Die Ukraine nach dem Euromajdan: Gesellschaft in Bewegung

Auch wenn dies anscheinend paradox ist, so verdankt die Ukraine doch Wladimir Putin und der russischen Aggression Entstehung und Konsolidierung ihrer politischen Nation; dazu gehört auch die Aufhebung der politischen Barriere, die zwischen ukrainisch‑ und russischsprachigen Bürgern des Landes bestand. Der wichtigste Unabhängigkeitsmajdan war natürlich der von Kiew, doch fanden kleinere Ableger davon in Dnipropetrowsk (seit 2016 Dnipro), Saporischschja und Odessa statt und selbst in dem überwiegend russischsprachigen Charkow (einstmals Hauptstadt der Ukrainischen Sowjetrepublik). Wobei der weitaus größer angelegte Versuch, die sieben südöstlichen Oblasts vom ukrainischen Staat abzutrennen, nur in begrenzterem Umfang Erfolg hatte. Die separatistische Rebellion, die von regulären Truppen der Russischen Föderation unterstützt wird, ohne die sie von der ukrainischen Armee sicher niedergeschlagen worden wäre, hat zwar in Donezk und Luhansk triumphiert, den Hauptstädten der beiden Donbas-Oblasts, doch erfasste sie diese Oblasts nicht in ihrer Gesamtheit und diese unterstehen formal weiter der Kontrolle von Kiew. Großteils dank der energischen Maßnahmen des gegenüber den Siegern in Kiew loyalen Finanz‑ und Medienmoguls Ihor Kolomojskyj ist es gelungen, die schwierige Lage in Dnipropetrowsk unter Kontrolle zu bringen und die couragierte Haltung des Schriftstellers Serhij Schadan, der treibenden Kraft des „Majdan“ von Charkiw, verhinderte eine Eskalation in dieser unweit der russischen Grenze gelegenen Stadt.

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Den Freiwilligenverbänden, die in der Anfangsphase des Konflikts mit Russland an der sich entwickelnden Frontlinie den Ausschlag gaben, schlossen sich nicht nur nationalbewusste Bürger aus den Oblasts Lemberg oder Tarnopol an, sondern auch zahlreiche Menschen aus den verlorenen oder bedrohten Oblasts, die im Alltag russisch sprechen und ukrainisch nur schwach beherrschen. So entstanden zum Beispiel die berühmten Bataillone Ajdar, Asow, Donbas 1 und Donbas 2, die Häuser und Arbeitsstätten ihrer Soldaten verteidigen. Es gab viele russischsprachige Ukrainer in den Reihen des mythenumwobenen Rechten Sektors und bei den „Cyborgs“, die auf dem Flughafen von Donezk heldenhaften Widerstand leisteten. Um sich davon zu überzeugen, reicht es aus, auf Youtube in den Schützengräben entstandene antirussischen Kampflieder zu suchen, die… auf Russisch gesungen werden. Demgegenüber gibt es in der Ukraine keine gesellschaftlich bedeutsame Bewegung für die Gleichberechtigung des Russischen als zweiter offizieller Sprache neben dem Ukrainischen. Hätte eine solche Bewegung Chancen zustandezukommen, würde sie mit Sicherheit von russischen Medien und Einflussagenten unterstützt und propagiert. In dem anhaltenden hybriden Krieg wäre diese eine zu wertvolle Propagandawaffe, um sie einfach zu ignorieren.

 

Ein anderer unmissverständlicher Beleg für die Mobilisierung der ukrainischen Bürgergesellschaft ist die Aktivität von Organisationen und oft auch einzelner Personen, die die Streitkräfte im Hinterland der Front unterstützen. Im Winter 2014 hatte die ukrainische Armee kaum sechtausend kampfbereite Soldaten und den übrigen fehlte bis auf die persönliche Bewaffnung fast alles: vernünftige Uniformen, Stiefel, Helme, schusssichere Westen, Nachtsichtgeräte, Verbandmittel und Funkgeräte. Längere Zeit wurde der größte Teil dieses Bedarfs durch spontane Geldsammlungen in der Bevölkerung gedeckt, von denen dann Geräte und Schutzausrüstung im Ausland gekauft wurden, unter anderem in Polen. Bürger brachten auch spontan Lebensmittel und Wasser an die Front und transportierten Verwundete in Krankenhäuser im Landesinnern. In orthodoxen Kirchen, Läden und Restaurants standen und stehen oft immer noch Spendenkästen mit den Namen bestimmter Einheiten, an die die außerstaatlichen Geldspenden flossen und bis heute fließen. Freiwillige stellen Tarnnetze her, gleich nebenan nehmen sich in den Spitälern Ärzte der physischen und auch psychischen Verletzungen der Soldaten an.

