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Verstehen wir die Welt nicht mehr?

In seinem neuesten Buch fordert Christoph von Marschall, Deutschland sollte weniger in den Spiegel schauen, mehr an seine eigenen Interessen denken und mit seinen Verbündeten sprechen. Und – aktiv werden.

 

Eine der symbolischsten Fälschungen, die sich Claas Relotius während seiner Arbeit für das Wochenmagazin „Der Spiegel” geleistet hatte, war seine Reportage aus Fergus Falls in den USA. Im Januar 2017 schickte ihn das Magazin für drei Wochen in diese Kleinstadt in Minnesota, damit er beschreibt, woher die Popularität Donald Trumps kommt. In Relotius’ langem Text über diesen „für das ländliche Amerika typischen” Ort, kommt der Bürgermeister mit einer Waffe am Gürtel zur Arbeit, im Kino sind nur die Vorstellungen, in denen Kriegsfilme gezeigt werden, ausverkauft, und ein aufmerksames Auge würde das Schild „Mexicans Keep Out” wahrnehmen.

 

Erst anderthalb Jahre nach der Veröffentlichung der Reportage kam ans Tageslicht, dass diese und andere Fakten erdacht waren – wie auch viele andere Texte des vielmals preisgekrönten Autors. Wie konnte eine so tendenziöse Geschichte den Augen der angeblich strengen Faktencheckern aus Hamburg entgehen? Eine der Antworten lautete, dass nichts ihren Zweifel erweckt habe, weil sie genau dieses Bild erwartet hätten: rückständige, ultrakonservative und waffenliebende Amerikaner aus der Provinz, die für Donald Trump beten. Die Wirklichkeit erwies sich jedoch als komplizierter.

 

Die Probleme des Westens

Wir alle bedienen uns Stereotypen, um mit der Komplexität der Welt zurechtzukommen. Probleme tauchen erst auf, wenn die Vereinfachungen so groß werden, dass sie das Verstehen der Realität, und infolge dessen auch das Setzen und Erreichen eigener Ziele in ihr erschweren.

 

In seinem neuen Buch beschreibt Christoph von Marschall, langjähriger diplomatischer Korrespondent der Tageszeitung „Der Tagesspiegel”, Stereotypen, Vorurteile und gängige Wahrheiten des deutschen außenpolitischen Diskurses, die die Ruhe der Bürger und Politiker vielleicht nicht stören, aber in einer längerfristigen Perspektive die Interessen Deutschlands bedrohen könnten.

„Wir verstehen die Welt nicht mehr. Deutschlands Entfremdung von seinen Freunden” lautet der Titel des Buches, in dem er die deutsche Außenpolitik vom Standpunkt der Verbündeten Berlins beschreibt. An der Wende der Jahre 2017/2018 verbrachte Christoph von Marschall als Stipendiat der ZEIT-Stiftung sowie des German Marshall Fund of the United States insgesamt zehn Monate in Washington, Brüssel, Paris und Warschau, um mit den dortigen Politikern und Experten darüber zu sprechen, wie sie die internationale  Politik Deutschlands beurteilen, und um sie zu fragen, was sie in dieser Zeit voller Spannungen von Berlin erwarten würden.

 

Der Hauptbezugspunkt und die Sorge von Marschalls ist der Westen, zu dessen Teil Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg geworden war.  Diese Zugehörigkeit zum liberalen und kapitalistischen System nach dem Krieg, unter dem Schutz der Vereinigten Staaten, erlaubte Deutschland seinen wirtschaftlichen Erfolg nach der Kriegskatastrophe, die es selbst hervorgerufen hatte. Heute, wo die transatlantische Gemeinschaft von zahlreichen Krisen geplagt wird, tut Berlin nach Meinung Christoph von Marschalls zu wenig, um die Fundamente des eigenen Erfolgs zu verteidigen.

 

Der gestörte Vektor

Während die Zugehörigkeit zum Westen für die deutschen Regierungspolitiker selbstverständlich ist, kommen bei der Untersuchung der öffentlichen Meinung manchmal Zweifel auf, wer der Verbündete Berlins sei. Bei Meinungsumfragen im Jahre 2018 waren die Deutschen der Ansicht, Donald Trump sei gefährlicher als Wladimir Putin oder Kim Jong Un.

 

Für von Marschall ist dies nicht nur ein Beweis für den “irrationalen Antiamerikanismus”, der in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft verankert ist, sondern auch ein Beispiel dafür, dass die internationale Politik in Schwarz-Weiß-Kategorien betrachtet wird, was die “die Neigung, sich als moralische Oberlehrer aufzuspielen” offenbart.

