Witkacy in Deutschland

„Witkacy. Ein genialer Psychoholiker“ ist der Titel der Ausstellung, die vom 21. Februar bis 29. März 2019 im Polnischen Institut in Berlin ihr Pforten öffnet. Auch wenn die Ausstellungsfläche klein ist und alles in nur wenigen Augenblicken überblickt werden kann, ist dies doch eine großartige Gelegenheit, dem Besucher diesen originellen polnischen Künstlers umrisshaft näherzubringen.

 

Die Ausstellung entstand anlässlich des 80. Todestags Witkacys, der am 18. September 1939 auf die Nachricht hin, die Rote Armee sei in Polen einmarschiert, Selbstmord beging. Sie wurde bereits in Düsseldorf präsentiert, weitere Ausstellungsorte werden die Polnischen Institute in Wien, Rom und Stockholm sein. Obwohl sich Witkacy als Allroundkünstler mit vielen Kunstgattungen befasste (Malerei, Literatur, Drama, Theater, Performance, Fotografie), konzentrieren sich die Ausstellungsmacher ganz auf die bildenden Künste. Zu sehen sind Fotografien (Selbstporträts) sowie Porträts aus der sogenannten „Porträtfirma“, die lange Zeit Witkacys Einnahmequelle darstellte.

 

„Witkacy ist einer der größten Künstler des 20. Jahrhunderts. In der polnischen Narration – die auf Pathos, nationale Größe und [das] romantische Drama ausgerichtet ist – wird er [anerkennend] behandelt, weil er sich niemandem unterordnete, was in Polen als positiver nationaler Charakterzug gilt. Er war kompromissloser Provokateur, ein ostentativer Egoist und ein schamloser Erotomane. Witkacy hasste beschönigende Masken und riss sich selbst diejenigen ab, die niemand sah“, schreibt in der Ausstellungsbroschüre Maria Anna Potocka, Direktorin des Museums für Zeitgenössische Kunst (MOCAK) in Krakau und Kuratorin der Ausstellung. Eine der Komplexität des Künstlers gerechter werdende Charakterisierung wäre kaum zu finden, denn dieser entzog sich allen Konventionen, sorgte für ständige Empörung und war doch einer der wichtigsten polnischen Künstlerpersönlichkeiten und Intellektuellen nach der Wiedergewinnung der Unabhängigkeit und am Vorabend des Zweiten Weltkriegs.

 

Der unter dem Künstlernamen Witkacy bekannte Stanisław Ignacy Witkiewicz wurde 1885 in Warschau geboren. Er war Sohn des bekannten Malers und Prosaisten Stanisław Witkiewicz. Seine Ausbildung erhielt er unter dem wachsamen Auge des Vaters, seine Jugend verbrachte er in Zakopane, das damals ein sehr wichtiger Mittelpunkt der polnischen Kultur war. Von jung auf war er von Künstlern und Intellektuellen umgeben. Seine Taufpatin war die berühmte polnische Schauspielerin Helena Modrzejewska und im Elternhaus gingen Schriftsteller wie Stefan Żeromski und Henryk Sienkiewicz ein und aus. Er verliebte sich in die großartige Schauspielerin Irena Solska. Witkacy musste nicht seinen Weg finden, um Künstler zu werden – er wurde in ihrer Mitte geboren, verbrachte sein ganzes Leben mit ihnen, womit sich sein Mut zum Experiment und seine Lust auf die Revolutionierung der Kunst erklären lassen. Als junger Mann reiste er durch Deutschland, Italien und Frankreich. Gemeinsam mit dem bekannten polnischen Ethnologen Bronisław Malinowski machte er sich als Fotograf auf die Reise nach Ozeanien. Im Ersten Weltkrieg meldete er sich zur zarischen Armee, kämpfte an der Front und wurde Zeuge der Oktoberrevolution in Moskau, was sich stark in seinem späteren literarischen Schaffen niederschlug. Nach Kriegsende kehrte er nach Zakopane und zur Malerei zurück. Er interessierte sich für den Kubismus, den Formismus und Expressionismus, war allerdings mit seinem eigenen Schaffen unzufrieden und sah die Malerei nur als Mittel, sich eine Einnahme zu verschaffen (die bereits erwähnte „Porträtfirma“). Er begann, ästhetische Texte über Malerei und Theater zu schreiben, dann auch Bühnenwerke, die bis heute in Polen aufgeführt werden. Das Stück „Szewcy“ (Die Schuhmacher) gehört zum Kanon der Schullektüren. Die letzte Etappe von Witkacys Schaffen bilden die Romane „Pożegnanie jesieni“ (dt. Ausgabe: Abschied vom Herbst, 1979) und „Nienasycenie“ (dt. Ausgabe: Unersättlichkeit, 1966). In der Kunst schuf er die Theorie der „Reinen Form“, die mit dem Realismus und Illusionismus des Theaters brach und den Psychologismus verwarf. Schlussendlich war Witkacy ein Künstler-Provokateur. Er beschwor Skandale herauf, nahm Rauschgift, beleidigte und schockierte.

