Teil II: Tagebuch einer Reise nach Österreich und Deutschland

Innsbruck

Die Landschaften der Alpen gehören zu den schönsten in Europa, weshalb man auch auch eine lange Autobahnfahrt in Kauf nimmt, um sie zu sehen. Diese ist allerdings wegen der gegenüber Polen um Klassen höheren Fahrkultur an und für sich schon ein Vergnügen und wäre sogar ohne irgendwelche zusätzlichen Attraktionen zu verteidigen. Und wenn wir in einem bestimmten Moment die Autobahn verlassen, werden wir die Erhabenheit der Berge mit der Alltäglichkeit konfrontieren können. Solche Halte (nicht nur an Orten mit historischem Wert oder an Aussichtspunkten) ermöglichen es, sich die Beine zu vertreten und die Bergluft zu atmen, sie dienen natürlich der Gesundheit, können aber auch einen belehrenden Effekt haben. An einer der Tankstellen, an der Tür des locus secretus, wie Stempowski sagen würde – konnte man zum Beispiel folgende Aufschrift lesen: Fucking Islam Imigrant! Fuck Merkel, Macron, EU! Ich entscheide mich dafür, die Fortsetzung dieser Erklärung hier zu verschweigen; ihr Verfasser äußerte nämlich, obwohl das wenig wahrscheinlich zu sein scheint, in den folgenden Sätzen seine Ansichten zum Thema der sog. Migrationskrise auf noch derbere Weise.

Eine vergleichsweise wenig zerstörte Stadt. Ungefähr eines von zehn bis zwölf Häusern durch Bombenexplosionen vernichtet, die gleichmäßig auf das ganze Stadtgebiet verteilt sind, schrieb Stempowski über Innsbruck, in das er von einer anderen Richtung her kam als ich und wo er seine Reise durch die germanischen Länder begann. Die Trümmer wurden bereits in den Zeiten des hitleristischen Fiebers beseitigt, aber die verschonten Häuser stehen traurig und vernachlässigt da. Einen Teil der Fenster hat man mit Brettern verschalt, indem man in der Mitte eine Scheibe mit hölzernem Rahmen angebracht hat. Ein rembrandtartiges Halbdunkel überzieht die armseligen Innenräume. (13. November). Das heutige Innsbruck ist schon ein anderer Ort.

 

Die Hauptstadt des Bundeslands Tirol und wahre Perle der österreichischen Alpen wird zweifellos zu Recht Stadt der Habsburger und der Sportler genannt, auch wenn klar ist, dass sich die Präsenz Letzterer heute deutlich stärker manifestiert. Obwohl ich die Stadt am Inn außerhalb der Skisaison besuche, ist der Geist der Olympischen Winterspiele, die hier in den sechziger und siebziger Jahren stattgefunden haben, nach wie vor spürbar. Die Zeit, in der ich hier bin, – ein heiterer Tag Ende April, Anfang Mai – ist ein Moment der Ruhe nach dem Strom der Touristen und Skifahrer in der Saison, die für die Bewohner sicherlich ziemlich beschwerlich, zugleich aber mit Einnahmen verbunden ist, also immer auch mit neuen Hoffnungen ungeduldig erwartet. Alle Kurorte wirtschaften mit den gleichen Rechten.

 

Innsbruck spielte seine wichtigste Rolle wohl um das Jahr 1500, als hier Kaiser Maximilian I. von Habsburg residierte. Die Stadt profitierte davon politisch wie kulturell. An diese kaiserliche Anwesenheit erinnert mit immer noch großer Würde und großem Zauber die Innsbrucker Altstadt: bunte, eng aneinander und an die Alpen geschmiegte Wohnhäuser, mit dem berühmtesten, dem Goldenen Dachl, an der Spitze. Der Kaiser hatte es einst seiner künftigen Gemahlin Bianca Maria Sforza geschenkt.