 

Sie ist schädlich, weil aus moralischer Empörung nicht viel resultiert.  Von Marschall gibt zu, Trumps Präsidentschaft sei das Signal, dass „…kein Verlass mehr dar­auf (ist), dass die USA diese liberale Ordnung in gleicher Weise ver­teidigen und ihren Fortbestand garantieren, wie Europa das über Jahrzehnte gewohnt war“. Das sollte die Deutschen dazu mobilisieren, darüber nachzudenken, wie viel sie selbst bereit sind, für den Erhalt der liberalen Prinzipien zu tun, von denen sie profitieren, indem sie ihre Produkte in die ganze Welt exportieren können. Diese Reflexion über die Eigenverantwortung fehle jedoch, was besonders in den Fragen der Verteidigungsbereitschaft sichtbar werde.

 

Pacta sunt servanda

Versäumnisse rächen sich mit der Zeit. Schon Barack Obama kritisierte Europa wegen der Nichterfüllung seiner Verpflichtungen im Rahmen der NATO, nach denen jedes Bündnismitglied mindestens 2% seines BIP für die Verteidigung ausgeben sollte. Doch die meisten Deutschen hörten diese Kritik höchstwahrscheinlich erst in der vulgarisierten Form des direkten Angriffs von Donald Trump gegen Berlin. Und deshalb überboten sich beim Bundestagswahlkampf 2017 die wichtigsten Parteien in ihrer Distanz gegenüber den USA. In der Praxis bedeutete das den Unwillen, vor den Wählern zuzugeben, dass sich Deutschland selbst gegenüber seinen Verbündeten dazu verpflichtet hatte, die Ausgaben zu erhöhen, und dass Trumps Kritik begründet war (letztendlich lautet der neue Berliner Konsens: Erhöhung der Ausgaben auf 1,5% des BIP im Jahre 2024).

 

Seit Jahren weiß man, dass sich der amerikanische Schirm über Europa und Deutschland mit der Verschiebung der Aufmerksamkeit Washingtons in Richtung Südostasien langsam zusammenfalten wird, was durch den Anstieg der Macht Chinas bewirkt wird. Experten für internationale Politik warnen bereits seit langem: Europa müsse mehr Verantwortung für die eigene Sicherheit übernehmen.  Von Marschalls Hauptfrage – und zugleich sein Vorwurf gegenüber der deutschen politischen Klasse lautet: „Wer wird die unentschiedene Bevölkerung davon überzeugen”?

 

Eine gängige Ansicht der deutschen Politiker ist, dass diese Fragen die traditionell pazifistisch eingestellten Deutschen eher abschrecken, als zu einer echten Auseinandersetzung mit dem Thema führen. Von Marschall antwortet, dass dieser Unwille gerade eine Folge der fehlenden sachlichen Debatte sei. Diese verlangt nämlich, die deutschen Interessen zu definieren und über die beste Art ihrer Realisierung nachzudenken. Im Dilemma zwischen Werten und Interessen in der Außenpolitik konzentriert sich der Autor deutlich auf die letzteren.

 

Die Orientierung auf eigene Interessen in der internationalen Politik soll dabei helfen, mit ambivalenten Dilemmata zurechtzukommen, statt untätig zu bleiben, um das Bild der eigenen Moral zu verteidigen. „Deutschland hat gar nicht die Wahl, abseits zu stehen, um sich nicht die Finger schmutzig zu machen. Die Welt ist nicht schwarz-weiß, sondern voller Grautöne”, schreibt von Marschall.

 

Warnung vor einem „Sonderweg”

Auch in Europa verpacken die Deutschen ihren Unwillen dagegen, tätig zu werden, in die Überzeugung von moralischer Überlegenheit, und die Tatsache, dass sie angeblich „Mustereuropäer” seien. In kurzer Perspektive erlaubt das, einen Nutzen aus der privilegierten Situation zu ziehen, doch längerfristig verursacht es noch größere Probleme und verprellt die Partner.

 

Von Marschall erinnert daran, dass es Berlin gewesen ist, das als erstes die Stabilitätskriterien der Eurozone gebrochen habe, was sich einige Jahre später bei der Krise im Süden der EU rächte. Und die ohne Absprachen mit den Nachbarn getroffen Entscheidungen, wie z.B. in der Frage der „Energiewende”, oder während der Flüchtlingskrise, führten zu größeren Konflikten, wie beispielsweise der Vorschlag der Verteilung der Geflüchteten auf die EU-Länder.

 

Im Kontext der Migrationskrise schrieb der Historiker Heinrich August Winkler bereits 2016: „Es gibt kein deutsches Monopol für Moral”, und warnte vor einem „Sonderweg”, der jahrzehntelang den deutschen politischen Gedanken geformt und zur Katastrophe der beiden Weltkriege geführt habe[i]. Von Marschall fügt die Kritik der „liebsten Illusion” der Deutschen hinzu, dass „Alle werden wie wir”. Er fordert: die Deutschen müssten ihren Partnern das Gefühl geben, dass sie gehört und ihre Interessen berücksichtigt werden.

