Verantwortung für Europa tragen

Stempowski, Giedroyc und die Neugestaltung der deutsch-polnischen Beziehungen

 

Jerzy Giedroyc, Chefredakteur der polnischen Exilzeitschrift „Kultura“, und sein Autor Jerzy Stempowski machten es sich zum Anliegen, die Europäer die richtigen Schlüsse aus den Katastrophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ziehen zu lassen. Daher interessierten sie sich nach dem Krieg besonders für die weitere Entwicklung des Kontinents und den Aufbau einer neuen Friedensordnung. Stempowskis vor wenigen Tagen in zwei Bänden erschienene Deutschlandessays geben einen Einblick in die politischen Konzeptionen, die im Umfeld der Pariser „Kultura“ entwickelt wurden.

 

Es ist kaum möglich, über Jerzy Stempowskis essayistisches Werk zu schreiben, ohne dabei an Jerzy Giedroyc zu denken. So wie es umgekehrt schwerfallen würde, über die Bedeutung des Instytut Literacki, des Literarischen Instituts in Maisons-Laffite bei Paris für die polnische Literatur und Politik nachzudenken, ohne an Stempowski zu denken, der sich unter dem Pseudonym Paweł Hostowiec mit seinen Beiträgen für die „Kultura“ einen legendären Ruf erarbeitete. Stempowski und Giedroyc verband eine entschiedene Ablehnung des integralen Nationalismus, der in der Tradition der polnischen Nationaldemokratie (Endecja) stehenden Auffassung, die Polen seien eine ethnische Nation. Polen war für sie nicht nur eine Gemeinschaft von Erinnerung und Sprache, sondern auch einer aus vielen Quellen in Mittel‑ und Osteuropa schöpfenden Kultur. Beide begriffen die polnische Kultur als Summe der Begegnungen von Nationen, von religiösen und ethnischen Gemeinschaften, die in einem jahrhundertlangen Prozess die Rzeczpospolita gemeinsam geschaffen hatten. Sie betrachteten in der Ablehnung des Nationalismus eine patriotische Pflicht, weil sie sich als Polen nicht nur in der Verantwortung für ihre Nation, sondern für ganz Europa sahen.

 

Patriotismus als Grundlage zur Verteidigung universeller Werte

Timothy Snyder, der US-amerikanische Historiker und Kenner von Jerzy Giedroyc’ Werk, veröffentlichte vor kurzem seinen Essay „Über Tyrannei“, in dem er in zwanzig Lektionen die Erfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts für unsere Gegenwart zusammenfasst. Darin unternimmt er es, die grundsätzlichen Unterschiede zwischen Nationalisten und Patrioten herauszustellen, wobei er eine positive Einstellung zum Patriotismus bezieht. Ich denke, Snyders Überlegungen lassen sich gut auf den Patriotismus anwenden, der in der Pariser „Kultura“ gepflegt wurde. Snyder charakterisiert Nationalismus als eine von der Realität abgelöste Haltung, denn die einzige Wahrheit der Nationalisten sei die Abneigung, die sie beim Blick auf alle anderen empfinden. Absolute Werte, seien sie ethische oder ästhetische, seien für Nationalisten nur relativ, daher nennt Snyder den Nationalismus eine relativistische Haltung. Umgekehrt möchte der Patriot, dass seine Nation den von ihm vertretenen Idealen entspreche, dass wir also alle so gut wie möglich seien. Der Patriot müsse von der realen Welt ausgehen, die der einzige Ort sei, in dem sein Land Sympathie und Anerkennung finden könne. Der Patriot bekenne sich zu universellen Werten und Standards, an denen er seine Nation messe, er wolle das Beste für sie und wünsche, dass sie sich weiter verbessere.

 

Wenn wir Patriotismus als Haltung ansehen, die sich nicht vom Eintreten für universelle Werte trennen lässt, als drängenden Wunsch, dass sich die eigene Nation auf Grundlage dieser Werte in Sorge um die Welt entwickeln möge, dann haben wir auch eine recht genaue Auffassung davon, wie Stempowski und Giedroyc Polen, die Kultur und Europa verstanden.

