Hallo, Generation Lukaschenka

Tausende Belarussen kommen gerade ins mündige Alter und haben in ihrem ganzen Leben nur einen einzigen Staatschef kennengelernt. Über die Lukaschenka-Generation ist wenig bekannt. Aber diese jungen Menschen werden bald über die Zukunft ihres Landes bestimmen.

 

Ein unlängst veröffentlichtes YouTube-Video zeigt einen jungen Mann am Klavier, der eine auf Chinesisch singende Sängerin begleitet. Das Interieur des Raumes macht einen festlichen Eindruck: Die Kamera schwenkt auf ein gerahmtes Foto des chinesischen Präsidenten Xi Jinping und seiner Frau in Begleitung des belarussischen Präsidenten Aljaksandr Lukaschenka und dessen jüngsten Sohnes Kolja – dies ist der junge Mann am Klavier. Nach dem Lied erhebt sich der Teenager und verliest einen vorbereiteten Text auf Chinesisch. Im Februar dieses Jahres postete der belarussische Botschafter in Peking das Video auf Twitter und nannte Kolja „den berühmtesten belarussischen Teenager in China“.

 

Ungefähr zur selben Zeit wurde die achtzehnjährige Hanna Smilewitsch aus Minsk in ihrem zweiten Studienjahr von der Universität relegiert. Sie hatte drei Examina nicht bestanden und durfte sie nicht wiederholen. „Zuerst dachte ich nicht, dass sie mich aus politischen Gründen durchfallen ließen, aber dann sagten sie mir praktisch ins Gesicht, dass dies tatsächlich der Fall war. Als ich meinen Sportkurs absolvieren wollte, sagte mir der Dozent, Leute vom KGB hätten ihn aufgesucht und nach mir gefragt,“ erzählt Hanna. Einen Monat vor den Prüfungen war sie zur Vorsitzenden der Jugendorganisation der oppositionellen Belarussischen Volksfront gewählt worden. Smilewitsch sagt, vorher habe sie nie Probleme mit ihren Studienergebnissen gehabt.

 

Zwei Fahnen, zwei Sprachen, zwei patriotische Perspektiven

Kolja Lukaschenka reist so außerordentlich viel, dass mancher Kritiker schon die Frage stellt, welche Auswirkungen solche Auftritte wohl auf seine schulische Bildung haben. Aber niemand würde öffentlich zu fragen wagen, ob er den Unterricht verpasst. Während Hanna Smilewitsch sagt, sie möchte eine Laufbahn in der Politik einschlagen und sich in Zukunft um einen Parlamentssitz bewerben, sieht sich der junge Lukaschenka nicht als zukünftiger Präsident. „Mein Leben wird sehr hart sein,“ erklärt er. Smilewitsch sagt, sie sei mit dem politischen System unzufrieden; bei seinen hochrangigen diplomatischen Missionen repräsentiert Kolja Lukaschenka das System.

 

Diese beiden jungen Leute markieren die Trennlinie, die heute die junge Generation in Belarus durchläuft: Diejenigen, die Lukaschenkas Herrschaft akzeptieren, und diejenigen, die in scharfer Opposition zu ihr stehen. Irgendwo in der Mitte dazwischen befindet sich die Mehrheit, die nicht derart leidenschaftlich und politisch engagiert ist. Sie alle leben Seite an Seite.

 

© Uladzimir Kalada

 

Belarus ist tatsächlich voller Paradoxien. Siebenundzwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion scheint die Jungpionierbewegung, die den Patriotismus fördern soll, kurz vor einer Renaissance zu stehen. Mit Pionierschals angetan, lernen die Schüler zu salutieren, patriotische Lieder zu singen und bekommen erbauliche Geschichten erzählt, wie man allen ein Beispiel geben soll. Vor einigen Jahren wurde Lukaschenkas Enkelin stolz in die Jungpionierorganisation aufgenommen.

 

„Nicht alles war zu Sowjetzeiten schlecht bei den Pionieren,“ sagt Maryna Bahdanawa, stellvertretende Vorsitzende der Jungpionierbewegung. Diese gehört zu den größten Organisationen und versammelt etwa 650.000 Schulkinder in einem Land, in dessen Hauptstadt Straßen immer noch nach Marx und Engels benannt sind und eine Leninstatue den zentralen Platz überragt.

