Gute und schlechte Integration – „Wir Strebermigranten“ und „Betrojerinki“ im Vergleich

Gute und schlechte Integration – über die soziale Eingliederung der Polen in Deutschland in „Wir Strebermigranten“ von Emilia Smechowski und „Betrojerinki“ von Anna Wiatr

© istock/Kevin Smart

 

In diesem Jahr sind zwei sehr wichtige Bücher zu den Polen in Deutschland erschienen. „Wir Strebermigranten“ von Emilia Smechowski und „Betrojerinki“ (Die Altenbetreuerinnen) von Anna Wiatr befassen sich mit einigen Aspekten des Lebens von Polen auf der anderen Seite der Oder. In Deutschland leben schätzungsweise zwei Millionen polnische Staatsangehörige oder Menschen polnischer Abstammung; es ist also keine ganz marginale Gruppe, die sich weder über einen Kamm scheren lässt noch als homogene Gruppe gesehen werden sollte.

 

Beide Bücher sind Reportagen. Beide zeigen, wie stereotypische Denkweisen über die Polen in Deutschland an den Tatsachen vorbeigehen, und beide versuchen anhand der persönlichen Erfahrungen der Autorinnen, die Frage zu beantworten: Wie steht es in Wahrheit um die Integration der Polen in Deutschland, und gibt es so etwas wie eine gute und eine schlechte Integration?

 

Seit Januar 2017 strahlt der Fernsehsender RTL die Sitcom „Magda macht das schon“ aus. Die Heldin ist eine attraktive Polin, gespielt von Verena Altenberger, die sich um eine alte, kränkliche Deutsche und ihre Familie kümmert. Die Serie bedient sich aller nur erdenklichen Stereotype über polnische Altenbetreuerinnen und zeigt, welches Bild der Polen heute in der deutschen Gesellschaft gepflegt wird. Die Polin ist in dieser Fernsehproduktion ein Synonym für Findigkeit, Frömmigkeit, Kitsch, Sexappeal, Fleiß, Selbstaufopferung für andere, Gehorsam und Bescheidenheit. Dazu noch dieser schwere osteuropäische Akzent. Es ist lachhaft bis zur Schmerzgrenze.

 

In derselben Zeit, in der die Folgen der zweiten Serienstaffel gedreht wurden (die Produktion wurde übrigens als beste Comedyserie für den Deutschen Comedypreis 2017 nominiert), schrieb die polnische Soziologin Anna Wiatr ihr Buch über die Situation der in Deutschland arbeitenden Betreuerinnen aus Polen. Ihre Beobachtungen, gestützt auf eigene Empirie ‒ sie hatte selbst zweimal als Betreuerin gearbeitet ‒ sowie auf Gespräche mit anderen Polinnen in derselben beruflichen Situation, sind allerdings weniger unterhaltsam und optimistisch als die deutsche Fernsehserie. Ihr Buch „Betrojerinki. Reportagen über die Arbeit als Altenbetreuerin und die Hoffnung(slosigkeit)“ ist im polnischen Verlag Krytyka Polityczna erschienen, und wie die Autorin selbst anmerkt, geht es um ein deutsch-polnisches Thema, wäre also wert, ins Deutsche übersetzt zu werden. Das Thema geht uns alle an, denn jeder wird einmal alt sein und hat den Wunsch, würdevoll aus dieser Welt zu scheiden, aber die Autorin betont in ihren Überlegungen die Unterschiede innerhalb der Gruppe der Altenbetreuerinnen und –betreuer, und sie beschreibt die Unterschiede im System zwischen Polen und Deutschland. Die Rede ist von 200.000 bis 500.000 Personen, die für ein preiswertes Ticket in der Regel mehr als zehn Stunden mit dem Autobus fahren, um in drei Monaten soviel zu verdienen, wie sie in Polen nicht in einem halben Jahr oder länger verdienen könnten, woraufhin sie für ein Vierteljahr nach Polen zurückkehren. Ihre Arbeit ist schwer, oft undankbar und physisch wie psychisch belastend. Die Arbeit, die häufig rund um die Uhr geht, ist kaum hoch genug einzuschätzen; sie ist schwer zu charakterisieren, denn alles hängt vom Gesundheitszustand, der psychischen Situation und dem Charakter des zu betreuenden Menschen ab; sie ist ganz unterschiedlich, denn die Betreuerin übernimmt in jedem Haus jeweils verschiedene Aufgaben und Pflichten. Im Gespräch mit mir hebt Anna Wiatr hervor: „Vergessen wird nicht, dass die polnischen Betreuerinnen nicht in Deutschland angemeldet sind, ihre Anwesenheit dort wird also von keiner Statistik erfasst. Es sind ganz verschiedene Menschen mit den verschiedensten Berufs‑ und Lebenserfahrungen, die sich in solchen Situationen auf unterschiedliche Art zurechtfinden. Darunter sind auch Männer. Die Betreuerinnen lassen sich nicht nach einem einfachen Muster beschreiben, aber man kann sagen, es sind sehr oft Frauen über fünfzig, die ihrem Leben eine Wendung zum Besseren geben wollen.“

