Medien in der Vertrauenskrise

Der deutsche Journalismus hat ein Problem. „Lügenpresse, halt die Fresse“, schreit und stöhnt der Wutbürger. „Vertrauenskrise“, sagt der Leipziger Medienforscher Uwe Krüger, ausgelöst durch die Ukraine-Berichterstattung 2014 – durch ein „Schwarz-Weiß-Bild“, in dem „wesentliche Fakten unterschlagen“ worden seien. Flüchtlinge und die Silvesternacht von Köln, Putin, Syrien. Krüger: „Man merkt die Absicht und ist verstimmt“. Außerhalb von Politik und Universität (bei Demonstrationen, im Internet, in Sachbüchern) wächst eine Medienkritik, die sehr emotional geführt wird, journalistische Qualität generell in Frage stellt und oft nicht einmal mehr an einem Dialog mit etablierten Akteuren interessiert zu sein scheint.

 

Der Spiegel besuchte im Februar 2018 einige der Unzufriedenen und fand die gängigen Vorwürfe: Journalisten würden „ihre Leser erziehen“ wollen, deshalb „Fakten“ unterschlagen oder biegen und ein „Meinungskartell politischer Korrektheit“ aufbauen. Das Nachrichtenmagazin klagte über die „Verachtung“, die professionellen Journalisten mittlerweile selbst „von Bildungsbürgern“ entgegengebracht werde („Rechtsanwälte, Beamte, Steuerberater und Apotheker“), und diagnostizierte, dass „die Zweifel an der journalistischen Redlichkeit in die Mitte der Gesellschaft“ vorgedrungen seien.

 

Umgekehrt scheint sich auch der professionelle Journalismus im Gegensatz zu dieser Spiegel-Reporterin zumindest in Teilen einzukapseln und Angriffe mit Schlagworten wie Querfront oder Verschwörungsideologie abzustempeln. Der Journalist Marcus Klöckner hat tiefe „Gräben zwischen Vertretern großer Medien und ihren Kritikern“ beobachtet und bezweifelt, dass die Redaktionen der „Leitmedien“ überhaupt noch an „einer sachlichen Diskussion“ interessiert seien. Zum einen gebe es für ein solches Gespräch im Moment offenbar keinen Ort (weder in Talkshows noch bei den unterschiedlichen Tagungsformaten, bei denen die Parteien jeweils unter sich bleiben würden). Und zum anderen gehe es bei der gegenwärtigen Medienkritik nicht um Lappalien: „Es geht nicht darum, dass irgendein Journalist oder irgendein Medium hin und wieder irgendeinen Fehler macht. Die Medienkritik, die spätestens seit der Ukraine-Krise immer lauter geworden ist (…), durchdringt die Oberflächen-Wahrnehmung von Journalismus und Mediensystem“ und scheue auch vor „provokanten Vorschlägen für Strukturveränderungen“ nicht zurück (hier: öffentlich-rechtliche Stiftungen für Tageszeitungen).

 

Hat sich der Journalismus verändert? Wird heute anders berichtet als vor 20 oder 30 Jahren? Oder hat sich das Publikum verändert? Urteilen wir heute anders als vor 20 oder 30 Jahren? Antwort: Beides ist richtig. Und beides sollte uns dazu bringen, (wieder) über die Medien zu sprechen – über die Qualität des Journalismus und darüber, was wir uns guten Journalismus kosten lassen wollen.

 

Zunächst zu den Medieninhalten. Jeder Nutzer weiß, was uns die Massenmedien heute im Sekundentakt liefern. Exklusivnachrichten, Einmaliges, Superlative. Das Spiel des Jahres. Das Spiel des Jahrzehnts. Der Spieler des Jahrhunderts. Das, was wir so nicht erwartet haben. Journalisten vereinfachen, spitzen zu, übertreiben. Sie erzählen uns tagelang immer wieder die gleiche Geschichte, geschmückt mit neuen Details, sie berichten, was Prominente erlebt haben und was uns anderen Außergewöhnliches passiert ist. In Schlagworten, leicht verständlich, leicht bekömmlich. Über Politik, Kultur, Wirtschaft wird heute nicht nur weniger berichtet als in den 1980er Jahren, sondern auch anders. Atmosphäre statt Programmdiskussion. Konflikte zwischen Spitzenpersonal statt Streit um Inhalte. Schulz gegen Gabriel gegen Nahles. Was so eine Partei will, ist am Ende völlig egal. Also redet die Partei vor allem über Gesichter und darüber, wer was wann in der Presse sagen darf.

 

Wie es dazu kommen konnte? Punkt eins: Die Politik hat kommerziellen Rundfunk zugelassen und so die Kontrolle über das aufgegeben, was wir sehen und hören. Internet und soziale Medien haben das nur eine Schleife weitergedreht. Diese drei Medienrevolutionen haben die Zahl der Akteure in die Höhe katapultiert. Es gibt heute unglaublich viele Anbieter, die um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren. Und es gibt Anbieter, denen Pressegesetze, Rundfunkstaatsverträge und öffentliche Aufgabe der Medien völlig egal sind. Wenn ich Spieler im System habe, die nur Aufmerksamkeit maximieren müssen und sonst nichts, dann hat das auch Folgen für die traditionellen Medien. Dann kann ich selbst dann nicht so weitermachen wie bisher, wenn ich das wollen würde.