 

Unter dem Eindruck nicht nur des in den Gräben geführten heißen, sondern auch des kalten Kriegs, wie ihn sich die ukrainischen und russischen Rundfunkmedien liefern, vollzieht sich eine allmähliche sprachliche und symbolische Ukrainisierung des gesamten Landes. In Kiew, wo noch vor zehn Jahren auf den Straßen vorwiegend russisch gesprochen wurde, ist heute ukrainisch öfter zu hören, das nicht länger eine Sprache für den innerfamiliären und häuslichen Gebrauch, sondern auf allen Ebenen in die Hochkultur und öffentliche Kommunikation eingedrungen ist. Es ist kaum zu glauben, aber selbst nach der „Orangenen Revolution“ der Anhänger Wiktor Juschtschenkos und Julia Tymoschenkos wurden nur zwanzig Prozent der in der Ukraine erscheinenden Bücher in der Staatssprache gedruckt. Gegenwärtig verschieben sich die Anteile merklich und die jährliche Kiewer Buchmesse „Arsenal“ wie auch das Lemberger „Forum der Verlage“ ziehen die Leser in Massen an. Dagegen charakterisiert den ukrainischen Zeitungsmarkt, dass es keine großen meinungsbildenden Blätter gibt; an ihrer Stelle fungieren Internetportale wie etwa das am Jahrhundertbeginn von dem durch das Kutschma-Regime ermordeten Journalisten Heorhij Gongadse gegründete Portal „Ukrainska Prawda“ (Ukrainische Wahrheit) oder „UNIAN“, und in der Westukraine „Zaxid.Net“ (Westnetz) und „Sbrutsch“. Sie reagieren schneller als die Presse auf die Ereignisse, zudem verschafften sie sich während des Euromajdan Glaubwürdigkeit und Autorität, als sie sich dem Widerstand der Gesellschaft gegen die Regierung von Präsident Janukowytsch anschlossen.

Der Sieg der „Revolution der Würde“ hat in der Ukraine eine ungeheure gesellschaftliche Energie freigesetzt, wie sie in den Aktivitäten von Nichtregierungsorganisationen zum Ausdruck kommt, die für Transparanz in der Politik sorgen. Eine davon ist der dem Regierungslager kritisch gegenüberstehende „Automajdan“, der seine Proteste in Form von Fahrzeugkonvois durchführt. Diese Energie bündelt sich im Allgemeinen in einer proeuropäischen Richtung, befürwortet die Europäische Union und ist bereit, die Werte der liberalen Demokratie zu akzeptieren und zu adaptieren. Allerdings sind fast alle am Dnepr tätigen Kirchen der LGBT-Bewegung gegenüber ablehnend eingestellt, doch andererseits hat das Bildungsministerium ein umfassendes Programm erarbeitet und auf den Weg gebracht, das eine offene, antidiskriminatorische Erziehung in den Schulen vorsieht. Das gestattet einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft, zumal die Ukraine, will sie innergesellschaftliche Spannungen vermeiden, ihr Staatswesen auf einer Bürgergesellschaft jenseits aller ethnonationalen Eindimensionalität begründen muss. Vorläufig entwickeln sich die Dinge daraufhin zu, während die Menschen sich von dem langsamen Tempo der von Regierung und Präsident Poroschenko angekündigten Reformen enttäuscht zeigen. Poroschenko ist sich klar, dass der ihm vor drei Jahren gewährte Vertrauensvorschuss noch vor dem nächsten Wahltermin erschöpft sein kann. Viele Ukrainer erklären ihren politischen Willen übrigens schon jetzt, indem sie zur Arbeit nach Polen migrieren, wo schon eine Milllion von ihnen leben sowie neuerdings, nach Aufhebung der Visapflicht, auch in andere Länder der Europäischen Union. Das ist kein ganz eindeutiges Phänomen, denn viele dieser Emigranten bleiben auf Dauer im Ausland, aber das Geld, das sie ins Land zurückschicken, rettet ihre Familien vor der Armut und wer zurückkehrt oder es planen sollte, eignet sich Fähigkeiten und Gewohnheiten an, die sich von denen aus sowjetischer Zeit mitgeschleppten erheblich unterscheiden. Zweifellos ist das von der Regierung und von internationalen Institutionen, welche die Reformen finanziell unterstützen, bemerkte größte Problem der Ukraine gegenwärtig die Korruption, die einfach als Bestandteil der Landessitten aufgefasst wird. Eigens dazu geschaffene staatliche Agenturen wie insbesondere das Nationale Antikorruptionsbüro sollen die Korruption rasch und systematisch bekämpfen; wenn sich jedoch die Verhaltensnormen der Ukrainer nicht ändern, wird das eher ein Kampf gegen Windmühlen sein.

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

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Marek Wilczyński

Dr. Marek Wilczyński, Amerikanist und Übersetzer, ist Professor am Zentrum für Amerikanische Studien [Ośrodek Studiów Amerykańskich] der Universität Warschau.

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