 

Anna Wiatr: “Betrojerinki. Reportaże o pracy opiekuńczej i (bez)nadziei” (wydawnictwo krtytyka polityczna)

Es kommt hinzu, dass die Betreuerinnen im Allgemeinen nicht besonders gut deutsch sprechen, was dazu führt, dass sie sich isoliert und besonders einsam fühlen, sich nicht integrieren, weil sie nicht wissen, wann und wie sie das tun können. Die fehlende Kommunikation  mit ihren Patienten gleichen sie aus, indem sie Sonderwünsche der deutschen Familie erfüllen, etwa den Garten pflegen, die Fenster putzen oder den Dachboden aufräumen, was alles eigentlich nicht zu ihren Pflichten zählt. Sie haben unterschiedliche Gründe, sich für diese Arbeit zu entscheiden, meistens geht es aber um das Geld, die Chance auf ein gutes Einkommen, ohne dafür irgendeine besondere Qualifikation besitzen zu müssen. Ihre schwierige Arbeitssituation in Deutschland ist oft ein Ausweg aus noch größeren Problemen in Polen. Anna Wiatr meint dazu: „Die Betreuerinnen beschrieben oft die Lage, in der sie sich befanden, als ‚freiwilliges Gefängnis‘. Paradoxerweise ist diese mit vielen Einschränkungen verbundene Arbeit für sie auch eine gewisse Art von Emanzipation: Sie lassen sich scheiden, kaufen oder renovieren die Wohnung, verlieben sich erneut, beginnen, optimistischer in die Zukunft zu blicken.“ Das ist die „Hoffnung“, von der im Buchtitel die Rede ist. Die „Hoffnungslosigkeit“ rührt aus den Lücken im Rechtssystem, die von den Arbeitsagenturen ausgenutzt werden, die die Betreuerinnen anwerben. Die Frauen müssten sehr viel besser entlohnt, ihre Arbeitszeit verkürzt werden (eine einzige Person kann unmöglich 24 Stunden am Tag arbeiten), und es müssten Beiträge abgeführt werden, um eine vernünftige Rente in Polen oder Deutschland zu sichern. Eine Verbesserung der Situation ist aber nicht in Sicht.

 

Aus einer ganz anderen Perspektive wird die Integration von in Deutschland lebenden Polen von der Journalistin Emilia Smechowski in ihrem in diesem Sommer in Deutschland erschienenen Buch „Wir Strebermigranten“ gezeigt. Die Publikation fand große Resonanz in den Medien, denen es allerdings weniger um die Polen als vielmehr um die Problematik von Migration und Integration in Deutschland generell ging. Die Autorin beschreibt die Geschichte ihrer Familie, die 1988 illegal nach Westberlin einreiste. Ihre Eltern waren der Misere im sozialistischen Polen überdrüssig und beschlossen zu fliehen, um für sich und ihre Kinder ein besseres Leben, eine bessere Zukunft zu finden. Die damals fünfjährige Emilia verließ zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Polen und damit die geliebte Großmutter, die Freunde und natürlich Sprache, Kultur und Gewohnheiten. Emilia vergaß das Polnische praktisch vollständig, die Eltern lernten in kurzer Zeit deutsch, begannen zu arbeiten und zur Wohlstandsgesellschaft aufzuschließen. Der deutsche Staat investierte in sie: Sie erhielten die deutsche Staatsangehörigkeit, finanzielle Beihilfen, bekamen den Sprachkurs bezahlt und eine Unterstützung beim Wohnungskauf. Der Preis dafür war, dass die Eltern Druck auf die Kinder ausübten, so schnell wie möglich echte Deutsche zu werden, den polnischen Akzent und alle Komplexe abzulegen, damit sie sich nahtlos in die deutsche Gesellschaft einfügten.