 

Durch die Stadt spazierend denke ich daran, dass für den Ankömmling aus Galizien, begierig nach einer magischen Reise in die Zeiten des österreichisch-ungarischen Vielvölkerreichs, Innsbruck wohl eine angemessene Richtung gewesen ist. Aus den Mündern der Passanten höre ich den Wiener, den sächsischen, Berliner, sogar hannoverischen Akzent, ich treffe auf Slowaken, Jugoslawen, Ukrainer, Polen – schrieb Stempowski in seinem Reisetagebuch. Seit der Ankunft der anglo-amerikanischen Truppen hat sich die Zahl der Fremden erheblich verringert. Die meisten sind in ihre Herkunftsländer zurückgekehrt. Geblieben sind nur die eigentlichen Emigranten, die in die Heimat entweder nicht zurückkehren wollen oder können: Polen, Ukrainer, Balten, Jugoslawen, Slowaken und kleinere Gruppen aus anderen Ländern der Sowjetzone. Diese Emigration hat sich etwas stabilisiert: an Stelle derjenigen, die abgereist sind, kommen aus der Sowjetzone neue Flüchtlinge (13. November).

 

Die Welle der Flüchtlinge von heute schlug wohl nur in einem geringen Maße an die Ufer der Stadt am Inn (obwohl ein Vorfall unter Beteiligung von Ausländern in der Silvesternacht 2016/17 ein gewisses Echo fand), aber dieser österreichisch-ungarische Kurort, der sich selbst als multikulturell definiert, begünstigt Reflexionen über ethnische und nationale Heterogenität auch heute. Innsbruck macht nämlich den Eindruck einer Stadt nach dem großen Aufräumen: nach jenen, die da waren, aber – zur allgemeinen Erleichterung – wieder gegangen sind.

 

Über die Nachkriegswirklichkeit, aus der Perspektive Innsbrucks, schrieb der bedächtige Fußgänger wie folgt: Diese Phase romantischer Gefühle und Auffassungen dauerte nicht lange und liegt schon hinter uns. Die befreiten Opfer des Hitlerismus wurden in kurzer Zeit für die Besatzer eine politische Last und Quelle nicht enden wollender Sorgen. Ein bedeutender Teil von ihnen will nicht in seine Herkunftsländer zurückkehren, weil dort Frieden und Freiheit fehlen (13. November).

 

Wir haben 2018. Anders als noch drei Jahre zuvor stoße ich beim Durchqueren Europas nicht auf Lager voller Menschen, die vor kurzem noch aus Orten, wo es derzeit weder Frieden noch Freiheit gibt, also aus dem Nahen Osten und Nordafrika, gekommen sind. Aber dennoch weckt das Wort „Flüchtling“ in der ganzen Region wieder Emotionen, besonders in den Ländern, deren Bewohner keine Flüchtlinge mit eigenen Augen gesehen haben. Die Welle rollte durch den Kontinent, hinterließ hie und da Überflutungen, anderswo dagegen keine größeren Spuren. Der europäische Boden saugte sich mit Wasser aus dem neuen Zufluss voll und das Leben ging – wie immer, unabhängig vom Ausmaß und Charakter der Veränderungen – weiter. Aber warum Europa? Weshalb können sie nicht im Nahen Osten bleiben? – fragte sich Patrick Kingsley, Auslandskorrespondent der New York Times. – Die Antwort ist einfach: viele von ihnen hatten das schon versucht. Etwa 4 Mio. beschlossen, sich im Nahen Osten niederzulassen. Die meisten in der Türkei – fast 2 Mio. Wie ich schon erwähnt habe, gelangten fast 1,2 Mio. in den Libanon, d.h. das schockierende ist, dass 20 % der Bewohner des Libanon Flüchtlinge aus Syrien sind. Nach Jordanien kamen 600.000, ein Zehntel der Bevölkerung dieses Landes. Vielleicht 140.000 ließen sich in Ägypten registrieren, wobei sicher ungefähr doppelt so viele illegal dort leben. Angesichts dieses ungewöhnlich hohen Zustroms waren die neuen Gastgeber der Flüchtlinge nicht in der Lage, damit zurechtzukommen und ließen ihre Gäste in beinahe kompletter Abhängigkeit von den Almosen der UNO. Noch schlimmer war, dass sogar diese Hilfe rasch zur Neige zu gehen begann. Im Winter 2014 reduzierte die UNO die Lebensmittelrationen für viele syrische Familien, die sich um Asyl im Nahen Osten bemüht hatten, wegen einer 40-prozentigen Lücke in ihrem Haushalt. Die Flüchtlinge hatten immer weniger Gründe, um den Krieg in der Region selbst abzuwarten zu versuchen. (The New Odyssey. The Story of Europe’s Refugee Crisis).

