Vom Preis des Friedens

Überlegungen nach dem Erinnerungsjahr des Dreißigjährigen Krieges

 

Noch vor gut einem Jahrzehnt konnte es so scheinen, als würde der Dreißigjährige Krieg seine einst zentrale Bedeutung für die deutsche kollektive Erinnerung verlieren. Seit dem 19. Jahrhundert galt er als Höhepunkt eines von konfessionellen Streitigkeiten beförderten selbstzerstörerischen Wirkens deutscher politischer Eliten, das mit einem weitgehenden Souveränitätsverlust Deutschlands im Westfälischen Frieden geendet habe. Der deutschen Nationalgeschichtsschreibung bot diese Deutung den Hintergrund, vor dem sich Preußens Aufstieg, die Befreiungskriege und schließlich die Reichseinigung als glanzvolle Überwindung von Niedergang und historischem Unrecht darstellen ließen. Noch die Bezeichnung der Weltkriege als zweiter Dreißigjähriger Krieg ist davon geprägt.

 

Erst mit der zunehmenden Verdrängung des traditionellen nationalgeschichtlichen Narrativs verlor der Krieg ebenso wie viele andere historische Ereignisse an Relevanz für die Geschichts- und damit Gegenwartsdeutung. Der Bedeutungsrückgang konfessioneller Differenz trug zusätzlich dazu bei. Doch in den letzten Jahren scheint die Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg mit Macht zurückgekehrt zu sein – zumindest wenn man nach den Regalen der Buchhandlungen urteilt. Im Umfeld des 400. Jahrestages seines Beginns ist eine Vielzahl neuer Publikationen zum Thema erschienen – neben dem Roman Tyll von Daniel Kehlmann auch umfangreiche neue historische Gesamtdarstellungen. Nicht nur deren Menge, sondern auch ihre den Bestsellerlisten und dem Medienecho zu entnehmende relativ breite Rezeption, zeugen von einem Interesse, das über das bei Jahrestagen Übliche deutlich hinausgeht. Die Frage nach der Bedeutung des Dreißigjährigen Krieges für die Entwicklung der deutschen Nation spielt dabei kaum mehr eine Rolle, auch wenn manche Autoren der erneuten Dekonstruktion des nationalgeschichtlichen Narrativs einigen Raum geben. Im Mittelpunkt stehen aber der Krieg als solcher, seine Grausamkeit, seine komplexen Ursachen und die Schwierigkeit, ihn zu beenden.

 

Dabei fällt auf, wie stark die Überzeugung, in der Geschichte Fortschritt erkennen zu können und aus der Geschichte Wissen zur Friedensherstellung gewonnen zu haben, von einer neuen bedrohlichen Nähe kaum lösbar erscheinender militärischer Konflikte verdrängt wurde. Vor 20 Jahren wurde der 30 Kriegsjahre beendende Westfälische Frieden im Umfeld seines 350-jährigen Jubiläums noch mit solchen Bezeichnungen gewürdigt wie „größtes Friedenswerk der Neuzeit“ (Johannes Burkhardt) oder – wenn auch vor allem mit Blick auf seine langfristigen Wirkungen, seinen „Mythos“ – als „wesentliche Etappe in der neuzeitlichen Geschichte Europas“ (Heinz Schilling). Bei aller Berücksichtigung der verheerenden Folgen des Krieges und der Brüchigkeit des anschließenden Friedens lag der Fokus doch häufig auf den langfristigen Prozessen einer Umgestaltung Europas, der Überwindung von Religionskriegen und der Herausbildung eines Systems grundsätzlich gleichrangiger europäischer Staaten. Unübersehbar bildeten das kurz zurückliegende Ende des Ost-West-Systemgegensatzes und die bevorstehende Erweiterung der EU den Hintergrund vieler Deutungen.

 

Friedenspostreiter, Ausschnitt aus einem Flugblatt zum Westfälischen Frieden von 1648

 

Die Neuerscheinungen tragen hingegen Titel wie „Eine europäische Tragödie“ (Peter Wilson), „Europäische Katstrophe, deutsches Trauma“ (Herfried Münkler), „Der Weg in die Katastrophe“ (Heinz Schilling), „Die Reiter der Apokalypse“ (Georg Schmidt), „Der Krieg der Kriege“ (Johannes Burkhardt) oder „Zeugnisse vom Leben mit Gewalt“ (Hans Medick). Die Titel mögen zwar teilweise dem Unterschied der Jahrestage – hier der Beginn des Krieges, dort sein Ende – geschuldet sein, aber sie spiegeln darüber hinaus wohl auch eine veränderte Gegenwartswahrnehmung wider. Angesichts der anhaltenden Konflikte an den Grenzen Europas, die nicht zuletzt durch die von ihnen verursachte Migration auch im europäischen Alltag präsent sind, haben die Schrecken des Krieges neue Aktualität erhalten und werfen die Frage nach Wegen zu seiner Beendigung oder zumindest Eindämmung auf.

