Putins Weltmeisterschaft

Erstmals in der Geschichte der Fußballweltmeisterschaften findet das Großereignis in diesem Jahr auf zwei Kontinenten gleichzeitig statt, und sie wird die erste sein, bei der die Begegnungen teilweise in Osteuropa ausgetragen werden.

 

Der Kampf der Kaiserreiche

Wie so viele Dinge in diesem Koloss auf tönernen Füßen, hinkte auch der Fußball im Russländischen Reich hinter der Entwicklung im Westen hinterher. Als es in England längst eine Profiliga gab, hatte in Russland kaum jemand auch nur gerüchteweise von der Sportart gehört. Die Obrigkeit legte der Etablierung des Fußballs Hindernisse in den Weg, da sie ihn als politisch gefährlich einstufte – dem Zarenreich waren generell Vereinsbildungen an der gesellschaftlichen Basis verdächtig, und es bestand die Befürchtung, Fußballklubs könnten eine Fassade für terroristische Zellen oder politische Parteien sein.

 

Ein nationaler Fußballverband wurde spät gegründet, nämlich erst 1912. Der Verband war schließlich eine Gründung von passionierten Fußballanhängern, zu einem Zeitpunkt, da Russland immer noch nicht über eine Liga verfügte, die den Namen verdient hätte. Die Gründung erfolgte, damit eine russische Nationalelf an den olympischen Spielen in Stockholm teilnehmen konnte, den fünften der Neuzeit. Dies sollte ihr erster Auftritt im Ausland sein.

 

Ihre Fähigkeiten langten den Russen gerade einmal für zwei Spiele. Das erste verloren sie gegen die eigene Provinz, der sie eine eigene Nationalmannschaft gestattet hatten, nämlich gegen das Großfürstentum Finnland, wohingegen die Polen selbstverständlich keine eigene Mannschaft bekamen. Im zweiten Spiel hatten sie sich dem Deutschen Reich zu stellen, und die Begegnung endete mit einem 16:0 für die Deutschen, obwohl diese nicht einmal besonders guten Fußball spielten. Der Niedergang der Imperien an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert fiel zusammen mit dem Aufstieg des internationalen Fußballs; das Ergebnis war, dass heute exotische Begegnungen wie die genannten die Fantasie beflügeln.

 

Eine Non-Splendid Isolation

Der Fall des Zarentums brachte den gerade erst aufblühenden russischen Fußball beinahe an sein Ende. Nach der Oktoberrevolution stand seine Zukunft in der Sowjetunion lange Jahre in Frage. Denn die besonders verbohrten sowjetischen Kultur‑ und Sportideologen behaupteten, Fußball sei eine bourgeoise Erfindung, die auf Betrug beruhe und in der schönen neuen Welt keinen Platz habe. Man ging sogar daran, sich neue Abarten des Sportes auszudenken.

 

Einige Jahre später wurde Fußball zwar nicht mehr verdammt, aber auch nicht gerade gefördert. Erst seit Mitte der dreißiger Jahre erfreute er sich der Gunst der Machthaber: Damals sah Stalin zum ersten und einzigen Mal ein Spiel (übrigens besuchten sowohl Hitler wie Stalin zum einzigen Mal ein Fußballspiel innerhalb eines Monats), damals wurde auch eine sowjetische Liga gegründet, gleichzeitig mit einer Basketballliga, etwas später gefolgt von einer Eishockeyliga. Der aus dem Westen stammende, kompetitive Sport fand wieder Gnade in den Augen der Mächtigen.

