West gegen Ost, Ost gegen West: 50 Jahre 68, 50 Jahre Deutungskampf

50 Jahre nach 1968 rückt „68“ als europäische Chiffre in eine biographische Ferne, die wohl zum ersten Mal eine kühlere, historisierende Betrachtung der Revolte zulässt. Gerade im Verhältnis zwischen Ost und West wird dabei eines deutlich: eine gewaltige Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen – und ein großes Missverständnis. Nämlich das Missverständnis eines gemeinsamen, die Grenzen überspannenden europäischen Aufbruchs in die gleiche Richtung.

 

Tatsächlich gab es 1968 ja durchaus sogar einen globalen Aufbruch, von Mexiko über die USA bis nach Europa und Japan. Doch in Ost- und West-Europa stand 68 von Beginn an für höchst unterschiedliche Vorstellungen. Und so haben sich die 68er im Osten und Westen eben vor allem eines – gründlich missverstanden. Und dieses Missverstehen hält bis heute an, denn das Ereignis 68 ist bis heute im kulturellen Gedächtnis höchst unterschiedlich verankert und somit hochgradig umkämpft.

 

Dabei kann man inzwischen drei unterschiedliche Etappen unterscheiden: erstens das Jahr 1968 selbst, zweitens die historische Zäsur von 1989 und schließlich die Gegenwart, die im Zuge der Fluchtereignisse von 2015 für eine neue Zäsur steht, nämlich für den Einbruch einer neuen konservativen Revolution.

 

1968 oder: Paris gegen Prag

Schon vor 50 Jahren gab es keineswegs den einen großen revolutionären Aufbruch in Europa, sondern schon damals gab es ein gespaltenes 68, stand Paris gegen Prag. 68 im Westen, das war vor allem der Pariser „Mai soixante-huit“, daher die Chiffre 68, mit seinem Motto „Die Phantasie an die Macht“. Und auch wenn die Revolte in der Bundesrepublik schon früh Opfer forderte – 1967 Benno Ohnesorg und 1968 Rudi Dutschke – war 68 auch hier doch vor allem eines: ein großer Spaß. Im Osten sah die Sache dagegen ganz anders aus, hier steht die Chiffre 68 vor allem für den „Prager Frühling“ mit seiner brutalen Niederschlagung im August 1968 und in Polen wie auch in der DDR für zahlreiche, zum Teil durchaus lange Inhaftierungen.

 

Aus dieser grundsätzlichen Diskrepanz – dem Aufbegehren in einer Demokratie oder in einer Diktatur – resultierte ein gewaltiges Missverstehen. Während es den „Ost-68ern“ zunächst einmal genau um diese Demokratie ging, wie sie im bereits Westen existierte – mit Gewaltenteilung, Meinungs- und Pressefreiheit usw. – verachteten die „West-68er“ diese angeblich bloß formale Demokratie und zielten auf Demokratisierung aller gesellschaftlichen Verhältnisse. Darin lag der eigentliche Konflikt.

 

Besonders deutlich wurde dies bei dem Besuch Rudi Dutschkes in Prag, als er die dortigen Revolutionäre „politisieren“ wollte. In seiner Rede in der Prager Karlsuniversität am 9. April 1968 sagte Dutschke, dass die „repräsentative Demokratie“ als die Demokratieform des kapitalistischen Systems keine Alternative zum Stalinismus sei. Die wirkliche Alternative zur bloß „formalen bürgerlichen Demokratie, wo der einzelne nicht an Entscheidungen beteiligt ist, sondern nur Objekt der etablierten Institutionen“, sei die „Produzentendemokratie, die getragen wird von den Produzenten in den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft, ob nun Fabrik, Schule, Universität oder was auch immer“.

 

Wahre Demokratie bedeutete für Dutschke und seine Freunde die Überwindung des Parlaments als einer bloßen Schein- oder manipulativen Demokratie. In seinem legendären Gespräch mit Günter Gaus bezeichnet Dutschke die bisherigen Bundesregierungen denn auch „als institutionalisierte Lügeninstrumente, Instrumente der Halbwahrheit, der Verzerrung“.