 

Mit einer solchen patriotischen und eben nicht nationalistischen Vision versuchten Stempowski und Giedroyc nach dem Zweiten Weltkrieg und der Zerstörung Mitteleuropas durch den nationalsozialistischen und stalinistischen Totalitarismus, in der Emigration eine unabhängige polnische Kultur aufzubauen. Sie nahmen die sowjetische Okkupation Polens und die Teilung Europas nicht einfach hin. Umso mehr brachte sie ihr antinationalistischer Patriotismus nach dem Krieg dazu, kritisch über die von Hitler und Stalin zerstörte Zweite Polnische Republik nachzudenken, einen Staat, den sie als junge Beamte in führenden Positionen aufzubauen beigetragen hatten. Sie stellten kritische Fragen nach den Ursachen für die militärische und politische Niederlage dieses polnischen Staates. Es stellte sie intellektuell nicht zufrieden, dazu nur auf den äußeren Faktor der imperialistischen Aggression NS-Deutschlands und Sowjetrusslands abzuheben. Sie befürchteten, dies könne die Polen in einer martyrologischen Haltung einkapseln, in der sie sich nur als Opfer sähen, was ihnen jeden zivilgesellschaftlichen Impetus rauben und sie davon abbringen würde zu fragen, in welche Richtung sich die polnische politische Kultur entwickeln solle.

 

In der Unfähigkeit, ein demokratisches und soziales System zu schaffen, das die Rechte der nationalen Minderheiten achtete, sahen Stempowski und Giedroyc einen zentralen Schwachpunkt des 1918 wiedergegründeten polnischen Staates. Aus diesem Fehlschlag der polnischen Demokratie wie der erschütternden Erfahrungen der Weltkriege, des Völkermords und des GULag versuchten sie, Schlüsse zu ziehen, wie sich Europa weiterentwickeln solle, welches die Grundlagen für eine demokratische politische Kultur in Polen sein und wie ihr Land seine Freiheit ein weiteres Mal wiedergewinnen könne.

 

Dialog mit den Nachbarn und der Wiederaufbau Polens

Einer der Wege zum Wiederaufbau eines demokratischen Polen und zur Sicherstellung eines dauerhaften Friedens in Europa war für Giedroyc und Stempowski, den Dialog mit den Nachbarn aufzunehmen. Sich der Anstrengung zu unterziehen, eine gemeinsame Sprache zu finden, um über schwierige Angelegenheiten und die Zukunft zu reden, war für sie der Schlüssel zu einer europäischen Friedensordnung. Heute fällt es leicht, über den polnisch-ukrainischen Dialog zu schreiben oder über das partnerschaftliche Verhältnis zwischen Polen und Deutschen. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg, nach der Shoah, nach den deutschen Verbrechen an den Polen, nach dem brudermörderischen Konflikt zwischen Polen und Ukrainern, nach Stalins Zwangsaussiedlungen von Polen, Ukrainern und Deutschen war lange Zeit jedes normale Gespräch zwischen den Nationen Mitteleuropas schwierig, ob sie daran nun in ihrer Gesamtheit beteiligt oder von Einzelpersonen vertreten waren. In der kommunistischen Propaganda hatte die Rhetorik von Frieden und internationaler Völkerfreundschaft innerhalb des sozialistischen Lagers einen hohen Stellenwert, und doch war der Dialog mit den Nachbarn ein absolutes Tabu. Die ungelösten Konflikte zwischen den Polen und ihren Nachbarn waren für die Kommunisten der Vorwand, mit dem sie in zynischer Weise die sowjetische Hegemonie legitimierten, sie waren ein Mittel zur Sicherung der pax sovietica östlich der Elbe.

 

