Zum Inhalt springen

Maler, Schule, Stadt

Eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart in Berlin ist einem der interessantesten deutschen Maler des frühen zwanzigsten Jahrhunderts gewidmet. Doch zeigt die Exposition nicht allein Arbeiten Otto Muellers, vielmehr gibt sie dem Publikum einen Einblick in das Künstlerleben des Breslaus der Zwischenkriegszeit. Sie verweist auf damalige deutsch-polnische Verbindungen, und, was besonders wichtig ist, sie fordert dazu heraus, nach der polnischen und der deutschen Erinnerung an die Epoche zu fragen.

 

Otto Mueller: Selbstporträt, 1921, Saint Louis, Missouri, United States

Otto Mueller kam 1874 in Liebau in Niederschlesien zur Welt. Er studierte an der Dresdner Kunstakademie und anschließend in Franz Stucks Münchner Atelier, das damals en vogue war. 1907 ließ er sich in Berlin nieder. Drei Jahre darauf schloss er sich der „Brücke“ an, erarbeitete sich jedoch einen persönlichen Stil, der sich von dem der anderen Expressionisten unterschied. Er vermied ihre grelle und auf Wirkung angelegte Farbgebung. Anstelle der üblicherweise in der Malerei verwendeten glatten Leinwand malte er auf Rupfen mit grober, ausgeprägter Oberfläche, was zur Ausdrucksstärke seiner Bilder beitrug. Auch reduzierte er die Plastizität seiner Figuren. Daher ähneln seine Akte, Badenden oder Porträts ein wenig alten Freskomalereien.

 

In seinem persönlichen Leben verkörperte er geradezu das, was sich die Zeitgenossen damals unter einem Künstler vorstellten: Er durchbrach Konventionen, war charismatisch und faszinierend, verfügte über einen verführerischen Charme, weshalb ihn die Ausstellungsmacher als „Magier“ bezeichnen. Carl Hauptmann setzte Otto Mueller mit seinem 1907 erschienenen Roman „Einhart der Lächler“ ein literarisches Denkmal: „»Fein wie ein Ton!« So malte er. Aber tolle Töne manchmal, wie schrilles Geigen. […] wie in einer Schemen- und Lichtwelt, […] die nur in feinen Traumvisionen ihre Zauber spinnt.“ Dieses Buch war ein wesentlicher Baustein an dem Mythos, der den Künstler bis zu seinem Lebensende begleiten sollte.

 

Individualist und Lehrer

Die Ausstellung zeigt ein Selbstporträt Otto Muellers von 1924. Er trägt eine verschlissene Jacke, ein Medaillon mit einem auf den Kopf gestellten Pentagramm um den Hals, eine Pfeife in der Hand. Sein Blick fällt streitsüchtig auf den Betrachter. Daneben hängt eine Selbstbildnis Witkacys aus demselben Jahr, das den eigenwilligen Titel „Letzte Zigarette des Verurteilten“ trägt. Beide Bilder sind ausgezeichnete Beispiele für den in der Romantik verwurzelten Topos des rebellischen Kreativen, der soziale Konventionen bricht. Doch das ist nur eines der Gesichter des Otto Mueller, der nämlich trotz solcher Stilisierungen als missverstandener und abgelehnter Künstlerrebell ähnlich wie andere Neuerer rasch von den Sammlern entdeckt wurde und auf dem Kunstmarkt durchaus erfolgreich war. Ferdinand Moller, von 1913 bis 1920 Direktor der Breslauer Filiale der Ernst Arnold-Galerie in Dresden, trug besonders dazu bei, Muellers Werk bekanntzumachen. Doch die Ausstellung richtet den Fokus noch auf eine weitere Dimension im Schaffen des Künstlers.

 

Mueller zog 1919 nach Breslau und nahm auf Bitten Oskar Molls eine Lehrtätigkeit an der dortigen Staatlichen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe auf. Durch Hans Poelzig war die Einrichtung zu einer der bedeutendsten deutschen Kunsthochschulen geworden. Der namhafte Architekt reorganisierte die Ende des 18. Jahrhunderts als Königliche Kunst‑ und Gewerbeschule gegründete, 1911 in den Rang einer Königlichen Kunst- und Gewerbeakademie  erhobene Einrichtung und führte ein innovatives Lehrprogramm ein, das einige der Ideen des späteren Bauhauses vorwegnahm.

