„Unkraut“?

Zum 70. Jahrestag von „Operation Weichsel“

 

2015 besuchte ich in der Zachęta, der Nationalen Kunstgalerie für zeitgenössische Kunst in Warschau, eine Ausstellung von Karolina Grzywanowicz; die Künstlerin zeigte eine Wiese aus den Bieszczady, um damit die Geschichte der Dörfer und Städtchen im mittleren Süden und Südosten von Polen zu erzählen. Diese lagen in dem Gebiet, aus dem die Ukrainer ausgesiedelt wurden, insbesondere bei den Zwangsaussiedlungen in die UdSSR 1944‒1946 und im Rahmen der „Operation Weichsel“ von 1947. Die Künstlerin nannte ihre Ausstellung „Chwasty“ (Unkraut). Ich hatte selbst früher einmal nach einem so treffend Ausdruck für die Einstellung eines Großteils der Polen zu ihren Mitbürgern ukrainischer Nationalität und deren schmerzvoller Geschichte in Polen gesucht.

 

Die Operation Weichsel (akcja „Wisła“) war eine ethnische Säuberung, welche die kommunistische Regierung Volkspolens gegen etwa 140.000 Ukrainer, darunter die Volksgruppe der Lemken, durchführte. Diese waren polnische Staatsangehörige und altansässige Einwohner des polnisch-ukrainischen Grenzgebiets in den Bieszczady (den Ostbeskiden), im Lemkenland, im Gebiet von Chełm, längs des Flusses San, im Roztocze-Mittelgebirge und im südlichen Podlachien. Auf sie wurde damals das Prinzip der kollektiven Verantwortung angewandt, und zwar wegen ihrer angeblich geschlossenen Unterstützung für die ukrainischen Partisanen in der sogenannten Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA). Tatsächlich jedoch verfolgten die Kommunisten das Ziel, die „ukrainische Frage in Polen endgültig zu lösen“, d.h. die Ukrainer vollständig zu polonisieren, ihre sozialen und örtlichen Bindungen, ihr kulturelles Erbe und ihre nationalen und konfessionellen Besonderheiten zu zerstören. Im Ergebnis wurde die ukrainische kulturelle Prägung der großen polnisch-ukrainischen Grenzregion vollständig ausgelöscht. In den siebziger Jahren wurden Anstrengungen unternommen, die historischen Dorfnamen der Region zu ändern, damit diese mit ihrer wenig polnisch klingenden Lautung nicht mehr an die ukrainische Vergangenheit erinnerten.

Schauen wir uns einmal die Stimmung an, in der der 70. Jahrestag der Operation Weichsel in Polen stattfand. Von Seiten der Regierung gab es erstmals seit 1989 eine Absage, den ukrainischen Organisationen in Polen einen Zuschuss zur Begehung des Jahrestages zu gewähren. Gleichfalls zum ersten Mal seit 1989 wurde der Jahrestag der Deportation polnischer Staatsangehöriger von Behörden, Regierung, Ministerpräsident und Präsident ignoriert. Auf die Anfrage der Opposition im Sejm, wieso die Regierung die Bezuschussung des Jahrestagsgedenkens ablehne, hatte kurz zuvor Mariusz Błaszczak, Minister für Inneres und Verwaltung, erklärt, die Regierung stelle keine Mittel zur Verfügung, weil vor der Operation Weichsel in Wolhynien gegen die Polen gerichtete Säuberungen und Verbrechen stattgefunden hätten. Anders ausgedrückt: Polnische Bürger ukrainischer Nationalität wurden von der Regierung zu Geiseln der Geschichte genommen und erhielten daher keine Zuschüsse für das Gedenken an eine gegen polnische Staatsangehörige gerichtete Deportationsmaßnahme, hinter der der polnische Staat stand, auch wenn er damals kommunistisch war. In diesem Gedenkjahr dominierten im öffentlichen Diskurs eher wenig erkenntnisfördernde Erwägungen zu den Ursachen für Operation Weichsel. Und das, obwohl sich die historische Forschung in Polen längst darüber einig ist. Stattdessen wurde die Behauptung aufgebracht, Operation Weichsel sei ein Akt der historischen Gerechtigkeit gewesen und der die Deportationen verurteilenden Senatsbeschluss von 1990 sei aufzuheben. Kurzum, in der Öffentlichkeit machte sich eine Argumentation breit, wie wir sie bereits aus volkspolnischen Zeiten kennen.

