Gegen den Strom

Ausstellung über das Lebenswerk des „Brückenbauers“ Władysław Bartoszewski erstmalig in Deutschland im Roten Rathaus Berlin zu sehen (später auch in Magdeburg und Hamburg)

 

Wie brüchig und verwundbar unsere Demokratie, unser Rechtstaat und ein friedliches und prosperierendes Zusammenleben mit all unseren (nahen und entfernteren) Nachbarn sind, kann man dieser Tage täglich den Medien entnehmen. Immer wieder wird von Streitigkeiten, hartem Ringen, Brüchen gar Zerwürfnissen zwischen Politikern, Staatsmännern und Institutionen berichtet. Wo bleiben die Berichte von Menschen – Politikern wie auch Privatpersonen – die Brücken bauen, Verständigung suchen, Verantwortung für ein friedliches Zusammenleben übernehmen und sich für Ehrlichkeit und Menschlichkeit vehement einsetzen?

 

Höchste Zeit also, dass Berlin mit Władysław Bartoszewski in einer Ausstellung im Roten Rathaus an diesen polnischen Intellektuellen, zweimaligen Außenminister, Ausschwitz-Überlebenden, Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime wie auch gegen den Kommunismus , Ideengeber und Brückenbauer im deutsch-polnischen Miteinander, kritischen Begleiter und überzeugten Europäer erinnert. Die vor einem Jahr gegründete Privatinitiative „Berliner für BartoszewskI“ setzt sich für deutsch-polnische Beziehungen im Geist von Respekt, Kooperation sowie Zuversicht in ihre positive Entwicklung ein und hält das Andenken an ihren Namensgeber und seine Gedankenwelt – ausgedrückt durch den Titel seiner Memoiren „Es lohnt sich, anständig zu sein“ – aufrecht.

 

In Dankbarkeit für die Lebensleistung Władysław Bartoszewskis war im letzten Sommer der Wunsch entstanden, dass in Berlin ein Zeichen der Erinnerung an diesen großen Polen und Europäer entstehen sollte, der sich jahrzehntelang intensiv als Brückenbauer zwischen Deutschland und Polen eingesetzt hatte. Aus einem kleinen Kreis von Engagierten wuchs die Initiative. So helfen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, polnische und deutsche Bürger aber auch junge Menschen aus beiden Ländern, die sich Idealen wie Toleranz, Ehrlichkeit, Dialogbereitschaft sowie Zivilcourage verpflichtet fühlen, die gebauten Brücken zwischen unseren Nationen zu erhalten, auszubauen und mit neuen Impulsen zu versehen.

Kurator der Ausstellung Marcin Barcz © Jacek Pietrowski

 

Zu Ihrem einjährigen Geburtstag hat die Bartoszewski-Initiative eine in Warschau entwickelte, aufwändige Ausstellung über das Lebenswerk Władysław Bartoszewskis nach Berlin geholt, die unter dem Titel „Władysław Bartoszewski (1922- 2015) Widerstand – Erinnerung – Versöhnung. Lebensstationen eines großen Politikers und Brückenbauers zwischen Deutschland und Polen“ im Roten Rathaus feierlich mit Prof. Joachim Rogall (Geschäftsführer Robert Bosch Stiftung), Christian Rickerts (Staatssekretär für Wirtschaft) sowie dem Stadtpräsidenten von Sopot, Jacek Karnowski, und dem Kurator Marcin Barcz, eröffnet wurde.

 

Die Ausstellung wurde aus Anlass des Todes von Bartoszewski im September 2015 in Warschau der Öffentlichkeit vorgestellt, wo er bis zum Ende seines langen Lebens beruflich tätig war. Erstmalig ist die Ausstellung jetzt in Deutschland zu sehen, wie Marcin Barcz bei seiner Erläuterung der Konzeption der Schau bekannt gab. Der Ausstellungsmacher und langjährige persönliche Referent Bartoszewskis führte entlang der Themen Widerstand, Erinnerung und Versöhnung durch die Lebensbereiche von Władysław Bartoszewski, die ihm selbst am wichtigsten waren. In seiner Biografie spiegeln sich die Schattenseiten und Hoffnungsschimmer der miteinander verwobenen deutsch-polnisch-jüdischen Geschichte im zwanzigsten Jahrhundert. Zugleich erzählt die Ausstellung vom Widerstand des frei denkenden Menschen gegen jede Form von Unterdrückung, erinnert an die Opfer von Verfolgung und zeigt, wo Versöhnung trotz zugefügten Leids möglich ist. Weil Władysław Bartoszewski jahrzehntelang aktiv an wichtigen politischen Prozessen beteiligt war, ist diese Ausstellung auch eine Erzählung über die neueste polnische und mitteleuropäische Geschichte.

 

In seinem Festvortrag zeichnete Prof. Joachim Rogall die Lebenslinien seines langjährigen Freundes Bartoszewski nach, beginnend mit dessen Faszination für deutsche klassische Literatur über die Schrecken der Nazi-Herrschaft und seine Erfahrungen in Ausschwitz bis hin zu den kommunistischen und post-kommunistischen Zeiten. Bartoszewski hat immer den Menschen, nicht die jeweilige Ideologie im Mittelpunkt seines Handelns gesehen und ist so dem Motto seines Vaters gefolgt: „Es ist mir egal, welcher Herkunft jemand ist, er muss ehrlich sein“. Mit diesem humanistischen Rüstzeug im Gepäck begegnete er zeitlebens Menschen – seien es Juden, Deutsche oder Kommunisten. Er setzte sich für Versöhnung intensiv und gegen viele Widerstände ein.