 

Moll unterrichtete seit 1919 an der Akademie Malerei, war 1926 bis 1932 ihr Direktor und führte Poelzigs Programm fort. Er selbst stand der Kunst Henri Matisse’ und des französischen Fauvismus nahe, doch versammelte er in Breslau eine sehr heterogene Gruppe von Dozenten, zu der nicht nur der Expressionist Mueller gehörte, sondern auch die dem Bauhaus angehörenden Avantgardisten Georg Muche, Johannes Molzahn und Oscar Schlemmer, daneben führende Vertreter der neuen Sachlichkeit wie Alexander Kanoldt und Carl Mensee. Die Breslauer Akademie verschaffte sich einen Ruf als (nicht nur) künstlerisches Bollwerk von Liberalismus und Pluralismus. Es sollte nicht vergessen werden, dass dort auch Hans Scharoun lehrte, der nach dem Zweiten Weltkrieg Leiter der Planungsgruppe für den Wiederaufbau Berlins wurde.

 

Das an der Akademie gepflegte Unterrichtsmodell war derart ungewöhnlich, dass sich Studenten angeblich über die von der Vielzahl der konkurrierenden Kunstkonzeptionen erzeugte Orientierungslosigkeit beschwerten, wie die Ausstellungsmacher darlegen. Otto Mueller selbst war ein wegen seines unkonventionellen Unterrichtsstils bei den Studierenden beliebter Lehrer. Sein Atelier durchliefen etwa Alexander Camaro, Grete Jahr-Queißer und Horst Stempel. Auch Jan Cybis gehörte zu Muellers Studenten, der später ungeheuren Einfluss auf die polnische Malerei des 20. Jahrhunderts haben sollte.

 

Breslauer Akademie am Kaiserin-Augusta-Platz (heute Plac Polski) mit Siegesdenkmal auf einer Postkarte von 1916

Die Ausstellung ordnet die Akademie in den historischen Kontext des Breslau der 1920er und frühen 1930er Jahre ein und weist auf interessante Verbindungslinien zwischen Moderne, städtischer Tradition und künstlerischer Überlieferung Schlesiens wie insbesondere des schlesischen Barocks hin. 1930 fand eine Ausstellung anlässlich das 300. Todestages von Michael Willmann statt, für die Johannes Molzahn den Katalog entwarf. Georg Muche und Oscar Schlemmer sollten an der Ausschreibung für die Wandmalereien im Breslauer Dom teilnehmen. Schlemmer entwarf auch die Bühnenbilder für zwei in Breslau aufgeführte Kammeropern.

 

Das Gedächtnis des Ortes

In seinem Buch „Deutschland. Erinnerungen einer Nation“ (engl. 2014, dt. 2015) unternimmt Neil MacGregor den Versuch, die Formierung der modernen deutschen Identität zu rekonstruieren, die Anstrengungen, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Auch damit, dass sich einige der früher einmal wichtigsten deutschen Metropolen heute in anderen Ländern befinden. Als Beispiele nennt MacGregor Königsberg, in dem sich Kurfürst Friedrich von Brandenburg 1701 zum „König in Preußen“ krönen ließ, Prag, Sitz vieler Kaiser, sowie Straßburg mit seinem berühmten Münster, das für Goethe der Inbegriff deutscher Architektur war. Der Fall Breslaus ist ganz ähnlich gelagert. Es war eines der wichtigsten Städte Preußens und des Deutschen Reichs.

 

Das Breslau der Zwischenkriegszeit ist eines der wichtigsten Themen der Ausstellung. Den Kuratorinnen ging es darum, die Besonderheit und Verschiedenartigkeit der Stadt einzufangen; dort bestand beispielsweise die nach Berlin und Frankfurt/ Main drittgrößte jüdische Gemeinde, und das Breslauer Jüdisch-Theologische Seminar war eines der wichtigsten judaistischen Forschungszentren in ganz Europa.

 

Die Ausstellung im Hamburger Bahnhof gibt einen Einblick in die religiöse Kultur der Stadt, doch widmet sie noch einem anderen Phänomen der Zeit besondere Aufmerksamkeit, nämlich den Sammlern: Carl Sachs, Max Silberberg und Ismar Littmann. Letzterer trug eine Sammlung von über 6000 Werken zusammen. Wie sich Littmanns jüngste Tochter Ruth Haller erinnert, war die ganze Wohnung so mit Bildern zugehängt, dass keine freie Stelle blieb; alle Wände des Esszimmers seien mit Corinths behängt gewesen, und der älteste Bruder habe in seinem Zimmer Otto Muellers Bilder gehabt.

