Unabhängiges Polen. Vergänglichkeit und Überdauern

Die Ausstellung Zeichen der Freiheit. Vom Überdauern der polnischen nationalen Identität im Warschauer Königsschloss, die vom 10.11.2018 bis zum 31.03.2019 zu sehen war, sollte gemäß Intention der Kuratoren die wichtigste Ausstellung anlässlich des 100. Jubiläums der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Polens werden. Hauptthema der Ausstellung war das Polentum, die nationale Identität und ihr Überdauern im Lauf der oftmals schwierigen, meist tragischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Welches Bild von Polen und dem Polentum ist dabei entstanden?

 

Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit zwischen dem Königsschloss, dem Adam-Mickiewicz-Literaturmuseum sowie – was doch etwas erstaunt – der Abteilung für Erziehung, Kultur und Erbe des Verteidigungsministeriums, dem Armeezentrum für Staatsbürgerkunde und dem Polnischen Militärmuseum. Den Begleitkatalog zur Ausstellung eröffnen Grußworte von Staatspräsident Andrzej Duda, Kulturminister Piotr Gliński und Verteidigungsminister Mariusz Błaszczak. Daran schließen sich Beiträge von Autoren an, die bedeutenden Einfluss auf die offizielle Geschichtspolitik haben: Stanisław Cenckiewicz, Andrzej Nowak, Tadeusz Wolsza und Jan Żaryn. Die Ausstellung war imposant. In 30 Sälen wurden an die 500 Kunstwerke aus öffentlichen und privaten Sammlungen sowie zahlreiche Fotos und Archivalien zusammengetragen.

 

Die Ausstellung „wurde als Reflexion über das Wesen der nationalen Identität konzipiert, die das Bindeglied der nationalen Gemeinschaft und das Fundament ihrer Existenz ist“, betonten die Kuratoren Irena und Łukasz Kossowski. Und weiter: „Sie soll das Nachdenken über den Begriff des Polentums wecken, eines Polentums, für das die vergangenen Generationen gekämpft haben und das wir heute erleben.“ Die Ausstellung sollte die Kontinuität von Phänomenen zeigen, „die in den einzelnen Epochen zwar eine uneinheitliche Form annehmen, aber denselben nationalen Sinn bewahren, den Sinn der Verteidigung der nationalen Existenz und Identität.“

 

Die Macher von Zeichen der Freiheit haben vor allem nach Kontinuitäten gesucht. Sie wollten eine Erzählung vom Überdauern schaffen, was ja auch im Untertitel der Ausstellung betont wurde. Bezeichnend war dabei die Auswahl von historischen Persönlichkeiten, deren politischen Einstellungen sowie Ereignissen, die jene nationale Kontinuität wiederspiegeln sollten. Was dabei weggelassen wurde, war vielleicht noch interessanter.

 

Die Ausstellung konzentrierte sich auf die Jahre 1918 bis 1989. Die Dritte Republik kam nur am Rande vor. Einleitend bezog sich die Ausstellung jedoch auf die Zeit vor 1918, nämlich der Bildung von Piłsudskis Polnischen Legionen. Andere Dimensionen des Ersten Weltkriegs, darunter der Dienst von Millionen Polen in den Armeen Russlands, Deutschlands und Österreich-Ungarns, die durch die damaligen politischen Umstände zu einem brudermörderischen Kampf gezwungen waren, wurden weggelassen. Und das war bestimmt kein Zufall. Die Ausstellung reihte sich sehr gut in die – oftmals landläufigen – Vorstellungen über die polnische Vergangenheit ein. Mehr noch, sie erzählte nicht nur über die Mythen, sondern wollte sie auch bewahren oder beleben.

 

Die Zweite Republik

Zugleich handelte es sich um eine Erzählung über zwei verschiedene polnische Staaten, jenes aus der Zwischenkriegszeit und die Volksrepublik, also das Polen unter kommunistischer Herrschaft. Ersteres ist im Grunde dem Piłsudski-Mythos untergeordnet. So wurden die Besucher von großen Fotografien der Personen begrüßt, die zur Wiedergewinnung der Unabhängigkeit beigetragen haben. Darunter sind u.a. der Pianist und Komponist Ignacy Paderewski, der 1919 auch Ministerpräsident war, Roman Dmowski, der Führer der Nationaldemokratie und Unterzeichner des Friedensvertrages von Versailles, sowie Ignacy Daszyński, der sozialistische Politiker und Premier der 1918 eingesetzten Provisorischen Volksregierung der Polnischen Republik. Der Besucher der Ausstellung konnte aber den Eindruck gewinnen, dass in der Zwischenkriegszeit außer dem Marschall und seinem Lager keine wichtigen politischen Bewegungen existierten (oder zumindest nicht erwähnenswert waren). Jedenfalls wurde die ganze Zweite Republik aus der Perspektive der Sanacja – dem Regime der nationalen Erneuerung nach Józef Piłsudskis Staatsstreich von 1926 – erzählt.

