Die Reinheit der Nation

In Legnica/ Liegnitz, dem einstigen „Klein Moskau“, erhob sich am Morgen des 5. April 2018 am Ort des einige Tage zuvor abgebrochenen Denkmals der Waffenbrüderschaft ein neues Objekt: das „Denkmal der Reinheit der Nation“. Es war ausgeführt nicht in Bronze, nicht in Marmor, sondern bestand aus Pappkartons und Plastik. Die Stelle der Heroen vertrat ein aufblasbares gelbes Entlein von ungeheuren Ausmaßen [offenbar in Anspielung auf kaczor (Enterich), in Polen verbreiteter Spitzname für den PiS-Chef Jarosław Kaczyński; A.d.Ü.].

 

Dergleichen haben wir oft in Miniaturausführung in unserem heimischen Badezimmer. In Kombination mit dem hochernsten Namen erhielt das Postument so eine neue, vielschichtige Dimension. Diese Denkmalserrichtung war ein Happening der Gruppe „Aktives Legnica“ („Aktywna Legnica“ bei facebook). Sie war eine Reaktion auf die Politik der, wie es die Regierung nennt, „Entkommunisierung des öffentlichen Raums“, aber auch der „Säuberung“ der nationalen Geschichte.

 

In satirischer Weise machte das Denkmal auf durchaus ernste Probleme aufmerksam. Ist die völlige „Säuberung“ unserer Umwelt von ihren verschiedenen historischen Schichten, darunter auch der kommunistischen, nötig und möglich? Was soll die Lücken füllen, welche die Entfernung der „Gichtknoten der Vergangenheit“ hinterlässt? Springbrunnen und Blumenbeete, oder etwa Denkmäler für die Helden, die jetzt in der Hierarchie der vaterländischen Verehrung ganz oben stehen? Geschieht dadurch ein Reset der Vergangenheit, eine Teilamnäsie zum Lobe des Nationalstolzes, oder werden die Aufrechnungen, die Fragen, die Auseinandersetzungen und der Dialog eine Neuauflage erleben?

 

Denkmal der Reinheit der Nation © lca.pl

 

Eine Typologie der Denkmäler

Das Problem stellt sich nicht erst heute, die Überreste des Kommunismus in Polen zu entfernen, und der Umgang damit unterschied sich nicht wesentlich von ähnlichen Vorgängen in anderen postkommunistischen Ländern, natürlich einmal abgesehen von Belarus und Russland. Um jedoch das Problem in seinem vollen Ausmaß richtig zu verstehen, sollten wir wenigsten einen kursorischen Überblick über die wichtigsten Denkmaltypen gewinnen, um die es dabei geht, wobei an dieser Stelle eine lose Kategorisierung angewandt sei. Nach 1945 entstanden in Polen folgenden Gedenkobjekte:

 

• der Roten Armee gewidmete Denkmäler;

• Denkmäler für die gleichsam ikonischen Leitfiguren des Kommunismus, nämlich Lenin, Stalin, Dzierżyński, Marchlewski und andere;

• Denkmäler für kollektive Helden, wie etwa Einheiten von Armee, Miliz, Geheimdiensten, für Berufsgruppen und andere, die sich am Aufbau des Sozialismus beteiligten;

• Denkmäler zum geopolitischen Positionswechsel Polens nach dem Zweiten Weltkrieg, darunter Denkmäler in den „Wiedergewonnenen Gebieten“, welche den polnischen Anspruch auf die vormaligen reichsdeutschen Ostgebiete untermauerten oder Jahrestage der „Rückkehr zum Mutterland“ markierten;

• andere Erinnerungsformen wie die Umbenennung von Straßen nach kommunistischen und Arbeiterfunktionären, nach Ereignissen aus der Geschichte der Arbeiterbewegung und des Kommunismus, nach militärischen Einheiten, historischen Schlachten und dergleichen mehr.

 

In der Tat entstanden Objekte dieser Art im Laufe der Jahre sehr zahlreich. Sie waren Ort öffentlicher politischer und ritueller Praktiken, die auf das kommunistische System ausgerichtet waren und für welche die jeweilige lokale Gesellschaft von den Machthabern eingespannt wurde.

 

Dabei sollte jedoch nicht übersehen werden, dass die polnische Gesellschaft keineswegs dazu verurteilt war, als bloß passiver Zuschauer einer oktroyierten symbolpolitischen Inszenierung beizuwohnen. Eine Reaktion auf diese regimegemäßen Denkmäler waren ihre antikommunistischen Pendants, die unabhängig und abseits der Kontrolle des Regimes erstellt wurden. Sie waren mithin ein Anzeichen für den Widerstand und die Widerstandsfähigkeit gegen die Ideologeme, welche die regimenahen Denkmäler den Bürgern einhämmern sollten.

