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Im Sprint die Wahlstimmen holen, mit dem Ball in die Wahlurne

Forderungen, Politik vom Sport zu trennen, sind nicht nur naiv, sondern auch ahistorisch. Bereits im antiken Griechenland dienten Sportwettbewerbe nicht nur den Wettkampfteilnehmern selbst. Ihre Siege gaben den Eliten hellenischer Stadtstaaten das Gefühl von Bedeutung und Prestige. Seit fast dreitausend Jahren hat sich in dieser Hinsicht nicht viel verändert. Eigentlich mit einer Ausnahme: Der Grundsatz, Frieden zu bewahren, raubt heute keinem mehr den Schlaf, abgesehen natürlich von jenen, die gerade bombardiert oder ausgesiedelt werden oder bei denen bestimmte Lieferungen, zum Beispiel von Gas, mitten im Winter rationiert werden… Das Ausmaß der Politisierung von Sport, sowohl in der Zeit der Volksrepublik Polen als auch in der heutigen Regierungszeit, macht uns die in der „Gazeta Wyborcza“ beschriebene Geschichte von Leszek Tilinger bewusst, dem heute bereits pensionierten Fußballspieler. Im Rahmen seiner Sportkarriere hatte er Stellen bei der Bürgermiliz und dem kommunistischen Sicherheitsdienst gehabt. Jetzt wurde er für diese Beziehungen kraft des Antistaatssicherheitsgesetzes mit einer drastischen Altersrentenkürzung bestraft.

 

Gratulationen, Übergabe von Medaillen, Fotos mit Sportlern, Tweets bei den verschiedensten Gelegenheiten oder der Gebrauch von Fanartikeln gehören zum festen Instrumentarium eines Politikers im 21. Jahrhundert. Das ist natürlich nicht die Regel. So hat zum Beispiel Bundeskanzlerin Merkel, obwohl sie bei den Spielen der Nationalmannschaft immer dabei ist, niemals so getan, als ob sie ein begeisterter Fußballfan wäre. Dabei sollte angemerkt werden, dass dies in einem Land stattfindet, in dem der Fußball – wenn noch keine Religion – dann sicherlich die Leidenschaft von Millionen von Fußballfans ist sowohl in Bezug auf lokale Fußballclubs als auch auf die Nationalmannschaft. Und doch ist es Martin Schulz trotz der stark und vermutlich ziemlich ehrlich deklarierten Abhängigkeit von sportlichen Emotionen nicht gelungen, seine viel versprechende Karriere dauerhaft zu machen und sie zu krönen. Weit von solchen Tricks entfernt bleibt auch der PiS-Vorsitzende Kaczyński, der seit über einem Dutzend Jahren ununterbrochen im Zentrum der Politik in Polen verbleibt.

Diejenigen, die das Anfeuern zu einem mehr oder weniger instrumentalisierten Mittel machen, um Popularität zu gewinnen oder diese aufrecht zu erhalten, lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen. Die erste von ihnen ist eine direkte Spiegelung des Durchschnitts der Gesellschaft. Das ist das Bier- und Fernsehzuschauen, eingestellt auf Konsum, auf Unterhaltung, das Gelegenheit bietet, Gruppen von Gleichgesinnten zu treffen. Es gibt aber auch Politiker, die sich, abgesehen von der Erklärung, stolz auf die Leistungen der „eigenen“ Mannschaft zu sein, unterschiedlichen Formen sportlicher Freizeitaktivitäten widmen. Ein klassisches Beispiel dafür ist natürlich EU-Ratspräsident Donald Tusk. Selbstverständlich ist ein Beispiel wie seines, trotz positiver Trends, sehr weit vom europäischen „Sportdurchschnitt“ entfernt. Die wirksame Unterstützung gesundheitsfördernder körperlicher Aktivität bleibt in den meisten Ländern Mitteleuropas immer noch eine große Herausforderung. Insbesondere, wenn wir sie mit den geografisch benachbarten skandinavischen Ländern oder den Niederlanden vergleichen.

 

Die Sportler selbst und die Sportfunktionäre profitieren von der Symbiose mit der Welt der Politik ebenfalls direkt. Stipendien, Gelder für Stadien, Zugang zum „Ohr des PiS-Vorsitzenden“ sowie die besten Wahllistenplätze nach Beendigung ihrer Karriere auf dem Fußballrasen, im Ring oder auf der Laufbahn sind keine Seltenheit. Die Losung ehemaliger Sportler und heutiger Funktionäre „Wir lassen uns nicht in die Politik hineinziehen“ müsste, wenn sie ehrlich klingen sollte, um den Satzteil ergänzt werden: „weil wir bereits geben und nehmen“. Das Nehmen ist übrigens fester Bestandteil des Sportgeschäfts. Wenn man „Korruption und Sport“ im Internet eingibt, spucken Suchmaschinen Tausende von Informationen in jeder Sprache aus.