 

Dabei handelt es sich übrigens um ein stark idealisiertes Bild. Zwar hat auch die Erinnerung an die große Wirtschaftskrise ihren Platz gefunden, aber nur mit Mühe konnte man etwas über die Probleme des damaligen polnischen Staates erfahren. Hierzu nur zwei Beispiele, die die grundlegendsten Fragen betreffen: Eines der gravierendsten Probleme der Zweiten Republik war die ideologische und politische Spaltung Polens. Indessen beklagt der Historiker Włodzimierz Suleja in seinem im Begleitband zur Ausstellung abgedruckten Text die niedrige Qualität des damaligen parlamentarischen Lebens und moniert, dass im Sejm ein Feuerwehrhorn zur Unterbrechung der Streitigkeiten verwendet wurde. Von der Ermordung des ersten Staatspräsidenten Gabriel Narutowicz durch einen rechten Radikalen und die dieser Tat vorausgehende beispiellose Hasskampagne gegen seine Person, auch unter Mitwirkung von Parlamentariern, ist schon keine Rede mehr. Der Historiker Marek Kornat wiederum lässt zwar bei seiner Beschreibung über die Lage der nationalen Minderheiten in dieser Zeit (ethnische Konflikte waren eines der größten Probleme der Zweiten Republik) beispielsweise die Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung nicht weg, erwähnt aber nicht die im Jahre 1937 von einigen Universitäten erlassene Regelung eines Numerus Clausus für Personen jüdischer Herkunft. Und in der Ausstellung selbst wurde das Thema Multiethnizität lediglich im Abschnitt Vom Zauber der Provinz dargestellt….

 

Das Bild von der Zwischenkriegszeit wirft zwei Fragen auf. Sie betreffen im Übrigen die gesamte Ausstellung. Ihre Macher betonten, dass sich in ihr Meisterwerke der polnischen Kunst befänden. Sicherlich, man konnte unter anderem Arbeiten von Bruno Schulz, Zofia Stryjeńska, Rafał Malczewski, Jan Lebenstein und Władysław Hasior bestaunen. Den Ausstellungsmachern ist es auch gelungen, viele heute vergessene oder übergangene Künstler wie Adam Bunsch oder Teresa Roszkowska zu zeigen. Doch in den meisten Fällen handelte es sich um Werke, die vor allem als Zeugnis der eigenen Epoche interessant sind und somit heute nur noch eine marginale Bedeutung haben.

 

Verblüffend war die Liste der Abwesenden. Bezeichnend dafür war der mit Zwischen Moderne und Zeitvertreib betitelte Teil der Ausstellung, in dem sich neben Porträts von Witkacy nur recht konservative Arbeiten von Konstanty Laszczka oder Roman Kramsztyk sowie zahllose Fotos von Stars des polnischen Films der Zweiten Republik befanden, u.a. von Eugeniusz Bodo, Loda Halama und Adolf Dymsza. Erstaunlich dagegen war, dass beinahe alle Vertreter der polnischen Avantgarde fehlten, mit Katarzyna Kobro und Władysław Strzemiński an der Spitze. Man kann sich fragen, ob sich hinter dieser ästhetischen Auswahl nicht etwas Wesentlicheres verbarg: eine vorsichtige Einstellung zur Moderne. Für die Ausstellungsmacher scheint die Moderne nur dann „ungefährlich“ zu sein, wenn diese als bloße Form zur Erneuerung der Tradition dient. Es spielt wohl keine Rolle, dass es sich dabei um eine banalisierte Interpretation der Moderne ohne kritischen Blick handelt, die sich mitunter nur auf eine Requisite beschränkt; eine, die den Status Quo festigt. Kann denn nur solch eine Auffassung der Moderne das sichere Überdauern der polnischen Gemeinschaft gewährleisten?