 

Diese radikale System- und Parlamentarismuskritik erinnert in fataler Weise an die Kritik der AfD an der „Lügenpresse“, den „Systemparteien“ und an der von ihnen gestellten Regierung als angeblichen „Volksverrätern“. Offensichtlich hat die Systemkritik in den letzten 50 Jahren die Seiten gewechselt und kommt jetzt – wie bereits in den 1920er Jahren wieder von rechts.

 

Die 68er des Ostens, vor allem jene in Prag, konnten mit dieser Systemkritik wenig anfangen. Und eine echte Verständigung mit Dutschke und Co. fand nicht statt. „Sie wussten überhaupt nichts, aber sie wussten alles besser“, resümierte der tschechische Marxist und 68er Štěpán Benda 40 Jahre später.

 

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Doch während die 68er des Ostens für ihre mutige friedliche Revolution schwer bezahlen mussten, etliche mit dem Leben, viele mit der Freiheit, machten im Westen die Vertreter der 68er Bewegung Karriere bei ihrem Marsch in die Institutionen. Die Konsequenz: Im Osten konnten die 68er nie wirklich in die Breite wirken, weil sie zu großen Teilen das Land verlassen oder in die innere Emigration gehen mussten. So wurde „68“ faktisch zu einer westlich dominierten Chiffre.

 

1989 oder: Der Sieg der Ost-68er

Das änderte sich erst im Jahr 1989. Mit dem Fall der Mauer und dem Ende des Warschauer Paktes war das, was Herbert Marcuse bereits 1967 analysiert hatte, tatsächlich eingetreten: „Ich gehe von dem Begriff aus, dass es in der heutigen Situation kein Außerhalb des Kapitalismus mehr gibt.“ Gleichzeitig aber war damit der radikale Anspruch der West-68er auf Überwindung des Kapitalismus gescheitert. Was folgte, war der große Katzenjammer und die radikale Abkehr vieler 68er von den einstigen Zielen.

 

Hinter dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs verbarg sich aber auch ein Erfolg der 68er des Ostens – biographisch wie auch inhaltlich. Schlussendlich hatte sich doch jene westliche, angeblich bloß formale Demokratie in ganz Europa durchgesetzt, die man bereits 1968 angestrebt hatte. „89“ war nun tatsächlich ihre Revolution, und zwar eine wirkliche, politische, der Sturz eines für unbesiegbar gehaltenen Systems, während „68“ doch immer mehr eine bloß kulturelle Revolte geblieben war.

 

Bei allem Wunsch zur Freiheit hatte „89“ immer auch eine stark nationale und teilweise nationalistische Seite, bedeutete dieses Datum doch nicht zuletzt die nationale Befreiung vom Joch der bolschewistischen Sowjetunion, die mit dem von ihr propagierten Internationalismus vor allem für Unterdrückung nationaler Souveränität und Demokratie stand.

 

So aber steht auch das annus mirabilis 1989 für eine zweite, gewaltige Diskrepanz zwischen Ost und West und den jeweiligen 68ern. Während im nicht zuletzt durch 68 tendenziell postnationalen Westen eine große Reserve gegenüber der Rückkehr des Nationalen herrschte, eroberten die 68er des Ostens wie Václav Havel lustvoll die nationalen Regierungsämter. Nun gelangte wirklich die „Phantasie an die Macht“.

 

2018 oder: Die 68er gegen die Demokratur

Heute hingegen – 50 Jahre nach 1968 und bald 30 Jahre nach 1989 – erleben wir eine weitere Zäsur, nämlich den finalen Backlash: Die nationalen Energien schlagen zurück. Heute zeigt sich, dass die internationalistischen Ziele der West-68er, das angenommene Scheitern jedes nationalen Weges, unverwirklicht geblieben sind. Von Washington über Budapest und Ankara bis nach Moskau und Peking erleben wir heute den Umschlag in das Gegenteil von 1968, nämlich eine Phase der globalen Entdemokratisierung und Renationalisierung.

