Polnische Spuren – aber welche?

Was verbindet Schlagworte wie Gans, Ikea, Fußball oder der Mazurka-Tanz miteinander? Und was haben DJ Tomekk oder Johannes Paul II. gemeinsam? Was sind die Polnische Apotheke in Berlin, die Hochzeit in Landshut, und wer war „die lachende Polin“? Der Schlüsselbegriff lautet hier: Polen. Aber was bedeutet dieses Wort in Deutschland wirklich?

 

Das Deutsche Polen-Institut in Darmstadt hat zusammen mit der Bundeszentrale für politische Bildung ein Lexikon unter dem Titel „Polnische Spuren in Deutschland” herausgegeben. Bei der Bestellung des Buches im Onlineshop für nur 7,00 Euro würde man eine dünne Broschüre erwarten. Doch das, was wir bekommen, überschreitet die Erwartungen.

 

Das Lesebuchlexikon „Polnische Spuren in Deutschland” hat über vierhundert Seiten und ist das Ergebnis der Arbeit von 17 Autoren und Herausgebern, darunter Prof. Dr. Dieter Bingen, Dr. Matthias Kneip, Dr. Markus Krzoska, Basil Kerski, Dorota Danielewicz, Thomas Kycia, Manfred Mack und viele andere Experten, die sich mit der Polenforschung in Deutschland beschäftigen. Das Team aus Historikern, Polonisten, Übersetzern und Schriftstellern hat etwa 200 Stichworte vorbereitet, die sich jedoch von einem klassischen Lexikon unterscheiden – sie sind in einer verständlichen, zeitgemäßen Sprache geschrieben. Man liest sie mit Leichtigkeit und Freude, nicht wie ein typisches Lexikon. Die zahlreichen Fotos, Illustrationen und Collagen sorgen für eine ansprechende Ästhetik.

 

Die Idee für ein solches Buch entstand bereits vor etwa fünf Jahren, reifte langsam und nahm die Gestalt eines immer seriöser werdenden Projekts an. Inzwischen sind ähnliche Publikationen mit rein wissenschaftlichem Charakter für die einzelnen Regionen geschrieben worden, beispielsweise über die Polen in Bayern oder in Berlin. 2014 verfasste Dr. Peter Oliver Loew das Buch „Wir Unsichtbaren: Geschichte der Polen in Deutschland“ (das auch in Polen im Jahre 2017 beim Verlag Wydawnictwo Uniwersytetu Warszawskiego erschien), das ebenfalls zur Inspiration für weitere Forschungsarbeiten sowie für das Lexikon wurde.

 

Beim Gespräch mit den Autoren des Buches antwortet Andrzej Kaluza, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Polen-Instituts sowie Mitherausgeber, auf die Frage, mit welchen Einträgen es beim Schreiben des Lexikons die größten Schwierigkeiten gegeben habe: „Am schwierigsten war für mich die Beantwortung der Frage, was “Spuren“ überhaupt sind. Sind es nur materielle Dinge? Denkmäler, Gebäude? Oder vielleicht Traditionen und Erzählungen? Wir dachten darüber nach, wie man die Spuren verschiedener Art qualifizieren und auswählen sollte und entschieden uns für ein möglichst breites Spektrum. Daher ist die Auswahl der Einträge vielleicht subjektiv, denn viele interessante Vorschläge mussten leider abgelehnt werden. Aber wir wollten beispielsweise auch nicht die Augen vor unangenehmen Problemen verschließen, daher gibt es solche Stichworte wie Prostitution, Schmuggel oder Saisonarbeit.“

 

