My Polish Heart – musikalische Geburtstagsgrüße für Polen

Im November 2018 feierte Polen den 100. Jahrestag seiner Unabhängigkeit. Ein willkommener Anlass, die spannende und hierzulande weitgehend unbekannte Musik unserer östlichen Nachbarn in den Fokus zu rücken. Mit einem eigenen Festival Ende November beschloss der NDR den dreimonatigen Polen-Schwerpunkt in der Elbphilharmonie. In den über 20 Konzerten fanden sich unter anderem Beiträge aus der elektronischen Performancemusik, aus Jazz und polnischer Popmusik sowie Werke klassischer Komponisten: allen voran von Frédéric Chopin und Krzysztof Penderecki, der kürzlich seinen 85. Geburtstag feierte.

 

Elbphilharmonie © Sophie Wolter

Neben den zahlreichen Auftritten des hier beheimateten NDR Elbphilharmonie Orchesters unter seinem in Warschau geborenen Erstem Gastdirigenten Krzystof Urbański waren auch polnische Klangkörper in die Hansestadt geladen: das Nationale Radio-Sinfonieorchester aus Kattowitz unter seinem langjährigen Chefdirigenten Stefan Liebreich sowie das Philharmonische Orchester des neuen Musikforums NFM in Breslau unter Giancarlo Guerrero. Zu den aufgeführten Komponisten des Festivals zählten ebenso Witold Lutosławski, Karol Szymanowski, Henryk Mikołaj Górecki (dessen „Sinfonie der Klagelieder” 1992 sogar den Sprung in die Popcharts schaffte), Ignacy Jan Paderewski, Andrzej Panufnik, Stanisław Moniuszko, Piotr Moss, Karol Rathaus, Szymon Laks, Roman Padlewski – um nur einige zu nennen. Zudem kamen international bekannte hochkarätige polnische Solisten wie Piotr Anderszewski und Jan Lisiecki in die Elbphilharmonie.

 

Der Name des Festivals „My Polish Heart“ ist einer Komposition des Hamburger Komponisten und Jazzmusikers Wolf Kerschek entlehnt. Sein gleichnamiges Klavierkonzert entstand durch seine Begegnung mit polnischer Folklore und wurde in Hamburg gemeinsam mit dem Pianisten Vladyslav Sendecki und der NDR Bigband aufgeführt. Das Motto darf zugleich als Verbeugung vor der reichen Kultur jenes Landes verstanden werden, das unter deutscher Besatzung seine schwerste Phase in einer insgesamt wechselvollen Geschichte durchlebte. Politische Teilungen, Fremdherrschaft und diktatorische Repressionen erschütterten Polen im Laufe der Jahrhunderte immer wieder und trugen dazu bei, dass sich eine kontinuierliche Musiktradition nur gegen harte Widerstände ausprägen konnte. Dass die polnische Musikgeschichte aber tatsächlich weit mehr zu bieten hat als Polonaise und Mazurka, zeigte das NDR Festival mit einem facettenreichen Programm.

 

Zu den Besonderheiten der polnischen Musikgeschichte führte der Erste Gastdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters Krzysztof Urbański in einem Interview aus: „Selbstverständlich wurde sehr viel Musik vor Chopin geschrieben, aber sie wird tatsächlich fast nur in Polen gespielt. Ich persönlich halte Chopin für das erste wirkliche Genie der polnischen Musikgeschichte. Er beeinflusste kommende Generationen von Komponisten, und die polnische Musik blühte nach ihm regelrecht auf.“ Einschneidend, so Urbański weiter, war insbesondere der 123 Jahre lange Zeitraum, „als Polen zwischen Deutschland, Russland und Österreich aufgeteilt war. Es gab die dringende Notwendigkeit, polnische Sprache und Kultur zu bewahren. Und die polnischen Künstler jener Zeit nahmen das sehr ernst. Die Tatsache, dass das kulturelle Erbe Polens so viele Versuche, es zu zerstören, überlebte, ist bemerkenswert. Ich glaube, dass die vielen dramatischen Unruhen in der polnischen Geschichte der polnischen Musik diese geheimnisvolle, melancholische Note gaben, diese traurige Farbe.“

 

In einem der herausragenden Konzerte präsentierte der NDR Chor Ende November drei a cappella Stücke von Penderecki aus den Jahren 1982 und 1987, die Kurpischen Lieder von Szymanowski von 1928/29 sowie die deutsche Erstaufführung des 1939 entstandenen „Stabat Mater“ von Padlewski, der nur fünf Jahre nach dessen Entstehung im Warschauer Aufstand mit 29 Jahren umkam. Das Meccore String Quartett ergänzte das unter der Leitung des estnischen Dirigenten Karspars Putninš stehende Konzert mit dem Fünften Streichquartett von Laks sowie der Uraufführung eines durch den NDR in Auftrag gegebenen Werkes namens „Hommage à Szymanowski“ von Thomas Böttger, der noch zu Zeiten der Volksrepublik Polen in Warschau bei Tadeusz Baird Musik studiert hatte und eine große Affinität zur polnischen Musik hat.

