Heute gibt es etwas, an dem man sich reiben kann

Seit langem ist in den Medien nicht mehr so viel vom polnischen Theater die Rede gewesen wie heute. Immer wieder gibt es Berichte über die Neubesetzung von Direktorenstellen an staatlichen Kultureinrichtungen oder davon, dass Zuwendungen des Ministeriums für Kultur und Nationales Erbe gestrichen wurden. Es gibt Aufregung und Kontroversen um einzelne Inszenierungen und Wortmeldungen von Künstlern, die von der politischen Lage im Land beunruhigt sind; dies alles ist Ausdruck eines Konflikts zwischen Kulturschaffenden und Regierenden. Ist das neu? Wovon fühlen sich polnische Künstler bedroht? Wird in Polen wieder die Zensur eingeführt? Wie stellt sich die Regierung das polnische Theater vor? Welche Chancen und welche Gefahren birgt die Situation für die polnische Kultur?

 

Hymn do miłości / Hymne an die Liebe © Magda Hueckel/HUECKEL-STUDIO

Am 7. Oktober 2017 spreche ich in der Cafeteria der Mitarbeiter des Maxim-Gorki-Theaters in Berlin mit dem in Polen und in Deutschland arbeitenden Theaterregisseur Wojtek Klemm über die politische Lage in Polen. Direkt hinter uns sitzen die Theaterübersetzerin und Kulturkuratorin Iwona Nowacka und die frühere Chefin des Polnischen Instituts in Berlin Katarzyna Wielga-Skolimowska und bereiten sich auf eine Podiumsdiskussion zum selben Thema vor. Sie werden mit dem Theaterkritiker Thomas Irmer über die Situation des polnischen Theaters sprechen, die Titelthema der letzten Ausgabe der deutschen Monatszeitschrift „Theater der Zeit“ war. Ihrer Ansicht nach ist die Lage schlimm, die Aussichten stimmen sehr pessimistisch. Im Gespräch fallen Ausdrücke wie Einschränkung der künstlerischen Freiheit, Zensur, Unsicherheit und Krise in Europa. Gleich danach wird auf der Bühne Marta Górnickas Stück „Hymne an die Liebe“ aufgeführt; darin sind Auszüge aus polnischen patriotischen Liedern, Gebeten und Wiegenliedern zu hören, untermischt mit Aussagen von Bloggern und Politikern über Flüchtlinge, Europa und Polen. Dies ist eine sehr wichtige Äußerung und Abbildung der polnischen Gesellschaft, dem deutschen Publikum ganz unbekannt; sie zeigt tiefe Spaltung, Angst, Heuchelei, Manipulation und politische Intrige.

 

Worin besteht nun konkret das Problem? Wojtek Klemm, dessen Inszenierungen in dieser Saison in Deutschland und Polen zu sehen sind, erklärt: „Kaum ein Künstler ist damit einverstanden, was zurzeit in Polen geschieht, obwohl es auch einige gibt, die die Politik von PiS unterstützen. Wenn die Politik von oben herab die Behandlung bestimmter Themen in der Kunst verbietet und kontrolliert, kann kein Künstler damit einverstanden sein. Ich denke, das Theatermilieu befindet sich ganz allgemein im Konflikt mit den Machthabern, weil es sich bedroht fühlt. In Polen wird die Freiheit des Wortes allmählich aufgehoben. Wir befürchten, es könnte dazu kommen, dass wir zwar über alles sprechen dürfen, aber wir uns fragen müssen: Bekommen wir dafür noch Geld vom Staat?“ Er nennt Beispiele: Kulturminister Piotr Gliński verweigert die Auszahlung von bereits zugesagten Dotationen für Theaterfestivals ‒ „Malta“ in Posen und „Dialog“ in Breslau. Klemm spricht von Besetzungsverfahren für Direktorenposten, die stark nach politischen Kriterin abliefen und dazu beitragen, dass wichtige Bühnen an Niveau verlieren, so das Polnische Theater in Breslau und vielleicht schon bald das Alte Theater in Krakau.

 

Die meisten Theaterleute äußern sich beunruhigt über die aktuelle politische Situation. Zu den wortstärksten Sprechern zählen bekannte Schauspieler, die sich in Polen im Internet und in den sozialen Medien äußern. Darunter sind Künstler von großem Renommee, die das volkspolnische System in Erinnerung rufen, unter dem sie arbeiten mussten, zum Beispiel Krystyna Janda, Janusz Gajos, Jerzy Radziwiłowicz, Daniel Olbrychski sowie die Regisseure Krystian Lupa und Agnieszka Holland. Jüngere, aber schon sehr bekannte Schauspieler wie Magdalena Cielecka, Maja Ostaszewska und Maciej Stuhr beteiligen sich an Demonstrationen gegen die Regierung und rufen zur Teilnahme auf. Die unlängst gefallene Entscheidung, Magdalena Sroka, die Direktorin des Staatlichen Filminstituts in Łódź abzuberufen, hat die Filmschaffenden in Aufruhr versetzt, denn sie schätzen Sroka sehr für ihre Arbeit.

