Frankreich, General Haller und Polens Unabhängigkeit 1918

Ein etwas anderer Blick auf die Erinnerung im Jubiläumsjahr

 

„Frankreich, seinen Traditionen und seinem Programm treu, wird in Einvernehmen mit seinen Verbündeten keine Mühe sparen, um zum Auferstehen des freien Polens – gemäß dessen nationalen Bestrebungen und in dessen historischen Grenzen – beizutragen.“ Mit dieser prägnanten Stellungnahme fasste Anfang September 1918 der französische Regierungschef und „Kriegsminister“ Georges Clémenceau, damals schon fast 77 Jahre alt, Frankreichs eindeutige Position zur so genannten Question polonaise („polnischen Frage“) zusammen. Damit drückte der hartgesottene Staatsmann, den politische Gegner wie Befürworter ehrfürchtig „den alten Tiger“ (le Vieux Tigre) und später „Vater des Sieges“ (Père-la-Victoire) nannten, auch seine persönliche Ansicht aus. Für Polens Geschichte und das Los der polnischen Nation zwischen seinen expansiven mittel- und osteuropäischen Nachbarn hatte er sich bereits in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts interessiert, sogar eine Reise nach Krakau und Lemberg unternommen und die Teilung des Landes zwischen Preußen, der Habsburger Monarchie und Russland mehrmals als „historisches Verbrechen“ gebrandmarkt.

 

Tatsächlich setzte sich kein anderer Staat in der Endphase des Ersten Weltkriegs so stark für die Wiedererlangung von Polens Unabhängigkeit ein wie Frankreich – ein echtes Zeichen französisch-polnischer Konvergenz, das zwanzig Jahre später allerdings davon verdrängt wurde, dass die Franzosen es nicht eilig hatten, dem seither geflügelten Worte nach „für Danzig zu sterben“. Bis heute überschattet die bittere Erfahrung des Zweiten Weltkriegs in der polnischen Erinnerung weitgehend die Tatsachen des Ersten.

 

Ebenso wenig wahrgenommen und reflektiert wird die Ursache für Frankreichs Zurückhaltung 1939: Das Gemetzel von 1914-1918 war für die Franzosen ein kollektives Trauma gewesen. Im Westen hatte der Stellungskrieg an der rund 700 km langen Front über den gesamten Zeitraum hinweg auf französischem Staatsgebiet getobt, insgesamt allein auf französischer Seite 1,5 Mio. Opfer verschlungen, unzählige Kriegsversehrte hinterlassen und den Nordosten des Landes wirtschaftlich verheert. Das hundertste Jubiläum mag die Gelegenheit bieten, in Polen auch für jenen wichtigen Sachverhalt gebührend Rechnung zu tragen.

 

Bereits am 4. Juni 1917 hatte der französische Staatspräsident Raymond Poincaré die offizielle Geburtsurkunde der polnischen Streitkräfte in Frankreich unterzeichnet: Gegründet wurde ein Heer, dass insgesamt bis zu rund 100.000 Soldaten zählen und aus polnischen Freiwilligen bestehen sollte. Diese stammten aus Frankreich, dazu kamen polnische Kriegsgefangene der deutschen und österreichischen Armee sowie zahlreiche Polen aus den Vereinigten Staaten, Kanada und sogar aus Brasilien. Selbstverständlich wäre es zu dieser französischen Entscheidung auf höchster Ebene ohne die intensive und erfolgreiche Lobbyarbeit emigrierter polnischer Politiker nicht gekommen: Roman Dmowski und Ignacy Jan Paderewski waren es insbesondere, die sich bei den Alliierten in dieser Sache Gehör zu verschaffen wussten.

 

Nicht nur unter französischen Politikern genoss das Streben der Polen nach einem eigenen, unabhängigen Staat große Beliebtheit; auch im Militär war man sich der Bedeutung einer Lösung dieses mitteleuropäischen Problems für die Sicherheit ganz Europas bewusst. Erster Befehlshaber des neu entstandenen polnischen Heeres wurde zunächst ein Franzose, General Louis Archinard. Die gesamte Ausrüstung wurde von Frankreich geliefert, in Sillé-le-Guillaume (etwa 200 km südwestlich von Paris im Département Sarthe) entstand ein Ausbildungslager für die größtenteils noch unerfahrenen Soldaten. Die Uniform war von der damaligen französischen inspiriert und verschaffte diesen Truppen bald den entsprechenden Namen: „Blaue Armee“ (l’Armée bleue / Błękitna Armia).