 

Witkacys literarisches Werk gehört nicht zu den leichten und zugänglichen. Es fußt sehr stark auf Parodie und Komik, bedient sich origineller Wortschöpfungen und neigt zum Synkretismus. Nur schwer lässt sich vorstellen, wie Witkacys Bühnenwerke in fremde Sprachen übersetzt werden könnten. Was das Deutsche angeht, haben sich dieser Aufgabe unter anderem Janusz von Pilecki, Henryk Bereska und Karlheinz Schuster gemeinsam mit Ewa Makarczyk-Schuster angenommen. Der Theaterwissenschaftler Andrzej Wirth hat sich um die Bekanntmachung Witkacys in Deutschland Verdienste erworben.

 

Stanisław Ignacy Witkiewicz (Witkacy): Mehrfaches Selbstporträt im Spiegel (Autoportret wielokrotny w lustrach), 1915–1917

 

Ich spreche mit Antoni Winch, Doktorand am Institut für Kunst der Polnischen Akademie der Wissenschaften, über Witkacys literarisches und dramatisches Werk und seine Rezeption in der Welt. Winch ist Spezialist für Witkacys Bühnenschaffen und selbst Autor von Theaterstücken und des Hörspiels „Zagwazdrane żyćko“ (etwa: „Das behämmerte Spießerleben“ [ein unübersetzbarer Witkacysmus, A.d.Ü.]), das von der Biographie des Stanisław Ignacy Witkiewicz inspiriert ist. Auf die Frage, ob ein Künstler wie Witkacy in Deutschland verstanden werden könne, antwortet Winch: „Natürlich. Genauso wie in der ganzen Welt. Witkacy schrieb über universelle und zeitlose Probleme. Er tat dies in einer Form, die seiner Zeit vorauseilte. Deshalb wurde er zu Lebzeiten nicht anerkannt. Heute dagegen ist diese Form, wie ich meine, ganz zugänglich und anziehend. Hohe Register mit niedrigen zu verbinden, Tragödie mit Farce, Kabarett und sogar Zirkus, mehr oder minder klare Anspielungen auf literarische Meisterwerke wie zum Beispiel Shakespeare, Groteskes, Absurdes, schwarzer Humor, Überzeichnung der Psychologie der Helden, Verstoß gegen Prinzipien des Realismus – das alles brachte die Zeitgenossen gegen Witkacy auf, sollte ihn für uns jedoch attraktiv machen. Witkiewicz zu lesen, erlaubt zu verstehen, was mit unserer Kultur und Zivilisation passiert ist und was damit geschieht. Das Verschwinden des Individuums, die Herrschaft der Massenkultur, die Krise zwischenmenschlicher Beziehungen, die geistliche Unersättlichkeit und Verlorenheit, das gewaltsame Verfallen in Gefühlsextreme: von Euphorie zur totalen Verzweiflung, von Liebe zu Hass usw. – das sind nur einige der Themen in Witkacys Werk, die heutzutage nichts von ihrer Aktualität verloren, sondern vielleicht noch dazugewonnen haben.“ Auf meine Bitte, Witkacy mit Künstlern aus anderen Ländern zu vergleichen, nennt Antoni Winch Fjodor Dostojewski, Afred Jarry, Luigi Pirandello und Roland Topor.

 

Witkacy und sein Erbe sind in Deutschland nicht allzu bekannt. Der letzte Versuch, seiner literarischen Rezeption in Deutschland auf die Sprünge zu helfen, besteht in den von Karlheinz Schuster und Ewa Makarczyk-Schuster von der Mainzer Gutenberg-Universität herausgegebenen Bücher. Vergangenes Jahr erschien ein weiteres Buch in ihrer Übersetzung: „Witkacy: Theoretische Schriften zum Theater“. Antoni Winch meint, die Literatur sei die interessanteste Gattung in Witkacys Werk; „Aus meiner Sicht, also aus Sicht von jemandem, der sich vor allem mit Dramengeschichte befasst, sind die Theaterstücke Witkacys am interessantesten. Ich bin mir im klaren darüber, dass es dem Zuschauer im Ausland schwerfallen dürfte, damit umzugehen, weil die Sprache, in denen sie geschrieben sind, sehr speziell ist, originell und oft einfach unübersetzbar.“

 

