Eine nicht so polnische Agnieszka Polska

Selten haben Künstler die Gelegenheit, ihr Werk an einem so renommierten Ort wie dem Berliner Museum für Gegenwart „Hamburger Bahnhof“ zu präsentieren. Der polnischen Künstlerin Agnieszka Polska ist dies gelungen. Das Museum sorgt dabei für eine hervorragende mediale Bewerbung der Veranstaltung. Trägt die Ausstellung auch selbst zu ihrer Popularität bei und hilft sie der jungen Künstlerin mit dem höchstmöglichen polnischen Nachnamen [der Name Polska bedeutet im Polnischen „Polen“ sowie „polnisch“, Anm. d. Ü.]? Eins steht fest: Ihre Videoinstallation „The demon’s brain“ sollte auch in Polen gezeigt werden.

 

Preis der Nationalgalerie und Protest

Es begann mit einem kleinen, aber bedeutenden Protest. Für das Finale im Wettbewerb um den Preis der Nationalgalerie 2017, der alle zwei Jahre von dem Verein der Freunde der Nationalgalerie vergeben wird, qualifizierten sich vier Künstlerinnen nichtdeutscher Herkunft: Sol Calero, Iman Issan, Jumana Manna sowie Agnieszka Polska. Polska gewann den Wettbewerb und damit den Preis, eine Einzelausstellung im Hamburger Bahnhof zu gestalten und zu präsentieren.

 

Kurz nach der Preisverleihung veröffentlichten die Finalistinnen eine gemeinsame Erklärung, in der sie den Organisatoren eine ernsthafte Unterlassung vorwerfen. Sie prangerten einerseits die Arbeitsbedingungen bei der Wettbewerbsvorbereitung an – für diese Arbeit erhielten die Künstlerinnen keinerlei Honor – sowie andererseits die permanente Hervorhebung des außergewöhnlichen Formats des Wettbewerbs, da zum Finale nur Frauen ausgewählt wurden. Den Finalistinnen missfiel es, aufgrund ihres Geschlechts und nicht ihrer Leistung einen Preis zu erhalten, dem ein mühseliger Prozess unbezahlter Arbeit vorausging. Der Kontakt mit den Organisatoren erwies sich als erfolglos, weshalb sie entschieden, die Angelegenheit zu veröffentlichen.

 

Auf die Frage nach den Reaktionen auf diese Erklärung antwortet Angnieszka Polska im Gespräch: „Nach der Veröffentlichung des Briefes, erhielten wir sehr positive Reaktionen aus dem Umfeld zu dem Thema. Viele Institutionen teilten uns mit, unserem Postulat nachzukommen. Es fand ein Treffen mit Mitarbeitern des Hamburger Bahnhofs statt, in dessen Rahmen wir diskutierten, wie zukünftige Editionen der Preisvergabe aussehen könnten. Ich denke, dadurch werden die zukünftigen Wettbewerbe anders ablaufen. Das sind natürlich sehr kleine, aber wichtige Veränderungen. Ich möchte hier noch unterstreichen, dass meine komplette weitere Zusammenarbeit mit dem Museum tadellos verlief, sie war geradezu eine der besten in meinem Leben.“

 

Agnieszka Polska
The Demon’s Brain, 2018 © Agnieszka Polska, Courtesy ŻAK | BRANICKA, Berlin and OVERDUIN & CO., LA

Die Einzelausstellung von Agnieszka Polska mit dem Titel „The Demon’s Brain“ ist vom 27.09.2018 bis 03.03.2019 in Berlin zu besichtigen. Das Veranstaltungsplakat, auf dem ein weißes Pferd mit unnatürlich großen, braunen Augen zu sehen ist, hängt an vielen wichtigen Plätzen und ist in Publikationen abgedruckt – um Polska wurde es also laut in Berlin. Die Schau wird außerdem von einem Ausstellungskatalog mit Essays und Kommentaren über den zugehörigen historisch wissenschaftlichen sowie den gesellschaftlichen Hintergründen zur Ausstellung und ihren Akteurinnen und Akteuren ergänzt. Die Arbeit hat die Aufmerksamkeit deutscher Kritiker auf sich gezogen, die Polska jede Menge Berichterstattungen in deutschen Zeitungen und auf Portalen widmeten.

