Land ohne Gegenwart

Wenn sich in die Beziehungen zwischen Menschen oder Ländern Unfriede einschleicht, ist die Frage, was wir übereinander wissen, nicht länger ein Spiel in geselliger Runde. Das gilt umso mehr für zwei Nachbarnationen, deren schwierige Beziehungsgeschichte leicht für Zwecke der Tagespolitik instrumentalisiert werden kann. Zu wissen, was für Leute auf der anderen Seite der Grenze leben, kann uns vor politischer Manipulation schützen.

 

Das Problem ist nur, wir verfügen über kein Mittel zu überprüfen, wie gut wir die anderen wirklich kennen. In einem Interview mit dem Wochenmagazin „Der Spiegel“ stellte Michel Houellebecq vor einigen Wochen fest, in Frankreich spreche man mehr über Deutschland als über alle anderen europäischen Länder zusammengenommen, aber trotzdem würden die Deutschen Frankreich besser kennen, weil sie häufiger in das Land reisen als die Franzosen nach Deutschland. Wenden wir dasselbe Kriterium auf die deutsch-polnischen Kontakte an, gelangen wir zu sehr weitreichenden Schlussfolgerungen.

 

Gingen wir für die Kenntnis Deutschlands von der Häufigkeit der Besuche und Aufenthalte aus, müssten die Polen die weltweit führenden Experten auf diesem Gebiet sein. Doch die Umstandslosigkeit, mit der in Polen Deutschland beispielsweise benutzt wird, um ein Zerrbild des Westens zu zeichnen, ein Europa des allgemeinen Verfalls der Werte, welche die Anhänger der Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) zu retten haben, verweist auf etwas ganz anderes. Es scheint so, als sei die Oder für die Polen eine nach wie vor schwer zu überschreitende Grenze. Als erstrecke sich hinter ihr ein kaum erforschtes Gebiet, über das nur Mutmaßungen, von Ängsten durchwaberte Phantasmagorien, hier und da aufgeschnappte Halbwahrheiten geäußert werden. Die so oft gelobten privaten und beruflichen Erfahrungen der Polen mit den Deutschen, die dem bedrohlichen Narrativ von oben entgegengestellt werden, finden anscheinend keinen besonderen Niederschlag in Wissen und Verständnis der Gesellschaft insgesamt.

Als Indikator dafür, dass wir, die Polen, wenig neugierig auf unseren westlichen Nachbarn sind, reicht schon die Literatur. Oder vielmehr der Mangel daran. Denn in Polen, wo die Reportage, die sich schließlich definitionsgemäß der Erschließung der Welt widmet, nahezu ein nationales Literaturgenre ist, gibt es bislang kein Buch, welches das gegenwärtige Deutschland beschreiben würde. Obwohl viele polnische Autoren im westlichen Ausland lebten und noch leben, hat sich keiner von ihnen dieser Herausforderung gestellt. Andrzej Stasiuk hat es versucht, und er hat den Test ehrenwert absolviert: Anstatt über Deutschland zu schreiben, hat er von seinem Dojczland erzählt. Der letzte Bericht aus erster Hand über ein tatsächliches Ereignis, der den Polen die deutsche Befindlichkeit nahebringen sollte, erschien – nicht ohne Folgen für den polnischen Bewusstseinsstand – im Jahr 1934. Antoni Sobański, der Autor des großartigen „Cywil w Berlinie“ (Ein Zivilist in Berlin), verewigte die Deutschen in dem Augenblick, in dem sie massenhaft zu Hitleranhängern wurden.

 

Der Professor für zeitgenössische Literatur Przemysław Czapliński hat das Verhältnis der Literatur zum benachbarten Ausland gründlich erforscht. Sein Buch „Poruszona mapa“ (Die verschobene Landkarte) wurde 2016 als beste polnische geisteswissenschaftliche Neuerscheinung ausgezeichnet. Auf der Grundlage zahlreicher Romane, Tagebücher und Reportagen, die in den letzten dreißig Jahren im Ausland oder über das Ausland geschrieben wurden, gelangte er zu dem Schluss, in den mental maps der Polen habe sich eine grundlegende Veränderung vollzogen. So entschieden nicht länger Ost und West über unsere Vorstellung von der Lage Polens auf der Landkarte. Wir begannen, uns für den Süden zu interessieren, auch der Norden hatte starke Anziehungskraft auf uns, dort suchen wir Bezugspunkte und neue Fragestellungen für unsere spätmoderne Identität.

 

Im Vergleich zum Tschechien eines Mariusz Szczygiel und besonderes zum Schweden eines Maciej Zaremba (die Liste der Länder ließe sich verlängern, und sie erweitert sich ständig um neue Autoren) ist Deutschland in der polnischen Literatur tatsächlich ein Land ohne Gegenwart. Vor allem aber hat es kaum ein eigenes Profil, denn es versinkt in einer Unmasse an Publikationen zum bilateralen Verhältnis. Im Deutschlandkapitel der „Verschobenen Landkarte“ wird einer der Hauptgründe für das mangelnde polnische Interesse an dem westlichen Nachbarn deutlich. Von Andrzej Szczypiorskis Romanen bis zu den Reportagen Włodzimierz Nowaks befassen sich die Bücher mit den historischen und politischen Beziehungen, mit den Verhältnissen an und hinter der Grenze et cetera, allein die deutsche Gegenwart ist eine komplette Fehlstelle.

 

Wird sich schließlich doch der Autor finden, der Deutschland so darstellt, dass sich über ihn schreiben ließe, was Czapliński über Szczygiel sagt? „[Seine Bücher] haben die Tschechen und ihre Kultur aufs Neue für die Polen erschlossen. Sie bieten nicht die Entdeckung eines unbekannten Landes, sondern ein innovatives Narrativ. Dieses veränderte, und darin besteht die außergewöhnliche Leistung Szczygiels, die Struktur der kollektiven Erwartungshaltung der Polen. Und es führte dazu, uns bereit zu machen, die Tschechen aufs Neue kennenzulernen.“ Wir wissen es nicht, aber eins ist sicher: Wenn sich niemand für diese Aufgabe finden wird, werden weiterhin die Meinungsbildner vom Staatssender TVP bestimmen, welche Vorstellungen sich die Polen von den Deutschen machen.

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

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Marcin Piekoszewski

Anglist, zusammen mit Nina Müller Inhaber der deutsch-polnischen Buchhandlung Buchbund in Berlin.

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