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Wo sich Pink Panther, Chopin und Penderecki musikalisch die Hand reichen

Krakauer Philharmoniker und Szymon Nehring bei ihrem Nürnberger Gastkonzert groß gefeiert

 

„Was ist eigentlich polnische Musik?“ fragt das Programmheft für das 4. Philharmonische Konzert aus der Abonnementreihe der Staatsphilharmonie Nürnberg, das zum ersten Mal an ein Besuchsorchester abgetreten wurde: an die Philharmonie Krakau unter ihrem in Malta geborenen und in Toronto aufgewachsenen Chefdirigenten Charles Olivieri-Munroe. Die Liste der von ihm bereits geleiteten Orchester umfasst mit Tokio, Seoul, Mexiko City, Montreal, Istanbul, Tel Aviv sowie zahlreicher europäischer Klangkörper den halben Erdkreis. In Nürnberg präsentierten die Gäste aus der ältesten Partnerstadt der Franken ausschließlich Werke polnischer Komponisten der letzten beiden Jahrhunderte und konfrontierten das Publikum in der leider etwas unterdurchschnittlich besetzen Meistersingerhalle mit hierzulande selten bis nie gespielten Glanzstücken der Musikwelt. Vielleicht hat ja deren geringer Bekanntheitsgrad bei uns und die Aussicht auf zwei moderne Kompositionen (Penderecki, Lutosławski) dazu beigetragen, dass die Auslastung nicht dem normalen Niveau entsprach. Die positive Überraschung und ihre beinahe frenetische Feier durch das anwesende Publikum bewiesen jedoch, wie wichtig und leider viel zu selten solche Ausflüge in die unmittelbare musik-geographische Umgebung sind.

 

Den Auftakt bildete die Konzert-Ouvertüre Es-Dur Op. 12 von Karol Szymanowski, dessen enorme Bedeutung für die polnische Musik des 20. Jahrhunderts hierzulande erst allmählich im Lauf der letzten 20 Jahre ins Bewusstsein gelangt ist. Sein Mitwirken an der Künstlergruppe „Junges Polen“, die sich dem Jugendstil verschrieben hatte, machte ihn in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zu einem wichtigen Vertreter der damaligen Avantgarde. Die unterschiedlichen Eindrücke aus seinen Reisen nach Frankreich, Italien und Nordafrika, die Anklänge an den impressionistischen Stil eines Claude Debussy, dessen 100. Todestag gerade zwei Tage nach dem Konzert allerorten begangen wurde, ließ er in seine Musik immer wieder einfließen. In der Ouvertüre von 1909 mischt der junge Komponist kunstvoll die Farben des Orchesters (in Nürnberg in ganz großer Besetzung), wobei die dunklen Bläserfarben von Englischhorn und Klarinetten eine wichtige Rolle spielen. Eine Musik, die vorwärts stürmenden Elan, gezielt gesetzte Ruhepausen, eine kunstvolle Vielstimmigkeit mit chromatischen Übergängen und Zitaten aus Tschaikowskis 6. Sinfonie vereint, bevor uns Szymanowski als Höhepunkt einen Rausch an Klangfarben schenkt.

 

Polens größtes Musikgenie Frédéric Chopin unternahm nur vier Versuche, das für seine Musik so prägende Klavier mit dem philharmonischen Klang eines ganzen Orchesterapparates zu vereinen. Neben dem am selben Tag des Revolutionsjahres 1830 (gegen die russische Besetzung) in Warschau präsentierten Klavierkonzert f-Moll verband der kurze Zeit nach der für die polnischen Freiheitskämpfer blutigen Niederlage ins französische Exil geflohene Chopin die beiden Klangwelten Klavier und Orchester mit seiner „Fantasie über polnische Themen“ A-Dur. Mit diesem Stück über polnische Volksmelodien nahm der aus einer französisch-polnische Ehe stammende Komponist eindeutig Stellung für die nationale Sache. Wenn Chopin hier das auf einen Freiheitskämpfer gemünzte ukrainische Volkslied einer Dumka verarbeitet, versteht jeder Polen die Andeutung, da zu jener Zeit der polnische Staat nicht existent war, sondern von Russland, Österreich und Preußen geteilt und beherrscht wurde.

 

Szymon Nehring © B. Barczyk Archiwum Stowarzyszenia im. L. v. Beethovena

Der mitgereiste Konzertpianist Szymon Nehring, 2017 erster Preisträger des internationalen Arthur Rubinstein Klavier-Wettbewerbs in Tel Aviv sowie Laureat des Preises für die beste Aufführung eines Chopin Werkes, durfte bei diesem Musikstück sein noch junges Talent unter Beweis stellen. Noch stärker entfalten konnte es sich jedoch bei dem wesentlich virtuoser angelegten „Variationen über ein Thema von Paganini“ den Neutöners Witold Lutosławski aus dem Jahre 1941, welches die berühmte 24. Paganini-Caprice mit den musikalischen Mitteln des 20. Jahrhundert bearbeitet – nein: umgestaltet, übermalt, neu komponiert – für Klavier und Orchester. Eine sofort eingängige Melodie des berühmten Geigenvirtuosen Niccolò Paganini, die zuvor bereits von Franz Liszt, Johannes Brahms, Sergej Rachmaninov, Boris Blacher oder Andrew Lloyd Webber variiert wurde, löst Lutosławski mit seinen Trillerketten, Akkordblöcken und rasanten Läufen immer wieder aus ihrem tonalen Rahmen, um dadurch die klanglichen Register von Klavier und Orchester bis ins extreme auszureizen und zugleich kunstvoll aufeinander zu beziehen. Komponiert im von Deutschland besetzten Warschau, verlangt dieses Werk von den Aufführenden allerhand ab. Umso begeisterter bedankte sich das Publikum bei Pianist Nehring vor der Pause, der dem Wunsch nach einer Zugabe (Mazurka von Szymanowski) sogar zweifach entgegenkam.

