Der 11. November 1918 in Deutschland und Polen – Licht und Schatten für die Zukunft

Ende und Anfang: Auf kaum ein anderes Datum ist diese vielgebrauchte sprachliche Klammer besser anzuwenden als auf den 11. November 1918. Für Polen und für Deutschland bedeutet dieser Tag so viel, er beendete eine Epoche, ließ eine neue beginnen und warf Licht, aber vor allem lange Schatten in die Zukunft.

Was Deutsche und Polen mit diesem Tag gemeinsam verbinden sind Emotionen, große Gefühle, Leidenschaften. Für die meisten Bewohner der polnischen Gebiete waren es Hoffnung und Freude, für eine Mehrheit der Deutschen Trauer und Bedrückung. Am 11. November um fünf Uhr morgens kapitulierte das große, das stolze, das noch so junge Kaiserreich, das eigentlich seit dem 9. November schon eine Republik war, der Kaiser war – eine Randnotiz der Zeitungen – bereits in Holland eingetroffen. Im Wald von Compiègne, in einem Eisenbahnwagen sitzend, bedrückt und übermüdet, unterzeichnete die deutsche Delegation unter Leitung von Staatssekretär Erzberger die

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harten Waffenstillstandsvereinbarungen. Die Berliner Abendzeitungen berichteten der Stimmung entsprechend: „Die Entente hat dem deutschen Volke unerhört grausame Waffenstillstandsbedingungen diktiert. (…) In solchen Bedingungen können wir nicht Vorläufer späterer Versöhnung (…) erblicken, sondern nur den Beweis einer beispiellosen Unmenschlichkeit.“ So schrieb das „Berliner Tageblatt“. Die sozialistische Presse war frohgemuter, der „Vorwärts“ machte gar mit einer Triumphbotschaft auf: „Regierung der vereinigten Sozialdemokraten!“, denn am Tag zuvor hatten sich SPD und USPD auf eine gemeinsame Regierung geeinigt. Auch das SPD-Blatt kommentierte die Waffenstillstandsbedingungen: „Diese Bedingungen sind wahrhaft furchtbar. Nach dem vollständigen Zusammenbruch des alten Systems blieb aber der neuen Regierung nichts anderes übrig, als sie anzunehmen.“ Was später gerne verschwiegen wurde – es war die Reichswehr mit Generalfeldmarschall Hindenburg und Erich Ludendorff an der Spitze, die diese Unterzeichnung abgesegnet hatten, das deutsche Heer war am Ende, ein weiterer Kampf schien selbst für die Schreibtisch-Haudegen vom Generalstab unverantwortlich zu sein. Aufruhr, Hunger, Revolution, Schmach und Niederlage – Ende und Anfang standen unter keinem guten Stern.

 

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Derweil in Warschau: Der Zusammenbruch des Deutschen Reichs, das die Gebiete des alten polnisch-litauischen Reichs fast vollständig besetzt hielt, stellte die polnische Nation vor vollendete Tatsachen, der eigene Staat fiel ihr quasi in den Schoß: Es war kein heroischer Befreiungskampf, kein opferreicher Aufstand, kein glanzvoll erfochtener Sieg, sondern die Niederlage der Teilungsmächte, die nach 123 Jahren Polen als Republik wiederentstehen ließ. „Polska wybuchła“, sagte man oft, „Polen ist ausgebrochen“, so wie ein Vulkan oder der Frühling unvermittelt ausbrechen kann. Das Land war nur halbwegs darauf vorbereitet. Gewiss, es hatte jahrelange Bemühungen gegeben, militärische Strukturen (die „Legionen“) und politische Institutionen zu schaffen, letztere teils mit Unterstützung der Mittelmächte, die Ende 1916 ein papierenes „Königreich Polen“ ausgerufen und einen Regentschaftsrat eingesetzt hatten. Dieser trat nun zurück, und es fügte sich wunderbar, dass die kaiserliche Reichsregierung kurz vor ihrem Sturz weitsichtig angeordnet hatte, den in Magdeburg internierten Józef Piłsudski, den Führer der Legionen, freizulassen und nach Warschau zu expedieren. Er sollte die Machtübernahme durch nationalistisch-antideutsche Kräfte verhindern.

 

In Warschau war Piłsudski – heftig umjubelt – am 10. November eingetroffen, zeitgleich begann die Entwaffnung der deutschen Besatzungssoldaten. Viele von ihnen gaben, angesteckt vom revolutionären Fieber der letzten Wochen, ihre Karabiner nur zu gerne ab, um rasch ins Reich zurückkehren zu können. Für Ordnung sorgte Piłsudski. In einem Aufruf, den die großen Tageszeitungen flugs druckten, forderte er am 11. November seine Landsleute auf, die abziehenden deutschen Soldaten in Ruhe zu lassen – im Osten des Landes war man sogar noch auf sie angewiesen, um einen möglichen sowjetrussischen oder auch ukrainischen Vormarsch aufzuhalten, eine polnische Armee gab es ja erst in Ansätzen. Der „Kurier Warszawski“ zitierte weiter: „Bürger! Ich rufe Euch alle dazu auf, ruhig Blut, Gleichgewicht und Ruhe zu wahren, wie sie in einem Volk herrschen muss, das seiner großen und glänzenden Zukunft sicher ist.“

 