 

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, fehlte es meiner Meinung nach an Reflexion darüber, welche zum Teil bis heute nachwirkenden Folgen die Deportationen für die ukrainische Bevölkerung in Polen hatten. Offenbar macht sich trotz der großen Veränderungen seit 1989 nur eine verschwindende Anzahl von Polen klar, in welches Unglück die Ukrainer damals gestürzt wurden und fühlt mit ihnen mit. Eine noch geringere Anzahl versteht, dass es sich um einen gemeinsamen, schmerzlichen polnisch-ukrainischen Jahrestag handelt, den wir auch gemeinsam begehen sollten, weil es auch um ein schmerzhaftes Kapitel der polnischen Geschichte geht. Obwohl also der Entschluss zu Operation Weichsel von der kommunistischen Führung getroffen wurde, waren doch vielleicht wegen ihres Mangels an Empathie viele Polen damit einverstanden und unterstützten über Jahrzehnte die volkspolnische Politik der pauschalen Brandmarkung der Ukrainer.

 

Die 1947 deportierte ukrainische Bevölkerung bildete keine Diaspora in Polen, sondern war in den Gebieten seit jeher ansässig, unabhängig vom jeweiligen Verlauf der Grenzen. Dies bedeutet, dass sich Operation Weichsel gegen polnische Staatsangehörigen richtete, also unsere Mitbürger! Übrigens waren bereits vor dem Zweiten Weltkrieg einige polnische Politiker und Nationalaktivisten auf die Idee verfallen, die ukrainische Bevölkerung umzusiedeln. 1938 plante die Verwaltung gemeinsam mit dem Militär in der sogenannten „Aktion zur Stärkung des Polentums im Osten“, nationalbewusste Ukrainer aus dem Gebiet von Lublin auszusiedeln, führende Köpfe der lokalen Gesellschaft und Geistliche. Der Historiker Mariusz Zajączkowski bezeichnet solche Aktionen, also die Entfernung der sozialen Eliten, als Ethnozid. Noch weniger gern erinnern wir uns daran, dass diese Aktion geplant war, nachdem bereits ukrainische Dörfer „pazifiziert“ und ukrainische Kirchen zerstört worden waren. Für die Rettung der Kirchenruinen verurteilten die Behörden der Zweiten Republik Ukrainer zu hohen Haftstrafen; es fielen auch Todesurteile, deren Vollstreckung nur durch den Kriegsausbruch verhindert wurde.

 

Die Ukrainer in Polen waren 1947 überwiegend Landbewohner und besaßen ein starkes Gefühl der nationalen Eigenständigkeit. Diese war durch die Politik der Zweiten Republik nur noch bestärkt worden, eine Politik der freiwilligen, aber manchmal auch zwangsweisen Assimilation durch wirtschaftlichen oder administrativen Druck und durch Repressionen. Die Lage der ukrainischen Bevölkerung nach 1944, also die Zwangsdeportationen in die UdSSR, bestärkte dieses Absonderungsgefühl noch mehr. Durch Aussiedlung, Terror und Einschüchterung machte Operation „Weichsel“ die Fortführung ukrainischer Traditionen praktisch unmöglich, ebenso durch die Aufhebung der ukrainischen (der orthodoxen wie der griechisch-unierten) Kirche als unabhängiger Institution, die für geistiges Leben und Identität der Ukrainer eminent wichtig war; sie verursachte damit eine nicht wiedergutzumachende Zerstörung des ukrainischen Erbes im Grenzgebiet. Dies war ein Erbe vieler Jahrhunderte ukrainischen materiellen und kulturellen Ansässigkeit in diesen Gebieten.

Die Zerstreuung durch Operation Weichsel riss die Menschen aus ihren lokalen Gemeinschaften und beraubte sie der Möglichkeit, ihre individuelle und nationale Identität weiter zu pflegen. Dies galt umso mehr, als die meisten Ukrainer gezielt in der Nachbarschaft von Polen neu angesiedelt wurden, die aus den Ostgebieten der Zweiten Republik ausgesiedelt worden waren, die also allem Ukrainischen gegenüber feindselig eingestellt waren. Wie bereits in der Zweiten Republik wurden auch in Volkspolen die Ukrainer als Bürger zweiter Klasse angesehen. Die unter Volldampf laufende antiukrainische Propagandamaschine sorgte dafür, dass damals ein stillschweigendes Einverständnis in der Gesellschaft darüber bestand, Rechte und Würde der Ukrainer mit Füßen treten zu dürfen. Diese Haltung der polnischen Nachbarn belastete offenbar die Ukrainer noch schwerer als Politik und Propaganda der kommunistischen Regierung. Es ist keine Übertreibung, dass die menschliche Würde der Ukrainer in volkspolnischer Zeit mit Füßen getreten wurde. Dazu merkt ein Pole, Professor Tadeusz Sucharski, in seinen Erinnerungen an: „[…] in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als ich in einer kleinen Stadt in der Wojewodschaft Olsztyn [Allenstein] wohnte [wo sich auch umgesiedelte ukrainische Familien befanden, I. Ch.], war ‚Ukrainer‘ die Beleidigung, zu der man griff, wenn alle Pejorative bereits erschöpft waren. […] Von meinen ersten Schuljahren an wurden mir Verachtung und Abneigung gegen die Ukrainer beigebracht. Überall. Selbst im Religionsunterricht wurde ich eingeweiht, wie ‚böse‘ doch alles Ukrainische sei […]. Denn das ‚Böse‘ war das Anderssein, und wer nicht mit uns denselben Religionsunterricht besuchte, war per definitionem ‚böse‘.“