 

Viele Künstler sind sehr unzufrieden mit der Richtung, in welche die polnische Kultur derzeit gelenkt wird. Wenn es nach dem Kulturministerium geht, soll diese Kultur national und katholisch sein und das Epos vom heldenhaften Polen erzählen, um sie der Jugend schmackhaft zu machen. Davon war etwa die Rede, als die Kanzlei von Präsident Andrzej Duda am 22. September 2017 handverlesene Gäste zu einer anderthalbstündigen Gesprächsrunde über die Zukunft des polnischen Theaters lud. Der Autor und Übersetzer Antoni Libera sprach bei dieser Gelegenheit von den Gefahren, die Polen seitens Russlands und der Europäischen Union drohten; Dariusz Karłowicz, Redakteur von „Teologia polityczna“, sprach von der Bedeutung des antiken Theaters als national-religiös-staatlichen Ereignisses unter Beteiligung des Volks anstelle einer „Handvoll blasierten Publikums“; Wanda Zwinogrodzka, Unterstaatssekretärin im Kulturministerium, sprach von der „nationalen Gemeinschaft“ als Gegengewicht gegen die internationale Gruppe von Autoren einer kritischen Kunst, die ein negatives Bild des Vaterlandes zeichne.

 

Hymn do miłości / Hymne an die Liebe ©Magda Hueckel/HUECKEL-STUDIO

Über die politischen Konzepte für ein „nationales“ polnisches Theater spreche ich mit dem Theaterkritiker und Vorstandsmitglied der International Association of Theatre Critics (AICT/ IACT) Konrad Szczebiot. Nachdem er im Dezember 2015 vom Kulturministerium den Auftrag angenommen hatte, eine künstlerische Evaluation der vom Alten Theater in Krakau aufgeführten Inszenierungen vorzunehmen, war er als Zensor verschrien, obwohl er persönlich den Regisseur und inzwischen ehemaligen Direktor des Theaters Jan Klata schätzt. Das „Hearing“ endete zwar wie das Hornberger Schießen, doch wurde der Kritiker im Internet mit Hass und Vorwürfen geradezu zugeschüttet. Diese Welle des Hasses zeigte, wie hysterisch das Theatermilieu und sein Umfeld reagieren, wenn jemand seine Tätigkeit zu kontrollieren versucht. Der Kritiker hat sich die Debatte im Warschauer Belverdere auch angehört und meint, sie habe nicht viel Neues gebracht, aber er betont: „Die Regierung hat ein ziemlich explizites Programm für das Theater, sie würde gern neue Themen auf die Bühne bringen, die aber heute nicht funktionieren, weil die Ideen um andere Themen kreisen. Die Ideen der Regierung sind nicht bis ins Einzelne durchdacht. Wir befinden uns in diesem Clinch, weil die PiS-Partei letztlich demokratische Wahlen gewonnen hat, ohne einen Hehl aus ihrer Weltanschauung zu machen. Und die Regierung hat nicht viele Instrumente, um diese ihre Weltanschauung auf die Bühne zu bringen.“ Der Kritiker meint, die Medien würden den Einfluss des Kulturministers auf das polnische Theater stark überschätzen und damit den Konflikt anheizen: „Über drei Viertel der Theater unterstehen der lokalen Selbstverwaltung, die immer noch von anderen Parteien gestellt wird. Jede Selbstverwaltung liebt ein ruhiges Theater ohne Kontroversen und mit vollem Zuschauerraum, aber das moderne Theater ist nicht so. Die Nachfrage nach den Klassikern und Lustspielen geht völlig an der Strömung vorbei, in dem heute das Theater in Polen und in der Welt schwimmt.“ Eine viel tiefere Spaltung im polnischen Theater als die Abneigung gegen die jetzige Regierung sei hervorgerufen durch die Unterschiede in der Finanzierung, wie sie durch die enormen Disproportionen bei der Finanzierung zwischen den Stars der Theaterszene einerseits und unabhängigen Bühnen oder solchen an kleineren Orten andererseits bestünden.