Seit Jahrzehnten wird dieser Tag in Schulbüchern und Massenmedien mit einem Ölgemälde des Schlachtenmalers Stanisław Bagieński illustriert, das in einer dynamischen Szene die Entwaffnung der gedemütigten deutschen Offiziere in Warschau zeigt, aber nicht aus den Tagen des Umbruchs stammt, sondern aus dem Jahr 1939, als eine neue Konfrontation mit Deutschland unausweichlich schien und nationale Gegensätze wieder vehement in die Geschichte zurückgespiegelt wurden. Insgesamt überwog in Polen natürlich die Freude, was auch der „Kurier Warszawski“ in seinem Leitartikel vom 12. November erkennen lässt: „Wir haben etwas erlebt, was schon die Grenzen menschlicher Vorstellungskraft sprengt, wir haben erlebt, dass genau diejenigen Mächte, die Polen zerrissen haben, gedemütigt und selbst zerrissen gestürzt sind, obschon sie in verfeindeten Lagern kämpften. Und das vereinigte Polen steht von den Toten auf!“

 

© Mirosław Gryń

Während die Ereignisse in Warschau jede Menge positive Emotionen freisetzten und die Sorge um die katastrophale Versorgungslage, um die kommunistische Gefahr, um die unklaren Grenzen des entstehenden Staates erst einmal in den Hintergrund gerieten, waren es im Deutschen Reich vielfach Bestürzung und Hoffnungslosigkeit. Das galt natürlich nicht für die Anhänger der Revolution, die sich zwar am 9. November nicht mit ihrer – von Scheidemann ausgerufenen – sozialistischen Republik durchsetzen konnten, die jedoch über Wochen und Monate hin das Geschehen in deutschen Landen mitbestimmten. Der Katzenjammer setzte nur zu bald ein: Ruhrbesetzung, die Abtretung von Elsass und Lothringen, der Ende Dezember ausbrechende Aufstand in Posen, die schwierigen Friedensverhandlungen von Paris, der Rückstrom der demobilisierten Armee in die Städte und Dörfer, Versorgungskrise und Zukunftsängste prägten zunehmend die Stimmung. Aus großstädtischer Perspektive mochte sich dies anders darstellen, hier explodierte geradezu ein in höchstem Maße vielfältiges Kulturleben, eine Unterhaltungsbranche, die die neuen Freiheiten nutzte – übrigens ebenso in Polen, wo die 1920er Jahre einen unglaublichen künstlerischen Höhenflug bedeuteten. Aber die Verlierer des Kriegs, egal ob sie nun Angehörige, Vermögen oder symbolisches Kapital verloren hatten, klammerten sich an die Vergangenheit. Das böse Wort von den „Novemberverbrechern“ machte die Runde, von all jenen „Linken“ und „Demokraten“, die dem tapferen, ungeschlagenen Heer in den Rücken gefallen seien. Und so wurde der 11. November immer stärker zu einem negativen Erinnerungsort der Nation, zu einer nationalen Schmach, für die dereinst Vergeltung zu nehmen sei und die letztlich, so gaukelten es die Nazis vor, mit dem 30. Januar 1933 ausgemerzt zu sein schien.

 

Für Polen behielt der 11. November lange seine positive symbolische Kraft, trotz aller Mühen der jungen parlamentarischen Demokratie und trotz deren Zerstörung durch keinen anderen als Józef Piłsudski, der im Mai 1926 putschte. Zunächst als militärischer Gedenktag begannen, wurde er 1937 zum gesetzlichen Nationalfeiertag bestimmt. In kommunistischer Zeit trat die Bedeutung dieses Tags hinter den „kommunistischen“ Feiertagen zurück, doch seit den 1980er Jahren wurde seiner auch vom Staat immer feierlicher gedacht, bis das letzte volkspolnische Parlament Anfang 1989 den 11. November wieder zum Nationalfeiertag erhob. Militärparaden, gemeinsames Absingen patriotischer Lieder, in den letzten Jahren aber auch zunehmend nationalistisch bis neofaschistische Aufmärsche und antifaschistische Gegendemonstrationen bestimmen das Bild dieses Tages. Er vereint darin die verschiedenen politischen Lager, war es doch der einstige Sozialist und bekennender Anti-Nationalist Piłsudski. der den modernen polnischen Nationalstaat schuf, einen Staat, auf den sich die Politik bis heute beruft: Gerade die Anhänger der „Vierten Republik“ von 2005 bis 2007 oder auch des „guten Wandels“ seit 2015 versuchen vielfach anzuknüpfen an das Erbe der Zwischenkriegszeit, um sowohl die Volksrepublik Polen als auch die liberale „Dritte Republik“ ungeschehen zu machen.

 

In Deutschland hingegen bot sich allenfalls der 9. November als Anlass zum Feiern an, doch wurde dieses symbolische Potential nur selten genutzt. Das Schicksal wollte es, dass just an diesem Tag im Jahre 1923 Hitler in München zu putschen versuchte, im Jahre 1938 die inszenierten NS-Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung im Reich stattfanden und im Jahre 1989 die Berliner Mauer fiel: Weder die Revolution von 1918 noch jene von 1989 waren jedoch in der Lage, das tragische Geschehen von 1938 ungeschehen zu machen, sodass der 9. November heute als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus begangen wird, während der deutschen Einheit am 3. Oktober gedacht wird. Der Erste Weltkrieg spielt in der Erinnerungskultur der Deutschen nur noch eine untergeordnete Rolle und die Weimarer Republik, die im November 1918 ihren Anfang nahm, gilt allenfalls als mahnendes Zeichen: So wie damals dürfe es nie mehr kommen.

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Peter Oliver Loew

Dr. Peter Oliver Loew ist Historiker, Direktor des Deutschen Polen-Instituts.

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