 

Vor – aus historischen Perspektive gesehen – gar nicht so langer Zeit gab es den Boykott der Olympischen Spiele in Moskau 1980. Der Boykott hing direkt mit dem blutigen Krieg in Afghanistan zusammen, war aber vor allem eine Nachlese der ethischen Dilemmata von Politikern, die sich noch sehr gut an die Ereignisse von 1968 erinnern konnten. Diese Aktion erwies sich als zumindest teilweise erfolgreich, der kommunistische Kreml erhielt einen Schlag, der mit dem Verlust mehrerer Divisionen vergleichbar war. Jede Macht stützt sich nämlich auf Prestige und Anerkennung, und wenn es daran fehlt, beginnen ihre Fundamente zu bröckeln. Der westliche Teil des Kontinents war in der Boykottfrage geteilt. Die Aktion hatte die Aufmerksamkeit der öffentlichen Meinung darauf gelenkt, dass die Rote Armee keine Freiheitskämpfer sind, sondern eine Truppe, die für Massaker an Zivilisten und für Kriegsverbrechen verantwortlich ist. In den Ostblockländern wurde der Boykott vom oppositionell eingestellten Teil der Gesellschaft mit Freude begrüßt. Im historischen Gedächtnis blieb nach jenen Spielen die Geste des polnischen Stabhochspringers Kozakiewicz, der nach einem gelungenen Sprung bei sehr starkem, eigentlich für Olympische Spiele unangebrachten Anti-Anfeuern der Moskauer Zuschauer, eine Geste zeigte, die heute als „f… you“ ins Englische übersetzt wird. Zweifellos hatten die Olympischen Spiele in Moskau und ihr Boykott einen Einfluss auf die politischen Stimmungen in Polen und den Verlauf der Streiks im August 1980, die wortwörtlich innerhalb weniger Wochen nach dem Überreichen der Medaillen folgten.

 

Die Frage des Boykotts, der im Grunde genommen nicht so bezeichnet werden sollte, sondern eher als eine Rückkehr zur Tradition der Veranstaltung von Wettkämpfen in Zeiten des Friedens oder zumindest der Waffenruhe, hat heute keine größeren Chancen. Obwohl Russland nicht nur Kampfoperationen in Syrien führt, Meuchelmorde in Auftrag gibt, sondern sich auch wirksam in die Innenpolitik vieler demokratischer Länder einmischt, sind Stimmen, die sich für ein ähnliches Ausmaß des Boykotts wie 1980 aussprechen, eher die Ausnahme, obwohl es an Analogien zwischen 1980 und 2018 nicht fehlt. Zwar hat die polnische Regierung eine Solidaritätsbekundungen mit den Engländern nicht ausgeschlossen, und Präsident Duda meinte, er würde nicht nach Moskau fahren, doch stießen diese Erklärungen auf kein bedeutendes Echo bei der Bevölkerung.

 

Im Falle anderer Länder sollte man ebenfalls, trotz eines potenziell bedeutenden Nutzens, kein entschiedenes Vorgehen erwarten. Das Thema Boykott war eine Zeitlang in den Schlagzeilen deutscher Zeitungen zu sehen, jeder fünfte Bundesbürger unterstützt eine solche Lösung, während mehr als die Hälfte entschieden dagegen ist.

 

Der Verzicht auf die Teilnahme an der Fußball-WM in Russland wäre eine hervorragende Gelegenheit, durch die Anwendung eines linken Hakens (statt der symbolischen Rücksendung von Diplomaten in beide Richtungen) die Abfolge treffsicherer Schläge seitens Putins Team zu unterbrechen. Befürchtungen wegen der Stimmung von Millionen Fußballfans vor den Fernsehbildschirmen, oder vielleicht noch mehr, die Angst davor, Missfallen beim großen Sport-Showbusiness zu erregen, sind größer als die Demütigungen, die die europäischen Demokratien aus Putins Hand erfahren. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Argumente der Gegner des Boykotts von Sportveranstaltungen nicht ehrlich zum Ausdruck gebracht werden. Ihrer Meinung nach löst der Boykott die Probleme nicht. Die in der deutschen Debatte dominierenden Skeptiker versuchen davon zu überzeugen, dass der Boykott eine Lösung aus der Zeit des Kalten Krieges wäre, die sich am stärksten gegen die einfachen Fußballfans richten und Putin dabei Treibstoff für seine antieuropäische Rhetorik liefern würde. Diese Denkweise war auch unter den Befürwortern der „Entspannung“ während des Kalten Krieges präsent. Viele andere Analogien bleiben jedoch unverändert. Vor 1989 standen die südamerikanischen halbfaschistischen und oligarchischen Regimes – übrigens verdientermaßen – im Visier des moralischen Widerstands. Inzwischen hat sich Russland von den sozialistischen Ideen in deren Form und Inhalt entfernt. In der Praxis erinnert das politische System der eurasischen Großmacht eben an solche Vorbilder aus Übersee, und die Bedeutung des Fußballs holt ebenfalls die Distanz im Verhältnis zur Kultur Lateinamerikas nach.