 

„Zensur“ ist ein in der Diskussion um die Ängste der Theaterleute häufig zu hörendes Wort. Ich frage Łukasz Bertram danach, einen Soziologen und Redakteur der Internetzeitschrift „Kultura Liberalna“. „Ich wäre vorsichtig mit der Behauptung, in Polen sei die Zensur wiedereingeführt worden. Wenn wir das Wort überstrapazieren, wird es schließlich bedeutungslos ‒ und wenn sich die Lage tatsächlich zuspitzt, werden wir dafür keine geeignete Beschreibung mehr haben. Wir können aber davon ausgehen, dass die jetzige Regierung Einfluss auf die Kultur nehmen will, vor allem mittels der Geldvergabe.“ Ich frage wieso, woraufhin Bertram meint, sie wolle es ihren politischen Gegnern heimzahlen: „Einige Angehörige des Regierungslagers und die ihnen nahestehenden Medien pflegen ein tiefsitzendes Ressentiment gegen das Establishment des ‚Salons‘, der ihrer Meinung nach die politische Rechte ausgeschlossen, sie marginalisiert und ihr Unrecht getan hat. Ich nehme an, dass einige wirklich davon überzeugt sind, zu diesen ‚Ausgestoßenen‘ zu gehören, selbst wenn ihnen unter den Vorgängerregierungen keinerlei Unrecht geschehen ist.“ Diesen Salon bilden eben gerade die Künstler, aber auch beispielsweise einige Journalisten.

 

Zu dem im heutigen Diskurs vielleicht überstrapazierten Begriff der „Zensur“ tritt die realere Gefahr der Autozensur und der ökonomischen Zensur. Bereits vier Theaterfestivals haben die Teilnahme des Stückes „Der Fluch“ unter der Regie von Oliver Frljić unter Berufung auf dessen Ablehnung durch das Ministerium abgewiesen. Da sie Geld vom Staat bekommen, fürchten sie das Risiko, das Ministerium gegen sich aufzubringen. Daran erinnert auch der in Deutschland lebende und arbeitende polnische Regisseur Krzysztof Minkowski: „Das Ministerium schließt Projekte aus, die eine kritische Einstellung zur polnischen Realität vertreten.“ Seine Inszenierung des Stücks „Von zweien, die den Mond stahlen“, das davon handelt, wie aus der Katastrophe von Smolensk ein die polnische Gesellschaft spaltender Mythos gemacht wurde, ist im Spielplan des Maxim-Gorki-Theaters in Berlin. In Polen wurde das Stück nicht aufgeführt.

 

Wie sieht es mit der Zensur in dem öffentlichen Fernsehsender TVP Kultura aus? Ich spreche darüber mit der Journalistin und Redakteurin Sabina Zygmanowska, die seit 2013 für den Sender arbeitet. Seither ist die Direktion dreimal ausgetauscht worden. Wir sprechen nicht über Zustand und Politisierung des öffentlichen Fernsehens im Allgemeinen, sondern konzentrieren uns auf TVP Kultur, seine Themen und die Leute, die dort zur Sprache kommen. Zygmanowska will keine Veränderungen in der Haltung der Programmdirektion zum Sendeauftrag bemerkt haben, will sagen eine Verschärfung von Zensur. Sie findet etwas anderes interessant: „Es kommt öfter vor, dass man mir absagt, weil ich vom öffentlichen Fernsehen komme, als dass ich unter Druck seitens des TVP gesetzt würde, was erlaubt ist und was nicht. Es kommt vor, dass sich bekannte Künstler weigern, ein Interview zu geben oder ein Kamerafeature zu machen. Mir scheint, wenn sich die Kulturschaffenden so demonstrativ für Politik engagieren, wird nichts Gutes dabei herauskommen.“

 

Łukasz Bertram nennt nicht nur Gründe und Gefahren des zwischen den Künstlern auf der einen und Regierung und ihrer Wählerschaft auf der anderen Seite schwelenden Konflikts, sondern rät auch den Kulturschaffenden, sich zu ihren Fehlern zu bekennen: „Der Schriftsteller Jacek Dehnel hat vor kurzem darauf aufmerksam gemacht, wie oft die Sprache der Opposition von Verachtung und Hass geprägt ist. Eine andere Sache ist die Frage, die sich die Kulturschaffenden und die Medien stellen müssen, die zurecht heute Machtmissbrauch geißeln. Haben sie sich etwa in vergangenen Jahren dazu herablassen können, sich mit den Problemen derjenigen Polen zu befassen, denen das Schicksal und die Dritte Republik nicht so gnädig waren und die sie, ob zurecht oder unrecht, pauschal als Leute wahrnehmen, die vom wahren Leben keine Ahnung haben?“

