Rezension: Der Zwischenklang von Heimat

Gedanken zu Joachim Kuropkas Heimat zwischen Deutschland, Polen und Europa

Der Begriff „Heimat“ provoziert heutzutage wie schon seit langer Zeit nicht mehr die Gemüter. Verwendet wird er gegenwärtig meist in wahlkampfpolitischen Zusammenhängen sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene. Das verwundert, wenn man bedenkt, dass dieser Begriff bis weit ins 19. Jahrhundert hinein meist nur in juristischen Zusammenhängen verwendet wurde und sich auf das Heimatrecht konzentrierte. Auch dürfte es verwundern, wenn es für das Wort „Heimat“ keine vollständige Übersetzung in anderen Sprachen gibt, die annähernd die Breite des deutschen Assoziationsspektrums umfasst. Geschichtlich gesehen wird Heimat dann besonders wichtig, wenn wir auf die großen und schmerzhaften Umbrüche im letzten Jahrhundert in Deutschland und Europa schauen. Dabei geriet damals wie heute häufig aus dem Blick, dass es in den Narrativen von Flucht, Vertreibung, Heimatlosigkeit sowie neuer Heimatsuche die Kontexte über die eigene Wahrnehmung hinaus meist verloren gingen und die einzelnen Zwischenklänge abseits der Schwarz-Weiß-Malerei zu kurz kamen.

 

Kuropka, Joachim Heimat zwischen Deutschland, Polen und Europa Historische Blicke – Geschichtserinnerungen – Geschichtspolitik Umfang: 443 Seiten ISBN: 978-3-402-13272-2

Insofern verwundert es vielleicht gar nicht allzu sehr, wenn gerade ein gebürtiger Schlesier wie Joachim Kuropka, der fachwissenschaftlich keine unbekannte Größe im Bereich der deutsch-polnischen Erinnerungskultur und Geschichtsforschung ist, den Begriff Heimat zwischen Deutschland, Polen und Europa stellt. In seinem 2017 erschienenen Buch reichert Kuropka die Ergebnisse seiner langjährigen Studien und Forschungen der historischen Erinnerungsdiskurse und -erfahrungen in Deutschland und Polen an mit Parallelen zu historisch synchronen und zeitversetzten Entwicklungen in Europa und der Welt. Dabei gerät der Begriff „Heimat“ in seiner Bedeutungsbreite immer wieder durch die Historie bedingt, in einen Prozess des Wandels, der geografischen Neuverortung und der politisch-historischen Gewichtung.

 

Um sich dem Begriff „Heimat“ zu nähern, geht der Autor in die Makroperspektive und stellt an den Anfang seiner Überlegungen das Bild des „Hauses Europa“. Seine Bedeutung, nicht seinen Anfang, erhielt dieses Bild durch Michail Gorbatschow, der angesichts der auseinanderfallenden Sowjetunion darin ein neues Konzept sah. Nur darf man die Vorstellung nicht mit der Realität verwechseln, denn was genau soll sich hinter einem solchen Haus verbergen, wenn sich die Euphorie der ersten Zeit verflüchtigt hat?

 

Die deutsche/europäische Interpretation wird vor diesem Hintergrund eine andere gewesen sein als die russisch/sowjetische, vor allem angesichts der verschiedenen historischen Konstruktionen von nachbarschaftlichen Lebensverhältnissen. Denn das Zusammenleben mit Nachbarn bietet einerseits immer Chancen, ein solches Haus zu festigen und auszugestalten; andererseits kann es aber auch zu Konflikten kommen. Deutschland benötige viel Zeit, so Kuropka, um sich nach den Ereignissen der letzten Jahrhunderte auf eine neue kommunikative Nachbarschaftsstrategie einzulassen; dies galt nicht nur für seinen östlichen Nachbarn Polen sondern auch für seine nicht direkten Nachbarn wie beispielsweise Großbritannien.

 

Die Suche nach einer Heimat war für Deutsche wie für Polen keineswegs ein leichtes Unterfangen in den letzten Jahrhunderten. Dieser Suchvorgang entzweite mehr, als dass er einander näherbrachte. Doch das nachbarschaftliche Leben machte nur selten an den Landesgrenzen direkt Halt, was Polen im Ruhrgebiet und das befruchtende Zusammenleben in den Regionen Oberschlesien und Ostpreußen veranschaulichen. Viele Polen fanden auf diese Weise auch eine Heimat abseits der nationalen Betrachtungsweisen in Deutschland und bildeten eine Subkultur heraus.