 

Nicht weniger interessant ist eine zweite Maßnahme der Ausstellungsmacher. Zu einem sonderbaren Erzähler machten sie den berühmtesten polnischen Historienmaler Jan Matejko (1838-1893). Seine großformatigen Bilder Batory bei Pskow, Die Verfassung vom 3. Mai, Rejtan – der Untergang Polens oder Skargas Predigt dienten als Kommentar zu den polnischen Schicksalen im 20. Jahrhundert.

 

Das ist eine interessante, aber auch sehr riskante Idee. Die Ausstellung vervielfältigte nämlich die trivialisierten, aus polnischen Schulbüchern bekannten Vorstellungen dieses bedeutenden Historienmalers aus dem 19. Jahrhundert, der sehr kritisch auf die polnische Vergangenheit zu blicken vermochte. Einige der Zusammenstellungen machten großen Eindruck – etwa Matejkos Gemälde Rejtan neben Jerzy „Jurry“ Zielińskis Bild „In Flammen stehend“ von 1968, das als Huldigung für Ryszard Siwiec gilt. Dieser verbrannte sich selbst aus Protest gegen den Einmarsch der sowjetischen Truppen in die Tschechoslowakei am 8. September 1968 während der gesamtpolnischen Erntedankfeiern im Warschauer „Stadion des Jahrzehnts“.  Andere Anordnungen waren hingegen fragwürdig ­– etwa wenn die Darstellung der Gesandtschaft des russischen Zaren Iwans IV., des Schrecklichen, an König Stefan Bathory, die während der Belagerung von Pskow um Frieden bittet, neben der Schlacht von Warschau im Jahre 1920 Parallelen zu dieser herstellt. Der siegreiche Kampf gegen die Bolschewiki, der ihren Vormarsch in den Westen Europas aufhielt, erwies sich lediglich als ein weiterer Akt der polnischen Kämpfe gegen den östlichen Nachbarn (diese Überzeugung wurde zusätzlich dadurch betont, dass neben dem Werk Matejkos die von Fryderyk Pautsch gemalten Porträts russischer Kriegsgefangener hingen, die 1915 gemalt wurden, als von einer Roten Armee noch keine Rede sein konnte.)

Jan Matejko “Rejtan – der Untergang Polens”, Öl auf Leinwand, 1866

 

Historische Fakten hatten in dieser Präsentation keine spezielle Bedeutung, denn das Ziel lautete schließlich, „im Laufe unserer Geschichte ähnliche Situationen zu zeigen, in denen sich die Nation befand und analoge menschliche Haltungen…“, schreiben die Ausstellungsmacher. In dieser Vision scheinen die Polen – was nicht nur die in der Ausstellung gezeigten Bilder Matejkos, sondern auch die Jacek Malczewskis oder Maksymilian Gierymskis unterstrichen – unaufhörlich alte Gesten zu wiederholen, die in der polnischen romantischen Tradition angesiedelt sind. Sogar dann, wenn das für die Zeiten und Umstände, in denen sie funktionieren sollten, unangemessen ist.

 

Ein anderes Polen?

Nach der überzeugenden Darstellung des traumatischen Zweiten Weltkriegs kam in der Ausstellung auch die Volksrepublik Polen vor. Das heutige Polen hat mit der Volksrepublik mehr gemeinsam als mit der Zweiten Republik, angefangen mit seinen Grenzen über die soziale Struktur (der Aufstieg vieler sozialen Schichten verbunden mit dem endgültigen Ende der Adelsschicht) bis hin zur nationalen (beinahe monoethnischen) Zusammensetzung. Zum Erbe der Volksrepublik zählt auch die große Anstrengung des Wiederaufbaus des Landes, dessen Symbol ja das Königsschloss selbst ist, das von den deutschen Besatzern barbarisch zerstört wurde. Im gesellschaftlichen Gedächtnis existiert dieser positive Aspekt zusammen mit einer anderen Erinnerung, der an den totalitären, dann autoritären Charakter dieses Staates, an die Gewalt (inklusive der juristischen Verbrechen in der Zeit des Stalinismus), an die Begrenzung der Freiheit und an die Zensur.

 

Jene Mehrdeutigkeit war in der Ausstellung gut sichtbar. Ja, man könnte den Eindruck gewinnen, dass die Ausstellungsmacher zuweilen nicht wirklich wussten, was sie mit dem Teil des kommunistischen Erbes machen sollten, der gemeinhin positiv bewertet wird. Die Ausstellung geht beispielsweise kaum auf die in Zeiten der Volksrepublik entstandene Literatur ein – ausgenommen der von Zbigniew Herbert, dessen Gedichte vielfach als Kommentar zu den ausgestellten Arbeiten dienten. Ähnlich waren weder der polnische Film noch das Theater kaum vertreten. Dabei waren doch die Werke Andrzej Wajdas, Jerzy Grotowskis oder Wisława Szymborskas herausragende Leistungen von Polen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die von Stärke, und nicht einer Schwäche des Polentums zeugen.