Das Literarische Institut als Forum des polnischen Dialogs mit den Nachbarn

Das von Giedroyc 1946 in Rom gegründete Literarische Institut (Instytut Literacki) pflegte im Kampf gegen den Kommunismus enge Beziehungen zwischen der Emigration und antikommunistischen Milieus in der Heimat, es bot aber auch ein Forum für den Dialog mit den Nachbarn Polens. Wie ein erst vor kurzem veröffentlichter Brief Giedroyc’ an Aleksander Bocheński aus dem Jahr 1946 zeigt, wollte er seine Politik nicht allein an der polnischen Sicht der Dinge orientieren, sondern auf sein Land vom europäischen Standpunkt schauen. Seine Vorstellung war, Polens Verbindungen zu Europa zu erneuern. Seinem Verständnis nach konnte nur eine friedliche Umgestaltung des gesamten Kontinents und das Zusammengehen der europäischen Demokraten den Polen langfristig eine Chance auf Unabhängigkeit bieten. Mit der Gründung des Literarischen Instituts schuf Giedroyc nicht allein ein unabhängiges polnisches, sondern darüber hinaus ein europäisches Forum für einen zeitgemäßen politischen Diskurs. „Wir unterscheiden uns vielleicht dadurch, dass ich immer mehr in europäischen Kategorien denke, nicht nur in eng polnischen oder mitteleuropäischen, und dass ich den Ehrgeiz habe, Slogans einer neuer Revolution zu schaffen, einer zugleich antikapitalistischen wie antikommunistischen Revolution,“ schrieb er am 24. September 1946 an Bocheński, noch bevor die erste Ausgabe der „Kultura“ erschien.

 

ULB und Deutschland

Die Kooperation zwischen dem Kreis der „Kultura“ und den östlichen Nachbarn gehört heute zu den modernen Mythen der polnischen Kultur. Giedroyc’ und Juliusz Mieroszewskis sogenannte „ULB-Konzeption“, das heißt die Annahme, die Unabhängigkeit der Ukraine, Litauens und von Belarus seien unbedingte Voraussetzungen für die Sicherheit eines souveränen Polen, wurde zum Leitmotiv des polnischen ostpolitischen Diskurses. Meinem Eindruck nach wird jedoch dann, wenn sich Politik oder Wissenschaft heute auf die ULB-Konzeption beziehen, gerne vergessen, dass für Giedroyc, Stempowski und Mieroszewski dieses ostpolitische Konzept unbedingt im Zusammenhang mit ihren generellen Überlegungen zur Zukunft des Kontinents stand und vom Aufbau gutnachbarschaftlicher Beziehungen mit Westeuropa, besonders Deutschland, nicht zu trennen war. In der „Kultura“ wurden das ULB-Konzept und die Deutschlandpolitik stets in einem Zusammenhang gesehen – es waren zwei Aspekte derselben Problematik. Wie Piotr Mitzner treffend bemerkte, sollten wir daher eigentlich von der „ULB-D-Konzeption“ der Pariser „Kultura“ sprechen.

 

Giedroyc selbst sprach kein Deutsch, doch zu seinen engsten Mitarbeitern gehörten etwa Józef Czapski und Juliusz Mieroszewski, die mit der deutschen Sprache aufgewachsen waren. Jerzy Stempowski beherrschte deutsch sehr gut, weil er vor dem Ersten Weltkrieg in Deutschland und der Schweiz zu studieren begonnen hatte. Er kannte die Sprache und konnte in den zwanziger Jahren in Berlin als Pressekorrespondent der Polnischen Telegraphenagentur (PAT) arbeiten. So lernte er damals die Verhältnisse in der Weimarer Republik aus der Nähe kennen.

 

Stempowski verband in seiner Person die Kenntnis der deutschen Kultur mit seiner Verwurzelung in den nationalen Kulturen des östlichen Europas. Bei der „Kultura“ gehörte er neben Czapski zu denjenigen Mitarbeitern, die nach 1945 mit Deutschen und Osteuropäern gleichzeitig das Gespräch suchten, gerade auch mit den Ukrainern. Für die Entstehung der ULB-D-Konzeption ist sein „Tagebuch einer Reise nach Österreich und Deutschland“ vom Herbst 1945 unbedingt als programmatisch für das Umfeld des Literarischen Instituts zu sehen. Noch bevor er das Institut gründete, organisierte Giedroyc als Presseoffizier des polnischen Zweiten Korps Geld und Papiere für den in der Schweiz lebenden Stempowski, damit dieser sich nach Ende der Kampfhandlungen auf eine Reise nach Österreich und Süddeutschland begeben konnte. Zweck der Fahrt war, unabhängige Meinungen zur politischen und humanitären Lage in Deutschland und Österreich nach dem Untergang der NS-Diktatur einzuholen. Giedroyc und Stempowski wollten auch verstehen, wie die Deutschen nach der Erfahrung des Nationalsozialismus dachten: Waren die an die nationalsozialistische Propaganda gewohnten Deutschen bereit zu tiefgreifenden kulturellen Veränderungen, gestanden sie sich ihre Mitverantwortung für die Verbrechen des Regimes ein? Wie tief hatte sich der Nazismus in Deutschland einwurzeln können? Gab es dort Partner zum Aufbau einer neuen, demokratischen Kultur in Europa? Das waren die Fragen, mit denen sich Stempowski auf seine deutsche Mission begab und die ihn noch auf seinen späteren Fahrten nördlich der Alpen begleiteten.

