Wir sind Menschen der Hoffnung

Mit diesen fünf Worten beschließt der diesjährige Preisträger des vom Bundesverband der Deutsch-Polnischen Gesellschaft jährlich vergebenen Dialog-Preises Henryk Muszyński, Erzbischof emeritus und ehemaliger Primas der katholischen Kirche in Polen, das an die Verleihung der symbolträchtigen Würde anschließende 90-minütige Interview mit Basil Kerski, Chefredakteur der Zeitschrift Dialog. Dieser kurze Satz bündelt die Lebensphilosophie dieses außergewöhnlichen 85-jährigen Kirchenführers, der als erster Kleriker diese Auszeichnung für sein fortwährendes Engagement um Aussöhnung und Versöhnung beider Nachbarvölker erhalten hat. Anlass dafür war die in Thorn unter dem Motto „Nachbarschaft in der Mitte Europas“ angesetzte 27. Jahrestagung des Bundesverbandes der Deutsch-Polnischen Gesellschaften. Beides gehört für Muszyński zusammen: die Gnade der von Gott gestifteten Versöhnung, niedergelegt im 2. Korinther-Brief 5, ist für ihn unwiderruflicher Auftrag an alle Christen zur Aussöhnung untereinander: insbesondere zwischen ehemals verfeindeten Völkern. Diesen Auftrag anzunehmen bringe die Hoffnung in die Welt.

 

Mit dieser Haltung, die kennzeichnend ist für das gesamte Leben des Würdenträgers, widersetzt sich Muszyński einem jüngst im Sejm vertretenen Standpunkt, der den Aussöhnungsprozess zwischen Deutschland und Polen als Pseudo-Versöhnung abwertet, um damit eine verstärkt konfrontative Interessenvertretung der polnischen Regierung gegenüber Deutschland zu legitimieren. Eine solche Verunglimpfung der jahrzehntelangen Arbeit für ein friedliches Miteinander im vereinten Europa von tausenden Menschen beiderseits der Oder darf nicht unwidersprochen bleiben. „Die deutsch-polnische Aussöhnung ist ein großes Potential, kein Anlass für einen Konflikt“, so Muszyński in seiner Dankesrede bei der Entgegennahme der Auszeichnung. Es handele sich dabei um einen andauernden Prozess mit vielen Beteiligten auch und gerade aus der Bevölkerung und nicht um den bloßen Austausch von Dokumenten zwischen Regierungsvertretern. Versöhnung könne nicht sofort aufgebaut werden, aber der Wille zu einem längerfristigen Engagement aus dem Inneren beider Gesellschaften mache sie möglich.

 

Erzbischof emeritus und DIALOG-Preisträger 2018: Henryk Muszyński

In diesem Befund stimmten alle für die Tagung in die Weichselstadt Thorn angereisten Politiker sowie Vertreter der Zivilgesellschaft überein: Rita Süssmuth (Bundestagspräsidentin a.D. und Überbringerin des Dialogpreises), Hans-Gert Pöttering (Präsident des Europäischen Parlaments a.D. und Laudator auf den Preisträger), Jan Rydel (Vorsitzender der Polnisch-Deutschen Gesellschaften), Christian Schröter (stlv. Vorsitzender vom Bundesverband Deutsch-Polnische Gesellschaft) und Cornelia Pieper (Generalkonsulin der Bundesrepublik in Danzig).

 

In seiner Laudatio auf den Preisträger erinnerte Hans-Gert Pöttering daran, dass Muszyński eine „außergewöhnliche Persönlichkeit“ sei, die als „herausragender Brückenbauer sowohl zwischen Deutschen und Polen als auch zwischen Christen und Juden“ tätig gewesen ist. Als Mann der Kirche sei er immer mit voller Überzeugung für seinen Glauben wie auch für die Glaubensfreiheit eingetreten und habe erfolgreich eine Brücke geschlagen zwischen „theologischer Reflexion“ und dem „gelebten christlichen Glauben“. Im Auftreten sanft und versöhnlich, in seinen Überzeugungen sei er jedoch bestimmt und andere fordernd, so Pöttering in seiner Charakterisierung des ehemaligen Primas. Als Zeitzeuge des Zweiten Weltkriegs habe Muszyński früh die Notwendigkeit ebenso wie die Herausforderung eines völkerübergreifenden Dialogs und die darin ruhenden Chancen für die Zukunft gesehen. Unabdingbare Voraussetzung für einen solchen Dialog seinen jedoch Offenheit und Wahrhaftigkeit, zwei Eigenschaften, die sich in der Person Muszyńskis ganz besonders widerspiegeln. Dies hat bereits 1994 zu seiner ersten Auszeichnung für den katholisch-jüdischen Dialog geführt, brachte ihm 1999 als bisher einzigen Nicht-Juden die Buber-Rosenzweig-Medaille sowie 2003 die Ehrendoktorwürde der Universität Bonn ein; es folgten das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland und der Preis „Polonia Restituta“.