 

Eines stand wohl fest: Aus der Zeit der Volksrepublik sollten sich vor allem zwei Tatsachen einprägen. Zum einen der Kampf gegen die kommunistischen Machthaber, dessen Symbol die sogenannten „Verfemten Soldaten“ sind. In der offiziellen Mythologie sind sie ja sogar so etwas wie das wichtigste Beispiel von Heroismus und Märtyrertum, wenngleich für das Gedächtnis der Polen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Erinnerung an die Morde von Katyń und den Warschauer Aufstand fundamentale Bedeutung hatte (heute jedoch ein Schattendasein fristen).

 

Zweites: die polnische antikommunistische Opposition mit der Solidarność-Bewegung an der Spitze. Das ist kein Novum, denn eines der Fundamente der Identität nach 1989 war der Widerstand gegen die kommunistischen Organe von den Arbeiterprotesten von 1956 über die Ereignisse der Jahre 1968, 1970 und 1976 bis hin zum Entstehen der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność im Jahre 1980. Dabei sollten offenbar jene Akteure der früheren Opposition, die heute mit dem Regierungslager verbunden sind, in dieser Erinnerung eine exponiertere Rolle spielen. Nicht immer stimmt das mit den Fakten überein. Ein Beispiel hierfür war, dass ganz zu Beginn des Ausstellungsteils zu den Ereignissen von 1980, ohne die Kuratoren zu fragen, ein Foto angebracht wurde. Das Foto ist eine Aufnahme vom 9. September 1992 und zeigt Jarosław und Lech Kaczyński. Es wurde – wie die Direktion des Königsschlosses mitteilte, die von der jetzigen Regierung ernannt wurde – hinzugefügt, weil die Besucher dies verlangt hätten. Indes spielte Jarosław Kaczyński, zweifellos einer der wichtigsten Politiker der letzten dreißig Jahre, in der damals entstehenden „Solidarność“ keinerlei Rolle (anders als sein Bruder, von dem ein anderes Foto von Beginn an in einem anderen Teil der Ausstellung gezeigt wurde).

 

Vor Kurzem hat Piotr Kaszczyszyn, ein mit dem konservativen Milieu des Krakauer Jagiellonen-Klubs verbundener Publizist daran erinnert: „Ein Leben nach Jalta war möglich. Es war weder auf den Nachkriegswiderstand der Verfemten [Soldaten] begrenzt noch auf die weiteren polnischen Aufstandsmonate“.  Er fügte hinzu: „Wenn wir vor den 45 Jahren Geschichte der Volksrepublik die Augen verschließen, bemerken wir die Prozesse nicht, die in entschiedenem Maße das Polen von heute geformt haben. Wir übergehen auch die Arbeit unserer Großeltern und Eltern, die unter den Bedingungen eines der UdSSR untergeordneten Satellitenstaats reale Fundamente für ein unabhängiges Polen gelegt haben. Daher resultiert die Notwendigkeit, eine Geschichtspolitik nicht mit der Schere, sondern mit Nadel und Faden zu betreiben. Nicht um unpassende Fragmente herauszuschneiden und zu verwerfen, sondern um die polnische Geschichte des 20. Jahrhunderts so zusammenzunähen, wie das eben möglich ist.“ Jedoch erinnert die heutige offizielle Erzählung über die Volksrepublik, wie die Ausstellung im Königsschloss gut zeigte, manchmal an ungeschickt zusammengeheftete, nicht besonders zueinander passende Stücke unterschiedlicher Stoffe.

 

In der Ausstellung gab es schließlich noch einen dritten Mythos, den des Runden Tisches. Er beendete die Ausstellung (es gab nur noch einen Anhang, der Mein Polen hieß und zugesandte Privatfotos zeigte). Im Begleitband zur Ausstellung befindet sich ein Foto der „Gruppe für politische Reformen“. Auf ihm kommt die oppositionelle Seite vor, u.a. Aleksander Hall, Bronisław Geremek, Jarosław Kaczyński, Jacek Kuroń und Janina Zakrzewska. Im Königsschloss jedoch erinnerte an dieses Ereignis nur das Werk von Jerzy Kalina. Der Künstler hat seinen eigenen Runden Tisch geschaffen. Die Platte erinnert an das Rad einer Kreissäge mit scharf zulaufenden Zähnen. Sie steht im Kontrast zu den mit Schonern bedeckten Stühlen, die denen aus Luxushotels ähneln. Als ob der Künstler die Manipulation, ja sogar Gewalt zeigen wollte, die sich hinter den Ereignissen verbirgt, die zum Untergang der Volksrepublik geführt haben.