 

 

Polska

Agnieszka Polska wurde 1985 in Lublin, im östlichen Polen, geboren. Sie studierte zunächst an der Akademie der Bildenden Künste Krakau und anschließend an der Universität der Künste Berlin. Zwei Jahre lang war sie außerdem Artist in Residence an der Rijksakademie in Amsterdam, seit einiger Zeit lebt und arbeitet sie nun in Berlin. Sie war Teilnehmerin bei den Biennalen in Venedig (2017), Gwangju (2016), Syndey (2014) sowie Istanbul (2013). Ihre Arbeiten umfassen verschiedene Formen der visuellen Künste: kurze Filmproduktionen, Animationen, Fotografie und Videoinstallationen. 2011 erhielt sie den Geppert-Preis für die Pseudodokumentation „How the work is done“ über Studentenproteste an der Akademie der Bildenden Künste in Krakau 1956 und im Jahr 2013 war sie Preisträgerin des Polnischen Filmpreises für das Filmprojekt „Hura. Wciąż żyjemy“ über den Regisseur Rainer Werner Fassbinder.

 

An dem Wettbewerb um den Preis der Nationalgalerie nahm sie mit den zwei kurzen Animationsfilmen „What Sun Has Seen“ und „I Am the Mouth“ teil, welche ebenso wie die derzeitige Ausstellung „The Demon’s Brain“ deutlich das Interesse der Künstlerin an Collagentechnik, Animation, Sound und Film bezeugen. Mit diesen berührt sie Problembereiche unserer Zeit wie die humanitären- und Naturkatastrophen sowie das Leben mit dem Verantwortungsgefühl für das Schlechte und Unglück. Die Symbolfiguren in ihren Animationen, wie beispielsweise eine Sonnenkugel, ein Mund, ein schwarzer Rabe, sprechen direkt zu dem Betrachter, sie moralisieren, klagen an und wiederholen schon oft gehörte universelle Wahrheiten über die Welt und über die Rolle des Menschen in der Natur.

 

Gefragt nach dem Film, der Videotechnik und der Installation, unterstreicht Polska, dass sie in diesem Medium bereits ihre eigene Sprache herausgearbeitet hat. Ihr gefalle dabei auch der Editionsprozess. Über ihre letzte Ausstellung in Berlin sagt sie: „Die Art der Installation, wie ich sie im Hamburger Bahnhof eingesetzt habe, gibt einem unzählige Möglichkeiten, den Besucher in einen bestimmten, meditativen Zustand zu versetzen. ,The Demon’s Brain‘ umgibt den Betrachter räumlich und ermöglicht ihm eine intensive Erfahrung. Mir ging es gerade darum, dass man in die Mitte dieses Werkes eintreten und danach nicht so leicht wieder aus ihr heraustreten kann. Besonders wesentlich ist hierbei der mehrspurige, aus hunderten Effekten zusammengefügte Sound, der sich je nach Position, in der man sich als Besucher befindet, verändert.“

 

„Du bist derjenige, der die Zukunft ändern kann“

„The Demon’s Brain“ ist eine audiovisuelle Installation. Die weiträumige Halle im Erdgeschoss wurde durch schwarze Vorhänge abgegrenzt, hinter denen Dunkelheit und eine geheimnisvolle Atmosphäre herrscht. Auf vier riesigen Leinwänden wird gleichzeitig eine Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt. Die synchronisierten Klänge erlauben es, das Schicksal der Hauptpersonen von jedem Ort der Ausstellungsfläche zu verfolgen. Die in der Mitte des Saales ausgelegten Matratzen laden dazu ein, es sich bequem zu machen, während man den Ereignissen zuschaut, die in den vier einige minutenlangen Videos dargestellt sind.