 

Ein neues Kapitel eröffnete deren Übernahme durch General Józef Haller von Hallenburg ab Oktober 1918. Mittlerweile war die Blaue Armee von den Entente-Mächten als „selbstständige, verbündete und kämpfende Armee unter einheitlichem polnischem Befehl“ anerkannt worden. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs wurden nur wenige Einheiten im Kampf eingesetzt (u.a. in den Vogesen). Nach dem Waffenstillstand im November wurden die Vorbereitungen zum Transport der polnischen Truppen ins wieder entstandene Polen getroffen. Polnischen Boden erreichten die ersten Soldaten der „Haller-Armee“ im Frühling 1919, zwischen Mitte April und Anfang Juni, und kämpften bald im Osten des Landes gegen die Rote Armee im gerade erst entfachten polnisch-sowjetischen Krieg.

 

Die Erinnerung an General Haller verblich bereits in der Zwischenkriegszeit im Ruhme des neuen polnischen Oberbefehlshabers und Staatsoberhaupts, Marschall Józef Piłsudski. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet die Blaue Armee – aus ähnlichem Grunde wie auch die polnische Heimatarmee, nämlich angesichts ihrer starken patriotischen Konnotation – in Vergessenheit: Für das Gedenken an ein unabhängiges, gegen Rotarmisten kämpfendes polnisches Heer bestand in der Volksrepublik Polen offiziell kein Platz.

 

General Józef Haller von Hallenburg, 1923

 

Wiederentdeckt wurde der General nach 1989 und zwar aufgrund einer besonderen Episode seines Lebenslaufs: Polen war kraft des Versailler Vertrags Pommern mit Ausnahme Danzigs zuerkannt worden; zwecks möglichst friedlicher Landnahme wurden Teile der Blauen Armee unter Hallers Führung in diese Region geschickt. Als erste größere Stadt wurde im Januar 1920 Toruń (Thorn) eingenommen. Einen Monat später, am 10. Februar, fand in Puck (Putzig) die Zeremonie der sogenannten Vermählung mit dem Meer statt, die die Rückkehr Polens an die Ostsee symbolisch zum Ausdruck bringen sollte.

 

Dieses Pommersche Kapitel in Hallers Biographie wurde in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts aufgewertet und sein Widerhall sozusagen geografisch auf den gesamten polnischen Küstenstrich ausgedehnt: 1996 wurde beispielsweise die 12. Mechanisierte Brigade in Stettin auf Beschluss des polnischen Verteidigungsministeriums nach dem Befehlshaber der Blauen Armee benannt und seit 2007 steht auf ihrem Gelände eine Statue des Generals, an deren Einweihung u.a. Hallers Enkelin persönlich teilnahm.

 

Zwar blieben Stettin und sein Gebiet bis 1945 deutsch und es ging bei der Namensgebung eher nicht darum, den vom kommunistischen Regime nach dem Krieg aufgegriffenen Piastischen Rückkehrmythos wiederzubeleben. Allerdings lässt sich sehr wohl ein Narrativ erkennen: Man konnte nun aus heutiger Perspektive auf Polens Weg zum souveränen Staat zurückblicken, dessen Zugang zum Meer nach dem Ersten Weltkrieg errungen und nach dem Zweiten bestätigt wurde. So war denn auch die schon erwähnte Vermählung mit dem Meer 1945 wiederholt worden, diesmal in Kołobrzeg – dem ehemaligen Kolberg.

 

In gewissem Sinne liest sich die Würdigung General Hallers in Stettin wie ein nachträglicher Dank für die – post-rationalisierend – als Verheißung interpretierte Sicherung von Polens Platz an der Ostsee. Gerade im Jubiläumsjahr 2018 erweist sich eine solche Figur lokal und regional als identitätsstiftend: Stettin (doch man könnte hier in einem anderen Kontext auch Breslau nennen) mag es aus einleuchtenden historischen Gründen schwerfallen, Anschluss an das dominierende polnische Jubiläumsmotto „100 Jahre Unabhängigkeit“ zu finden. Die Figur General Hallers bietet dabei sozusagen eine narrative Brücke.

 

So war die Stadt unter den ersten, in denen ab Sommer 2018 die von der französischen Botschaft in Warschau und dem Institut français konzipierte Freilichtausstellung zum Thema der Blauen Armee gezeigt wurde (14. Juli – 6. August). Diese Initiative bildete sozusagen das Gegenstück zum zukunftsorientierten Programm „Polens Alltag gestalten WIR“ (Codziennie Polskę tworzyMY), das Stettin als eigene dynamische Antwort auf die Herausforderung des diesjährigen Jubiläums an die lokale Erinnerungskultur entwarf. Über französischem Umweg zur polnischen Identität.

 

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Pierre-Frédéric Weber

Dr. habil. Pierre-Frédéric Weber ist Historiker und Politikwissenschaftler und lehrt als Dozent an der Universität zu Szczecin (Polen). In seinem jüngsten Buch befasst er sich mit dem Phänomen der Angst vor Deutschland in Europa seit 1945 ("Timor Teutonorum", Schöningh, Paderborn 2015).

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