Post-Versöhnung. Deutsch-französische Beziehungen heute und morgen

Am 22. Januar 2018 jährt sich die Unterzeichnung des so genannten Élysée-Vertrags zwischen Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland zum 55. Mal. Wollte man die Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen seit 1945 in wenigen Sätzen prägnant zusammenfassen, dann würde man zweifellos auf die wichtigsten Etappen des Versöhnungsprozesses zwischen beiden Ländern zurückgreifen, um auf diese Weise im Sinne einer Erfolgsgeschichte an den langen Weg von Feindschaft zur Freundschaft zu erinnern. Das entsprechende Narrativ gehört inzwischen zum historiografischen Kanon und besitzt beinahe uneingeschränkte Deutungshoheit in Bezug auf die gesamte Beziehungsgeschichte zwischen Deutschen und Franzosen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Wie jede Erzählung besitzt auch diese ihre Höhepunkte, ja ihre Sternstunden (wie die Ereignisse rund um den 22. Januar 1963) sowie ihre Helden, die selbst in unserem ach so postheroischen Zeitalter weiter Bestand haben und sich noch großer Legitimität erfreuen können. Die deutsch-französische Schicksalsgemeinschaft der Nachkriegszeit hatte viele Väter, von denen man im Nachhinein besonders die jeweils markanten Zweierteams hervorhebt, die entscheidend zum geflügelten Wort des deutsch-französischen Tandems beigetragen haben – beispielsweise Konrad Adenauer/Charles de Gaulle oder Helmut Kohl/François Mitterrand. Übrigens scheint der offizielle Teil der Versöhnung weitgehend Männersache gewesen zu sein, treten doch im Rückblick auf die Annäherung zwischen beiden Ländern kaum Frauen auf; Simone Veil ist die wortwörtliche Ausnahme, die die Regel bestätigt. Dass ja schließlich auch Krieg eher von Männern ausgelöst und geführt wird, erscheint in dem Zusammenhang dennoch wenig überzeugend: Eine umfassende Geschichte des Beitrags führender oder weniger bekannter Frauengestalten und -gruppen zur Versöhnung steht noch aus.

 

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Nun geht es aber nicht darum, eine solche Meistererzählung etwa als gebetsmühlenartig wiederholte zwischenstaatliche Glaubenserklärung herabzuwürdigen und ihr jeglichen tieferen Sinn abzusprechen. Dies geschieht in letzter Zeit im national-konservativen Lager in Polen in Bezug auf ähnliche deutsch-polnische Versöhnungsdiskurse, indem bislang unumstrittene Meilensteile und Erinnerungsorte dieses langwierigen bilateralen Prozesses nahezu bilderstürmerisch delegitimiert werden – unlängst zum Beispiel die Versöhnungsmesse vom November 1989 in Kreisau/Krzyżowa unter Teilnahme von Helmut Kohl und Tadeusz Mazowiecki. Eine derlei skeptisch-argwöhnische Herangehensweise verkennt im Grunde genommen die Tatsache, dass die langfristig wirksamen Versöhnungsnarrative in Europa den jeweiligen Akteuren einst nicht aufgezwungen wurden, sondern sich vielmehr aus dieser besonderen Mischung von gesellschaftlichem Bedürfnis, politischer Initiative, kollektiver emotionaler Verfassung und Gunst der Stunde heraus zu kristallisieren vermochten. Mit anderen Worten und zurück zum deutsch-französischen Fall: Es  wäre sinnlos, die ursprüngliche Authentizität des besagten Prozesses und seines Verlaufes zu bestreiten. Zwangsverordnete Versöhnung ist eine Aporie, die sich nur Diktaturen leisten und die weitgehend abseits oder gar unter Ausschluss der betreffenden Gesellschaften verfolgt werden kann.

 

