Kommentar: Was folgt auf Danzig?

Gemeinsam strömten vergangene Woche die Danziger zu zehntausenden auf die Straßen. Der Mord an Bürgermeister Paweł Adamowicz hat die Stadt wie kein anderes Ereignis der jüngsten Vergangenheit erschüttert. In der ganzen Stadt hingen Fahnen mit Trauerflor, die polnische und die Danziger, in den Schaufenstern der meisten Restaurants und Geschäfte schwarz-weiße Porträts des Bürgermeisters. Auf dem Solidarność-Platz vor dem Denkmal für die gefallenen Werftarbeiter von 1970 wuchsen die aufgestellten Grablichter in Kürze zu dem größten brennenden Lichterherz der Welt an. Es ist dieses Bild, das um die Welt ging und durch seine Ausdruckskraft wohl am stärksten in Erinnerung an die Trauertage in Danzig bleiben wird.

 

Danzig hat seinen Bürgermeister, der seit 20 Jahren im Amt war, durch eine Messerattacke am 13. Januar, deren Folgen er tags darauf erlag, verloren. Bei den vergangenen Kommunalwahlen im Herbst 2018 war er erneut für eine weitere fünfjährige Amtszeit eindeutig wiedergewählt wurde. Nun wurde er majestätisch verabschiedet. Von Donnerstag bis Freitag standen Zehntausende stundenlang bei eisigen Temperaturen an, um in das Europäische Solidarność-Zentrum zu gelangen, in dem der Sarg für zwei Tage aufbewahrt wurde, Abschied zu nehmen und sich in das Kondolenzbuch einzutragen. Sie versammelten sich auch am Folgetag, als der Sarg in die Marienkirche überführt wurde.

 

Das Ausmaß der kollektiven Trauer – landesweit versammelten sich Menschen an öffentlichen Plätzen, um ihre Solidarität mit Danzig zu bekunden – war zugleich ein machtvoller Ausdruck des Widerstandes gegen den seit Jahren tobenden verbalen Hass in Politik und Medien, der die Gesellschaft unversöhnlich gespalten hat. Letztlich kann dieser auch dazu verführen, die ohnehin dünne Grenze zwischen verbaler und physischer Gewalt zu überschreiten. Die Schreckenstat von Danzig und die Reaktionen darauf ließen die Hoffnung auf eine grundlegende Reflexion politischer und medialer Akteure über den Zustand des innerpolnischen Dialogs kurz aufkeimen. Vergebens. Die Chance, den tragischen Mord zum Anlass zu nehmen, den schwierigen Prozess zur gesellschaftlichen Aussöhnung einzuleiten, wurde vertan. Vielmehr ist heute, eine Woche nach dem Tod des Bürgermeisters klar, dass sich die Fronten zwischen der Regierungspartei und der Opposition noch weiter verhärtet haben.

 

Dabei hätte der tragische Mord ein Weckruf sein müssen. Der erste und längst überfällige und logische Schritt wäre gewesen, Jacek Kurski, den Direktor des öffentlich-rechtlichen Senders Telewizja Polska zu entlassen, was kurzweilig nach dem Tod von Adamowicz im Gespräch war. Seitdem Kurski im Zuge des Machtantritts der PiS die Leitung über die öffentlichen Fernsehsender übernahm, entwickelten sich diese zu einem propagandistischen Sprachrohr der Regierungspartei. Von neutraler Berichterstattung kann keine Rede mehr sein, die Nachrichten sind zu einer äußerst primitiven Sendung verkommen, in der seit über drei Jahren kein kritisches Wort über die Regierung fällt, dafür permanent Angriffe gegen die Opposition gefahren werden. Dies war auch den Zuschauern zu viel. Die Einschaltquoten der einst beliebten Abendnachrichten sind um über eine Million gesunken (auf 2,5 Mio.). Hinzu kommt, dass viele der im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlten Sendungen von Moderatoren geleitet werden, die sich an keinerlei journalistische Standards halten, sich einer Sprache der Entmenschlichung bedienen und auf diese Weise gezielt Opponenten der nationalkatholischen Regierungspartei im In- und Ausland angreifen. Auch der Danziger Bürgermeister war in den letzten Jahren immer wieder prominente Zielscheibe von derartigen Angriffen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

 

Wer weiß, ob die Entlassung Kurskis den Verlauf des Begräbnisses des Bürgermeisters vergangenen Samstag in der Danziger Marienkirche eine andere Wendung gegeben hätte. Die Beisetzung war geprägt von mutigen, anklagenden und mahnenden Worten. In Erinnerung bleiben insbesondere die Auftritte Aleksander Halls und des Dominikanerpaters Ludwik Wiśniewski, der zum Widerstand gegen das „sich ausbreitende Gift des Hasses auf den Straßen, in den Medien, im Internet, den Schulen, dem Parlament und auch der Kirche“ aufrief. Auch Apelle zur Einheit und Solidarität der Polen sind gefallen. Unter den Trauernden waren zahlreiche prominente Gäste, darunter EU-Ratspräsident Donald Tusk, Lech Wałęsa, viele Anführer der einstigen Solidarność, ehemalige Minister, Sejm-Abgeordnete und Kommunalpolitiker. Auch Präsident Andrzej Duda, Premierminister Mateusz Morawiecki und Kultusminister Piotr Gliński waren anwesend. Letzteren wurden jedoch Plätze in der fünften Reihe zugewiesen – auf ausdrücklichen Wunsch der Familie des Bürgermeisters, wie Krzysztof Szczerski, Chef im Präsidialamt im Nachhinein mitteilte. Protokollarisch eigentlich nicht hinnehmbar. Dass sie dennoch kamen, war ein gutes Signal. Mehr aber auch nicht.

 

Denn zu einem Akt der Versöhnung zwischen Vertretern der einen Seite des innerpolnischen Konflikts sowie den diversen Vertretern der anderen ist es nicht gekommen. Die Chance, wenn auch nur symbolisch, auf eine Versöhnungsgeste, ein Händedruck zwischen den politischen Gegnern, wurde verpasst. Es ist zu bedauern, dass weder der Präsident noch der Premierminister sich nicht zu einem solchen spontanen Schritt entschlossen haben. Die Abwesenheit von Jarosław Kaczyński, den alle Politiker der PiS sowie ihr nahestehende Medienvertreter im Hinterkopf behalten müssen, wenn sie einen eigenständigen Schritt tun wollen, hat vielleicht ohnehin jegliche Hoffnung auf derartige Gesten zunichte gemacht.

 

Damit die Apelle vom Samstag nicht ins Leere laufen, muss sich im Land etwas ändern. Gefragt sind nun die Politik und Medien. Vor allem muss sich die Debattenkultur verbessern und von hasserfülltem Vokabular befreit werden. Die Danziger Bürger, die zu zehntausenden auf die Straßen geströmt sind, sowie die landesweite Fassungslosigkeit über den tragischen Mord an Bürgermeister Adamowicz, haben insbesondere diese Forderung klar zum Ausdruck gebracht. Dies wird nur gelingen, wenn die politischen Parteien und Medien ihre bisherigen Kommunikationsgewohnheiten ändern und nicht mehr in erster Linie auf die Emotionen ihrer Wähler, Leser und Zuschauer abzielen, um die Stimmung im Land weiter anzuheizen. Dies betrifft nicht nur, aber an erster Stelle das staatliche Fernsehen. Dort sind dringende Änderungen vorzunehmen. Eine verpasste Chance kann nachgeholt werden.

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Arkadiusz Szczepański

Slawist und Kulturwissenschaftler, Übersetzer, leitender Redakteur von DIALOG FORUM

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