Hundert Jahre Unabhängigkeit Polens

Am 11. November 2018 begeht Polen den hundertsten Jahrestag seiner wiedererrungenen Unabhängigkeit. Die Feiern dazu sind in ein großangelegtes Dreijahresprogramm zur Erringung der Unabhängigkeit eingebettet. Der Bogen dieser hundert Jahre spannt sich über die Zeit der Zweiten Republik, ihren Untergang durch den doppelten Überfall Hitlerdeutschlands und der Sowjetunion; die Jahre des Kampfes in Widerstand, Aufständen und Krieg; die 45-jährige Existenz des volkspolnischen Staates sowie die fast dreißig Jahre der III. Republik nach dem Sieg der Solidarność-Kräfte. Jeder dieser Zeitabschnitte und -einschnitte war und ist mit divergierenden Bildern der Verklärung und Ablehnung, Anerkennung und Distanz besetzt.

 

Die Gründung der Zweiten Republik unter Piłsudski

Bereits das Bild der Zweiten Republik, ihrer Begründung nach 123 Jahren der Teilung, die Gefährdungen und Konflikte, denen sie ausgesetzt war und die Wahrnehmung ihres Endes, zeigt extrem verschiedene Züge. Der polnische Intellektuelle Marcin Król äußerte sich im Jahre 2015 in einem Gespräch markant dazu. Er halte den Staatsgründer Józef Piłsudski für ein Genie, habe ihn aber aus seiner Liste erfolgreicher Staatsmänner und Politiker, die von Richelieu bis zu Churchill und de Gaulle reiche, streichen müssen, wie er erklärt:

„Er war ein Genie, aber die Zweite Republik ist ihm nicht gelungen. Ein Land mit Arbeiterslums, mit Bauern, die vor der Ernte hungern, und Ghettobänken [für Juden] an den Universitäten“.

 

Büste von Józef Piłsudski

Zeitgenossen und Gestalter der Zweiten Republik, wie der Ökonom und Wirtschaftspraktiker Eugeniusz Kwiatkowski oder die Sozialistin Lidia Ciołkoszowa, äußerten sich deutlich anders. Beide zählten bei all ihren Unterschieden, zu den Verteidigern der Republik und des damals Geleisteten.

 

Der Liberale Kwiatkowski war einer der Väter erfolgreicher Wirtschafts- und Sozialpolitik im Polen der Zwischenkriegszeit. Er galt als Anhänger eines starken Staates war aber kein Unterstützer eines „Regimes der harten Hand“, wie es ein Teil der Piłsudski-Anhänger anstrebte, die nach dem Tode des Marschalls 1935 immer stärker nach rechts rückten.

 

Kwiatkowski sprach noch Anfang 1939 davon, dass es zwei Wahrheiten und Wirklichkeiten im Leben Polens gäbe. Das arme, zurückgebliebene und zur Rückständigkeit verurteilte Polen sowie das dynamische, moderne Polen, welches sich in einer erfolgreichen Aufholjagd zum entwickelten Westen befände. Beide Wirklichkeiten stünden miteinander im Widerspruch und beide seien real. Beide könnten sich auf zahlreiche Zeugnisse und materielle Beweise berufen. Eine Wirklichkeit könne die andere nicht auslöschen.

 

Ähnlich war es für die Sozialistin Lidia Ciołkoszowa. Sie und ihr Mann gehörten zu den bekanntesten Persönlichkeiten der polnischen sozialistischen Partei. Bei aller harten Kritik an der zunehmend autoritären Staatsführung Piłsudskis, ihres einstigen Genossen und Idols, standen sie als Sozialisten zur Republik. Noch in den Jahren der Emigration verteidigten sie deren Legitimität und hielten wie die demokratische Opposition im Lande, am Anspruch auf ein freies, souveränes Polen fest. Im Londoner Exil äußerte sich Lidia Ciołkoszowa dazu. Das Zusammenwachsen, der durch lange Teilungsjahre auseinandergerissenen Territorien zu einem politisch, ökonomisch und kulturell verbundenen Staatswesen sei das Entscheidende gewesen. Es sei um die die Behauptung der Souveränität gegen alle äußere Bedrohung und die Verteidigung der sozialen Errungenschaften der Republik gegangen.

 

Bei allen autoritären Entgleisungen wurde die Zweite Polnische Republik nicht zur Diktatur oder Militärdiktatur. Es gab eine breitgefächerte legale Opposition mit eigenen Ideen für die Zukunft des Landes, mit Parteien, die sie unterstützten und sich für kommende Wahlen Erfolgschancen ausrechnen konnten.