 

In der Zwischenkriegszeit verlor die Auswahl der Sowjetunion prompt zwei von der FIFA ausnahmsweise anerkannte Begegnungen, denn eigentlich war die UdSSR fußballerisch in der Welt isoliert. In beiden Fällen handelte es sich um Freundschaftsspiele, beide gegen Atatürks Türkei, eine ziemlich schwache Nationalelf. Moskau pflegte damals gute Beziehungen zu Ankara. Die Sowjets nahmen damals weder an olympischen Spielen teil (als Alternative veranstalteten sie die Spartakiaden), noch an Fußballweltmeisterschaften. So verpassten sie die ersten fünf WMs und fünf Olympiaden. Damit war Russland bzw. die UdSSR vier Jahrzehnte lang oder nicht weniger als zwei Generationen im Weltfußball nicht präsent. Eine derartige Isolation der Klubs und der Mannschaften schlug sich auf das sportliche Niveau nieder und der Fußball wurde zu einer Geisel der Ideologie.

 

Das war nicht allein ein Propagandaproblem: Fußballer, Trainer und Funktionäre verloren für gute oder schlechte Spielergebnisse (abhängig davon, was die Machthaber gerade wollten) die Freiheit oder das Leben. Die vier Starostin-Brüder, Legenden des sowjetischen Fußballs und Gründer von Spartak Moskau, landeten für zehn Jahre im Lager, nur weil sie, dies gewiss der Grund für ihr haarsträubendes Schicksal, mit Lawrentij Berija in Konflikt geraten waren, der Fan und Patron der Konkurrenzmannschaft Dynamo Moskau war. Ähnlich erging es nach dem Krieg Eduard Strelzow von Torpedo Moskau, genannt der russische Pelé. Dies sind nur die bekanntesten Beispiele für sowjetische Fußballer, denen die Politik die Karriere verhagelte. Davon gab es eine Unmenge.

 

Ein politisches Spiel

Erst in der Nachkriegszeit begab sich die UdSSR mit ihrem Beitritt zur FIFA 1946 auf die Bühne des Weltfußballs, und auch das geschah nur zögerlich. Zahlreiche Augenzeugen berichten davon, wie Stalin vor den olympischen Spielen von 1948, bei denen die sowjetische Nationalmannschaft ihr Debüt haben konnte, die führenden sowjetischen Sportfunktionäre zu sich bestellte und fragte: „Können wir sicher sein zu gewinnen?“ Auf die Antwort, das sei zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht der Fall, verschob er das Olympiadebüt um weitere vier Jahre.

 

Nach Ablauf dieser Frist ging es dann los. Über die folgenden Jahrzehnte blieb die sowjetische Nationalmannschaft Spielball einer Politik, die dem Fußball das Leben schwermachte. Jeder Gegner wurde unter ideologischen Gesichtspunkten durchleuchtet. Die Geschichte der UdSSR lässt sich zum guten Teil anhand der Spiele ihrer Nationalmannschaft während des Kalten Kriegs erzählen. Ganz am Anfang ihres Debüts auf der internationalen Arena mussten die Sowjets ausgerechnet gegen Jugoslawien spielen, also gegen das Land des Renegaten Josip Broz-Tito; das geschah während der Londoner Olympischen Spiele von 1952 auf dem Höhepunkt der jugoslawisch-sowjetischen Krise. Moskau konnte sich keine Niederlage erlauben. Die sowjetische Mannschaft kämpfe wie die Löwen, und obwohl sie 1:5 zurücklag, schaffte sie noch in der letzten Viertelstunde den Ausgleich, doch in einem weiteren Spiel unterlag sie schließlich dem Rivalen. Der Preis, den die Nationalspieler dafür zu zahlen hatten, hätte eine eigene Geschichte verdient. Nach dieser Niederlage wurde der damals führende Klub, der ZSKA Moskau, zum Sündenbock gemacht und aufgelöst, und die Nationalmannschaft durfte längere Zeit nicht international spielen.