 

Beispielsweise bestanden solche regimefernen Verhaltensweisen darin, „Stätten, die vom Regime als ‚unsichtbar‛ ausgewiesen waren, mit besonderer Ehrerbietung zu umgeben und ‚heimliche Denkmäler‘ aufzustellen“, wie es die polnische Soziologin Barbara Szacka formuliert. Dazu zählten die sogenannten Katyn-Kreuze, die auf polnischen Friedhöfen am 1. und 2. November errichtet wurden, also an Allerheiligen und Allerseelen. Davor wurden Kerzen angezündet und gebetet; der Sicherheitsdienst entfernte sie noch am selben Tag. Ein anderer Typus waren Gedenktafeln in den Kirchen, die bestimmten Personen oder Ereignissen gewidmet waren, deren öffentliche Ehrung von der kommunistischen Regierung untersagt war.

 

Die Entfernung der Hinterlassenschaften des Kommunismus nach 1989

Nach 1989 gab es mehrere Wellen, in denen die politisch-historischen Symbole aus kommunistischer Zeit entfernt wurden. Der größte Teil wurde bereits in den Jahren 1989–1993 beseitigt. In den Folgejahren ließ der denkmalstürzerische Eifer nach, gewann aber 2005–2007 (das heißt während der ersten PiS-Regierung)  und in der Gegenwart wieder an Fahrt. Die Intensität der Aktivitäten hing von der Entschlossenheit der wichtigsten Akteure ab, der zentralen und örtlichen Regierungsorgane. Die Leute verhielten sich dazu ganz unterschiedlich, die Verhaltensweisen reichten von regem Interesse und aktiver Beteiligung bis zu fast völliger Gleichgültigkeit; manche sahen die Maßnahmen auch als Ärgernis, etwa wenn nach einem Straßennamenwechsel die Dokumente ausgetauscht werden mussten. Die treibenden Kräfte waren in erster Linie die Parteien, allen voran die rechtsgerichteten wie insbesondere „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS), sowie die speziell mit solchen Aufgaben befassten Einrichtungen wie der Rat für den Schutz der Denkmäler des Kampfes und Märtyrertums und das Institut des Nationalen Gedenkens. Auch einige gesellschaftliche Organisationen hatten daran wesentlichen Anteil.

 

© facebook/Aktywna-Legnica/Żółta-Alternatywa

Ein weiterer Akteur, dessen Haltung von großem Einfluss war, sollte dabei nicht vergessen werden, nämlich Russland. Zwar unterzeichneten Polen und die Russländische Föderation 1994 die „Vereinbarung über Gräber und Gedenkstätten für die Opfer der Kriege und Repressionen“, doch diese wird von beiden Seiten unterschiedlich ausgelegt: Polen vertritt den Standpunkt, das Abkommen beziehe sich lediglich auf eigentliche Soldatengräber, während die Russländische Föderation der Auffassung ist, es schließe sämtliche der Roten Armee gewidmeten Objekte auf polnischem Territorium ein. Wegen dieser gegensätzlichen Auslegung kam es zu zahlreichen Zwistigkeiten, Auseinandersetzungen und zu Protesten aus Moskau.

 

Formen der Entfernung von Denkmälern aus dem öffentlichen Raum

Nach 1989 gab es verschiedene Formen, wie Denkmäler aus dem öffentlichen Raum entfernt wurden. Besonders verbreitet waren:

 

• Abbruch; zum Beispiel die Entfernung von Denkmälern der Roten Armee, kommunistischer Leitfiguren wie Lenin, Dzierżyński und anderer, von Denkmälern für kommunistische Einrichtungen und Organisationen;

• Umsetzung, zum Beispiel von zentralen Plätzen in Städten und Ortschaften auf Friedhöfe, in die Galerie der Sozrealistischen Kunst des Zamoyski-Museums in Kozłówka (Wojewodschaft Lublin), das Museum der Volksrepublik Polen in Ruda Śląska oder den Park in Borne Sulinowo (Wojewodschaft Westpommern) ;

• Neutralisierung durch Entfernung von Symbolen oder Umdeutung der Objektsymbolik;

• Unterlassung jeder Maßnahme oder einer von unten kommenden Aktion.

 

Das Gesetz zur sogenannten Entkommunisiserung

Ein neues Kapitel in der Entfernung der Hinterlassenschaften des alten Systems wurde mit dem 2016 erlassenen Gesetz zur Entkommunisierung und seiner späteren Novellierung aufgeschlagen. Die Propagierung des Kommunismus oder anderer totalitärer Systeme durch materielle Objekte in Gestalt von Denkmälern, Denkmalshügeln, Obelisken, Statuen, Gedenksteinen und ‑tafeln sowie in Form von Straßen‑ und Platznamen usw. wurde dadurch unter Verbot gestellt. Ausgenommen davon blieben Objekte auf Friedhöfen oder anderen Ruhestätten sowie in der Denkmalschutzliste geführte Objekte.