Karte der Zweiten Polnischen Republik (Polen) innerhalb Europas, ca. 1930 © wikimedia commons/Blank_map_of_Europe.svg: maix¿? derivative work: Alphathon /’æl.f’æ.ðɒn/ (talk), Poland 1930, CC BY-SA 3.0

Zwischen Staat und Nation

Was das Polen dieser Zeit auseinanderriss und über alle äußere Bedrohung hinaus mehrfach an den Rand eines Bürgerkrieges brachte, waren die verkürzt mit den Namen Roman Dmowski und Józef Piłsudski verbundenen gegensätzlichen Vorstellungen von Staat und Nation innerhalb der polnischen Gesellschaft selbst. Sozialistische und liberale Verteidiger eines säkularen, modernen Staates nach westlichem Vorbild, zu denen sich Piłsudski zählte, standen Kräften gegenüber, die sich um Roman Dmowski und seine Nationalen Demokraten (ND) sammelten. Für sie galt es, einen auf ethnische Polen fixierten, auf den Fundamenten der römisch-katholischen Kirche und den Werten des traditionellen Polentums gebauten Staat zu errichten. War die Nation als Gemeinschaft aller Bürger der Republik, gleich welcher Konfession, Abstammung und Sprache anzusehen oder ging es um die Gemeinschaft der ethnischen, katholischen Polen? Eine Gemeinschaft in der Angehörige anderer Nationen und Konfessionen bestenfalls geduldet wurden, die es aber zu assimilieren galt.

 

Gabriel Narutowicz, der als Sozialist, Wissenschaftler und Wirtschaftspraktiker Jahrzehnte im Schweizer Exil verbracht hatte und nach Polen zurückgekehrt war, um seinem Land zu dienen, wurde im Dezember 1922 als erster Präsident der Republik vereidigt. Er stand für Sachpolitik zur Entwicklung des Landes und einen Ausgleich zwischen den verfeindeten Lagern. Wenige Tage später wurde er von einem rechten Fanatiker ermordet, der in ihm einen Ausländer sah, welcher mithilfe jüdischen Kapitals an sein Amt gekommen sei. Die Kugeln des Attentäters galten eigentlich Piłsudski, dem von rechten Nationalisten gehassten Litauer, Freigeist und Judenfreund.

 

Dieser Grundkonflikt hielt an und die damit verbunden Konflikte durchzogen die Jahre der Zweiten Republik, den Widerstand und das Exil. Sie lebten in den Jahrzehnten Volkspolens in untergründiger Form weiter und flammten in den politischen Konstellationen der (1989 gegründeten) Dritten Republik mit neuer Heftigkeit auf.

 

Die am polnischen Runden Tisch versammelten Vertreter der Solidarność-Opposition mussten sich mit den Anhängern der unterlegenen polnischen Kommunisten auf die innere Verfasstheit des neuen Polen verständigen. War dies ein notwendiger Kompromiss oder eine Kumpanei linker und liberaler Solidarność-Eliten mit ihren ehemaligen Gegnern?

 

Auf dem Weg zur Vierten Republik?

Mitbegründer der PiS um Lech und Jarosław Kaczynski, welche selbst zu den Protagonisten am Runden Tisch gehörten, vertraten mit immer größerer Heftigkeit die Lesart des Verrats und stellten die Leistungen und Errungenschaften der Dritten Republik in Frage. Die mit ihrem Machtantritt im Jahre 2105 verbundene Chance auf eine „Gute Veränderung“ (Dobra Zmiana), müsse zu einem Polen der Vierten Republik führen.

 

Unter dem gemeinsamen Anspruch eines freien, souveränen Polens, welches einen wichtigen Platz in Europa einnimmt, Sicherheit und soziale Gerechtigkeit für seine Bürger schafft, ließ sich sehr Verschiedenes verstehen. Die Monate vor und nach dem 11. November als historischem Datum der Unabhängigkeit werden zeigen, ob die Würdigung und Feier eigener Opfer und Erfolge, die nicht ohne eine kritische und selbstkritische Distanz auskommen kann, die zerstrittenen Polen stärker eint oder die Gräben noch tiefer werden lässt.

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Wolfgang Templin

Philosoph und Publizist, ehemaliger DDR-Bürgerrechtler.

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