 

Einen vielleicht bis dato nicht ausreichend gewürdigten Blick lenkt der Autor auf das Schicksal der deutschen Vertreibung nach dem Ersten Weltkrieg, das insgesamt weniger Menschen als nach dem Zweiten Weltkrieg betraf, jedoch mitunter jene Säulen errichtete, welche in der Zwischenkriegszeit immer wieder für Turbulenzen sorgten. Dabei zeichnet er nach, wie im Einzelnen gezielt das Verhältnis zu den neuen Nachbarn in der Vorbereitung des Zweiten Weltkrieges von Deutschland etwa mit dem Nichtangriffspakt mit Polen (1934) unterlaufen wurde.

 

Entlang historischer Zusammenhänge wendet sich Kuropka danach der deutschen Minderheit in Schlesien zu, insbesondere seinem Geburtsort Namslau (Namysłów). Über mehrere Etappen legt er dar, wieso die Frage nach der deutschen oder polnischen Zugehörigkeit in der Region erst in der Zeit zwischen den Weltkriegen aufkam und fortan wiederholt gestellt wurde.

 

Inwieweit die Vertreibung der Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten jenseits der Oder-Neiße-Linie noch heute von Relevanz ist, verdeutlichen die Fragen, warum es nach Jahrzehnten erstrebenswert erscheint, etwa die entwendeten Glocken aus einer Kirche in Schlesien nach Jahrzehnten aus Hamburg wieder an ihren ursprünglichen Ort zurückzubringen. Diese Dissonanzen finden heute vornehmlich nicht mehr auf der höchsten politischen Eben statt, zeigen aber, wie massiv die Defizite in der bisherigen historisch-didaktischen Aufbereitung des Themas in beiden Ländern sind.

 

An dieser Stelle ist die Parallele interessant, welche der Autor zwischen der Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg zieht und der Wahrnehmung und Rezeption der Jugoslawien-Kriege in Deutschland. Erst diese Betroffenheit eines sich in der Ferne ereignenden Schicksals, dass aber zutiefst an das eigene oder das der Familie erinnert, ermöglicht es (wieder) über das Erlittene öffentlich zu sprechen und zu diskutieren.

 

Eine ähnliche Schneise ist in dem Vergleich über den Umgang mit Vertriebenen und Flüchtlingen in der Auseinandersetzung zwischen der Sowjetunion und Finnland zu erkennen. Der Umgang mit den Kareliern, die nach 1947 in Finnland aufgenommen wurden, führte zu einer Solidarisierung aller Finnen mit ihnen. Das steht in einem völligen Kontrast zu dem, was die Flüchtlinge und Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten in den alliierten Besatzungszonen von der einheimischen Bevölkerung erfahren mussten. Hierbei knüpft Kuropka an zentrale Publikationen zu dem Thema an, welche in den letzten Jahren erschienen sind.

 

Was hieran auch erstaunt, ist die Tatsache, dass Vertriebene und deren Nachkommen, die sich in die deutsche Gesellschaft eingebracht haben und hier nun auch verwurzelt sind, den Aspekt der einstigen Vertreibung und Flucht wie eine Art Manko heute nicht mehr gerne zeigen.

 

Kuropka bemüht sich durch seine Monografie hindurch die Vielzahl an Perspektiven auf das Thema Heimat zwischen Deutschland, Polen und Europa aufzuzeigen sowie viele Zwischenstufen aufzugreifen, die in allgemeineren Abhandlungen zu dem Themenkomplex kurz oder gar nicht erwähnt werden. Allerdings wiederholt sich damit vieles oft und wirkt auf den Leser ermüdend. Dies gilt ebenso für die zum Teil recht langen historischen Einordnungen und Überblicke. Dadurch wäre es vermutlich auch möglich gewesen, deutlichere Bezüge zur politisch-gesellschaftlichen Situation in Europa insgesamt zu ziehen statt nur in der Vergangenheit zu verbleiben. Auch wenn die Zwischenklänge in der Betrachtung, die Kuropka einschlägt, manches Mosaikteil vervollständigen, bleiben zum Teil die Zusammenhänge auf halber Strecke in kurzen Gedanken oder Erwähnungen liegen, was recht schade ist. Ein richtiges Fazit bleibt dabei ebenso offen wie eine eindeutige Fragestellung.

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Cassandra Speer

Studentin der Germanistik und Katholischen Theologie an der Ruhr-Universität Bochum

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