 

Von Vertretern der deutschen Außenpolitik ist gelegentlich der Gedanke einer Art Westfälischen Friedens für den Nahen Osten geäußert worden, Herfried Münklers Studie zum Dreißigjährigen Krieg widmet sich ihm ausführlich und von der Universität Cambridge sowie der Körber Stiftung wurde ein langjähriges Projekt dazu durchgeführt. Im Zentrum der Überlegungen stehen jene Aspekte des Friedensschlusses, die schon seit längerem als seine wesentlichen Errungenschaften gelten: die Gewährleistung von Sicherheit für die konfessionellen Lager im Reich durch eine in Streitfragen Parität herstellende Rechtsordnung und gegenseitige Anerkennung sowie Garantie von Autonomie der Konfliktparteien im Sinne eines sich herausbildenden Staatensystems. In mancherlei Hinsicht ist allerdings Skepsis gegenüber dieser Deutung angebracht.

 

Zum einen hatte bereits vor Beginn des Krieges mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 eine, wenn auch vorläufige, Rechtsordnung zum Schutz vor konfessionellen Auseinandersetzungen bestanden. Es war eher der Streit um deren Auslegung als ihre prinzipielle Infragestellung, die zum Krieg führte, und es war letztlich ihre Präzisierung und Erweiterung, die durch den Friedensschluss erreicht wurde. Nicht zuletzt deshalb ist in der Forschung durchaus umstritten, inwieweit es sich tatsächlich um einen Religionskrieg handelte, auch wenn religiöse Überzeugungen ohne Zweifel zu seiner Legitimation und erbitterten Fortsetzung beitrugen und so seine Beendigung erschwerten. Aber auch die durch den Frieden geschaffene Rechtsordnung, die ja keineswegs allgemeine Glaubensfreiheit garantierte, sondern nur bestimmte Rechte des katholischen und der zwei wichtigsten protestantischen Bekenntnisse, blieb umstritten, und die Konflikte um ihre Deutung und Umsetzung nahmen in den folgenden Jahrzehnten stetig zu – Jürgen Luh hat seine Studie dazu zuspitzend „Unheiliges Römisches Reich“ genannt. Wenn es dennoch nicht zu einem neuen Krieg mit konfessioneller Frontstellung gekommen ist, so kann das zwar auf die Stärke der 1648 geschaffenen Rechtsordnung zurückgeführt werden, mindestens ebenso aber schlicht auf den anhaltenden Willen aller Seiten, eine Eskalation wie in den Jahren zuvor um jeden Preis zu vermeiden.

 

Zum anderen war auch die Anerkennung autonomer, gleichrangiger Herrscherinteressen, gewissermaßen als Vorläufer staatlicher Interessen, weder gänzlich neu, noch endgültig. Ein Streben nach Universalherrschaft einzelner Herrscherhäuser, zunächst der Habsburger, dann der schwedischen Wasas und schließlich der französischen Bourbonen, existierte im 17. Jahrhundert vor allem als Vorwurf und Kriegslegitimation der jeweiligen Gegner, vielleicht auch als Befürchtung – und dies galt sowohl vor als auch nach dem Friedensschluss. Denn der Westfälische Friede, genauer gesagt erst seine Implementierung auf dem Nürnberger Exekutionstag gut ein Jahr später, beendete zwar im Reich, den Niederlanden und der Schweiz vorläufig die militärischen Auseinandersetzungen, aber andernorts ging der Krieg weiter – etwa zwischen Frankreich und Spanien – oder neue Kriege fingen an – wie in Polen-Litauen. Wenn die Verhandlungen in Münster und Osnabrück, die 1648 zum Friedensschluss führten, etwas Neues hervorbrachten, so nur den Beweis, dass Verhandlungen unter Einschluss aller beteiligten Parteien zumindest partiell zu Kompromisslösungen führen können. Insofern wurden sie tatsächlich zum Vorbild für eine Vielzahl von Friedenskongressen in den folgenden Jahrhunderten. Kritisch könnte man allenfalls einwenden, dass das Wissen um die Möglichkeit von Kompromissfriedenslösungen das mit der Provokation eines Krieges verbundene Risiko verringern kann. Gerade die Tatsache, dass nach Vorbild der Westfälischen Verhandlungen ständig neue Kongresse einberufen werden mussten, lässt eine solche Überlegung naheliegend erscheinen.