 

Ohne dass ich ihn danach gefragt hätte, geht Wojtek Klemm ebenfalls darauf ein. Er spricht von einer vergebenen Chance und dem Unvermögen, den Zuschauer zu erreichen. Wie er betont: „Die Wahlniederlage gegen den ‚guten Wechsel‘ [PiS-Wahlkampfmotto von 2015, A.d.Ü.] ist offensichtlich unsere Niederlage, denn es ist klar, dass es uns Theatermenschen nicht gelungen ist, die Zuschauer zu überzeugen, dass diese Wahl falsch war. Wir haben unsere Zuschauer nicht erreicht, sondern wir haben uns von ihnen entfernt.“ Welche Chancen birgt die jetzige Lage also noch? Wohl mehrere. Die polnischen Kulturschaffenden, die Einfluss auf die Meinung der Öffentlichkeit haben, schließen sich zusammen. Es entstehen neue Bewegungen, etwa die Gilde der Polnischen Regisseure und Regisseurinnen oder „Unabhängige Kultur“. Crowdfundig ist in der polnischen Kulturszene sehr populär geworden, was zwar nicht auf Dauer alleinige Finanzierungsquelle für Kulturveranstaltungen bleiben kann, aber doch der Kultur hilft, sich vom Staat unabhängig zu machen. Ein weites Betätigungsfeld öffnet sich für Privatbühnen, es gibt Chancen für unabhängige und alternative Theater. Eine große Herausforderung mit allerdings auch sehr großem Potential ist die internationale Zusammenarbeit und Koproduktionen, über die das im Ausland beinahe unbekannte polnische Theater bekannt gemacht werden kann. Ein hervorragendes Beispiel dafür ist die schon erwähnte „Hymne an die Liebe“ unter der Regie von Marta Górnicka, ein Stück, das das Maxim-Gorki-Theater Berlin im Spielplan hat und das auf Tournee in Deutschland und Polen geht.

 

Die Stärke des polnischen Theaters ist seine Vielfalt ‒ und danach rufen wirklich alle polnischen Künstler, die sich davon bedroht fühlen, ein homogenes Bild von Polen und seinen Bewohnern aufgezwungen zu bekommen. Dass das polnische Theater immer schon politisch war, ist nichts neues, wie Theaterkritiker unterstreichen, so etwa Janusz Majcherek in der Diskussion, die die katholische Zeitschrift „Więź“ unter der Überschrift „Kultur ist kein stilles Wasser“ hat führen lassen. Majcherek beschreibt in seinem Beitrag noch eine andere Spaltung innerhalb des polnischen Theaters: Künstler, die einer neuen (postdramatischen, kritischen) Ästhetik anhängen und solche, die eher konservativ sind. Majcherek meint, zwischen diesen beiden Gruppen gebe es keine Auseinandersetzung oder Diskussion, nur eine Art gegenseitiger Geringschätzung. Bisher sind beide Gruppen aktiv in der Theaterlandschaft in Erscheinung getreten. Es lässt sich behaupten, dass die vorherige polnische Regierung Experimente erlaubte, mehr Freiheit zuließ oder sich zumindest in die Aktivitäten der ersteren Gruppe nicht besonders einmischte. Die heutige Regierung macht keinen Hehl aus ihrer Abneigung dazu und diese Gruppe sieht sich durch den Verlust ihrer Position bedroht.

 

Es gibt zweifellos einen Konflikt zwischen der Welt des Theaters und der Regierung. Das ist nichts Neues, aber bestimmte Entscheidungen der Regierung rufen Beunruhigung und Befürchtungen hervor, künstlerische Freiheit, finanzielle Unterstützung, Stabilität und Vielfalt zu verlieren. Anscheinend reichen anstelle der Zensur, die noch einige Künstler aus volkspolnischen Zeiten in Erinnerung haben, dazu heute die Spielregeln des Kapitalismus. Die Zeit wird erweisen, ob alle diese Befürchtungen berechtigt sind und das daraus zu gewinnende Potential zugunsten der Kunst genutzt werden wird. Dabei kann es helfen zu verstehen, welche Fehler begangen wurden. „Wir Künstler haben heute etwas, an dem wir uns reiben, für das wir kämpfen können. […] Im Theater geht es nicht um die Rechte oder die Linke, nur um gutes Theater,“ sagt Regisseur Wojtek Klemm. Das ist eine hoffnungsvolle Ansage.

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

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Natalia Staszczak-Prüfer

Natalia Staszczak-Prüfer ist Theaterwissenschaftlerin, freiberufliche Journalistin und Übersetzerin.

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