Das strapazierte Verhältnis zwischen Kirche und Staat verbessern: Macrons neuer Laizismus

Unter den Opfern der Geiselnahme, die am 23. März 2018 von einem islamistischen Terroristen in einem Supermarkt der südfranzösischen Kleinstadt Trèbes verübt wurde, befand sich auch ein Polizist: Arnaud Beltrame. Aufgrund der besonderen Umstände seines Todes – er hatte sich gegen eine Geisel austauschen lassen und wurde vom Geiselnehmer tödlich verletzt – wurde sein Handeln sehr schnell als Heldentat, und sein tragischer Tod als Opfer gedeutet. Als schon in den folgenden Tagen die Medien bekannt gaben, dass dieser ermordete Oberstleutnant der Gendarmerie ein frommer Katholik gewesen war, der sich im Privatleben wie im Beruf stets bewusst an christliche Werte gehalten hatte, entstand zusätzlich zum patriotischen Narrativ („Für Frankreich gestorben“) ein zweites, das sein christliches Engagement und die religiöse Dimension seines Opfertodes unterstrich. So sehr es Beltrame laut Familie und Umfeld verstanden hatte, sowohl aus innerer Überzeugung als auch aus beruflichem Pflichtgefühl heraus zu handeln, so unbequem war es für manch einen französischen Politiker, besonders auf der linken Seite des politischen Spektrums, beide Erzählstränge öffentlich mit einander zu verflechten – gilt doch in Frankreich seit dem 9. Dezember 1905 das sogenannte Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat – im weiteren Sinne sogar von Religion und Politik. In der kollektiven Trauer um den verstorbenen Polizisten verblieben diese beiden konkurrierenden Narrative jedoch in einem Zustand friedlicher Koexistenz – einem vorsichtigen Nebeneinander. Seinerseits hob Präsident Emmanuel Macron in seiner Leichenrede die Bedeutung der republikanischen Werte hervor.

 

Arnaud Beltrame. © Mission numérique de la Gendarmerie nationale, Arnaud Beltrame (cropped), CC BY-SA 4.0

Dass das französische Staatsoberhaupt allerdings keine Berührungsängste zu religiösen Themen hat, veranschaulichte kaum zwei Wochen später ein unerhörtes Ereignis: Macrons Teilnahme an der französischen Bischofskonferenz im ehemaligen Pariser Kolleg des Zisterzienserordens Collège des Bernardins am 9. April. Damit folgte der Präsident zwar einer Einladung der Organisatoren, doch bei einer passiven Teilnahme sollte es nicht bleiben. Redegewandt und belesen nahm er die Gelegenheit wahr, sich in einem gut vorbereiteten Exposé an die Bischöfe und darüber hinaus an die französischen Katholiken zu wenden und insbesondere ausführlich zur Frage des heutigen Verhältnisses zwischen Kirche und Staat zu äußern. Dabei nahm er nicht nur Abstand von seinen beiden Amtsvorgängern – Nicolas Sarkozy, der 2007 in der Lateranbasilika eine höfliche und eher konjunkturbedingte Rede gehalten hatte, und François Hollande, der 2012 immerhin unterstrich, die Republik sei stärker als die Religionen: Er ging noch viel weiter und betonte unter anderem den bemerkenswerten historischen Beitrag mancher französischer Katholiken zum Aufbau der demokratischen Kultur sowie der republikanischen Institutionen; des Weiteren drückte er ihnen seine Anerkennung für die wichtige Rolle aus, die sie – als Gläubige und Bürger – sowie die Kirche als Ganzes weiterhin in der Gesellschaft spielten, und dies selbst in Bezug auf die Frage des Heils, da diese für jeden Menschen ungeachtet seiner religiösen oder areligiösen Einstellung mit der existenziellen Sinnsuche verbunden sei. Macron sprach sich dafür aus, in Zeiten der ethischen Ungewissheit ein moralisches Verhältnis zwischen Kirche und Staat zu pflegen, und sein Vortrag beinhaltete auch einen Aufruf an die Katholiken, sich politisch mehr zu engagieren. Bespickt mit Bezügen zu und Zitaten von maßgeblichen Philosophen – darunter nicht zuletzt von Paul Ricœur, dessen Assistent er einst gewesen war – setzte Macrons Rede also ein starkes und unübersehbares Zeichen. Nur welches?

