg von einer preiseffektiven hin zu einer innovationsgetriebenen Volkswirtschaft. Damit begibt sich das Land auf dem Pfad, den beispielsweise Tschechien bereits durchschritten hat. In Polens Nachbarland liegt das Jahreseinkommen daher im Schnitt bereits bei 32.710 Dollar, während das durchschnittliche Jahreseinkommen in Polen noch bei 26.770 Dollar liegt.

 

Den Weg in eine innovationsgetriebene Ökonomie kann Polen allerdings nicht allein bestreiten. Kaczyńskis Forderung, die Souveränität und Rechte des Landes zu verteidigen, klingen daher in diesem Zusammenhang sehr martialisch. Denn kein Land der EU stellt die Souveränität Polens in Frage. Es geht um eine europäische Zusammenarbeit – sowohl im politischen als auch im wirtschaftlichen Sinne. Und in Anbetracht der Sanktionen gegen Russland, wird Polen besonders für Länder wie Deutschland wirtschaftlich immer wichtiger. Davon zeugt auch die Entwicklung der Handelsbeziehungen.

 

Von 2009 bis 2012 sind die Exporte von Deutschland nach Russland von 20,6 auf 38,1 Milliarden Euro deutlich gestiegen. Im selben Zeitraum haben Exporte nach Polen lediglich von 31,1 auf 41,8 Milliarden zugelegt. Seit Einführung der Sanktionen gegen Russland im Jahre 2014 ist das Exportvolumen nach Russland wiederum bis 2016 auf 21,6 Milliarden Euro gesunken, während der Export nach Polen auf über 54,8 Milliarden Euro ruckartig angestiegen ist. Polen ist mittlerweile Deutschlands acht wichtigster Exportmarkt. Im vergangenen Jahr hat der bilaterale Handel zwischen beiden Ländern erstmals die Marke von 100 Milliarden Euro geknackt.

 

Wie wichtig Polen wirtschaftlich für Deutschland mittlerweile ist, beweist auch eine Aussage von Eon-Chef Johannes Teyssen aus dem Jahre 2014. Kurz nach Einführung der Sanktionen gegen Russland hatte der Dax-Konzernchef damals auf eine „verantwortungsvolle Ostpolitik“ plädiert. 2014 betrug das Exportvolumen nach Russland weniger als 30 Milliarden Euro.

 

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Roman Tyborski

Roman Tyborski arbeitet seit 2011 für das Handelsblatt. An der Universität Köln hat er Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften studiert.

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