 

Giedroyc und Stempowski interessierten sich ebenso für die Politik der Alliierten, besonders ihre Zusammenarbeit mit den östlichen Nationen. Sie waren beunruhigt darüber, dass die Westalliierten Ukrainer, Belarussen und Kosaken den Sowjets übergaben und sie damit der Gefahr von Deportation und Tod aussetzten. Daher war einer der wichtigsten Zwecke von Stempowskis Fahrt im Herbst 1945, Kontakt mit ukrainischen Flüchtlingen aufzunehmen und ihr Schicksal zu dokumentieren.

 

Das Tagebuch von Stempowskis Deutschlandreise erschien 1946 unter dem Pseudonym Paweł Hostowiec als eine der ersten Veröffentlichungen des Literarischen Instituts in Rom, noch vor der ersten Nummer der Monatszeitschrift „Kultura“. Das Buch ist längst ein Klassiker des polnischen Reportagejournalismus. Besonders bleiben die Abschnitte in Erinnerung, in denen Stempowski sich inmitten der Ruinen von München des Rauschens der ukrainischen Flüsse erinnert.

 

In seinem Deutschlandtagebuch aus der Nachkriegszeit befasst sich Stempowski nicht nur damit, was aus den Ukrainern wurde, was bereits ein schwerer Tabubruch in volkspolnischen Zeiten war, sondern er interessierte sich auch für die humanitäre Lage der deutschen Zivilbevölkerung. Er bewertet die Maßnahmen der Alliierten kritisch, stellt die Frage, ob die Flächenbombardements deutscher Städte, die systematische Zerstörung der gesamten historischen Stadtstruktur, die Vernichtung europäischen Kulturerbes wirklich die richtige Kriegsstrategie gegen Deutschland gewesen war. Ob der Nazibarbarei mit Maßnahmen zu begegnen war, die sich nicht mit westlichen Werten vereinbaren ließen. Für Hostowiec/Stempowski waren nicht nur die Deutschen Opfer der Städteverwüstung, sondern alle Europäer, die ihre Zivilisation gegen die Totalitarismen verteidigten.

 

Trotz des gerade erst erfahrenen Grauens im Krieg vermochte es Stempowski, seine Tagebücher ohne jeden Anflug von Hass oder Rachedurst zu führen. Wegen seiner Kenntnis der deutschen Sprache und Kultur konnte er unmittelbar mit den Deutschen kommunizieren, mehr noch, er konnte bei ihnen zwischen kritischen, antinazistischen und autoritären Haltungen differenzieren. Das Bild, wie er es von Nachkriegsdeutschland entwarf, ist daher farbig und vielstimmig. Stempowski hatte einen durchaus kritischen Zugang zur deutschen Kultur, er vermochte es, sowohl die Ursprünge des Totalitarismus aufzuzeigen als auch das Potential zur erkennen, das Voraussetzung für eine Demokratisierung der Gesellschaft war. Das war so kurz nach dem Krieg und seinen traumatischen Erfahrungen eine überaus seltene Sichtweise. Die literarischen und intellektuellen Qualitäten des 1946 von Giedroyc herausgegebenen Tagebuchs sind so außerordentlich, dass sie es nicht allein zu einem hervorragenden literarischen Werk machen, sondern auch zu einem der ersten unabhängigen Texte der Nachkriegszeit, die sich um eine Annäherung zwischen Deutschen und Polen bemühten.