 

Auch die Polen befassen sich seit drei Jahrzehnten mit der deutschen Vorkriegsgeschichte Breslaus, beleben das historische Gedächtnis an diese Zeit und integrieren es in die städtische Identität. Das fällt nicht immer leicht. Es sei nur an die Debatte erinnert, die der Beschluss auslöste, der Breslauer Jahrhunderthalle ihren alten Namen zurückzugeben. Die Ausstellung im Hamburger Bahnhof exemplifiziert denselben Vorgang auf deutscher Seite, nämlich ein Narrativ nicht gegen die Polen, sondern in Zusammenarbeit mit ihnen zu entwickeln. Nach Berlin wird die Ausstellung übrigens im Breslauer Nationalmuseum (Muzeum Narodowe) präsentiert (8. April bis 30. Juni 2019). Das ist gerade bei dem heutigen Misstrauen der polnischen Regierung in Sachen Kooperation mit Deutschland wichtig.

 

In diesem Zusammenhang erörtern die Ausstellungsmacher: „Eine Besonderheit des kuratorischen Konzeptes von ‘MALER. MENTOR. MAGIER’ ist das Prinzip des ‘Gastes’: gemeint sind hiermit ausgewählte Bilder, durch die spotlightartig, epochenübergreifend und interkulturell, insbesondere im deutsch-polnischen Kontext, auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede verwiesen werden kann. Das Einbeziehen ‘Polnischer Expressionisten’ ermöglicht einmalige Sehvergleiche und neue Zusammenhänge, zugleich verschränken sie die deutsch-polnische Ausrichtung dieser Ausstellung.“

 

Diese polnischen Themen treten verschiedentlich in Erscheinung. Ein besonders wichtiges Anliegen der Ausstellung ist, auf die Zusammenhänge zwischen polnischen und deutschen Expressionisten hinzuweisen. Die Mitglieder der 1918 bis 1920 in Posen tätigen „Grupa Bunt“ (Gruppe Rebellion), Jerzy Hulewicz, Stanisław Kubicki und Margarete Kubicka sowie Władysław Skotarek standen der „Brücke“ künstlerisch nah und lieferten Beiträge für die wichtigen Berliner Zeitschriften „Die Aktion“ und „Der Sturm“. Dank dieser Zusammenarbeit gab es 1918 in Berlin eine gemeinsame Ausstellung der „Brücke“ mit Jerzy Hulewicz, und „Die Aktion“ widmete eine ganze Ausgabe polnischen Künstlern, die gemeinsam mit der Posener Zeitschrift „Zdrój“ (Die Quelle) erstellt wurde.

 

Von den damaligen Künstlerverbindungen zwischen Polen und Deutschland ist immer noch wenig die Rede. Es darf jedoch ebenso wenig unerwähnt bleiben, dass die Verbindungen zwischen der „Bunt“-Gruppe und „Die Aktion“ abrissen, nachdem letztere den Angriff der Bolschewiki auf Polen befürwortet hatte – eine Tatsache, die die Ausstellung nicht anspricht. Selbstverständlich unterhielten polnische und deutsche Avantgardisten auch nach diesem Ereignis weiterhin Kontakte. Die Kubickis ließen sich in Berlin nieder und bildeten ein Relais zwischen verschiedenen Gruppierungen; Stanisław Kubicki etwa war Kasimir Malewitsch als Stadtführer und Dolmetscher zu Diensten, als dieser sich an der Spree aufhielt.

 

Es könnte der Eindruck entstehen, die Kuratorinnen seien bestimmten heiklen oder weniger offenkundigen Fragen der deutsch-polnischen Beziehungen aus dem Weg gegangen. Beispielsweise wird die Kontinuität der Breslauer Institutionen nach 1945 nicht deutlich. Andererseits ist es ziemlich erstaunlich, wenn Adolph Menzels „Begegnung Friedrich II. mit Kaiser Joseph II. in Neiße im Jahr 1769“ als Beispiel deutsch-polnischer Verbindungen herangezogen wird. So heißt es in der Bildunterschrift: „Dieses Werk dokumentiert nicht nur einen wichtigen Augenblick der Geschichte Schlesiens. Dass es sich jetzt in der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel befindet, ist der Tatsache zu verdanken, dass es 1953 von Breslau aus Berlin als ‘Freundschaftsgabe’ im Rahmen des damaligen Kulturaustausches im sogenannten Ostblock übergeben wurde.“ Das Bild gelangte zusammen mit 116 weiteren nach Berlin, die von den Polen als unmaßgeblich eingestuft worden waren. Im Grunde handelte es sich um eine Säuberung polnischer Museumssammlungen von deutschen Kulturgütern. Polen führte unter anderem Architekturzeichnungen aus den Dresdener Sammlungen zu Warschau und dem Sobieski-Archiv an, und erhielt dafür… ein Elektronenmikroskop.