Und dennoch kommt nach mehreren Generationen immer häufiger die Frage auf: Worin mündet Versöhnung? Was steht am Ende des Prozesses bzw. was kommt danach? In seiner Streitschrift Zur Genealogie der Moral behauptet Friedrich Nietzsche, was nicht aufhöre wehzutun, bleibe im Gedächtnis; das sei das Gesetz der ältesten kulturellen Mnemotechnik. Damit weist der Philosoph auf einen sehr wichtigen Aspekt hin, der gerade in Versöhnungsprozessen zentral ist, nämlich die enge Verbindung zwischen Erinnerung und Emotionen, Gedächtnis und Gefühlen. Als Bereinigungsprozess in den Beziehungen zwischen zwei Staaten bzw. Gesellschaften wirkt sich Versöhnung rückblickend auf einen konfliktreichen Abschnitt ihrer gemeinsamen Vergangenheit sozusagen kollektiv schmerzlindernd aus. Deshalb ist sie von Anfang an darauf ausgerichtet, langsam dazu beizutragen, in einem gewissen Grad Vergessen zu ermöglichen oder besser gesagt: eine Überlagerung einstiger negativer Erlebnisse durch positivere Inhalte und Erfahrungswerte im Umgang mit dem Anderen zu fördern. Es handelt sich dabei eher nicht um eine lineare Entwicklung; Versöhnung erfolgt meistens in Schleifen, die je nach Lage ebenso Fortschritt, Stillstand oder Rücklauf ermöglichen. So entstehen Beschleunigungs- und Verlangsamungseffekte, wie sie auch im deutsch-französischen Verhältnis zu beobachten waren. Manches brauchte seine Zeit, um sozusagen versöhnungsreif zu werden wie etwa das gemeinsame Gedenken an die gesamte Vernichtung des französischen Dorfes Oradour-sur-Glane durch die Waffen-SS im Juni 1944: Bundespräsident Joachim Gauck war 2013 der erste deutsche Staatsvertreter, der vor Ort an den Gedenkfeiern teilnehmen durfte und wollte.

 

Als Prozess erreicht Versöhnung jedoch schließlich einen Punkt, wo sie sich erschöpft. Dies erfolgt hauptsächlich aus drei Gründen: Erstens ist das Phänomen generationsbedingt, denn der Faktor Zeit spielt letztendlich gegen die Fortführung des Prozesses, da sich die Zahl der direkten Hauptdarsteller (aus der Generation der Zeitzeugen) aus biologischen Gründen immer mehr verringert und sich die Authentizität von Versöhnungsgesten in der zweiten, dritten und jeder weiteren Generation abschwächt. Zweitens mangelt es mit der Zeit an relevanten Versöhnungsthemen bzw. -bereichen, wenn langsam aber sicher die letzten Mythen delegitimiert und Tabus gebrochen worden sind. Im deutsch-französischen Prozess war das in den vergangenen zehn Jahren etwa das Thema der Kinder deutscher Besatzungssoldaten und französischer Frauen im Zweiten Weltkrieg. Drittens nimmt die Diskrepanz zwischen Vergangenheit und Gegenwart im bilateralen Umgang immer mehr zu: Das Deutschlandbild der einen, das Frankreichbild der anderen sind nun weit entfernt von den damaligen Feindbildern aus der Kriegszeit; auch der internationale Kontext ist ein ganz anderer, sodass sich die Agenda zugunsten anderer Aufarbeitungsaufgaben füllt und der Fokus auf brennendere bilaterale Verhältnisse gerichtet wird (für Frankreich etwa aus der kolonialen und postkolonialen Zeit).

 

Was bleibt also nach der Historisierung der Versöhnung? Auf jeden Fall Werte – Vertrauen, Dialogbereitschaft und europäisches Engagement –, die Franzosen und Deutsche im Umgang miteinander als verbindlich betrachten; bestimmt auch ein gewisses Knowhow, das je nach Situation in anderen schwierigen internationalen Annäherungsprozessen angewandt werden kann; und last but not least ein moralischer Anker für Zeiten des Zweifels. Der Erfolg der deutsch-französischen Versöhnung hat natürlich auch ungewollte Nebenwirkungen. Die Normalität zwischen miteinander versöhnten Partnern mündet nolens volens in eine gewisse Banalität, die politisch gehandhabt werden will. Die von Peter Sloterdijk in dem Zusammenhang schon vor zehn Jahren immerhin recht provokativ als positiv eingestufte „Entfaszinierung“ zwischen beiden Ländern muss nicht zur Gleichgültigkeit führen. Freundschaftliches Desinteresse kann nicht als Ziel fungieren. Der nächste Schritt in der Ära der Post-Versöhnung lautet nicht Entflechtung, sondern vielmehr deutsch-französisches Zusammenwachsen: nicht mehr als Pflicht aus der Vergangenheit, sondern als tragendes Projekt für die Zukunft Europas.

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Pierre-Frédéric Weber

Dr. habil. Pierre-Frédéric Weber ist Historiker und Politikwissenschaftler und lehrt als Dozent an der Universität zu Szczecin (Polen). In seinem jüngsten Buch befasst er sich mit dem Phänomen der Angst vor Deutschland in Europa seit 1945 ("Timor Teutonorum", Schöningh, Paderborn 2015).

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