Vielleicht ist es deshalb eine vernünftige Entscheidung, auf einer Ausstellung die visuellen Werke des Künstlers zu zeigen, um sowohl den polnischen als auch den deutschen Besucher zu erreichen. Die Polen lernen Witkacy allerdings bereits in der Schule kennen. Sein Werk ist schwer zugänglich, aber im polnischen Kunstkanon allgegenwärtig. Es stellt sich damit die Frage, ob die Deutschen Witkacy überhaupt verstehen und schätzen können? Danach frage ich Ausstellungskuratorin Maria Anna Potocka, die sagt: „Ich sehen keinen Unterschied zwischen dem polnischen und dem deutschen Besucher. Der eine wie der andere ist mit derselben Kunst, Literatur und Philosophie aufgewachsen. Außerdem ist Witkacy in seinen künstlerischen und philosophischen Konzepten sehr universell. Er ist ein Vorläufer von Konzeptualismus und Performance, und das sind doch ganz internationale Strömungen. Und am Rande bemerkt, ich würde es mit dem ‘Verstehen’ im Zusammenhang mit Kunst nicht übertreiben. Dagegen lässt sich Witkacy sicher leicht erfühlen. Und gegen diese Art der Wertschätzung kann man sich gar nicht zur Wehr setzen.“

 

Dennoch sind bei der Ausstellung „Witkacy. Ein genialer Psychoholik“ im Polnischen Institut Berlin gewisse Vorbehalte am Platz. Sie wird als großes Unterfangen des Polnischen Instituts beworben, beschränkt sich aber darauf, einige Reproduktionen von Porträts und ein gutes Dutzend fotografische Selbstporträts des Künstlers zu zeigen. Was fehlt, sind auch nur einige Basisinformationen zu seiner Biographie, die schließlich in Deutschland viel weniger bekannt sind als in Polen. Witkacys Werk ausschließlich auf die bildenden Künste zu beschränken, schmälert seine Verdienste um die polnische Kultur. Selbst wenn sich diese auf einer Ausstellung nicht in klassischer Weise zeigen lassen, wäre es doch angebracht, sie irgendwie stärker hervorzuheben. Witkacys Romane, Dramen, Theatertheorie und philosophische Texte wurden ins Deutsche übersetzt und sind ein integraler Bestandteil seines Werks. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Anonymität der auf Witkacys Porträts dargestellten Persönlichkeiten. Es gibt keine Bildunterschriften und so bleibt unbekannt, wer dort zu sehen ist. Zwar malte Witkacy diese Porträts als Auftragswerke, viele von ihnen sind verlorengegangen oder es ist heute schlicht nicht ersichtlich, wen sie darstellen, doch häufig malte er die bedeutendsten Künstler und Intellektuellen seiner Zeit oder Personen, mit denen er engen Umgang pflegte. Diese ziemlich geschlossene Gruppe bildete eine intellektuelle Gesellschaft, die interessant und des Kennenlernens wert ist, wenn wir uns für die polnische Kunst der Zwischenkriegszeit interessieren.

 

Und noch ein Problem: Alle gezeigten Arbeiten sind Reproduktionen, doch lässt sich der Begründung dafür kaum widersprechen: „Witkacys Porträts werden praktisch nicht mehr für Ausstellungen ausgeliehen, weil die Pastellfarben Erschütterungen ganz schlecht vertragen. Das passiert nur ganz selten und für Ausstellungen in den berühmten Museen. Die Institute sind Ausstellungsorte, an denen nicht dieselben Sicherheitsvorschriften gelten wie in Museen. Daher gibt es hier weder eine Kontrolle der Luftfeuchtigkeit noch bauliche Sicherheitsmaßnahmen und es ist nicht möglich, hier kostbare Originale zu zeigen. Außerdem werden Originalpastelle immer unter Glas gezeigt, was ihre Faktur und weiche Oberfläche schwer erkennen lässt. Reproduktionen auf Papier, das das Pastell simuliert, sind dem Original näher als die Originale unter Glas. Trotzdem kann man sich natürlich schwerlich der besonderen Aura des von der Künstlerhand berührten Originalgegenstands entziehen. Dazu empfehle ich eine Fahrt zum Museum in Słupsk [Stolp], das einige hundert von Witkacys Porträts besitzt“, erläutert Anna Maria Potocka.

 

Ausstellungsmotto ist ein Witkacy-Zitat, welches das Ende der Zivilisation prophezeit: „Wir leben nämlich in einer entsetzlichen Epoche, wie sie die Menschheit bisher nicht kannte. Sie ist so mit bestimmten Ideen maskiert, dass der heutige Mensch sich selbst nicht kennt, er wird in der Lüge geboren, er lebt und stirbt in der Lüge und weiß nicht, wie tief er gefallen ist. Der einzige Spalt, durch den man das scheußliche, schmerzliche, irre Zucken hinter der vollkommenen Maske der Sozialisation beobachten kann, ist die heutige Kunst…“ Kaum zu glauben, dass Witkacy das vor genau einhundert Jahren geschrieben hat. Auch heute noch klingen diese Worte furchteinflößend.

 

 

“Witkacy. Ein genialer Psychoholiker”,  kuratiert von Maria Anna Potocka und Delfina Jałowik, Polnisches Institut Berlin, 21.02 bis 29.03.2019

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

 

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Natalia Staszczak-Prüfer

Natalia Staszczak-Prüfer ist Theaterwissenschaftlerin, freiberufliche Journalistin und Übersetzerin.

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