 

Aber die Migrationskrise sind nicht nur Syrer, Iraker und Afghanen. Was ist mit den Ankömmlingen aus Eritrea, Nigeria oder dem Sudan, die in Europa deutlich sichtbarer als jene sind? Weshalb entscheiden sich Afrikaner für die (im wahrsten Sinne des Wortes) mörderische Überquerung des Mittelmeers, für den Kampf gegen Wellen und Küstenwache, und vorher durch den Sand der Sahara, die auch Saharisches Meer genannt wird, auf deren Dünen Schmuggler, Dschihadisten und gewöhnliche Banditen lauern?

 

Am leichtesten wäre es zu sagen, dass die Ankömmlinge aus Afrika uns um unseren Wohlstand beneiden, aber so können nur die reden, denen eben dieser Wohlstand komplett das reale Bild der Welt verschleiert hat.

 

Größtes Ursprungsland der afrikanischen Flüchtlinge ist Eritrea, von dem auch der gebildetste Europäer nicht viel oder überhaupt nichts weiß. Dutzende Eritreer, die ich kennengelernt habe – berichtet Patrick Kingsley –  beschreiben einen totalitären Staat, in dem viele Bürger jederzeit die Verhaftung befürchten; sie wagen nicht, mit den Nachbarn zu sprechen, sich in Gruppen zu versammeln oder zu lange außer Haus zu bleiben. Eritrea befindet sich nicht im Kriegszustand, aber sein erster und einziger Präsident, Isajas Afewerki, schüchtert mit der Drohung eines Konflikts mit dem benachbarten Äthiopien ein, unter dessen Herrschaft sich Eritrea bis zur Erlangung der Unabhängigkeit in den frühen 1990er Jahren befand. Die Machthaber nutzen diese Bedrohung, um das Fehlen einer Verfassung, die Zerstörung des Justizwesens und die Einführung einer unbefristeten staatlichen Dienstpflicht zu rechtfertigen, die es der Regierung erlaubt, jeden Zivilisten als Sklaven von heute zu behandeln, solange er oder sie lebt.

 

Dank der Ergebnisse von Linguisten, Archäologen, Anthropologen und Genetiker wissen wir, dass seit Jahrtausenden die Einwohner Europas, Welle für Welle, von irgendwoher gekommen sind. Wenn es denn überhaupt einst „alteingesessene Europäer“ gegeben hat (die Anfänge des homo sapiens umhüllt nach wie vor ein Geheimnis), dann haben sie nur in Mythen überdauert, wie in dem vom Kampf der olympischen Götter mit den uralten Giganten. In welcher Etappe ist Europa heute? In der der Ordnung des Chaos oder des Chaos, das sich nicht ordnen lässt? Was müssen wir jetzt erwarten?

 

München

Nach München, die größte Stadt Süddeutschlands, fuhr Stempowski voller, auch dem Reisenden von heute nicht fremder, Bewunderung für den Schwung der Reichsautobahn. Er schrieb: Die Autobahn durchschneidet das ganze Land und überspringt dabei die Ungleichheit des Geländes auf riesigen Talbrücken. Ein Teil davon wurde noch in den letzten Kriegstagen von Spezialeinheiten der SS in die Luft gesprengt. Einige Male bogen wir von der Autobahn auf steile und glatte Umleitungen ab.  (21. November).

 

Den ersten Spatenstich für die deutschen Autobahnnetze vollzog feierlich Adolf Hitler am 23. September 1933 in Frankfurt, aber die Arbeiten begannen simultan an vielen Abschnitten im Gebiet des ganzen Reiches. Der erste davon wurde im Mai 1935 der Nutzung übergeben. Bis zu dem Zeitpunkt, als wegen der Kriegshandlungen die Arbeiten eingestellt wurden, bauten die Nazis in Österreich und Deutschland fast 4.000 Kilometer Autobahn. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass eines der Architekturdenkmäler des Dritten Reichs, das umfassende Autobahnsystem, sich nicht nur harmonisch in die Nachkriegslandschaft Deutschlands und Österreichs einfügte, sondern auch zum Symbol für die Offenheit der Grenzen, die Freiheit des Güter- und Personenverkehrs und die Suche nach Gemeinschaftlichkeit wurde; Werten also, die obwohl sie gegenwärtig in Frage gestellt werden, doch ein Fundament der Europäischen Union bilden.