 

Fügen wir diesem unvollständigen Bild die Tatsache hinzu, dass die Ukrainer in den Stalinjahren wie in der gesamten volkspolnischen Zeit ständig unter Aufsicht des Amts für Sicherheit, dann des Sicherheitsdienstes [beides Organe der politischen Polizei, A.d.Ü.] und der Bürgermiliz [MO, Polizei in Volkspolen, A.d.Ü.] standen. Es reichte zu hören, dass sie sich ukrainisch unterhielten, ukrainische Lieder sangen, ukrainische Feiertage begingen, schon fiel der Vorwurf, „ukrainischen Nationalismus“ zu pflegen. Auf die nach Operation Weichsel aufgelassenen Höfe zogen Polen. Wohl mit dem Gefühl, auch wenn ich mir das nur denke und nicht wirklich wissen kann, in fremdes Eigentum zu ziehen, das oft den Nachbarn von früher gehört hatte. Die ukrainischen Kirchen, Friedhöfe und Kapellen am Wegrand wurden von den polnischen Neusiedlern verwüstet und zerstört; in manchen Orten geschieht das noch heute. Es kam vor, dass die katholische Kirche bei der Übernahme der verlassenen orthodoxen oder griechisch-unierten Kirchen die Ikonostasen zerstörte. Als nach 1956 nach einem Jahrzehnt des strengen Verbots den Griechisch-Katholischen erlaubt wurde, wieder Gottesdienste abzuhalten, kam es vor, dass die polnischen Nachbarn sie nicht zur Kirche durchließen oder den Gottesdienst störten; dabei schreckten sie auch vor Denunziationen beim Sicherheitsdienst nicht zurück.

 

So war 1989 auch für die Ukrainer in Polen in vieler Hinsicht ein Umbruchsjahr. Die Verbote und Hindernisse, die der Entwicklung ihrer Gesellschaft, Kultur und ihres Glaubenslebens im Wege standen, wurden aufgehoben. Trotz ihrer traumatischen Geschichte gingen die Ukrainer und ihre Organisation, der Bund der Ukrainer in Polen, mit Entschlossenheit daran, aktiv am Aufbau der polnischen Demokratie und des polnisch-ukrainischen Dialogs teilzunehmen. Noch in der Zeit der „Solidarność“ schlossen sich viele Ukrainer in Polen der Bewegung an und beteiligten sich anschließend aktiv an der Arbeit der Bürgerkomitees und der Vorbereitung der ersten freien Wahlen in Polen. Der Senat verurteilte 1990 die Operation Weichsel und kündigte an, das bei ihrer Durchführung begangene Unrecht wiedergutzumachen. Doch im Verlauf von fast dreißig Jahren des unabhängigen Polens gelang es keiner Initiative von Politikern wie Jacek Kuroń und anderen, einen ähnlichen Beschluss auch im Sejm durchzusetzen. Die Kuppel der griechisch-katholischen Kathedrale in Przemyśl, die ein einzigartiges Baudenkmal ist, wurde beinahe vor unseren Augen Mitte der neunziger Jahre zerstört; in derselben Zeit weigerten sich die Polen in Przemyśl, trotz einer einschlägigen Entscheidung von Papst Johannes Paul II., die Kathedrale an die Ukrainer zurückzugeben. Und an diesem runden Jahrestag von Operation Weichsel feierte man in einem ukrainischen Dorf in den Beskiden, das im 16. Jahrhundert entstand, den 70. Jahrestag… der „Ansiedlung“ der Polen. Die heutigen Einwohner des Gebiets und deren Behörden wollen nicht mehr an diese Geschichte erinnert werden, so als hätte sie nie stattgefunden.