 

Würdigungen und Standpunkte

Rita Süssmuth betonte bei der Übergabe des Dialogpreises an Muszyński: „Wir stehen in der Krise aber gehen darin nicht unter. Sie fordert uns heraus.“ Der Preisträger sei ein „leuchtendes Vorbild“. Und dann zitierte Süssmuth den ehemaligen britischen Premierminister Churchill aus seiner in die Annalen eingegangenen so genannten Zürich-Rede von 1946: „Wir wollen Versöhnung und Verständigung“. Christian Schröter hob hervor, dass Muszyński in Zeiten eines wachsenden Populismus die Kraft dafür hat, mutige Worte zu finden. Die Auszeichnung gehe an einen ganz besonders weisen Preisträger. Als Beispiel für die gegenwärtig schwierige Lage im offiziellen Verhältnis zwischen Deutschland und Polen führte Generalkonsulin Pieper aus, dass im letzten Jahr alle Vertreter der polnischen Regierungspartei PiS zuvor zugesagte Auftritte bei mehreren Dialog-orientierten Veranstaltungen in Danzig kurzfristig abgesagt hätten. Deswegen müsste das unersetzbare Engagement in der Zivilgesellschaft, z.B. durch lebendige Städtepartnerschaften, an die derzeit verwaiste Stelle offizieller Begegnungen treten. Mit über 1000 solcher lokalen Initiativen rangierten die deutsch-polnischen Partnerschaften bereits an zweiter Stelle hinter den deutsch-französischen.

 

Pieper widersprach der oft in Polen geäußerten Auffassung, deutsche Politiker hätten sich aus der polnischen Innenpolitik heraus zu halten: Wenn es um die Gefährdung demokratischer Grundlagen in einem Mitgliedstaat der EU gehe, verpflichte gerade die polnische Tradition einer Solidarność, die sich für die Freiheit eingesetzt und damit auch die ostdeutsche Revolution befördert hat, dazu dass eine bedrängte polnische Zivilgesellschaft gerade auch aus Deutschland Unterstützung bei der Verteidigung von Demonstrations- und Meinungsfreiheit sowie demokratischen und rechtstaatlichen Grundsätzen erhalte.

 

 

Ein nicht zu unterschätzender Grund für die derzeit schwierige Situation im polnisch-europäischen und insbesondere polnisch-deutschen Dialog sei Jan Rydel zufolge die fehlende Erfahrung von führenden PiS- Politikern in Sachen Außenpolitik. Stellungsnahmen von polnischer Seite seien oftmals hauptsächlich innenpolitisch motiviert, ohne große Bedenken hinsichtlich möglicher außenpolitischer Konsequenzen. Polen sei gerade dabei, seine Stellung in der Welt neu zu positionieren angesichts eine geopolitisch veränderten Lage durch Trump, den Brexit, Russlands aggressive Expansionspolitik und Chinas wirtschaftspolitische Umarmungsstrategie. Daher fordert Rydel die deutschen Gesprächspartner auf, mehr auf die Taten als auf die Rhetorik der polnischen Seite zu achten. So funktionierten weiterhin viele grenzüberschreitende Kooperationsformen in alter Weise weiter wie beispielsweise bei der Zusammenarbeit der Polizei.

 

Dass an dem Faden des Dialogs zwischen beiden Gesellschaften auch gegen den Willen der polnischen Regierung weiterhin nachhaltig gesponnen wird, bekräftigte Henryk Muszyński in einem sehr persönlich gehaltenen Interview mit dem Leiter des Europäischen Zentrum der Solidarność in Danzig und Chefredakteur der Zeitschrift Dialog Basil Kerski am zweiten Tag der Tagung: Ungeachtet der derzeitigen Störungen im zwischenstaatlichen Verhältnis zwischen beiden Nachbarn bleibe der deutsch-polnische Dialog in den katholischen Gremien so intensiv wie zuvor, versichert der ehemalige höchste Kirchenvertreter Polens dem versammelten Auditorium.
Prägende Erlebnisse