Stempowski, der unter anderem vor dem Krieg in der bayerischen Hauptstadt studiert und hier zahlreiche Freunde aus diesen Zeiten hatte, notierte bedrückt, dass das, was er im Jahre 1945 vorfand, das, was sich erhalten hatte, nicht mehr das „eigentliche München“ sei. Die alte Formulierung „dem Erdboden gleichmachen“ , schrieb er schon vor Ort nach den ersten Besichtigungen und seinen Ärger über die Alliierten nicht verbergend, entspricht nicht genau den infolge der Bombenabwürfe entstandenen Zerstörungen. Die durch die Explosionen zerstörten gemauerten Häuser bilden nicht selten stattliche Trümmerhügel. In den Ruinen der Stahlbetonkonstruktionen über dem Schutthaufen erheben sich noch die Trümmer des Eisengerüsts, ein in der Luft hängendes Gewirr zerborstener Scheiben und Rohre. Erst nach dem mühevollen Wegräumen der Trümmer ist der Stadtteil wirklich dem Erdboden gleichgemacht (22. November).

 

Als Stempowski gleich nach dem Krieg hier war, muss das Stadtzentrum tatsächlich bedrückend ausgesehen haben. Der Wiederaufbau der sog. Residenz, des riesigen Sitzes der Wittelsbacher, dauert bis heute. Aber München hat sich aus den Trümmern erhoben und wenn man im Jahr 2018 durch die Stadt flaniert, spürt man das Ausmaß der Kriegszerstörungen nicht. Ob auf dem Marienplatz oder an irgendeinem anderen Ort dieses weiten urbanen Raums, fällt eher der Elan, die Selbstsicherheit und das lange Überdauern auf.

 

Städte sind wie Menschen. Jede ist eingestandenermaßen anders, aber doch kann man auf der Basis von Ähnlichkeiten bestimmte Typen benennen. Das untersetzte, monumentale München ist von der Typologie her eine Hauptstadt. Man atmet hier die gleiche Luft wie in Paris, Wien oder Warschau, wenn man von vielen Unterschieden absieht, die zwischen ihnen zweifellos bestehen. Aber wirklich. Wenn wir in München sind, dann sind wir in einer Hauptstadt. Auf den Dächern der großen Gebäude weht hier stolz Weiß-Blau, bekannt vom Logo der Bayerischen Motorenwerke (BMW), die Fahne Bayerns. Prospekte, Plakate, Tafeln und jede Art von Souvenirs informieren uns konsequent, dass wir in der Hauptstadt des Landes Bayern sind. Man spricht hier Bayerisch, eine Sprache, die dem Österreichischen nähersteht als der deutschen Standardsprache. Man feuert hier nicht die deutsche Nationalmannschaft an, sondern Bayern München.

 

Bayern, das größte und wirtschaftlich am meisten entwickelte Bundesland des heutigen Deutschlands, tauchte irgendwann zwischen der Spätantike und dem Frühmittelalter aus dem Dunkel der Geschichte auf. Wissenschaftler behaupten, dass seine Bewohner anders als viele andere germanische Stämme, nicht wanderten. Sie waren eher die Nachkommen diverser ethnischer Gruppen, die hier nach dem Rückzug der römischen Legionen blieben: der Kelten, Markomannen, Goten, Quaden und Heruler, aber auch der Römer selbst. Einige Jahrhunderte lang wurden diese Gebiete durch verschiedene Stämme und Staaten beherrscht, darunter den Franken; bis 1180, als sie für viele Jahrhunderte in die Hände der Wittelsbacher fielen. Der Regierung dieser Dynastie bereitete erst die Novemberrevolution 1918 ein Ende, als der Sozialist Kurt Eisner den Freistaat Bayern proklamierte. Ludwig III., der letzte Wittelsbacher, war gleichzeitig der erste deutsche Monarch, der zur Abdankung gezwungen wurde.