 

“Ich glaube an Musik, die Wurzeln hat”, betont der polnische Dirigent und Komponist Krzysztof Penderecki. Bei seinen drei aufgeführten Kantaten spürt man die Liebe zur Vergangenheit besonders gut: Einen Hymnus des Abtes Hrabanus Maurus, eine in einem Klosterarchiv gefundene alte Melodie und einen kirchenslawischen Hymnus wählte der Komponist als Grundlage seiner Werke “Veni creator”, “Benedicamus Domino” und “Cherubinischer Lobgesang”. Für Dirigent Putnins entfaltet Penderecki in diesen Chorgesängen seine ganz typische Klangsprache, die mehr auf Bilder setzt als auf den Text. Seine Anknüpfungspunkte an das musikalische Erbe sind vielfältig: Mal knüpfen seine Melodien an die Gesänge der Gregorianik an, dann wiederum nimmt sein Männerchor Anleihen an die von Horn und Blechbläsern geleiteten Stimmführungen deutscher Kompositionen des 19. Jahrhunderts, so Putninš.

 

Die im Zentrum des Abends stehende deutsche Erstaufführung des „Stabat Mater“ von Roman Padlewski – ein damals 24-jähriger vielversprechender Geiger, Pianist, Dirigent, Journalist und Komponist – ist eine regelrechte Chorsymphonie. Putninš zufolge entwickelt der junge Pole einen 20-minütigen Musikfluss, der mehr seiner eigenen Logik als der seiner Textgrundlage folgt. Dabei tritt in den auf- und abwogenden Klangwellen die Durchsichtigkeit seiner Stimmführung klar hervor. Hier drückt sich bereits eine große Reife und ein charakteristischer Stil des in Deutschland bislang zu Unrecht unbekannten Komponisten aus. Musikalische Einflüsse auf dieses lateinische „Klagelied einer Mutter“ sieht Putninš ebenso beim modernen Paul Hindemith wie auch in der Frührenaissance. Aspekte seiner Musik weisen dabei über seine Zeit hinaus: „Manches klingt sogar fast postmodern.“

 

Ina Jaks, Altistin beim NDR Chor, charakterisierte im Pauseninterview mit dem NDR Kulturradio, dass sich auch die Sänger wie unter dem Holzkreuz empfunden hätten – da sei nichts Glorreiches, sondern nur das Leid einer Mutter. Um dieses individuelle Leid besser auszudrücken, habe Putnins den Chor immer wieder ermutigt, neben der für einen Chorklang notwendigen Homogenität auch den Mut zu mehr Individualität im Ausdruck aufzubringen. Für viele im Chor war laut Jaks die Möglichkeit, eines von wenigen Werken Padlewskis, das die Zeit überdauert hat, in Deutschland erstmalig einem an unserem östlichen Nachbarn interessierten Auditorium präsentieren zu können, eine besondere Freude.

 

NDR Chor© NDR_Michael Zapf

 

Unmittelbar vor dem im polnischen Dialekt einstudierten „Kurpischen Liedern“ von Karol Szymanowski kam Thomas Böttgers vom NDR für diesen Abend in Auftrag gegebene „Hommage à Szymanowski“ zur Aufführung. Hier wie auch bei dem vor und nach der Pause geteilt präsentierten Fünften Streichquartett des Ausschwitz-Überlebenden Szymon Laks erzeugte das Meccore String Quartett ein „sirrendes Zusammenspiel“, das, so Jaks, sehr anregend für die Sängerinnen und Sänger des NDR Chores war. Böttgers Musik beginnt und endet leise, um im Mittelteil stark vibrierend auf- und abzuschwellen. Zwar vermeidet die Komposition die Nähe zu Szymanowskis Harmonik aus den Endzwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, doch versucht sie dem Geist seiner Werke nachzuspüren und in eine „erweiterte Tonalität“ zu überführen. So hofft Böttiger mit seinem kurzen Streichquartett eine Brücke zwischen der Musik von Penderecki und Szymanowski errichtet zu haben. Den vom Komponisten Böttiger geplanten direkten Übergang zu Szymanowskis erstem Kurpischen Lied verhinderte jedoch ein an diesem Abend sehr klatschwütiges Publikum, welches selbst die sechs Kurpischen Lieder von Szymanowski unterbrach, anstatt ihren zusammenhängenden Zyklus zu entdecken. Hierin breiteten sich in Gedichtform unterschiedliche Alltagsszenen aus: die Landschaft, eine starke Verbundenheit mit den Ahnen, tiefe Religiosität, bäuerliches Temperament, Liebe und ein rauschendes Hochzeitsfest.

 

Szymanowskis Bestreben lag im Einfangen des Atmosphärischen, dem besonderen Charakter der Region, die im Norden Polens liegt. Deshalb behielt er auch den kurpischen Dialekt bei, der einer ohnehin nicht einfachen Einstudierung polnischer Texte durch den NDR Chor eine zusätzliche Herausforderung hinzufügte. David Csizmar, Bass-Sänger im NDR Chor, eröffnete im selben Pauseninterview des NDR Kulturprogramms, wie er durch das gemeinsame Einstudieren mit einer eigens dafür engagierten polnischen Sängerin die – in Deutschland kaum wahrgenommene – Weichheit und Melodiösität der polnischen Sprache entdeckte, die hier meist nur für ihre harten Zischlaute bekannt ist. Auch hier gibt es also reichlich Potential für musikalische Neuentdeckungen, gleichermaßen für Aufführende wie Publikum. Beides hat „My Polish Heart“ vorbildhaft gefördert – ein beachtenswertes Geburtstagsgeschenk zum 100. Jubiläum von Polens wieder erlangter Staatlichkeit.

 

nv-author-image

Detlev Lutz

Detlev Lutz publiziert immer wieder über deutsch-polnische Themen mit kulturellen, verkehrspolitischen oder touristischen Aspekten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.