 

Im ersten sehen wir einen fast gänzlich gerodeten Wald. Das apokalyptische Bild der natürlichen Umwelt wirkt verstörend und löst Assoziationen zu der menschlichen Grausamkeit und Gedankenlosigkeit aus, bei dem polnischen Betrachter (und damit bei der Autorin des Artikels) auch zu der skandalösen Abholzung des Białowieża-Urwalds. Von der Gegenwart gehen wir hinüber ins Mittelalter. Im nächsten Film wird ein junger Mann als Bote berufen und mit der Übermittlung der Korrespondenz des Verwalters der Salzbergwerke, Mikołaj Serafin, betraut. Die Dokumente wurden mit Wachs versiegelt, der Bote besteigt sein Pferd und jagt durch den Wald, oder vielmehr durch das, was von diesem übrigblieb.

 

© Agnieszka Polska, Courtesy ŻAK | RANICKA, Berlin and OVERDUIN & CO., LA

Zwei weitere Leinwände zeigen Innenaufnahmen der Salzmiene sowie eine Animation des Raben und des Pferdes. Das letzte Video stellt die Verzweiflung des jungen Boten und sein Gespräch mit dem Dämon dar. Der Junge verlor zuvor sein Pferd und ist nicht mehr in der Lage, die Briefe zu überbringen. Seine Verantwortung entsetzt ihn und er weint. Der Dämon versucht ihn zu trösten, aber in Wahrheit übermittelt er dabei nur die eine wichtige Information: „Du bist derjenige, der die Zukunft ändern kann. Es ist nicht zu spät. Es ist nicht zu spät.“

 

Ökologie oder Kapitalismus?

Alle deutschen Rezensenten der Ausstellung konzentrieren sich auf ihren ökologischen Aspekt. Der Mensch, der für die Zerstörung der Umwelt verantwortlich ist, kann die kommenden Prozesse immer noch verändern – nur weiß man als Individuum selten, wie man es anstellen sollte. Die Natur sendet Warnsignale, kann sich aber selbst nicht schützen. Ein weiteres wichtiges Thema der Installation ist der Einfluss des Kapitalismus auf die Umwelt. Die polnische Salzmiene in Wieliczka wird hier als frühkapitalistisches Unternehmen gezeigt. Dort werden Leibeigene beschäftigt, denen beinahe überhaupt kein Lohn ausgezahlt wird. Nicht nur sie werden durch die Arbeit im Bergwerk ausgenutzt, auch die Umwelt wurde durch sie zerstört. Das Salz nahm damals eine geradezu unvorstellbar wichtige Rolle ein, die aus heutiger Perspektive schwer nachvollziehbar ist. Die Gruben funktionierten wie heutige Banken, für neue Unternehmungen mussten Schulden gemacht werden.“

 

Nach dem Leitmotiv ihrer Arbeit gefragt und danach, ob es ihr eher um den ökologischen oder kapitalistischen Aspekt geht, antwortet die Künstlerin: „Die kapitalistische Wirtschaft und die Weiterverarbeitung der Natur durch den Menschen sind untrennbar miteinander verbunden. In meinem Werk stelle ich die Figur des Boten vor, der für Serafin arbeitet. Er ist ein schreibunkundiger Junge, der unter geheimnisvollen Umständen die Information über eine nahende Katastrophe erhält, aber gleichzeitig keine Handlungsmöglichkeit hat. Ich denke, ein ähnliches Gefühl der Machtlosigkeit kann auch der zeitgenössische Mensch für sich beanspruchen – belastet von der Mitverantwortung für den Klimawandel, aber ohne eine Möglichkeit ihn aufhalten zu können.“

 