 

Das Thema des Boykotts der Fußball-WM in Russland taucht nicht zum ersten Mal auf. Schon während der Krim-Invasion hatten die ersten Publizisten gefordert, die Veranstaltung zu boykottieren. Die Frage kehrte nach dem Abschuss der holländischen Maschine durch russlandnahe Separatisten wieder zurück, der den Tod von beinahe 300 Personen zur Folge hatte. Die mit der diesjährigen WM verbundenen Kontroversen haben sogar einen gesonderten Wikipedia-Eintrag verdient. Die internationale Online-Petition wurde von fast 900.000 Menschen unterschrieben. Forderungen nach einem Boykott tauchen auch im Kontext der Weltmeisterschaft auf, die 2022 in Katar stattfinden soll. Dort werden im Allgemeinen die Missachtung der Menschenrechte und die tragischen Arbeitsbedingungen der Menschen, die die Stadien bauen, kritisiert und zuletzt sind zu den Argumenten auch noch Vorwürfe der Terrorismusunterstützung gekommen.

 

Die letzten Fußballweltmeisterschaften fanden in Europa 2006 statt. Nach Russland kommt die Zeit für Katar, und um die Organisation der WM 2026 prügeln sich die USA mit Kanada sowie Mexiko. Die Olympischen Winterspiele 2014 gab es in Russland, 2022 werden sie in Peking stattfinden. Keine europäische Stadt hat sich um die Organisation der nächsten Olympischen Winterspiele beworben. Wie wir selbst am Beispiel Krakau sehen konnten, erfreuen sich immense Sportveranstaltungen eines schlechten Rufes auf dem alten Kontinent. Wirtschaftswissenschaftler kritisieren übermäßige Kosten, städtische Organisationen die Verletzung der Rechte von Lokalgemeinschaften. Unter dem Einfluss dieser Ansichten ist die Mehrheit der Politiker davon überzeugt, dass es sich nicht mehr lohne, Steuergelder für den Preis von zwei Wochen Prestige und vier Monaten Kritik auszugeben. Es ist noch zu früh, um festzustellen, dass sich die Formel der Olympischen Spiele nach Meinung der Europäer aufgebraucht habe. Doch für die Minister und Abgeordneten ist es sicherer, bei den Wettbewerben lieber beim Zuschauen zu verbleiben als diese zu organisieren. Im Spiel bleiben also die Autokraten, für die Imagevorteile eine entschieden größere Bedeutung haben.

 

Wenn also sogar die Reaktionen polnischer Politiker vorsichtig und verhalten sind, und die westeuropäischen Parteiführer gar nach Entschuldigungen suchen, um nichts zu unternehmen, so ist es wenig wahrscheinlich, dass es zu einem Boykott der Meisterschaften kommen wird. Somit werden diese schon bald hunderte Millionen von Menschen vor die Fernsehbildschirme locken. Ist es aber angebracht, uns am Sport zu erfreuen, wenn im Schatten der Stadien immer noch Rechte von Menschen verletzt werden, die sich nur dadurch von uns unterscheiden, dass sie in einem anderen Land geboren sind? Ist der Verzicht auf das mehrere Wochen dauernde Zuschauen dessen, wie Männer über den Rasenplatz rennen, eine zu große Entsagung für einen durchschnittlichen Einwohner Europas, sogar dann, wenn es die Chance gibt, die Fundamente einer autoritären Macht real zu schwächen?

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Marcin Wroński und Tadeusz Jędrzejczyk

Marcin Wroński ist Publizist und Ökonom, studierte in Warschau und Berlin (FU). Tadeusz Jędrzejczyk ist Absolvent der Medizinischen Akademie in Danzig, heute Hochschullehrer und Autor wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Artikel.

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