 

Stempowskis Deutschlandreisen

Stempowskis Reise nach Deutschland im Herbst 1945 sollte nicht die einzige Mission sein, die er in Giedroyc’ Auftrag ausführte. Noch bis in die sechziger Jahre unternahm er als Abgesandter des Literarischen Instituts mehrere Fahrten nach Westdeutschland und Österreich. Zwar interessierte sich Stempowski auch für die deutsche Politik, doch noch mehr faszinierten ihn intellektuelles Leben und Literatur in Nachkriegsdeutschland. In seinen Tagebüchern ging er der Frage nach, inwieweit in Westdeutschland wieder eine demokratische Kultur im Entstehen begriffen war. Er sah in der Bonner Republik der fünfziger und sechziger Jahre den einzigen politischen Akteur im Westen, der ähnliche politische Interessen verfolgte wie die polnische Emigration. Stempowski befürchtete, Westeuropa habe die Teilung des Kontinents hingenommen, um in Frieden leben zu können. Der Kalte Krieg garantierte den westlichen Demokratien stabile Einflusszonen als Voraussetzung für Wiederaufbau und wirtschaftliche Entwicklung. Dabei waren die politischen Zukunftsideen der osteuropäischen Emigranten nur im Wege. Allein das geteilte Deutschland war nach Stempowskis Auffassung daran interessiert, den Status Quo in Nachkriegseuropa zu beenden. Darüber hinaus sah Stempowski nur in der Bonner Republik, bei deutschen Intellektuellen und Politikern, ein wirkliches Interesse dafür, was die osteuropäischen Emigranten zu sagen hatten. Die Teilung Deutschlands war eine Wunde, die sie nicht ignorieren konnten; sie verfolgten Politik und soziale Entwicklung jenseits der Oder sehr genau.

 

Stempowski suchte in Deutschland auch Kontakt zu den deutschen Flüchtlingen aus Osteuropa. Er sah gleich ein, dass es sich nicht um eine politisch homogene Gruppe von bloßen Revisionisten handelte. Er erkannte in ihnen auch für die Polen wertvolle kulturelle Kompetenzen: Interesse für das östliche Europa, Kenntnisse der slawischen Sprachen und Kulturen. Stempowski begriff, dass gerade diejenigen Deutschen, die ihre Heimat im Osten verloren hatten, bei der deutsch-polnischen Versöhnung ein wichtiges Wort mitreden würden.

 

Stempowski machte sich keine Illusionen über eine Rückkehr Polens in seine eigenen verlorenen Ostgebiete, doch wollte er Dialog und Verständigung mit den Nachbarn. Vielleicht bemerkte er gerade wegen dieser Haltung während seiner Reisen nach Deutschland, dass viele aus dem Osten stammende Deutsche womöglich genauso dachten wie er, Menschen, für die Frieden und gutnachbarschaftliche Beziehungen über allem anderen standen. Leider konnte Stempowski den Höhepunkt der deutsch-polnischen Annäherung nicht mehr erleben, den Dialog der siebziger, achtziger Jahre und der Zeit nach 1989. Er starb 1969 in der Schweiz, kurz vor der historischen Visite Kanzler Brandts in Warschau vom Dezember 1970, als die Bundesregierung die Unveränderlichkeit der polnischen Westgrenze von 1945 politisch anerkannte.

 

Stempowskis Werk vor dem Krieg

In Stempowskis Nachkriegstagebüchern gibt es zahlreiche Überlegungen historischer Art, insbesondere zur Vorkriegszeit, der Weimarer Republik und ihres Untergangs. Als damaliger PAT-Korrespondent in Berlin war Stempowski mit der deutschen Politik der Zwischenkriegszeit vertraut. Bisher waren sein Essay „Pielgrzym“ (Der Pilger), inspiriert von einem Aufenthalt in Deutschland und den Niederlanden im Winter 1923/24, und seine Skizze „Europa 1938–1939“ vom Juli 1939 seine einzigen bekannten literarischen Texte über Deutschland, die vor dem Zweiten Weltkrieg veröffentlicht wurden. In den letzten Jahren jedoch hat Magdalena Chabiera eine ganze Reihe bisher unbekannter Artikel und Essays Stempowskis über Deutschland aus der Zwischenkriegszeit ausfindig machen können. Dank dieser Funde können wir erstmals sein gesamtes essayistisches Werk zu Deutschland kennenlernen, das Chabiera 2018 unter dem Titel „Niemcy“ (Deutschland) im Verlag der Stefan Kardinal Wyszyński-Universität in zwei Bänden herausgegeben hat. Abgesehen von dem erwähnten Pilger-Essay zeigen diese Texte wenig literarische Ambitionen, was ihren Wert jedoch nicht schmälert. Die meisten sind Presseartikel, politische Kommentare und Analysen. Auch aus heutiger Perspektive sind ihre intellektuelle und politische Scharfsicht immer noch beeindruckend. Es gibt in der polnischen Literatur nur wenige essayistische und journalistische Werke, die noch vor dem Zweiten Weltkrieg der Entwicklung der Weimarer Republik und dem Aufstieg der NS-Diktatur auf den Grund gingen. Allenfalls sind heute noch erwähnenswert die Reportagen von Antoni Sobański, Bernard Singer und Zygmunt Nowakowski aus der Frühzeit der NS-Diktatur, die auch von literarischem Gewicht sind. Doch erfassen sie nur die ersten Jahre nach Hitlers Machtergreifung. Stempowskis Schriften umfassen einen größeren Zeitraum, sie dokumentieren eingehend die deutsche Politik von den frühen zwanziger Jahren bis in die Hitlerzeit hinein.