 

Meine Wirklichkeit sah ein wenig anders aus. Meine Schule, das Nationale Humanistische Jakub-Kolas-Lyzeum, wurde 2003 von der Regierung geschlossen, zwölf Jahre, nachdem es von einer Gruppe belarussischer Intellektueller gegründet worden war. Seither hat es ohne offizielle Anerkennung seinen Betrieb weitergeführt. Die Schule genoss großes Prestige, ihr Lehrkörper bestand aus Menschen, die ein ideologiefreies und undogmatisches Curriculum unterrichteten. Als dem Lyzeum die staatliche Genehmigung entzogen worden war, wurde unser Unterricht in anonymen Wohnungen und manchmal auf Bänken unter freiem Himmel abgehalten. Vierzehnjährige Schüler, so wie ich, mussten damit rechnen, jederzeit von der Polizei angehalten und nach „verbotenen Symbolen“ durchsucht zu werden, etwa T-Shirts mit der Pahonja [dem weißen Reiter auf rotem Grund, dem Wappen des mittelalterlichen Großfürstentums Litauen; A.d.R.] oder eine weiß-rot-weiße Anstecknadel. Aus demselben Grund wurden wir manchmal zur Befragung auf die Polizeistation gebracht. Das fühlte sich ganz falsch an, war aber auch Grund für Stolz, denn wir waren „Partisanen“.

 

Lukaschenkas Kontrolle über die junge Generation

In den frühen 2000er Jahren erkannte Lukaschenka, welche Gefahr für die Stabilität seines Regimes eine unabhängige Bildung darstellen konnte. Damals geriet eine Widerstandsbewegung von Jugendlichen namens „Subr“ [russ. subr, belaruss. subar, Wisent; A.d.Ü.] in die Schlagzeilen. In Reaktion auf den studentischen Aktivismus verstärkte die Regierung ihre Kontrolle der Universitäten und verbannte abweichende politische Meinungen vom Campus. Kurz darauf schloss die Regierung die European Humanities University (EHU), eine der wenigen westlich orientierten Bildungseinrichtungen in Belarus. Seither ist die Universität im Exil in Vilnius tätig. Ganz ähnlich wie das Jakub-Kolas-Lyzeum war auch die EHU ein ständiger Stachel in Lukaschenkas Seite.

 

Um die Zustimmung von jüngeren Menschen und Kontrolle über den studentischen Aktivismus zu gewinnen, wurde die Belarussische Republikanische Jugendunion (BRSM) eingerichtet. „Unser Komsomol“, wie Lukaschenka die Organisation nennt, hat zurzeit mehr als 480.000 junge Mitglieder und ist damit eine der größten Jugendorganisationen im Lande. Allerdings sind diese Zahlen möglicherweise geschönt, zumal ein Vorwurf gegen die Organisation lautet, sie benutze unethische Methoden zur Vergrößerung ihrer Mitgliederzahl, darunter Drohungen und Zwangsanwendung. Dieses Jahr erhält der BRSM 6,8 Millionen Rubel aus dem Staatshaushalt, das sind knapp drei Millionen Euro. Zum Vergleich – dies liegt über den Summen, die zur Unterstützung von kleinen und mittleren Unternehmen oder die pharmazeutische Industrie zur Verfügung gestellt werden.

 

Belarus hat sich dem Bologna-Prozess angeschlossen [das heißt den Vereinbarungen zur europaweiten Harmonisierung der Hochschulausbildung; A.d.R.], ist aber nicht studierendenfreundlicher geworden. Die Studierenden werden unter Druck gesetzt, ihre Stimme bei Wahlen vor dem eigentlichen Wahltag  abzugeben, was den Behörden bei der Auszählung zusätzliche Manipulationsmöglichkeiten eröffnet,  akademische Autonomie ist immer noch reines Wunschdenken, und viele Studentenverbände werden ganz offen von den Universitätsleitungen dirigiert. Hanna Smilewitsch ist alles andere als ein Einzelfall. In den vergangenen drei Jahren wurden mehr als fünfzehn Studierende aus politischen Gründen vom Studium relegiert. Nach den Massenprotesten von 2006 lag diese Zahl mindestens zehnmal höher. Nimmt jemand an einem Austauschprogramm mit dem Ausland teil, muss er mit Befragung durch den KGB rechnen, sagt Aljaksandra Kusmitsch vom unabhängigen Belarussischen Studentenverband. Dies ist die älteste Jugendorganisation im Land, erhielt aber 2001 keine Registrierung. Seither ist der Verband im Untergrund tätig. „Viele Universitäten hindern Studenten daran, ihre eigenen Veranstaltungen auf dem Campus zu organisieren, sogar Bildungsveranstaltungen. Aber ist das ein Verbrechen?“, fragt Kusmitsch.