 

Ein kurzer Überblick über die Reaktionen, die dieser Auftritt auslöste, zeigt zumindest, welche Erwartungen und Ängste er wachzurufen vermochte. Ob sich die einen wie die anderen mit der Realität decken, ist eine andere Frage. Vorhersehbar war zunächst die Empörung unter führenden Politikern der Parti Socialiste und anderer linker Persönlichkeiten: Die Laizität sei gefährdet, der Präsident hätte seine Befugnisse überschritten und würde den vor mehr als einem Jahrhundert hart errungenen Status quo zwischen Republik und Kirche(n) in Frage stellen. Unter Konservativen und Liberalen sorgte die Rede – im rasenden Social-Media-Zeitalter augenblicklich als Discours des Bernardins historisiert – für Überraschung, mitunter auch für ein gewisses Unbehagen, da man nicht so recht wusste, wie man sich dazu positionieren sollte. Trotzdem dominierten unter den Politikern dieses Lagers eher Stimmen der Anerkennung. Vorsichtigen Beifall erhielt der Präsident natürlich vonseiten katholischer Kreise – mit Ausnahme der erzkonservativen, die sich beispielsweise vor rund zwei Jahren am lautesten gegen die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen eingesetzt hatten. Der Tenor unter den Katholiken lässt sich aber mit den Worten des Pfarrers Pierre-Hervé Grosjean zusammenfassen, nach Macrons Rede seien der Staat und die französischen Katholiken nun durch eine gegenseitige moralische Verpflichtung gebunden.

 

Welche Rückschlüsse lässt jenseits jeglicher Emotionen diese ausgestreckte Hand des französischen Präsidenten in Hinblick auf seine Absichten zu? Ihm die Infragestellung des Laizismus zu unterstellen, ist fehl am Platze: Immerhin hat er klar gemacht, dass die Kirche sehr wohl eine fragende, ja hinterfragende Rolle in den gesellschaftlichen Debatten innehaben dürfe, nicht aber eine bestimmende: Es gibt also kein Zurück zur kirchlichen Kontrolle über staatliche Entscheidungen – auch in ethisch polemischen Fragen wie z.B. die der Leihmutterschaft. Auch die Teilnahme an der Bischofskonferenz sollte nicht befremden: Schließlich begeben sich die französischen Staatspräsidenten nicht selten auf Einladung auf religiöse Zusammenkünfte muslimischer bzw. jüdischer Organisationen in Frankreich. Eine Antwort auf die Frage, warum Macron nun diesen Schritt unternommen hat, liefert allerdings ein Rückblick auf die Ergebnisse der von ihm gewonnenen Präsidentschaftswahlen vom Mai 2017: Im zweiten Wahlgang hatten laut Befragungen fast 40% der französischen Katholiken für die Kandidatin der Rechtsextremen, Marine Le Pen, gestimmt. Das zeugte von wachsendem Unbehagen, ja von einer Art „Großer Angst“ in dieser Wählerschaft, wie es der Journalist Henri Tincq einst nannte: Das Gefühl, im hypersekularisierten, links-liberalen Mainstream zunehmend an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden, ja die Perzeption eines restlosen Verlusts jeglicher Deutungshoheit des Christentums in Fragen der Ethik und der gesellschaftlichen Werte haben bei Teilen der katholischen Bevölkerung zu Rückzug und Radikalisierung geführt. Letztere ist in ihrem Ausmaß und angesichts eines ganz anderen historischen Hintergrunds zwar nicht mit ähnlichen Erscheinungen gleichzustellen, die in anderen Ländern Europas – so auch in Polen – anzutreffen sind. Im Endeffekt aber sind Konvergenzen in Bezug auf politische Präferenzen und Wahlverhalten nicht zu übersehen.

 

Und dennoch würde man sicher zu kurz kommen, wollte man in der verbalen Geste des französischen Präsidenten nur ein taktisches Moment sehen, das darauf abzielen würde, unentschiedene Katholiken für seine Partei zu gewinnen und der Front national Stimmen abzuzapfen. Obwohl sie nicht ganz auszuschließen ist, bleibt eine solche Erklärung schlicht an der Oberfläche des Problems. Im Kontext einer immerwährenden Bedrohung durch den Islamismus, die noch allzu oft in terroristischen Angriffen in Frankreich und gegen Franzosen (verschiedenster Abstammung) aufflammt, kann und darf die Republik religiöse Fragen nicht (mehr) ignorieren. Was sich in Macrons politischer Linie abzeichnet, ist der Wille nach einem offenen und inklusiven Laizismus im Dialog mit den Religionen. Die Katholiken dürfen nicht fehlen. Diese Haltung ist kein neuer Schachzug des Macronismus; bereits anlässlich der Gedenkfeier zum ersten Jahrestag der Ermordung des katholischen Priesters Jacques Hamel durch zwei Islamisten hatte der frisch gewählte Präsident am 26. Juli 2017 klargestellt: „Es ist nicht die Aufgabe der Republik, diese oder jene Religion zu bekämpfen, sondern sich tagtäglich dafür einzusetzen, dass ein jeder als freier Mensch die Wahl behält, zu glauben oder nicht“.

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Pierre-Frédéric Weber

Dr. habil. Pierre-Frédéric Weber ist Historiker und Politikwissenschaftler und lehrt als Dozent an der Universität zu Szczecin (Polen). In seinem jüngsten Buch befasst er sich mit dem Phänomen der Angst vor Deutschland in Europa seit 1945 ("Timor Teutonorum", Schöningh, Paderborn 2015).

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