 

Diese Texte sind von einer durchgehenden Sympathie ihres Autors für die erste deutsche Demokratie geprägt. Nach dem Weltkrieg war eine solche Sichtweise für einen Polen alles andere als selbstverständlich, weil die allermeisten Angehörigen der deutschen politischen Eliten, die Liberalen und Sozialdemokraten nicht ausgenommen, einen unabhängigen polnischen Staat nicht zu akzeptieren bereit waren, der aufgrund der deutschen Kriegsniederlage entstanden war. Der Historiker Klaus Zernack nannte dies treffend die „negative deutsche Polenpolitik“. Dagegen schaffte es die Weimarer Republik sehr wohl, eine Annäherung an die Franzosen einzuleiten und gar eine militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der Sowjetunion aufzunehmen, doch eine Verständigung mit Polen war für das damalige Deutschland praktisch ausgeschlossen.

 

Dies war Stempowski sehr bewusst, er kannte auch die Schwächen der deutschen Demokratie, doch verstand er, welche fatalen Konsequenzen der Untergang der Weimarer Republik auch für Polen haben würde. Selbstverständlich schrieb er auch über die deutsch-polnischen Interessenkonflikte, doch versuchte er stets, beim polnischen Leser Verständnis für die politische Dynamik in Deutschland zu wecken. In seinen Schriften bezog Stempowski eine entschieden antikommunistische wie antinazistische Position. Er bemerkte früh die Ähnlichkeiten zwischen den von Hitler und Stalin geführten Bewegungen, was damals von vielen übersehen wurde, und den NSDAP und KPD gemeinsamen Zweck, die deutsche Demokratie zu zerstören.

 

Stempowskis politische Sympathien galten dem demokratischen Teil der sozialistischen Bewegungen und den Liberalen. Er verfasste politische Porträts der Weimarer Protagonisten, etwa Friedrich Eberts, Gustav Stresemanns und Walther Rathenaus. Keiner dieser Politiker vermochte, eine offenere Einstellung zu Polen zu finden, was sie letztlich politisch schwächte und dem Nationalismus Einfallstore öffnete. Aber auch auf polnischer Seite fehlte ein Konzept für die Zusammenarbeit mit Deutschland. Weder im Piłsudski-Lager noch dem der Endecja bestanden Neigung oder Idee für einen Dialog mit den deutschen Demokraten. Beide nach dem Weltkrieg entstandene Staaten befanden sich in einem ständigen Konflikt miteinander, der ihre Existenz bedrohte. Diese Sprachlosigkeit zwischen Polen und Deutschen war schon sehr merkwürdig, wenn wir bedenken, dass in der Zwischenkriegszeit noch viele Polen einwandfrei deutsch sprachen, weil sie im Schulwesen der beiden deutschsprachigen Teilungsmächte erzogen waren.

 

Doch waren in der Zwischenkriegszeit die politischen Voraussetzungen schlicht nicht gegeben, um dieses kulturelle Potential zu nutzen. Einzig in den Texten von Hostowiec/ Stempowski finden wir den Versuch, eine konstruktive Haltung zu dem Nachbarland zu gewinnen. Stempowski war daran gelegen, weil er nur darin eine Rettung Europas vor Nazismus und Kommunismus sah. Ihm lag am Erfolg der Weimarer Republik nicht nur, weil sie ein Geschöpf der Sozialdemokraten und der Liberalen war, sondern auch, weil sie ein von vielen Deutschen abgelehnter Staat war: vom Militär, von Adel und Beamten des wilhelminischen Reiches, von den radikalen Nationalisten wie den Kommunisten. Seit Gründung der Weimarer Republik bemerkte Stempowski, wie viele Gegner sie hatte und wie gefährdet die erste deutsche Demokratie war.