 

Das Buch soll ins Polnische übersetzt werden, und manchem polnischen Leser wird es womöglich fragwürdig vorkommen, dass darin die Situation polnischer Migranten der 1980er Jahre mit der gegenwärtigen Welle der Flüchtlinge verglichen wird, die aus Afrika nach Deutschland kommen. Die Autorin ist sich dessen bewusst: „Ja, man kann das auch kritisch sehen und nicht genau miteinander vergleichen, aber das hat sich mir immer aufgedrängt. Ich habe das Buch kurz nach dem ,Flüchtlingssommer‘ 2015 angefangen, und ich kenne die Geschichten von Flüchtlingen beruflich als Journalistin. Ich wollte nur zeigen, dass die Tatsache, dass Polen sich so gut integriert haben, nichts damit zu tun hat, dass sie so begabt sind, sondern sie hatten natürlich ganz andere Voraussetzungen.“ Andere Gründe für die schnelle Integration der Polen sind Smechowski zufolge natürlich das Äußere, da sich die Polen eben im Erscheinungsbild nicht so abheben wie etwa die Afrikaner, oder auch die Komplexe, welche die Ankömmlinge aus dem armen und grauen kommunistischen Osten mitbrachten. Heute kommen sehr viel selbstsicherere Polen nach Deutschland. Viele von ihnen kennen sich in der Welt aus, sind sprachkundig, offen und unternehmerisch.

 

Emilia Smechowski: “Wir Strebermigranten” (Hanser Berlin)

Als sie ihr Kind erwartete, begann Smechowski, polnische Sprachkurse zu besuchen, bei denen sie andere Polen kennenlernte, deren Eltern ähnlich wie die ihren sie schnell hatten zu Deutschen machen wollen. Auf die Frage, woher ihr plötzliches Interesse für die polnische Sprache komme, sagt sie: „Wenn ich jetzt mit diesem Kind [d.h. mit ihrer jetzt vierjährigen Tochter] deutsch spreche, dann ist unsere Migrationsgeschichte zuende. […] Irgendwie hat sich das total komisch und falsch angefühlt.“ Heute versucht sie, mit ihrer Tochter auch polnisch zu sprechen.

 

In Deutschland leben schätzungsweise zwei Millionen Polen. Das ist eine heterogene und noch ganz unbekannte, wissenschaftlich nicht erforschte Gruppe. In „Wir Strebermigranten“ heißt es: „Es gibt kein Volk, das zahlreicher nach Deutschland einwandert, als wir Polen es tun. Seit Jahrzehnten schon. Nur: Als Migranten sieht man uns kaum. Jedenfalls diejenigen nicht, die in den achtziger und neunziger Jahren kamen – und das sind mit Abstand die meisten. Wir sind unsichtbar. Wir sind quasi gar nicht mehr da, so gut gliedern wir uns ein.“ Nach der Lektüre des Buches wissen wir jedoch, dass eine solche Integration nicht unbedingt etwas Positives ist. Ganz ähnlich wie eine ausbleibende Integration, wie sie von Anna Wiatr beschrieben wird.

 

Diese beide Bücher zeigen diametral entgegengesetzte Spielarten von Integration anhand von persönlichen Erfahrungen; sie sind im Stil von Reportagen mit autobiographischen Anteilen gehalten. Einerseits geht es um Polen in Deutschland, deren Kinder die polnische Sprache verlernt haben, andererseits um Altenbetreuerinnen, die jahrein jahraus zu ihrer „Sklavenarbeit“ fahren und kaum ein Wort deutsch können. Ein weiterer Anknüpfungspunkt beider Bücher ist ihr orginineller Ansatz zu zeigen, wie kapitalistische Systemzwänge individuelle Schicksale beherrschen, gleich ob in Deutschland oder Polen. Die Betreuerinnen wie die Kinder von Wirtschaftsmigranten gleichermaßen sind zum Teil Opfer solcher Zwänge. Eine weitere, in beiden Büchern behandelte wichtige Frage ist die Kenntnis der Sprache des neuen Landes als Schlüssel für eine gelungene Integration. Zu einem Problem wird das erst dann, wenn die Voraussetzung dafür ist, sich der eigenen Muttersprache zu entledigen.

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

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Natalia Staszczak-Prüfer

Natalia Staszczak-Prüfer ist Theaterwissenschaftlerin, freiberufliche Journalistin und Übersetzerin.

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