 

Muszyńskis Jugendjahre wurden geprägt durch die Zugehörigkeit zu der nationalen Minderheit der Kaschuben sowie durch ihre Vereinnahmung durch die deutsche und polnische Seite vor, nach und während der Kriegs- und Okkupationszeit. Wollte Himmler noch alle Kaschuben als „Zigeuner der Ostsee“ ausrotten, schütze sie Danzigs Gauleiter Förster, weil er auf ihre Kenntnisse als Fischer nicht verzichten wollte. Im Interview mit Kerski zeichnete Muszyński ein Bild jener Zeit, wo er zwei Jahre lang weder eine Schule noch die Kirche besuchen konnte, was für ihn dem Verlust seiner wichtigsten Orientierungspunkte gleich kam. Alle Kaschuben – und somit auch die Familie Muszyński – mussten die deutsche Sprache lernen. Das ging soweit, dass alle Kinder Hitlers Lebenslauf auswendig aufsagen mussten. Gleichzeitig schätzte der kleine Henryk deutsche Musik und ihre Uniformen. So wie manch andere Familien wurden auch die Muszyńskis durch den Krieg auseinander gerissen: Sein Bruder wurde zwangsweise zur Wehrmacht eingezogen, wo er an Tuberkulose starb. In der Nachkriegszeit waren für die Kommunisten alle kaschubische Aktivitäten (auch die Pflege ihrer Sprache) revanchistisch.

 

Eines der wichtigsten Erlebnisse in Muszyńskis Leben war seine Teilnahme am 2. Vatikanischen Konzil in Rom in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die erstmalige Begegnung dort mit ihren deutschen Amtskollegen und ihre gemeinsamen Gespräche führten dazu, dass ein – wenn auch zaghafter – kirchlicher Dialog über die schreckliche Vergangenheit beider Völker einsetzte, der schließlich in dem wegweisenden Brief der polnischen an die deutschen Bischöfe mündete, welcher mit den berühmten Worten schloss: „Wir vergeben und bitten um Vergebung“.

 

Weiterführendes Engagement

Aber auch sein Engagement im christlich-jüdischen Dialog, nicht zuletzt durch seinen Promotionsaufenthalt im damals streng geteilten Jerusalem befördert, wurde besprochen. Für Muszyński eine noch größere Herausforderung als der deutsch-polnische, auch wenn das Alte Testament eine gemeinsame Grundlage dafür biete.
Und für die Zukunft kirchlicher wie auch gesellschaftlicher Aussöhnungsprozesse hat der leidenschaftliche Brückenbauer neue Herausforderungen identifiziert: Als „weiße“ oder besser „schwarze“ Gebiete nachbarschaftlicher Geschichte und Beziehungen betrachtet Muszyński die Versöhnung mit Russland sowie den Dialog mit der orthodoxen Kirche.

 

Zum Schluss noch ein Wort zur Gegenwart: Muszyński beklagt sich, dass alle kirchlichen Papiere zu den deutsch-polnischen Beziehungen von der gegenwärtigen polnischen Regierung gar nicht wahrgenommen würden. Auch das Zeichen, das der verstorbene Papst Johannes Paul II. mit seiner letzten Pilgerreise nach Damaskus setzen wollte, würde weder von der Regierung noch von großen Teilen der Bevölkerung, ja sogar Teilen der Kirche, wahrgenommen. Sein Erbe würde sehr selektiv gepflegt – je nach eigener Überzeugung.: „Da wo es passt, beruft man sich auf ihn, da wo es nötig wäre, versagt man sich“.

 

Der jährlich verliehene DIALOG-PREIS der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bundesverband.

Viele Initiativen in der katholischen Kirche Polens, die sich mit dem Leid der Flüchtlinge befasst haben und vor Ort Hilfestellung anbieten wollten, wie z.B. eine Luftbrücke, kamen leider nicht zustande. Das schmerze ihn sehr, gerade als Christenmensch. Dennoch bleibt der Ausgezeichnete bei diesem – vorläufigen – Befund nicht stehen: „Man darf sich dem Kreis der Klagenden nicht anschließen“. Das versammelte Auditorium war ob dieser Worte zugleich ergriffen und begeistert und spendete dem 85-Jährigen minutenlang standing ovations.

 

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Detlev Lutz

Detlev Lutz publiziert immer wieder über deutsch-polnische Themen mit kulturellen, verkehrspolitischen oder touristischen Aspekten.

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