 

Als kulturelle Revolte war 1968 ein Projekt fundamentaler Entgrenzung, des Aufbruchs in neue Räume. Unsere Jahre stehen dagegen für die Renaissance der Grenzen, das Ende der utopischen Hoffnungen und die Flucht in das eng Umzäunte. 1968 ging es um Teilhabe und Partizipation, Demokratisierung und Emanzipation; heute geht es um Sicherheit und Ordnung, Autorität und Abgrenzung.

 

Letztlich steht unsere Zeit für den endgültigen Umschlag von der Utopie von „68“ zu dem, was der Soziologe Zygmunt Baumann in seinem letzten Buch „Retrotopie“ genannt hat: die Sehnsucht nach Sicherheit und Ordnung bei zunehmendem Orientierungsverlust in der „flüchtigen Moderne“. In einem Zeitalter der totalen Chaotisierung – einer Welt aus den Fugen – sehnt sich auch der westliche Mensch zunehmend zurück in die Vergangenheit, zurück in die Übersichtlichkeit einer umschlossenen Gemeinschaft.

 

Mit der europäischen Flüchtlingskrise von 2015 und dem dadurch ausgelösten Gefühl der Auflösung jeglicher Grenzen ist dieses Ordnungsbedürfnis voll in ganz Europa ausgebrochen – als ein neuer Kulturkampf zwischen Globalisten und Lokalisten und auch als ein neuer Deutungskampf um „68“. In dieser Stunde der Rechten werden sogar die einst linken, demokratischen Parolen im Kampf um die kulturelle Hegemonie von rechts in Anschlag gebracht. Mit „Wir sind das Volk“ operiert die neue Rechte gegen die angeblichen linken Eliten. „Wir wollen weg vom links-rot-grün-versifften 68er-Deutschland!“, propagiert AfD-Chef Jörg Meuthen und steht damit treu an der Seite von Viktor Orbán und Marine le Pen.

 

Hier, in der Gegnerschaft gegen 68, finden die Anti-68er in Ost und West wieder zusammen, in ihrem Kampf für eine ganz andere, anti-parlamentarische Form der “Demokratie” – ohne Rechtsstaat, mediale Kontrolle und Opposition, kurzum: für eine identitäre Demokratie im Geiste Rousseaus, in der sich der Volkswille in dem einen charismatischen Führer verwirklicht. Das ist die Idee einer neuen „illiberalen Demokratie“ (Viktor Orbán), deren Vorreiter in Europa seit jüngstem nicht mehr nur in Ungarn und Polen an der Macht sind, sondern auch schon in Italien – und mit der AfD längst im Deutschen Bundestag sitzen.

 

Diese neue Kampffront gegen 68 bietet aber ironischerweise auch den verbliebenen 68ern im Osten und Westen wie auch ihren Nachfolgern eine neue Chance und historische Aufgabe. All jene, die sich 1968 noch so gründlich missverstanden haben, streiten heute Seit‘ an Seit‘, bei der gemeinsamen Verteidigung der liberalen Demokratie in Europa – gegen die Orbáns und Kaczyńskis, die Trumps und Putins und Erdoğans. 50 Jahre nach „68“ sind die 68er in Ost und West damit doch noch vereint. Das große Missverstehen hat ein Ende.

 

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Albrecht von Lucke

Albrecht von Lucke, geb. 1967. Der studierte Jurist und Politologe ist Redakteur der größten politisch-wissenschaftlichen Monatszeitschrift im deutschen Sprachraum, der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ (www.blaetter.de). Zuletzt erschien von ihm „Die schwarze Republik und das Versagen der deutschen Linken“ (Droemer, München 2015).

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