 

Zwar gab es seitens der polnischen Präsidenten Aleksander Kwaśniewski, Lech Kaczyński und Bronisław Komorowski viele symbolische Gesten in dieser Richtung, doch führte das offenbar nicht zu einer Veränderung in der Einstellung der Polen zu den Ukrainern. Weder in volkspolnischer Zeit noch nach 1989 waren die Polen in der Lage, für die ukrainische Minderheit geeignete Voraussetzungen zur Teilnahme an einer öffentlichen Diskussion zu schaffen, um das Trauma durcharbeiten zu können, das den Namen Operation Weichsel trägt. Dabei ist dies eine unerlässliche Voraussetzung für ein normales und gesundes Leben der ukrainischen Gemeinschaft. Jahrzehntelang, sowohl in der Zweiten Republik als auch in Volkspolen, erhielt sie nicht das Gefühl, bei sich zuhause integraler Bestandteil der Gesellschaft zu sein, stolz auf ihre Nationalität sein zu können und das Recht zu haben, Leiden und Traumatisierung zu verspüren. Wir, die Polen, haben keine Anstrengung unternommen, gemeinsam mit den Ukrainern einen symbolischen Sinn für das Trauma zu finden. Wenn ich mir die Situation im Polen der Jahre 2016/17 so anschaue, glaube ich nicht, dass wir das in den nächsten Jahren schaffen werden, wenn wir es schon seit 1989 nicht geschafft haben. Also in einer Zeit, die dafür die richtige war und als noch Menschen da waren, die das wenigstens versuchten, wie Jacek Kuroń und Jerzy Giedroyc, die nicht mehr unter uns sind.

 

Es ist schwerlich abzustreiten, dass die Geschichte weiterhin auf der ukrainischen Bevölkerung in Polen lastet und somit auf ihren Lebensumständen, denn kein anderer Faktor als ihre Umsiedlung und Zerstreuung im Zuge der Operation Weichsel spielt für diese eine so große Rolle. Dieser Faktor bestimmt nach wie vor die Entwicklungsmöglichkeiten der Ukrainer und deren besondere, gemeinschaftsbedrohende Bedingungen. Die Lage der Ukrainer in der Umgebung von Przemyśl, Gorlice [Görlitz] und Włodawa wird weiterhin durch die lokalen Verhältnisse bestimmt, die unmittelbar auf die späten 1940er Jahre zurückzuführen sind. Sie leben dort als kleine Minderheit und stoßen bei der polnischen Bevölkerungsmehrheit auf Unverständnis. Ukrainer und Polen sind auch deswegen nicht frei von ihren historischen Lasten, weil viele in Polen, darunter Politiker und Abgeordnete, ihnen ein bestimmtes Geschichtsbild oktroyieren und aus der ukrainischen Minderheit Geiseln der polnisch-ukrainischen Beziehungen des 20. Jahrhunderts machen. Dies Haltung der Polen, ihre negativen Stereotype und Vorurteile, die sie auf ihre ukrainischen Mitbürger projizieren, nehmen verschiedene Formen an; dazu gehören Wandschmierereien, die Zerstörung von Kulturdenkmälern, hochsymbolisch immer noch die Zerstörung der Kuppel der vormaligen griechisch-katholischen Kathedrale von Przemyśl in den neunziger Jahren, die Schändung von Friedhöfen, Kapellen und sogar Kreuzen, die Zerstörung von ukrainischen Erinnerungsstätten und Gedenktafeln. Wie schon immer lässt sich verstärkt in letzter Zeit feststellen: Sobald abweichende Deutungen der Geschichte angeboten werden, erfolgen Aufrufe zu Mahnwachen, machen manche ganz offen, andere in verschleierter Form den Ukrainern den Vorwurf des „ukrainischen Nationalismus“ oder „antipolnische Tätigkeit“.

 

Was ist also für uns, die Polen, die ukrainische Minderheit in Polen? Das titelgebende „Unkraut“, das dem polnischen Patriotismus zuwiderläuft? Oder unsere Mitbürger? Ihre Geschichte ist auch ein Teil unserer, der polnischen Geschichte. Oder wollen wir uns lieber von dieser abwenden?

 

Die Antwort auf diese Fragen zeigt auch unsere eigene Verfassung, diejenige von Bürgern der Republik Polen polnischer Nationalität.

 

Eine die hier vorgestellten Thesen weiterentwickelnde Fassung des Textes erschien in der Dezember-Ausgabe (Nr. 145/146) des „Przegląd Polityczny“.

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

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Iza Chruślińska

Iza Chruślińska – Publizistin, Aktivistin für die Ukraine und die ukrainische Minderheit in Polen, zuletzt erschien von ihr: „Ukraiński palimpsest. Rozmowy z Oksaną Zabużko“ (Ukrainischer Palimpsest. Gespräche mit Oksana Zabužko, 2013).

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