 

Oder auch das Jahr 1955 und das Spiel gegen die Bundesrepublik Deutschland, die ein Jahr zuvor im Endspiel, dem „Wunder von Bern“, das sozialistische Ungarn geschlagen und Weltmeister geworden war. Es war die erste Begegnung der beiden Länder, schwanger von Bedeutung: Bonn und Moskau unterhielten noch keine offiziellen Beziehungen, Westdeutschland war wenige Monate zuvor der NATO beigetreten, woraufhin der Warschauer Pakt gebildet wurde. Vor allem aber fand das Spiel zum zehnten Jahrestag des „Siegs über den Faschismus“ statt, und zwar in Moskau. Und unerwartet besiegten die Sowjets die Westdeutschen in diesem Spiel ohne jede sportliche, dafür aber von größter politischer Bedeutung. Sportfunktionäre nannten die Begegnung später das „Spiel des Jahrhunderts“ oder auch das „wichtigste in der Geschichte der UdSSR“.

 

Die Beispiele ließen sich mehren: 1964, Endspiel der Europameisterschaft, Niederlage gegen Francos Spanien. 1973, Vorrunde der Weltmeisterschaft und Absage der Sowjets, sich zum für das Weiterkommen entscheidenden Spiel zum Turnier nach Chile zu begeben, in dem gerade eben der Sozialist Allende gestürzt worden war und sich eine rechtsgerichtete Junta unter Pinochet an die Macht geputscht hatte; folglich wurde die UdSSR disqualifiziert. Die sowjetischen Fußballer verloren die Chance auf einen Auftritt bei der WM und die Fans darauf, sie zu unterstützen. In dieser Art setzte es sich fort.

 

Erfolgreicher waren die Sowjets in zwei weiteren Mannschaftssportarten, im Basketball und im Eishockey. Fußball spielten sie höchstens auf einem annehmbaren Niveau: Einmal wurden sie Europameister, mehrere Male Vizemeister. Bei den Weltmeisterschaften spielten sie aber stets beträchtlich unter Erwartung. Sie spielten erstmals 1958, qualifizierten sich nicht immer, und ihre größter Erfolg war ein vierter Platz. Während der letzten beiden Jahrzehnte der Sowjetunion schaffte das Land es bei fünf Weltmeisterschaften zweimal nicht durch die Qualifikation, und dreimal gelangte sie nicht einmal bis zum Viertelfinale. Das war für eine Supermacht eine miserable Bilanz, die doch gerade im Sport ihre symbolisch wichtigsten Auseinandersetzungen mit den „bourgeoisen“ Ländern führte. Allerdings konnten sich die Sowjets damit trösten, dass die US-Amerikaner Fußball noch schlechter spielten.

 

Weltmeisterschaft trotz Krim

Der Zerfall der Sowjetunion kam so unterwartet, dass zur Europameisterschaft von 1992 eine sogenannte Vereinigte Mannschaft fuhr, die sich aus Fußballern der meisten gerade in die Unabhängigkeit gehenden Republiken zusammensetzte (auch wenn überwiegend Russen und Ukrainer spielten). Die allgemein als GUS (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten) bezeichnete Mannschaft schied in der Gruppenphase aus und wurde zum Kuriosum für Sporthistoriker und Sammler von Panini-Bildchen. Die Wege der Sowjetrepubliken trennten sich. Es entstand eine selbständige russische Liga, obwohl ernsthaft erwogen wurde, eine GUS-Liga zu bilden (die Funktionäre sollten später nochmals auf diese Idee zurückkommen). Russland wurde formal als Rechtsnachfolger vierer Nationalmannschaften anerkannt: Des Russländischen Reiches, der Russländischen Föderation der Sozialistischen Sowjetrepubliken (RFSSR), der Sowjetunion und der GUS. Doch erwies sich der Zerfall der UdSSR für den russischen Fußball als Katastrophe. Profisportler und Trainer zogen in die weite Welt hinaus, die Fußballer der anderen Republiken wurden in ihre jeweiligen Nationalmannschaften aufgenommen, es fehlte an Geld.