 

Infolgedessen treten Studierende nicht besonders entschlossen für die eigenen Rechte ein. Aus Unzufriedenheit mit dem Mangel an akademischer Freiheit und über zwangsweise Stellenzuweisungen ziehen sie es vor, im Ausland zu studieren. Derzeit sind etwa 35.000 Belarussen an ausländischen Universitäten. In einem Land, das sie zur Teilnahme an Ideologiekursen zwingt, kann es Nachteile mit sich bringen, zu offen eine abweichende Meinung kundzutun und sich einen offenen Sinn zu bewahren.

 

© Uladzimir Kalada

In den knapp dreißig Jahren seit Erlangung der Unabhängigkeit haben viele Belarussen das Vertrauen in die Institutionen ihres Landes verloren und glauben, den Bürgern der meisten Nachbarländer gehe es weit besser. Eine Studie von 2017, durchgeführt von der Belarussischen Analysewerkstatt, einer unabhängigen Meinungsumfrageorganisation, stellte fest, dass jeder dritte Belarusse auswandern möchte. Wenn junge Menschen über ihre Zukunftspläne sprechen, ist oft zu hören: „Hier habe ich keine Aussichten, ich will das Land verlassen.“ Doch was ihre geopolitischen Vorlieben angeht, ziehen viele immer noch enge Beziehungen zu Russland solchen zu Europa vor. Ebenfalls nach Daten der Analysewerkstatt sind 46 bis 55 Prozent für eine Vereinigung mit Russland, während nur 33 bis 37 Prozent einen Beitritt zur EU bevorzugen.

 

Omnipotent und omnipräsent

Auf den ersten Blick scheint die junge Generation in Belarus immer noch der aktivste Teil der Gesellschaft zu sein, wie eine Überblicksstudie des „Office for European Expertise and Communications“ 2018 feststellte. Doch der Teufel steckt im Detail. Bei 44 Prozent der Befragten besteht das ganze soziale Engagement aus dem Lesen von Nachrichten. Siebzehn Prozent machen ehrenamtliche Arbeit und nur fünf Prozent geben an, dass sie sich aktiv an der Umsetzung von Projekten und Initiativen beteiligen. Bei der Teilnahme junger Menschen an der Lösung von sozialen Problemen sind die Befunde enttäuschend. Nur zwölf Prozent der Gruppe der 25‑ bis 31-Jährigen sind bereit, Probleme vor Ort anzugehen. Über die Hälfte würde die Verantwortung eher einem Wohnungsverein überlassen. Interessanterweise erklärte sich in der Altersgruppe von 15 bis 18 Jahren kein einziger der Befragten bereit, Probleme der lokalen Gemeinschaft selbst in die Hand zu nehmen.

 

„Sie würden eher ihre eigene Lage, ihr eigenes Leben verändern, nicht das Land,“ sagt der Soziologe Andrej Vardamazkij, Chef der Belarussischen Analysewerkstatt. „Die junge Generation gilt zu oft als Katalysator der Veränderung, aber das trifft auf Belarus nicht zu. Der Grund dafür ist, dass die meisten jungen Leute in Belarus nie positive Ergebnisse von Aktivismus erlebt haben. Sie haben nie die Erfahrung gemacht, dass eine Protestbewegung Erfolg haben kann.“

 

Die jungen Menschen in Belarus können zurecht „Lukaschenka-Generation“ genannt werden – wer unter 24 ist, hat keine Erinnerung an die Zeit des demokratischen Übergangs. Die erstarrten Verhältnisse von heute erscheinen ihnen ganz ohne Alternative. „Wenigsten wird es nicht noch schlimmer“, ist oft zu hören. Dies ist die Welt, die ihnen von Geburt an vertraut ist, eine Welt, in der der Staat omnipotent und omnipräsent ist.