 

Beim Nachdenken über eventuelle Lehren aus der Beendigung des Dreißigjährigen Krieges ist daher vor allem im Auge zu behalten, dass es sich letztlich um einen partiellen Frieden handelte, der Anlässe zu weiteren Konflikten bereits in sich barg. Erst der Verzicht auf als endgültig akzeptablen Lösungen machte den Frieden überhaupt möglich. Bis zuletzt war gekämpft worden, ja einige der blutigsten Schlachten fanden noch während der Verhandlungen statt. Letztlich hat dennoch keine der Kriegsparteien ihre Ziele wirklich erreicht, keiner gelang es auch, sich als neutraler Vermittler zu etablieren und so Dominanz auszuüben. Frankreich hatte die Habsburger zwar geschwächt, aber doch nicht so, dass sie sich davon nicht erholen konnten – mit nur kurzen Unterbrechungen dauerten die militärischen Auseinandersetzungen mit der spanischen und der österreichischen Linie bis weit in das 18. Jahrhundert hinein an. Schweden hatte seine Vormacht in der Ostsee und seine Stellung im Reich behauptet, aber kein dauerhaftes Bündnissystem geschaffen, so dass diese Position fragil blieb und bald zu neuen Kriegen führte. Die protestantischen Stände hatten zwar im Reich ihre Position gesichert, mussten aber hinnehmen, dass in den österreichischen Erblanden und den Ländern der Böhmischen Krone, außer den an Sachsen gefallenen Lausitzen, eine konsequente Rekatholisierungspolitik umgesetzt wurde. Zudem waren nun Vertreter des reformierten und des evangelisch-lutherischen Bekenntnisses reichsrechtlich aufeinander angewiesen – ein tiefer Einschnitt in das konfessionelle Selbstverständnis. Auch insgesamt wog die auf Dauer angelegte Anerkennung unterschiedlicher Bekenntnisse am schwersten, denn dies bedeutete für die Zeitgenossen keineswegs nur den Verzicht auf Kontrolle individueller Bekenntnisse oder gemeinschaftlicher Organisation, sondern auch auf die Sorge um das Seelenheil der Untertanen, und damit gewissermaßen die Aufgabe von seinerzeit als universell verstandenen Werten. Die einzigen Gewinner waren diejenigen der frühneuzeitlichen Kriegsunternehmer und Feldherren, die bis zum Ende durchgehalten hatten. Um den Frieden tatsächlich umzusetzen, mussten sie ebenso wie ihre Söldner zunächst ausgezahlt werden, was sich noch einige Jahre hinzog. Die zahllosen Opfer hingegen gingen leer aus, denn eine Amnestie verhinderte jede Aufrechnung von Kriegsschuld. Man muss daher nicht das nationalgeschichtliche Narrativ von der Schwächung des Reiches bemühen, um anzuerkennen, dass der Preis für den Frieden äußerst hoch war.

 

Dennoch kann aber keineswegs nur von einem Erschöpfungsfrieden gesprochen werden. Noch etliche Jahre nach dem Friedensschluss drohte der Krieg wieder aufzuflammen, einige der Kriegsparteien setzten ihr militärisches Engagement an anderer Stelle fort und es dauerte auch nicht allzu lange, bis fast alle Parteien in neue militärische Konflikte verwickelt waren. Wenn es 1648 zum Friedensschluss kam, so war dafür vor allem die wachsende Stärke jener Kräfte verantwortlich, die bereit waren, für den Frieden fast jeden Kompromiss einzugehen. Neben einem Teil der katholischen und protestantischen Stände zählte dazu auch eine relativ unabhängig agierende mediale Öffentlichkeit, die den Friedenswillen als zentralen christlichen Wert propagierte und den Kriegsparteien damit zunehmend Legitimationsprobleme bereitete. Zu einem dauerhaften, womöglich gerechten Frieden haben ihre Bemühungen zwar nicht geführt, aber doch zu einem Ende der unmittelbaren Kriegshandlungen, das in großen Teilen des Reiches fast hundert Jahre Bestand hatte und mehreren Generationen deren katastrophalen Folgen ersparte. Mehr als an die rechtlichen und organisatorischen Lösungen, die in den Verhandlungen gefunden wurden, sollte an diesen unbedingten Friedenswillen gedacht werden, wenn man verstehen will, wie es gelang, den Dreißigjährigen Krieg zu beenden.

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Karsten Holste

Dr. Karsten Holste studierte Geschichte und Germanistische Literaturwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und wurde dort 2010 promoviert.

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