 

Vergangenheit

Doch für den polnischen Betrachter ist womöglich ein anderer Aspekt der Ausstellung noch wichtiger. Es geht um ein Beispiel, wie sich die Deutschen mit der NS-Vergangenheit auseinandersetzen. Übrigens handelt es sich nicht um die erste Exposition im Hamburger Bahnhof zu dieser Zeit; eine frühere war beispielsweise die Ausstellung „Die schwarzen Jahre. Geschichten einer Sammlung, 1933–1945“ von 2015.

 

Otto Mueller starb 1930. Im Schlesischen Museum der Bildenden Künste in Breslau veranstaltete dessen Direktor Erich Wiese eine Ausstellung über den Maler, die anschließend auf Initiative des Direktors der Nationalgalerie Ludwig Justi auch in Berlin gezeigt wurde. So wurde Mueller in den Kanon der deutschen Kunstgeschichte aufgenommen, wenn auch nur für kurze Zeit. Denn nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Justi entlassen, ebenso Wiese. 1937 wurden 357 Bilder Muellers in deutschen Museen beschlagnahmt, von denen dreizehn auf der Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt wurden.

 

Otto Mueller:
Zwei weibliche Halbakte, um 1919, Museum Ludwig, Köln

 

Die Geschichte eines seiner Bilder wird in einer anderen sehr wichtigen und noch geöffneten Ausstellung im Berliner Gropius Bau gezeigt: „Bestandsaufnahme Gurlitt. Ein Kunsthändler im Nationalsozialismus“. „Zwei weibliche Halbakte“ (ca. 1919) war im Besitz von Ismar Littmann. Nachdem der Sammler aus seiner Stellung gedrängt worden war und 1934 Selbstmord begangen hatte, sollte das Bild zur Auktion im Berliner Salon von Max Perl kommen. Es wurde jedoch von der Gestapo konfisziert und an die Nationalgalerie übergeben. Dort verblieb es bis 1937, wurde in diesem Jahr bei der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt und gelangte anschließend in die Hände von Cornelius Gurlitt, dem die deutschen Behörden als einem von nur vier Kunsthändlern den Verkauf der aus den deutschen öffentlichen Sammlungen entfernten Werke anvertrauten. Dieser verkaufte 1942 das Bild an den bekannten deutschen Sammler Josef Haubrich, der 1946 seine Sammlungen dem Kölner Wallraf-Richartz-Museum als Schenkung überließ. Erst 1999 wurde das Bild den Erben Littmanns übergeben und von diesen für das Kölner Museum Ludwig abgekauft.

 

Die Akademie wurde noch vor Hitlers Machtergreifung 1932 geschlossen. Der Lehrbetrieb wurde noch für kurze Zeit in privaten Ateliers fortgeführt. Die früheren Dozenten – Carlo Mense, Oskar Moll, Johannes Molzahn, Georg Muche und Oscar Schlemmer – stellten überwiegend ihre Lehrtätigkeit ein und gerieten später auf die Liste der „entarteten Künstler“. Molzahn emigrierte schließlich. Alexander Kanoldt ging offenbar einen anderen Weg, trat 1932 der NSDAP bei, wurde Dozent an der Berliner Akademie der bildenden Künste sowie Mitglied der Preußischen Akademie der Künste. Drei Jahre später gab er die Professur auf und 1937 erging es ihm wie den anderen Dozenten der Breslauer Akademie, als auch seine Werke der „entarteten Kunst“ zugerechnet wurden. Das Breslau des Otto Mueller gehörte endgültig der Vergangenheit an, noch bevor die Stadt als „Festung Breslau“ 1945 zu mehr als zwei Dritteln zerstört wurde.

 

 

„Maler. Mentor. Magier. Otto Mueller und sein Netzwerk in Breslau“, Berlin, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Ausstellung geöffnet bis 3. März 2019, Kuratorinnen: Dagmar Schmengler und Agnes Kern

 

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

 

nv-author-image

Piotr Kosiewski

Piotr Kosiewski ist Historiker, Kunstkritiker und Publizist. Er schreibt regelmäßig für die polnische Wochenzeitschrift „Tygodnik Powszechny” und das Magazin „Szum".

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Symbol News-Alert

Bleiben Sie informiert!

Mit dem kostenlosen Bestellen unseres Newsletters willigen Sie in unsere Datenschutzerklärung ein. Sie können sich jederzeit austragen.