Die zweite zentrale (und historische) Figur der Ausstellung ist der Verwalter Mikołaj Serafin, der die Salzmiene in Wieliczka leitet. Agnieszka Polska, die ich nach der Faszination für diese in Deutschland unbekannte Person frage, erklärt: „Vor etwa sechs Jahren bin ich in einer polnischen Buchhandlung auf ein Buch mit den Briefen Serafins gestoßen. Es war eine sehr schöne Publikation mit Korrespondenzen und einem wissenschaftlichen Kommentar. Diese Briefe faszinierten mich. Sie enthielten das Bild eines Lebens in vollkommener, geradezu surrealer Armut. Vielleicht ist das für den zeitgenössischen Menschen nicht mehr gänzlich fassbar, aber diese Armut erwuchs aus ähnlichen Mechanismen, die heute zu den humanitären Katastrophen und den drastischen gesellschaftlichen Ungleichheiten führen. Ich konzentrierte mich dann auf die Annahme, dass die Salzmiene in Wieliczka, die von Serafin verwaltet wurde, ein frühkapitalistisches Unternehmen war.“

 

Dieser Frage ging auch der polnische Soziologe und Kulturwissenschaftler Jan Sowa in seinem Essay im Ausstellungskatalog nach, in dem er zusammenfassend feststellt: „Serafins Briefe offenbaren ein breites Spektrum an Verwaltungsfragen und Geschäftsstrategien, die wir auch heute bei Konzernen finden: das Personalmanagement, die Lobbyarbeit bei den Behörden, die Durchführung von Öffentlichkeitsarbeit und Werbekampagnen, die Ausbreitung verschiedener Werkzeuge, um Märkte zu erobern und zu kontrollieren in dem Versuch, wenn möglich eine Monopolstellung des Unternehmens zu etablieren, der Wettbewerb mit anderen Produzenten etc.“ (Jan Sowa: Das Korn des Salzes, in: „Agnieszka Polska: The Demon’s Brain“, 2019)

 

Eine polnische Agnieszka Polska?

Auch wenn die in der Ausstellung dargestellte Erzählung für die Künstlerin einen sehr universellen Charakter trägt, kann man in ihr doch viele Ebenen entdecken, die auf die polnische Geschichte und Kultur referieren und sich dem deutschen Rezipienten eventuell nicht direkt erschließen. Sie stellen gewissermaßen einen politischen Kommentar dar – sehr subtil, jedoch erlaubt er, die Worte des Dämons nicht nur im Kontext des Kampfes um die Umwelt zu interpretieren, sondern auch um das Schicksal des Staates. Wie bereits angeklungen, erinnert der zerstörte Wald an das Abholzen des Białowieża-Urwalds und kann als Schlüssel bzw. Symbol für diesen verstanden werden (tatsächlich jedoch ist der Film in der Nähe von Toruń gedreht).

 

Ein weiterer Aspekt ist die Darstellung der Salzmiene von Wieliczka: nicht als nationales Gut, welches sich den heutigen Touristenströmen verdient macht, sondern als frühkapitalistisches Unternehmen. Der schwarze Rabe als Vorbote einer schlechten Botschaft und das weiße Pferd als Bedeutungsträger der Unschuld – diese Tiere treten häufig in der Geschichte polnischer Kultur auf, auch wenn sie natürlich ebenso in der europäischen Kultur bekannt sind. Hervorzuheben ist ebenso die Bedeutung der Installation im Kontext Polens. Auf die Frage, ob sich Agnieszka Polska als polnische oder deutsche Künstlerin fühlt, antwortet sie: „Ich denke, diese Frage hat immer weniger Bedeutung. Wenn es um die inhaltlichen Ebenen meiner Arbeit geht, ist es eindeutig, dass ich den polnischen Kontext besser kenne, daher sind in meinen Arbeiten häufiger historische Bezüge zu dieser Region zu finden. Ziemlich sicher fühle ich mich nicht als eine deutsche Künstlerin. Andererseits stelle ich gegenwärtig immer weniger in Polen aus. Es ist schwer, mich hier innerhalb dieser Kategorien festzulegen, aber das stört mich auch nicht.“ Den Betrachter sicherlich ebenso wenig. Nichtsdestotrotz wäre es lohnenswert, diese Ausstellung auch in Polen zu präsentieren.

 

 

Aus dem Polnischen von Ricarda Fait

 

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Natalia Staszczak-Prüfer

Natalia Staszczak-Prüfer ist Theaterwissenschaftlerin, freiberufliche Journalistin und Übersetzerin.

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