 

Unlängst gab es in meinem Bekanntenkreis eine Diskussion über die enttäuschten belarussischen Jugendlichen, die der Politik immer mehr aus dem Weg gehen. Aber sie sind damit nicht die einzigen. Jede ernsthafte wissenschaftliche Untersuchung über die Einstellung zur Regierung ist auf das mangelnde Engagement von Jugendlichen in Institutionen und politischen Bewegungen fokussiert. Dies ist ein weltweiter Trend, doch in Belarus lassen sich dafür einige Gründe nennen. Sind Sie es leid, von Dutzenden oder hunderten Verhaftungen von Studierenden in Belarus zu hören? Denken Sie nur, wie leid diese es sein müssen. Mich überraschte, wie viele junge Leute die öffentlichen Feiern am diesjährigen Freiheitstag (25. März) besuchten. Die Regierung genehmigte die Versammlung in Minsk nicht, wo Dutzende verhaftet wurden; doch ein Konzert wurde genehmigt, und es wurde von 20.000 besucht. Die Schätzungen der Teilnehmer der Feiern schwanken stark, aber es kamen weit mehr Menschen als in den letzten Jahren. Obwohl die Regierung jede Form von Protest und Demonstration verboten hatte, trugen viele die weiß-rot-weiße Fahne, die inzwischen ein Symbol der Opposition ist. Erstmals organisierte nicht nur die alte Garde der Oppositionspolitiker den Freiheitstag, sondern auch junge Blogger und Aktivisten aus dem urbanen und kulturellen Umfeld.

 

Nicht schwarz und weiß

Vor zwei Jahren initiierte eine junge Journalistin namens Katerina Sinjuk ein Projekt unter dem Titel „Imena“ (Namen), das sich für sozial verantwortlichen Journalismus einsetzt. Es hat seither 300.000 Euro eingeworben. Sinjuk gibt an, dass etwa 30 bis 40 Prozent der Spenden von Tech-Profis stammen, will sagen von Angehörigen der neuen Generation. Dies ist die Quintessenz von Zivilgesellschaft. „Das bestehende politische System zielt darauf ab, jede politische Aktivität junger Menschen zu unterdrücken, also haben diese dafür einen Ersatz gefunden,“ meint Vadsim Maschejka , Kulturfachmann und Dozent an einer Minsker Universität.

 

© Uladzimir Kalada

 

Junge Leute erfüllen Kulturinitiativen mit Leben, die die belarussische Sprache und das historische Gedächtnis pflegen. Sie betreiben Crowdfunding, soziale Projekte und unterschreiben Onlinepetitionen. Diese Aktivitäten sind umso wichtiger, als Straßenproteste gewaltsam niedergeschlagen werden. Ebenso wichtig ist, dass die belarussische Jugend wie die Jugend überall global denkt. Das heißt, ihre Forderungen sind andere und gehen in Richtung Bildung, Technologie und Geschäftsmöglichkeiten. „Es bezieht sich nicht direkt auf Politik, aber wenn es einmal konkrete Formen angenommen hat und Energie hineingesteckt worden ist, wird auch etwas Greifbares daraus. Schritt für Schritt wird es Veränderung bewirken,“ gibt Maschejka dem Verhalten der jungen Generation eine positive Bewertung.

 

Es gibt mehr als ein Belarus, aber es ist nicht immer schwarz und weiß. Junge Technokraten innerhalb von Lukaschenkas Machtvertikale halten loyal zum Präsidenten; sie bilden keine Alternative oder neue politische Kraft. Aber auch sie sind sich dessen bewusst, dass Strukturreformen notwendig sind. Andere sehnen sich nach einer Zukunft in einem modernen und progressiven Staat und wollen sich mit dessen heutigen Defiziten nicht mehr abfinden. Viele wandern aus, aber wer bleibt, der wird mitwirken, die Zukunft des Landes zu gestalten. Die neue Generation ist vielleicht nicht rebellisch, aber sie kanalisiert ihren Veränderungswillen auf unterschiedliche Weise.

 

 

Aus dem Englischen von Andreas R. Hofmann

 

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Hanna Liubakova

Hanna Liubakova ist eine belarussische Journalistin und lebt in Warschau. In den letzten fünf Jahre schrieb sie Beiträge für verschiedene belarussische und internationale Medien. Sie erhielt das Václav-Havel-Stipendium von Radio Free Europe und das internationale Stipendium des Nordischen Rats.

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