 

Für Stempowskis Texte ebenso bezeichnend ist seine Kritik an der Deutschlandpolitik der Ententemächte. Er erkannte sehr klar die Schattenseiten der dem Deutschen Reich auferlegten Reparationszahlungen, weil diese der demokratischen Entwicklung im Wege standen und den politischen Extremismus bestärkten. Gleichermaßen kritisierte er die Siegerstaaten für ihren völligen Mangel an Visionen für eine europäische Friedensordnung, einer Politik, welche die Demokratie stärken würde. Stempowski vertrat die interessante These, die meisten Konservativen in Westeuropa seien an einer stabilen Weimarer Republik gar nicht interessiert, weil sie fürchteten, ein Erfolg der deutschen Sozialdemokraten und Liberalen würde auch außerhalb Deutschlands emanzipatorische Demokratiebewegungen attraktiver machen. Stempowski meinte, im Westen konservative, autoritär-feudale Einstellungen beobachten zu können, die mit den autoritären Kräften in Deutschland sympathisierten. In den dreißiger Jahren war Stempowski skeptisch gegenüber der Appeasementpolitik, den Zugeständnissen, die Großbritannien und Frankreich an Hitler machten. Er machte sich keinerlei Illusionen über die politischen Ziele des Nationalsozialismus und glaubte nicht an Kompromisse mit Hitler.

 

Stempowski wirkt in seinen Deutschlandtexten aus der Zwischenkriegszeit wie eine zeitgenössische Kassandra. In seinem legendären Text „Esej dla Kassandry“ (Essay für Kassandra) erinnerte er nach dem Krieg an den weitsichtigen Historiker und Diplomaten Szymon Aszkenazy. Die von Magdalena Chabiera wiederentdeckten Deutschlandtexte Stempowskis aus der Zwischenkriegszeit offenbaren diese als wahre Kassandrarufe eigener Art.

 

Giedroyc’ und Stempowskis Lehren für Europa

In seinen Deutschlandessays betont Stempowski, die westlichen Demokratien seien nicht für die Weimarer Republik, weil sie nicht vermöchten, weit zu blicken und die gemeinsamen europäischen Interessen auf liberale und demokratische Werte und Prinzipien zu gründen. Den europäischen Demokraten gelang es nach dem Ersten Weltkrieg nicht, sich über die historisch gewachsenen Trennlinien zu erheben, womit sie das Feld den Nationalisten überließen. Ebenso wenig gelang es in Europa, sozial ausgewogene Wirtschaftssysteme aufzubauen, was Kommunisten und Faschisten politischen Auftrieb gab. Giedroyc und Stempowski wollten, dass die Europäer die richtigen Schlüsse aus diesen Negativerfahrungen der Zwischenkriegszeit zogen, die geradewegs in die Katastrophe geführt hatten. Deshalb engagierten sie sich nach 1945 so intensiv dafür, wie die Europäer sich die Zukunft ihres Kontinents vorstellten, welchen Ideen sie für eine neue, friedliche politische Ordnung hatten. Stempowskis Deutschlandessays nehmen diese politischen Ambitionen der beiden Männer treffend vorweg.

Jerzy Stempowski, Niemcy. Teksty z lat 1923–1965 [Deutschland. Texte aus den Jahren 1923–1965]. Hg. und mit einem Vorwort versehen von Magdalena Chabiera. Warszawa: Wydawnictwo Naukowe Uniwersytetu Kardynała Stefana Wyszyńskiego, 2018.

www.wydawnictwo.uksw.edu.pl

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

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Basil Kerski

Basil Kerski ist Direktor des Europäischen Solidarność-Zentrums in Danzig, Chefredakteur des zweisprachigen Deutsch-Polnischen Magazins DIALOG und Vorstandsmitglied des polnischen PEN-Clubs. Er lebt in Danzig und Berlin.

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