 

Berlin als ein Ort der Balance

Genau das hat von Marschall in Polen und Frankreich getan. Die Liste seiner Gesprächspartner, die er für seine Gespräche gewinnen konnte, um sie nach ihren Erwartungen gegenüber der deutschen Politik zu fragen (sie ist in Warschau deutlich länger als in Paris), ist imponierend. Seine im Frühjahr 2018 geführten Gespräche verlieren nicht an Aktualität, und nach mehreren Monaten erlauben sie zu überprüfen, wie weit Berlin die Erwartungen seiner Nachbarn erfüllt.

 

Die Bilanz ist gemischt. Die in Paris erwartete Hilfe bei der militärischen Zusammenarbeit trifft in Berlin auf unkonkrete und irreführende Ansagen über den Aufbau einer „europäischen Armee”[ii]. Die Unterstützung für die von Emmanuel Macron vorgeschlagenen Reformen der Eurozone hat dagegen eine konkrete, jedoch eingeschränkte Form in der Meseberger Vereinbarung gefunden[iii].

 

Von Marschall erklärt auf verständliche Weise auch die innere politische Situation in Polen und die Quellen der deutsch-polnischen Missverständnisse der letzten Jahre. Die negative Haltung Berlins gegenüber der „Drei-Meere-Initiative”, über die sich seine Gesprächspartner in Warschau beklagt hatten, hat im letzten Jahr einer pragmatischeren Einstellung Deutschlands Platz gemacht[iv]. Symbolisch ist das Gespräch von Marschalls mit dem stellvertretenden Sejmmarschall Adam Bielan, bei dem beide die wenigen Kontakte zwischen den Deutschen und den konservativen Milieus in Polen kritisieren – und das mit einem Austausch privater Telefonnummern endet, damit diese Kontakte in Zukunft erleichtert werden können.

 

Von Marschall zeigt auf überzeugende Weise auf, dass die deutsche Politik, wenn sie Kontakte knüpfen, den Argumenten der Nachbarn zuhören und deren Interessen ausbalancieren würde, ihre eigenen Ziele effektiver erreichen und die Kohärenz der EU stärken könnte.

 

Ein realistisches Manifest

„Generell ist die Absicht dieses Buches nicht, mit der Schilde­rung der vielen bedauerlichen Entwicklungen Trübsinn zu ver­breiten. Sondern: zum Nachdenken und Handeln zu animieren“, schreibt von Marschall, und so sollte man sein Buch auch lesen: als ein Manifest. Vermutlich gibt es aufgrund dieser Zukunftsorientierung keine Reflexion über die eigenen Vernachlässigungen des Westens, die zur heutigen Situation geführt haben, und zu Fällen, wo sich die deutsche Zurückhaltung als wirksamer erwies, vor allem beim Widerspruch gegen den Irak-Krieg.

 

Doch die von Marschall geforderte Offenheit bei der Formulierung und beim Kommunizieren der eigenen Interessen, sowie internationale Aktivität können die Antwort auf viele Probleme sein, von denen die transatlantische Gemeinschaft in Zeiten immer stärker werdender nationaler Partikularismen geplagt wird.

 

Das Buch lässt sich dank seines klaren Konzepts und verständlicher Argumente gut lesen. Statt sich auf das Zitieren anderer Arbeiten zu konzentrieren, beschreibt von Marschall in einer lebendigen Sprache die eigenen Begegnungen und Beobachtungen, dabei versammelt er an einer Stelle viele Stimmen, nach denen deutsche Leser im Alltag mit Mühe in den deutschen Medien suchen müssen. Die im Buch zitierten, erinnerten Begegnungen mit führenden deutschen Politikern beweisen auch, wie gut der Verfasser die aktuellen Probleme der politischen Mäander Berlins kennt.

 

Auch wenn im Buch eine „Metaerzählung” fehlt, mit Hilfe deren man ein breites Publikum überzeugen könnte, stellt es eine wichtige Mahnung für diejenigen dar, die den deutschen Diskurs gestalten: dass die größte Gefahr die Tatenlosigkeit ist.

 

 

[i]https://www.zeit.de/2016/18/fluechtlingspolitik-europa-angela-merkel-moral/komplettansicht

[ii] https://www.ecfr.eu/article/commentary_the_european_army_a_tale_of_wilful_misunderstanding

[iii] https://www.osw.waw.pl/en/publikacje/analyses/2018-06-27/franco-german-vision-eus-reforms-presented-meseberg-0

[iv] https://www.tagesschau.de/ausland/drei-meere-initiative-101.html

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Grzegorz Szymanowski

Grzegorz Szymanowski ist Journalist und Übersetzer. Seine Reportagen über Deutschland, Polen und Russland wurden u.a. in der polnischen Wochenzeitschrift Tygodnik Powszechny sowie der Deutschen Welle veröffentlicht.

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