 

Die russische Mannschaft fand keinen Ausweg aus der Krise. Ihr größter Erfolg bei einer Weltmeisterschaft war der Titel eines Torschützenkönigs für Oleg Salenko im Jahr 1994. Dieser Fußballer spielte übrigens erst in der ukrainischen, dann in der russischen Nationalmannschaft, was nach den damaligen Vorschriften noch zulässig war; er schoss im Spiel gegen Kamerun fünf Tore und brach damit den Rekord von Ernest Wilimowski, der bei der Weltmeisterschaft 1938 vier Bälle im Tor der Brasilianer versenkt hatte. Salenko ist vermutlich der einzige Fußballer, der jemals WM-Torschützenkönig wurde, ohne dass seine Mannschaft die Gruppenphase überstand. Mit dieser Kuriosität hat es aber dann auch in Sachen russischer WM-Erfolge schon ein Ende. Bei den anschließenden sechs Weltmeisterschaften nahm Russland nur dreimal teil und kam nie über die Gruppenphase hinaus.

 

Eine löbliche Ausnahme war der Auftritt der Nationalelf bei der Europameisterschaft 2008, bei der sie unerwartet den dritten Platz belegte; das war überhaupt der größte Fußballerfolg der Russländischen Föderation.

 

Die russländische Liga spielt insgesamt auf einem weit besseren Niveau als die Nationalelf und belegt im UEFA-Vergleich in etwa den sechsten Platz, aber schadet damit der Nationalmannschaft. Ein Paradox? In die russischen Klubs haben Staat und Oligarchen Unsummen gesteckt und damit ausländische Fußballstars angezogen. Daher spielen die meisten Russen in der Heimat und gehen nicht in bessere Mannschaften ins Ausland, um sich dort weiterzuentwickeln, neue taktische Finessen kennenzulernen usw. – wieso sollten sie das auch tun, wo sie doch in Russland selbst eine hübsche Stange Geld verdienen können? Für die Nationalmannschaft findet sich auch das Geld, aber mit den Handballern aus Katar ist da schwer mitzuhalten, die für Petrodollars eine gute Nationalmannschaft haben aufbauen können.

 

Die russische Nationalelf ist also Mittelmaß, aber doch eine von gerade mal zweien postsowjetischen Mannschaften (neben der ukrainischen), die sich überhaupt jemals für eine WM haben qualifizieren können. Kasachstan (außer Israel das einzige asiatische Mitglied der UEFA) oder Litauen können davon nur träumen.

 

Auch ist sie eine in Politik und Affären verstrickte Mannschaft. Denn ist es etwa normal, dass der Pate des russischen Fußballs Witalij Mutko, nach der Dopingaffäre vom Internationalen Olympischen Komitee auf Lebenszeit disqualifiziert, an der Spitze des Russischen Fußballverbands steht? Oder ist es nicht etwa merkwürdig, dass von sechs Fällen, in denen die UEFA Spiele aufgrund der zwischen den beteiligten Ländern bestehenden politischen Spannungen untersagt hat, zwei auf die russische Nationalelf entfielen? Auch hier ließe sich die Liste der Beispiele leicht verlängern.

 

 

Es besteht kein Zweifel, dass seit Dezember 2010, als Sepp Blatter den Russen die WM zusprach, das russische Staatsfernsehen sich eine Antwort auf die Frage überlegt hat, die sich im Sommer 2018 stellen wird: „Wieso haben wir verloren?“ Heute hat es eine passende Antwort parat. Auch aus dem Internet kommt hilfreiches Geraune. Dort kursiert ein Meme mit einer angeblichen Aussage Putins, die auf die russische Invasion der Krim Bezug nimmt und seine Reaktion auf die WM-Niederlage der Russen sein soll: „Das waren nicht unsere Fußballer. Solche Trikots gibt es in jedem Laden zu kaufen.“ Der Kreml kann sich eine Niederlage im Sport erlauben, denn sein eigentliches Ziel bei der WM ist ein politischer Erfolg. Alles weist darauf hin, dass er diesen erringen wird. Schade, dass wir es dazu haben kommen lassen.

 

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

 

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Zbigniew Rokita

Zbigniew Rokita ist Reporter und spezialisiert sich auf Themen rund um Osteuropa.

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