 

In der Begründung zur Novellierung des Gesetzes heißt es: „Aufgrund von durch die Wojewoden mitgeteilten Angaben wird geschätzt, dass sich auf dem Gebiet Polens weiterhin etwa 640 Objekte dieser Art befinden. Die Wojewodschaftsverwaltungen sollten eine Entscheidung über ihren weiteren Verbleib unter Berücksichtigung der Stellungnahme des Instituts des Nationalen Gedenkens treffen. Wenn diese für das jeweilige Objekt negativ ausfällt, hat der Eigentümer oder Nutzer des Grundstücks/ der Fläche, auf der sich das Objekt befindet, dieses innerhalb eines Jahres zu entfernen. Die Kosten zur Entfernung eines solchen Objekts werden vom Staatshaushalt getragen. Die lokalen Gesellschaften und Verwaltungen müssen sich den Entscheidungen fügen.“

 

Die Sejmdebatte über die Gesetzesnovelle

Es lohnt an dieser Stelle, einige charakteristische Äußerungen von Sejmabgeordneten aus der Debatte vor der Abstimmung über die Gesetzesnovelle im Juni 2017 anzuführen. Der Abgeordnete der Regierungspartei PiS Jacek Kurzępa sagte:

 

„Wir übergeben dem Souverän, der Nation, die Werkzeuge zur Demontage der Fiktion und Verlogenheit im Bereich der Symbolik zur Zurückweisung der in Anlehnung an die Expertise des Instituts für Nationales Gedenken objektiv definierten und ungewollten Symbole des Kommunismus oder anderer Totalitarismen als solcher, für die es in einem freien, demokratischen und auf seine Geschichte stolzen Polen keinen Platz gibt. Nicht nur damit wir, die Erwachsenen, uns im Bereich der Symbole aufrichten und den Kopf oben tragen, sondern auch damit die junge Generation der Polen Verbrecher von Helden unterscheiden kann, Wahrheit von Lüge, löbliche Taten von niederträchtigen.“

 

Diese Äußerung ist ziemlich kurios, denn sie suggeriert, dass in der Dritten Republik auf diesem Felde bisher nichts geschehen sei. Und im Ergebnis dieser Nachlässigkeit sei die junge Generation auf dem Gebiet der historischen Symbolik völlig hilflos. Ungeachtet dessen erhielt das Gesetzesprojekt breite Unterstützung, was im Sejm selten der Fall ist. Für die Novellierung stimmten außer der PiS-Partei auch die Fraktionen der Bürgerplattform (PO), der Polnischen Volkspartei (PSL) und von Kukiz 15. Dagegen war nur eine einzige Oppositionspartei, die liberale „Nowoczesna“.

 

Einer ihrer Abgeordneten, der vormalige Direktor des Polnischen Theaters in Wrocław, Krzysztow Mieszkowski, bemerkte unter Berufung auch auf den künstlerischen Wert vieler Objekte: „Der Gesetzentwurf ist nur ein weiteres grelles Beispiel für die Manipulation mittels des historischen Gedächtnisses. Schlagen Sie etwa vor, fünfzig Jahre der jüngsten polnischen Geschichte im Sinne der primitiven Werte des PiS-Staates auszulöschen, aus dem öffentlichen Raum hervorragende Werke polnischer Künstler verschwinden zu lassen? Nach Schätzungen aus dem ganzen Land könnten einige hunderte Denkmäler verschwinden, die der gegenwärtigen Regierung nicht gefallen, darunter Werke von Władysław  Hasior, Alina Szapocznikow oder auch Denkmäler für große Gestalten der polnischen Kultur: Wisława Szymborska, Władysław Broniewski, Julian Tuwim, Jerzy Grotowski […].“

 

Nach Mieszkowskis Auffassung wäre die Umsetzung des Gesetzes eine „Herabwertung des öffentlichen Raums“. Schließlich stellte er die Frage: „Sollen wir eine Kultur der symbolischen Vergeltung pflegen, eine Kultur des Ressentiments oder eine Kultur der symbolischen Gewalt?“

 

Auch nach Jahrzehnten ist das Thema also immer noch kein rein historisches, das als abgeschlossenes Kapitel der Vergangenheit zu behandeln wäre. Es befindet sich immer noch auf der politischen Agenda und bringt die Gemüter in Wallung.