Die Auswahl der Stichworte überrascht manchmal und lässt sich nicht eindeutig charakterisieren. Zu Anfang wirkt das scheinbare Durcheinander erstaunlich. Der einzige gemeinsame Bezugspunkt ist hier Polen, das auf verschiedenen Ebenen von Assoziationen, Kontexten, Ereignissen und Namen zu finden ist. Dank mancher Einträge gewinnt das Buch an Leichtigkeit, bleibt dabei aber immer auch seriös wie ein Lexikon. Es enthält viele historische und politische Informationen, Ereignisse und Phänomene, die das polnische und deutsche Bewusstsein bezüglich der gegenseitigen Nachbarschaft geformt haben, doch genauso sind Begriffe zur Popkultur, zu den Bräuchen und dem Alltagsleben der Polen in Deutschland zu finden. Wir können also etwas über polnische Familiennamen in Deutschland, über Polenwitze, polnische Marken oder Produkte erfahren. Abgesehen der Namen und Kurzbiografien von mit Deutschland im Alltagsleben verbundenen Personen, finden wir im Lesebuch auch bekannte Polen, die man nicht eindeutig mit Deutschland assoziiert. So ist das im Falle von Andrzej Wajda, Agnieszka Holland, Witold Gombrowicz, Adam Zagajewski und vielen, vielen anderen. Wir erfahren etwas über deutsch-polnische Ehen. Es tauchen auch die Namen junger Künstler auf, die vor allem in Deutschland bekannt sind, wie beispielsweise Dj Tomekk, Mark Forster, Toony, Natalia Avelon, die hier künstlerisch tätig sind und Erfolge feiern und von deren polnischer Abstammung nur wenige wissen. „Diese Vorgehensweise sollte bei den Lesern einen Überraschungseffekt hervorrufen. Polnische Spuren sind nicht nur mit Geschichte verbunden: es gibt auch Einflüsse in der Popkultur“, fügt Andrzej Kaluza hinzu.

 

An der Geschichte kommt das Lexikon nicht vorbei. Die Autoren gehen auf solche Themen wie Holocaust, Zwangsarbeit und Vertreibungen ein. Einen wichtigen Platz nehmen im Lexikon die Grenzstädte – Frankfurt (Oder), Görlitz, Guben – ein, nicht nur die multikulturellen Großstädte wie Berlin, Hamburg oder München, in denen seit Jahren Menschen mit polnischem Migrationshintergrund leben.

 

„Das ist eine ebenso unterhaltsame wie informative Lektüre, die auch die dunklen Seiten der deutsch-polnischen Beziehungen nicht ausspart. Und ohne dass es formuliert würde, macht sie deutlich, dass ein Lexikon der deutschen Spuren in Polen viel düsterer ausfallen müsste“ – schrieb Johannes Breckner in der „Allgemeinen Zeitung”. Mit Sicherheit hat er recht, doch das Lexikon „Polnische Spuren in Deutschland” verfolgt das Ziel, das gegenseitige Image aufzupolieren. Das betrifft sowohl die Deutschen wie auch die Polen.

 

Für wen ist eigentlich dieses Buch gedacht? Diese Frage stellte ich Dr. Peter Oliver Loew, der bei der Entstehung des Buches als Mitherausgeber engagiert war. „Die Zielgruppe ist denkbar weit gefasst – in erster Linie deutschsprachige Interessierte aus Deutschland, wobei es ein Anliegen der Bundeszentrale für politische Bildung war, auch Schülerinnen und Schüler anzusprechen. Aufgrund der thematischen Bandbreite der vielen Beiträge dürfte aber für jeden und jede etwas dabei sein, auch für Personen mit polnischem Migrationshintergrund, denn nicht wenige der ,Polnischen Spuren‘ dürften auch ihnen neu sein.” Andrzej Kaluza fügt hinzu: „Das ist kein Buch nur für Auslandspolen. Es ist auch keine Enzyklopädie.“

 

Noch ist nicht klar, ob das Buch ins Polnische übersetzt und in Polen herausgegeben wird. Gewiss würde es die Geschichte der schon oft seit Generationen im Ausland lebenden Polen sowohl ihren Landsleuten im Heimatland als auch denjenigen, die heute nach Deutschland kommen, näherbringen.

 

Aus dem Polnischen von Agnieszka Grzybkowska

 

Leseproben aus dem Buch finden Sie auf der Seite des Deutschen-Polen Instituts: https://www.deutsches-polen-institut.de/publikationen/einzelveroeffentlichungen/polnische-spuren-in-deutschland/#inhalt

Käuflich zu erwerben ist das Buch für nur 7,00 € bei der Bundeszentrale für politische Bildung: http://www.bpb.de/shop/buecher/zeitbilder/266408/polnische-spuren-in-deutschland

 

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Natalia Staszczak-Prüfer

Natalia Staszczak-Prüfer ist Theaterwissenschaftlerin, freiberufliche Journalistin und Übersetzerin.

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