 

Zum Abschluss hatte die Krakauer Philharmonie natürlich noch ein Werk ihres wirkmächtigen Ehrendirigenten, Komponisten und Festival-Gründers Krzysztof Penderecki im Gepäck: seine Zweite Sinfonie. Unter Zubin Metha von den New Yorker Philharmonikern 1980 uraufgeführt, ist Pendereckis Zweite das erste Werk, welches er im Gegensatz zu seinen viel umjubelten avantgardistischen Stücken der 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts (u.a. „Lukas-Passion“) wieder in einer tonalen Musiksprache gesetzt hat. Darüber hinaus verfügt die Sinfonie über einen romantischen Duktus. Teile dieser halbstündigen, einsätzigen Sinfonie wurden auch als Filmmusik verwendet u.a. in Andrzej Wajdas „Das Massaker von Katyn“. Die durch dunkle, fast bedrohliche Streicher-Akkorde zu Beginn und ferne Paukenwirbel erzeugte beklemmende Atmosphäre mag die Sujet-fremde Verwendung fürs Kino befördert haben. Ein sich mehrfach aufbäumendes Orchester, unmittelbar gefolgt von dessen Erschöpfung und Zusammenbruch, dreimaliges Zitieren von „Stille Nacht“ in Streichern und Holzbläsern. Immer wieder beschleichen dem Zuhörer Gefühle von Einsamkeit und Beklemmung oder von Bedrohung. Auch der gefeierte Chefdirigent Charles Olivieri-Munroe ließ es sich nicht nehmen und fügte diesem spannenden Ausflug in polnische Kompositionskünste noch eine Zugabe hinzu.

 

Charles Olivieri-Munroe © I. Fodor

Neben den musikalischen Höhepunkten ist dieser Kulturaustausch – der Gegenbesuch der Nürnberger Staatsphilharmonie u.a. mit einer Mahler-Sinfonie ist für Mai geplant – auch ein Höhepunkt in der Geschichte der seit Ende der 70er Jahre bestehenden Städtepartnerschaft. Zwar gibt es zwischen Nürnberg und Krakau eine fortgesetzte Tradition von wechselseitigen Besuchsreisen verschiedenster Initiativen, wie Froben Dietrich Schulz von der Deutsch-Polnischen Gesellschaft in Franken bestätigt, doch bislang nicht auf so hohem Niveau und mit so vielen Beteiligten. Das Spektrum der auch in schwierigen politischen Zeiten aufrecht erhaltenen interkulturellen Aktivitäten reicht von Literaturveranstaltungen oder Kunstausstellungen im sogenannten Krakauer Turm, der von der Stadt Krakau betrieben wird, über die alljährliche Polnische Filmwoche (dieses Jahr jedoch ohne polnische Zuschüsse) bis hin zu speziellen Treffen von Schulklassen oder Hochschulkursen, die sich neben dem historischen Erbe eines Albrecht Dürer oder Veit Stoß auch für zeitgeschichtliche Fragen rund um das Dokumentationszentrum zum ehemaligen Reichsparteitagsgelände interessieren. Dass beide Städte die Tradition des Bierbrauens und Würstemachens verbindet, wird ebenso alljährlich gemeinsam begangen.

 

Bemerkenswert an dem Orchestertausch ist auch, dass er alleine aufgrund des Engagements der beiden Orchester zustande kam, ohne dass es hierzu einer Flankierung durch die beiden Stadtverwaltungen bedurfte. So freute sich der nun scheidende Nürnberger Generalmusikdirektor Marcus Bosch besonders, die von ihm bei seinem Amtsantritt vor sieben Jahren verkündete Idee zu einer solchen Begegnung der Musiker aus den Partnerstädten tatsächlich verwirklicht zu haben – und dass mit für die jeweiligen Orchester typisch-authentischen Programmen. Damit sich auch die Musiker untereinander näher kamen gab es vor der Aufführung ein gemeinsames Essen. Nach dem Auftritt der Krakauer auf der großen Bühne der modernen Meistersingerhalle nahmen ein paar polnische Streicher und Holzbläser die Nürnberger Tradition eines musikalisch untermalten Ausklangs in der Konzert-Lounge auf und präsentierten kleine Schmankerl wie der Titelmelodie des Pink Panter. Spätestens jetzt hatte sich jedem Zuhörer die Einbettung „polnischer Musik“ in den europäischen Rahmen versinnbildlicht.

 

 

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Detlev Lutz

Detlev Lutz publiziert immer wieder über deutsch-polnische Themen mit kulturellen, verkehrspolitischen oder touristischen Aspekten.

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