 

In der Nacht vom 8. auf den 9. November 1923 war München, die Wiege der nationalsozialistischen Bewegung, Schauplatz des misslungenen Putschversuchs, den der damals 34-jährige Adolf Hitler durchführte. Der Putsch endete mit der Auflösung der NSDAP und der Verurteilung ihres Anführers zu fünf Jahren Haft. Mit Hilfe von Rudolf Hess verließ Hitler bereits am 20. Dezember 1924 das Gefängnis, nachdem es ihm gelungen war, dort den ersten Teil von Mein Kampf zu schreiben. Er wurde freigelassen, weil man ihn nicht mehr für bedrohlich hielt.

 

Das Fiasko des Putsches lehrte Hitler, wie er seine weitreichenden Ziele verwirklichen sollte, ohne sich zu früh zu kompromittieren. Und was lehrt uns müde gewordene Bewohner des Alten Westens dies? Der Westen – schrieb Stempowski – verband sich unbedachterweise mit dem ihm fremden und unverständlichen Mechanismus der reinen Diktatur und seine Idee fand sich – wie Wells sagte – am Ende ihrer Möglichkeiten (27. November).

 

Wie immer beruht das ganze Unglück darauf, dass man sehr lange nicht weiß, in welchem Moment der Rubikon überschritten und es keine Rückkehr zum vorherigen Zustand mehr geben wird. Das Böse zeigt sich uns gerne in Gestalt von Dummheit oder Versagen. Wir belächeln oder übergehen mit Schweigen das, was wir anprangern sollten. Wir bemühen uns, die hellen Seiten wahrzunehmen, rechtfertigen, statt Widerspruch zu äußern. Wir sagen, dass nichts schwarzweiß ist, was übrigens auch stimmt, wie schon Stempowski schrieb: wie jede spontane Volksimprovisation besitzt der bewaffnete Widerstand seine Licht- und Schattenseiten. In seinen von einem Geheimnis bedeckten Reihen stehen oft Idealisten, Helden, Banditen und Provokateure nebeneinander (23. November). Vielleicht begehen wir deshalb immer wieder den gleichen Fehler: wir erkennen das Böse nicht rechtzeitig. Das Böse aber verbreitet sich wie die Pest unbemerkt.

 

Aber auch das, was düster ist, verliert mit der Zeit an Stärke und verschwindet. Die Deutschen, die heute fast radikal pazifistisch sind, sind das beste Beispiel dafür. Die germanische Zivilisation – so Stempowski, der Hoffnung für die Zukunft üblicherweise in der Stadtlandschaft sah, – besitzt trotz aller Versuche, sie zu vereinheitlichen, nach wie vor einige historische Versionen und ist nicht mit dem Schicksal einer Hauptstadt verbunden. Aus der Heterogenität fließt ihre Fähigkeit und Hoffnung zur Erneuerung. Wenn die militärische preußische Version sich in fruchtlosen Kämpfen um die Weltherrschaft erschöpft hat, wird sich die germanische Zivilisation erneuern, vielleicht in ihrer rheinischen Version, in ihrer österreichischen, bayerischen, sächsischen oder hanseatischen… Die Erneuerung muss in den Gedanken der lebenden Menschen entstehen. Wer jedoch die Geschichte der großen Ströme unserer Zivilisation kennt, der Renaissance, des Klassizismus oder der Romantik, der weiß, wieviel normales Wissen man aus Gebäuden und Denkmälern schöpfen kann. Werden die Deutschen ohne das alte Dresden, München und Frankfurt zu den Quellen ihrer vorbismarckischen Zivilisation und der in ihr steckenden erneuernden Kraft zurückkehren können? (22. November)

 

Aus dem Polnischen von Markus Krzoska

 

 

Teil I: Tagebuch einer Reise nach Österreich und Deutschland

 

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Jacek Hajduk

Jacek Hajduk ist Schriftsteller, Übersetzer und Altphilologe, lehrt an der Krakauer Jagiellonen-Universität.

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