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Wandel durch Annäherung

Im Maxim-Gorki-Theater diskutierte die belarussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch mit dem deutschen Politiker Ruprecht Polenz über die Frage, ob uns die Vergangenheit noch bevorsteht. Ein Gespräch kam dabei nicht zustande.

 

Eigentlich waren es die perfekten Schlussworte, als Swetlana Alexijewitsch, die belarussische Literaturnobelpreisträgerin, gegen Ende der Veranstaltung sagte: „Ich versuche den sowjetischen Menschen zu verstehen. Und ich glaube, das geht nur über die Liebe.“ Damit hatte die 69-Jährige Schriftstellerin nicht nur ihr eigenes Erfolgsrezept verraten, sondern auch eine sonst eher vernunftslastige Diskussion auf eine menschliche Formel heruntergebrochen, mit der sich – dem Applaus zufolge – die meisten im Publikum identifizieren konnten: Verständnis erfolgt auch über Zuneigung.

 

Alexijewitschs Auftritt am Sonntagnachmittag im gut gefüllten Maxim-Gorki-Theater in Berlin war gleichzeitig der diesjährige Auftakt der Gesprächsreihe „Berliner Korrespondenzen“, eine Kooperation zwischen dem Gorki-Theater, der Humboldt Universität und dem Auswärtigen Amt. Zusammen mit dem deutschen Bundestagsabgeordneten und Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde Ruprecht Polenz ging die Schriftstellerin der Frage nach, ob uns die Vergangenheit noch bevorsteht.

 

Konkret wolle man in der Gesprächsreihe darüber diskutieren, wie man mit den tektonischen Verschiebungen in einer Welt umgehe, die sich scheinbar im Dauerkrisenzustand befindet, erklärte Esra Kücük, die Leiterin des Gorki Forums in ihrer Eröffnungsrede. Anlass dafür sei auch das Jahr 2018 und damit die Erinnerung an das Ende des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren gewesen. „Wir wollen uns auch mit den Umbrüchen beschäftigen, die 1918 die Welt erschüttert haben und ihr bis heute ihren Stempel aufdrücken“, so Kücük.

 

Mit Swetlana Alexijewitsch kam ein Gast, der nicht nur jahrzehntelang über die Umbrüche im östlichen Europa geschrieben hat, sondern diese auch selbst miterlebt hat – ein Kind der Sowjetunion. 1948 wurde sie als Tochter einer Ukrainerin und eines Belarussen in der heutigen Ukraine geboren. Aufgewachsen ist Alexijewitsch in einem kleinen Dorf in Belarus. Schon damals, als der Krieg noch nicht weit weg war, heißt es, habe sie aufmerksam zugehört und sich Gesprächsfetzen gemerkt. Später dann, als sie in Minsk lebte, studierte Alexijewitsch Journalistik und begann für verschiedene Zeitungen und Magazine zu schreiben.

 

Das spiegelt sich auch in ihren späteren Texten noch wider, denn auch darin wendet sie die Techniken einer Reporterin an, arbeitet vor allem mit Interviews und Protokollen. Und trotzdem lesen sich ihre Bücher wie Romane. „Eine eigene literarische Form“ habe Alexijewitsch geschaffen, betont auch Esra Kücük in ihrer Rede. Schon ihr erstes Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“, das 1983 erschien, basiert auf Interviews mit sowjetischen Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg.

 

Aber vor allem ihr letztes Werk „Secondhand Zeit – Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ sticht heraus. Sie schreibt darin eine Geschichte der Menschen hinter dem Begriff „Sozialismus“, ein Porträt des Homo Sovieticus, dieser tragischen Figur, für die mit dem Untergang der Sowjetunion nicht nur der Lebensraum, sondern auch der Lebenssinn verschwand. Ein Buch, das „die Vergangenheit im Jetzt sucht“, wie es Alexijewitsch selbst sagt. Ja, es ist ein Stück Zeitgeschichte, das Alexijewitsch da geschaffen hat, die Chronik einer nicht enden wollenden Idee, für das sie 2015 vollkommen zurecht mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde.

 

Das Wichtigste – das sagt Alexijewitsch gleich zu Beginn ihrer Rede – ist: Man muss zuhören.

Zugehört hat sie viele Jahrzehnte Freunden, Fremden, aber auch in der eigenen Familie. Ihre Rede ist voller Anekdoten. Wie die von ihrem Vater, der wollte, dass er mit dem Parteibuch begraben wird. „Das ist ein Fanatismus, den wir heute nicht gänzlich verstehen können“, sagt Alexejiwitsch, „und das Bewusstsein von solchen Menschen lässt sich nur sehr schwer verändern.“

 

Oft sind das Menschen, die sonst nicht gehört werden und denen Alexijewitsch eine Stimme verleiht. Sie lässt sie sprechen – über ihre Ängste, ihre Hoffnungen und verwandelt ihre Erinnerungen in Lebewesen. „Erinnerung ist Schöpfertum“, sagt sie in ihrer Rede. Aber Erinnerung ist meistens auch ein Mittel zur Auseinandersetzung mit sich selbst.