 

5.10.1986 Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Władysław Bartoszewski durch den Vorsitzenden des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, Günther Christiansen. © Bundesarchiv, B 145 Bild-F073571-0034 / Wienke, Ulrich / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv B 145 Bild-F073571-0034, Frankfurt, Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, Bearbeitung von Redaktion, CC BY-SA 3.0 DE

Dieses Engagement brachte ihm Anerkennung und Ehren ein: Israel verlieh ihm die Auszeichnung eines „Gerechten unter den Völkern“. In Deutschland war er schon seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts oft zu Besuch und erhielt 1986 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Nach dem Ende des Kommunismus in Polen wurde er 1990 erster Botschafter einer freien polnischen Regierung in Wien. 1995 hielt er als Außenminister die Festansprache bei der zentralen Gedenkveranstaltung zum Ende des Zweiten Weltkriegs im Deutschen Bundestag. Dabei zeigte er die Bedeutung der Versöhnung zwischen ehemals verfeindeten Völkern auf.

 

Sein langes Engagement durch seine frühen Kontakte zu Initiativen wie der westdeutschen Aktion Sühnezeichen und zu Pax Christi, ebenso wie seine oft unbequeme Kritik an einer sich allzu sehr bei den kommunistischen Machthabern des Ostblocks anbiedernden Stabilitätspolitik westdeutscher Politiker (namentlich Helmut Schmidt) zeugen von seiner unbestechlichen Urteilskraft und konsequenten Ehrlichkeit. Mit dieser Einstellung begrüßte er von Beginn an die deutsche Vereinigung vorbehaltlos und mit großer Zuversicht: Freundschaft zwischen Deutschland und Polen muss man aufbauen – nicht verordnen, da es sich um einen Prozess handelt und nicht um ein Ergebnis.

 

Rogall ließ in seiner Rede aber auch den Menschen Bartoszewski nicht zu kurz kommen, mit seinem verschmitzten Humor, seinen liebenswürdigen Ecken und Kanten, seinem Temperament, seiner Zuversicht in die junge Generation und seine Begabung, Gesprächspartner regelrecht tot zu reden. Mit den Worten Bartoszewskis „Ich lebe noch, und das geschieht meinen Feinden ganz recht“ schloss der Geschäftsführer der im deutsch-polnischen Beziehungsgeflecht so aktiven Robert Bosch Stiftung seinen Vortrag über den heute so schmerzlich vermissten, 2015 verstorbenen Władysław Bartoszewski.

 

Jacek Karnowski, seit 20 Jahren Stadtpräsident der polnischen Ostseestadt Sopot und von der polnischen „Newsweek“-Ausgabe in diesem Jahr wieder zum beliebtesten Stadtpräsidenten Polens gewählt, ließ die über 300 erschienenen Zuhörer im Festsaal des Berliner Rathauses an einigen Anekdoten teilhaben, die bei Bartoszewskis jährlichen Besuchen der beliebtesten polnischen Küstenstadt Sopot entstanden sind. Die Erinnerungen vieler Stadtbürger sind weiterhin so lebendig, dass es bereits eine Privatinitiative für ein Bartoszewskis-Denkmal gibt.

 

In den Sommermonaten gibt es mit finanzieller Unterstützung der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien und der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung eine Reihe von Sonderführungen und Begleitveranstaltungen zu der Ausstellung im Roten Rathaus. Weggefährten Bartoszewskis werden als kompetente Zeitzeugen ihre Sicht auf den politischen Brückenbauer darlegen, darunter auch die Bundestagspräsidentin a.D. Rita Süssmuth. Auch für Gruppen und Schulklassen besteht das Angebot, an einem spannenden Bildungsprogramm in Verbindung mit dem Ausstellungsbesuch und einem Spaziergang auf den polnischen Spuren in Berlin teilzunehmen.

 

Zur Finissage am 30. August 2018 findet ein kulturelles Programm mit Celina Muza (Gesang) und Zofia Kunert (Regisseurin des Films „Der Brückenbauer“) statt. Die Berliner „Bartoszewski-Initiative“ hat einen wesentlichen Anteil daran, dass nach dem Start in Berlin die Ausstellung durch eine Förderung der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien und der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung noch an weiteren Standorten in Deutschland, u. a. in Magdeburg und Hamburg gezeigt werden kann.

 

Festredner Prof. Joachim Rogall, Robert Bosch Stiftung © Jacek
Pietrowski

Anita Baranowska-Koch, Gründerin der Bartoszewski-Initiative © Jacek Pietrowski

Der Vorsitzende der mit veranstaltenden Deutsch-Polnischen Gesellschaft Berlin, Christian Schröter, bedankte sich im Anschluss bei allen Rednern für ihre jeweils sehr persönliche Würdigung Bartoszewskis und für das große Engagement der Ausstellungsmacher, der Senatskanzlei für die Stellung der Räumlichkeiten und bei der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit für die Ausleihe der Ausstellung.

 

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Detlev Lutz

Detlev Lutz publiziert immer wieder über deutsch-polnische Themen mit kulturellen, verkehrspolitischen oder touristischen Aspekten.

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