 

Nachdem die konservative PiS-Partei 2015 die Regierung übernommen hatte, erschien die Frage der symbolischen „Neumöblierung“ der polnischen Landschaft im neuen Gewande. Die Entscheidungsträger waren eisern entschlossen, die Hinterlassenschaften der alten Epoche aus dem öffentlichen Raum zu entfernen. Es besteht die Absicht, aus diesen Relikten eine Art von Freilichtmuseum in Borne Sulinowo zu machen, wo sich bis 1992 eine streng geheime sowjetische Militärbasis befand. Dieses Vorhaben könnte die Argumente derjenigen widerlegen, die behaupten, hier sei die Lust an der Zerstörung künstlerisch wertvoller Objekte am Werk. Diese sollen aus dem öffentlichen Raum verschwinden, in dem sie seit Jahrzehnten funktionierten, aber sie werden nicht zerstört.

 

Wie jedoch die Sejmdebatte über die Gesetzesnovelle gezeigt hat, führt die Beseitigung von Denkmälern und Straßennamen nun zu einer ganzen Reihe anderer Probleme. Aus dem öffentlichen Raum verschwinden Objekte, die ihn über Jahrzehnte geprägt und die nach dem Systemwechsel gelegentlich eine Diskussion über den Kommunismus und seine Folgen anregten. Überflüssig zu bemerken, dass sie heute kein Kultobjekt mehr darstellen, keinen Ort für öffentliche Rituale zu Ehren der Ideen, die sie kommunizieren sollten. Erst ihre Entfernung provoziert eine Reaktion der Gesellschaft. Erstaunlicherweise wurden andere Lösungen gar nicht erst erwogen, wie zum Beispiel Informationstafeln hinzuzufügen, die den historischen Kontext des jeweiligen Objekts erklären würden.

 

Aus dem öffentlichen Raum verschwanden auch die Straßennamen, die an Persönlichkeiten der Arbeiterbewegung aus vorsowjetischer Zeit erinnerten, wie Karl Marx oder Rosa Luxemburg. So als ob bereits die Kritik am Kapitalismus und die Auseinandersetzung mit dem kapitalistischen System etwas Schlimmes sei. Die Abnahme der Gedenktafel für Rosa Luxemburg von ihrem vermeintlichen Geburtshaus in Zamość galt manchen als Akt des Vandalismus und löste eine neue Diskussion aus, was eine vielleicht nicht ganz erwartbare positive Folge der Entwicklung war. Dergleichen Beispiele ließen sich weitere nennen, etwa die Debatte über die sogenannten dąbrowszczacy, das heißt die kommunistischen und sozialistischen Angehörigen des polnischen Jarosław-Dąbrowski-Bataillons,  die auf republikanischer Seite in den Internationalen Brigaden  im Spanischen Bürgerkrieg kämpften.

 

Eine andere Form, auf die Maßnahmen zur „Säuberung“ zu reagieren, sind die Happenings, welche mit satirischen Mitteln die Absurdität dieser Aktivitäten bloßstellen wollen. Das Beispiel aus Legnica steht dafür. Das spontan aufgestellte Denkmal hielt sich allerdings nicht lang. Der „Gazeta Wyborcza“-Reporter Jacek Harłukowicz twitterte: „In einer bravourösen Blitzaktion wurde der ‚Illegale‘ von den lokalen Ordnungskräften verhaftet. Der Verkehr verläuft im Zentrum von Legnica wieder ungestört.“

 

Der Anblick zweier Polizisten, die das Entendenkmal in Richtung des Streifenwagens wuchteten, erinnerte allerdings frappierend an die Milizeinsätze gegen die Happenings der Orangenen Alternative im Wrocław der ausgehenden 1980er Jahre. Das sind freilich keine Assoziationen, wie sie sich die Regierung und ihre ausführenden Organe wünschen.

 

 

Dieser Beitrag stützt sich in wesentlichen Teilen auf: Bartłomiej Różycki, Dekomunizacja przestrzeni publicznej w Polsce, 1989–2016 [Die Entkommunisierung des öffentlichen Raums in Polen 1989–2016], in: Rozliczanie totalitarnej przeszłości: instytucje i ulice [Abrechnung mit der totalitären Vergangenheit: Institutionen und Straßen], herausgegeben von Andrzej Paczkowski, Warszawa 2017, S. 99–157; Barbara Szacka, Czas przeszły, pamięć, mit [Vergangene Zeit, Gedächtnis, Mythos], Warszawa 2006, S. 62f.

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

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Krzysztof Ruchniewicz

Historiker, Professor an der Universität Wrocław und Direktor des dortigen Willy-Brandt-Zentrums für Deutschland- und Europastudien.

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