 

Punkt zwei: Die (neue) Konkurrenz verändert nicht nur die Regeln, nach denen die traditionellen Anbieter spielen (müssen), sondern hat auch Folgen für die Ressourcen und den Arbeitsalltag. Geteilte Aufmerksamkeit, geteilte Einnahmen bei Werbung und Abonnenten. Das heißt: Heute gibt es in Deutschland deutlich weniger Journalisten, die viel schneller und mit viel weniger Geld viel mehr Inhalt produzieren müssen. Man recherchiert weniger vor Ort, man schreibt mehr voneinander ab. Und das geneigte Publikum spekuliert über einen direkten Draht zum Kanzleramt, anstatt den kapitalistischen Arbeitsalltag in den Redaktionen für das verantwortlich zu machen, was ihm die Journalisten vorsetzen.

 

Punkt drei: Unsere Welt ist heute mehr als je zuvor Medienrealität. Die Funktionalität des Mediensystems wird durch einen Prozess bedroht, den ich Medialisierung nenne. Durch Akteure, die ihre Strategien an die Medienlogik anpassen und ganze soziale Funktionssysteme umbauen, die Politik, die Kunst, die Wissenschaft. Gut aussehen und gut rüberkommen und dafür zur Not auch das vernachlässigen, um was es im jeweiligen System eigentlich geht. Das beginnt sowohl bei Spitzenpersonal, das medientauglich sein muss, wie auch bei spektakulären Projekten, Events, Ideen oder Bauten, mit denen man garantiert in die Medien kommt, und das endet bei den einfachen Mitarbeitern, von denen PR-Bewusstsein verlangt wird. Auf keinen Fall etwas machen, was uns in der Öffentlichkeit schlecht dastehen lässt. Stattdessen überhaupt etwas machen, mit dem wir in die Öffentlichkeit kommen. Das Prinzip Markus Söder.

 

Zur Medialisierung gehört alles, was in Politik, Wirtschaft, Kultur, Justiz, Wissenschaft getan wird, um positive Medienberichterstattung zu garantieren – von der akademischen Journalistenausbildung über Image-Politik bis zur Produktion von passenden „Fakten“ und Störfeuerargumenten in Think Tanks. Heute geht nichts mehr ohne öffentliche Aufmerksamkeit und ohne öffentliche Legitimation. Egal ob Großprojekt, Karriere oder politische Idee: Sie brauchen die Medien. Sie müssen die Berichterstattung entweder unterbinden oder die Logik des Systems für ihre Interessen nutzen.

 

Vor allem für die Politik (und erst recht für die Außenpolitik) ist es gar nicht so schwer, die eigene Sicht der Welt in den Redaktionen zu platzieren. Man kommt aus ähnlichen Verhältnissen wie andere Entscheider, man studiert bei den gleichen Professoren, man lebt ganz ähnlich und sieht die Welt dann auch nicht sehr viel anders. Dass das so bleibt, wird über die renommierten Schulen gesichert: Die Eliten suchen sich ihre Journalisten aus, sagt Uwe Krüger.  Später sprechen sie dann auch mit ihnen. In Berlin, in Brüssel. Das wäre nicht gut, wenn ihr das jetzt so schreibt. Überleg doch mal. Als Dank gibt es Exklusivnachrichten und überhaupt jede Menge Futter, damit die Medienmaschine weiterlaufen kann.

 

Die Indexing-These von Lance Bennett geht noch einen Schritt weiter: Journalisten würden schon über Konflikte in der Gesellschaft berichten, das ja. Bedingung: Die entsprechenden Ansichten müssen in der offiziellen politischen Debatte vorkommen, im Parlament zum Beispiel. Was das offizielle Berlin nicht diskutiert, erscheint nicht in den Medien, und was Politik oder Wirtschaft nicht vorkauen, kann der Journalist nicht verdauen. Uwe Krügers spricht von einer „Verantwortungsverschwörung“. Der Journalist weiß, was gut oder schlecht ist, und er glaubt, dass er Einfluss auf die Menschen hat. Also lässt er das weg, was in die falsche Richtung führen könnte, und bedient damit die politischen Interessen, anstatt diese Interessen offenzulegen und zu kritisieren.

 

Vermutlich sind Indexing, Nähe und Verantwortungsverschwörung nicht neu. Vermutlich war der Journalismus schon immer eher auf der Seite der Mächtigen. Was aber neu ist: Der Journalismus hat das Monopol in Sachen Deutungshoheit verloren. Heute kann sich jeder mit einem Mausklick eine alternative Interpretation der Wirklichkeit auf den Bildschirm holen. Der Journalismus sollte deshalb aufhören, Neutralität und Objektivität zu versprechen, Ausgewogenheit und Vollständigkeit. Mir würde Transparenz reichen. Woher hat man das Material, wem wird es möglicherweise helfen, wie steht man selbst dazu? Vielleicht löst das ja schon das Problem.

 

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Michael Meyen

Michael Meyen ist Professor für Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Gerade von ihm erschienen im Westend-Verlag in Frankfurt/Main: Breaking News: Die Welt im Ausnahmezustand. Wie uns die Medien regieren.

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