 

Alexijewitschs Texte sind eine Art Spiegel für die Menschen. Ihr fotografisch-unverfälschter Charakter entbehrt jeder Beschönigung. Was übrig bleibt, ist meist die nackte Grausamkeit der Menschheit. Oftmals führt das zu Problemen. „Du kannst das so nicht schreiben“, habe ihr Zensor mehrmals zu ihr gesagt.

 

In Belarus sind ihre Bücher verboten. Für ihr Buch „Zinkjungen“ (1992) über den Krieg in Afghanistan und dessen Folgen landete sie sogar vor Gericht. Die Anklage: Verleumdung der Sowjetarmee. Alexijewitsch erzählt in ihrer Rede, wie sie die Mutter eines jungen Soldaten im Gerichtssaal fragte, ob diese nicht gewollt hätte, dass sie die Wahrheit schreibe. Und Die Frau antwortete: „Mich interessiert diese Wahrheit nicht. Ich will meinen Sohn als Helden sehen.“

 

Und dann kommt Alexijewitsch ganz ungekünstelt auf die Leitfrage des Abends zurück. Die Vergangenheit liege insofern noch vor uns, sagt sie, als dass das Unausgesprochene, das zur Seite Gelegte in unserer Seele nicht unterzukriegen ist. Und das sei in Russland besonders stark ausgeprägt. „Wir gehen nicht vorwärts, sondern zurück.“ Mit diesen Worten schließt Alexijewitsch ihre knapp zwanzigminütige Rede.

 

Warum sich die Veranstalter gegen ein Einzelgespräch mit der Schriftstellerin entschieden haben und stattdessen den Politiker Ruprecht Polenz als zweiten Redner ausgesucht haben, bleibt völlig unverständlich. Seine Einordnungen des modernen Russlands, den rechtspopulistischen Tönen in Europa und sein Blick auf die Zukunft der pluralistischen und demokratischen Gesellschaft bleiben im Vergleich oberflächlich und sind in gewisser Weise ein Antipol zu den tiefgründigen Ausführungen Alexijewitschs. Warum muss ein deutscher Politiker in Anwesenheit einer belarussischen Nobelpreisträgerin seine Einschätzungen zur russischen Gesellschaft abgeben?

 

Berliner Korrespondenzen mit Swetlana Alexijewitsch, Andreas Görgen und Ruprecht Polenz (von links nach rechts), Berlin 13.5. © Ute Langkafel/MAIFOTO

 

Der 71-Jährige kommt in seinem (deutlich kürzeren) Redebeitrag jedenfalls zu dem Schluss, dass eine offene, pluralistische und freie Gesellschaft ohne die Existenz einer handlungsleitenden Idee nur ausreichend ist, „wenn wir daran glauben.“ Ein Glaube, der im post-sowjetischen Raum nur bedingt zugelassen wird, der sich aber auch nicht von einem auf den anderen Tag verbreiten kann.

 

Freiheit, sagt Alexijewitsch in dem anschließenden Gespräch, sei schließlich keine Schweizer Schokolade, die man einfach weiterreichen kann. „Die Impulse müssen aus der Gesellschaft kommen.“ Gefragt nach den Chancen für Veränderung in Belarus und Russland, gibt sich die Schriftstellerin zurückhaltend. An eine baldige Revolution glaube sie nicht – trotz der aktuellen Entwicklungen in Armenien. Sie sagt: „Solange Putin an der Macht ist, wird Russland sich weiter von der modernen Gesellschaft entfernen.“

 

Und dann ist auch Alexijewitsch, die Frau, die bekannt dafür ist, den Menschen, die in diesem System leben – egal ob in Belarus, in Sibirien oder Ukraine – eine Stimme zu geben, auch bei Putin und der großen Politik angelangt. Das kommt Polenz, der fast ausschließlich über die Vorzüge des Westens und die Politik Putins spricht, gelegen.

 

Dass es zu keinem wirklichen Austausch zwischen den beiden Diskutanten kommt, dass das Meiste nur an der Oberfläche kratzt, liegt zum einen wohl an den verschiedenen Blickwinkeln der beiden, zum größten Teil aber an der Moderation. Dem Moderator gelingt es nicht ganz, auf die zwei Gäste einzugehen und ein Gespräch herzustellen. Stattdessen interessiert ihn viel mehr die Frage, ob man nun zur Fußball-WM nach Russland fahren sollte oder lieber nicht. Da war selbst Alexijewitsch etwas überrascht, dass sie darauf antworten sollte.

 

Was außer der Frage nach dem eigentlichen Ziel dieser Diskussion von diesem Nachmittag übrig bleibt, sind dann vor allem Alexijewitschs Worte über ein Verständnis durch Liebe. Und ein Ruprecht Polenz, der in den üblichen Kategorien von Gut und Böse über Putin, Trump den Westen und die AfD spricht. Das kann nicht zusammenpassen, weil Alexijewitsch nicht in diesen Kategorien denkt. Sie sagt: „Das, was ich während der Interviews für meine Bücher höre, überschreitet Gut und Böse.“ Für ihre Erzählungen sollte man ihr beim nächsten Mal einen neugierigen Moderator gegenüberstellen. Das würde ausreichen.

 

 

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Paul Toetzke

Paul Toetzke arbeitet als freier Autor und Fotograf in Berlin. Er beschäftigt sich vor allem mit Zentral- und Osteuropa und schreibt am liebsten Reportagen.

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