 

Die Beratungen am Runden Tisch erweisen sich im Verständnis der Ausstellungsmacher als Antimythos, eine Art „verbotene Frucht“. Denn, wie Łukasz Kossowski in seinem Kommentar zur Arbeit Jerzy Kalinas unterstreicht, „in der von den Interpreten dieses Ereignisses vorgeschlagenen Perspektive [hat] die vergangene Zeit des kommunistischen Polens […] den Status einer souveränen Existenz der Republik, wenn auch in ihren Rechten begrenzt, erhalten.“ Und er fügt hinzu, „dass diese einfache Manipulation bewirkt hat, dass die vieljährigen Unabhängigkeitsbestrebungen der Polen, der Kampf gegen den Kommunismus, markiert durch die Daten 1956, 1968, 1970, 1976 und 1980, und die Opfer dieses Kampfes, in Klammern gesetzt wurden.“ Es erweist sich als unwichtig, dass all diese Ereignisse sich nicht nur nach 1945 im Zentrum der polnischen Geschichtsschreibung wiederfinden, sondern auch in den Schulbüchern, dass Dutzende von Erinnerungsorten entstanden sind, von Denkmälern bis hin zu Straßennamen. Diese Ereignisse haben sich sogar in die offizielle Feiertagsordnung eingeschrieben (ein Nationaler Tag zur Erinnerung an die „Verfemten Soldaten“ wurde 2011 beschlossen, also unter der Regierung der Bürgerplattform).

 

Welche Erinnerung?

In den wechselvollen Bahnen der Geschichte suchen wir das, was dauerhaft und ständig aktuell ist, was das Fundament unserer nationalen Identität darstellt, was wir und unsere Nachkommen in die Zukunft weitertragen werden, schreibt Präsident Andrzej Duda in einem im Zusammenhang mit der Ausstellung publizierten Text. Das, was für dauerhaft gehalten wird, ist wesentlich, weil es von gestalterischer Kraft für die Gemeinschaft und das Polentum sein kann.

 

Die Ausstellungsmacher von Zeichen der Freiheit versuchten die Besucher davon zu überzeugen, dass diese Auswahl ziemlich einfach ist, gar zu offensichtlich: das Polen Józef Piłsudskis, die „Verfemten Soldaten“, die Solidarność und die antikommunistische Opposition sowie die polnischen Opfer in den Jahren des Zweiten Weltkriegs. Heroismus und Märtyrertum. Über den Inhalt dieser Erinnerung entscheidet auch, was weggelassen wurde. Die Liste ist lang und weggelassen wurde alles, was schwierig, mehrdeutig ist und was Nachdenken erfordert.

 

Der Warschauer Kulturphilosoph Andrzej Leder hat in der neuesten Ausgabe des Jahrbuchs Zagłada Żydów. Studia i Materiały [Der Völkermord an den Juden. Studien und Materialien] an die Überlegungen des französischen Philosophen Rémi Brague erinnert. Dieser hat am Beispiel des Peloponnesischen Krieges von Thukydides zwei Modelle des historischen Denkens aufgezeigt: das „athenische“, das offen für ein Erzählen von Geschichte auf unparteiische Weise ist und die bösen Taten jeder Seite zeigt, und das „spartanische“, das nur eine Version der Ereignisse zulässt.

 

Leder schreibt: „Europa ist geistig athenisch. Eben durch jene Kühnheit des Denkens, eine von Bravour sehr weit entfernte Eigenschaft, eher eine, die ich den Kern von Zivilcourage nennen würde. Sie beruht […] auf der Fähigkeit, sich Auge in Auge der schwierigsten Wahrheit zu stellen, den Geistern der Vergangenheit. Die polnische Einstellung zur Vergangenheit – und zur Wahrheit – ist spontan eher spartanisch. […] Der Stolz auf die Kriegstugenden, den Mut und die Unnachgiebigkeit im Kampf werden begleitet von der Lust, bei schon tausendmal verwendeten Formulierungen, Bildern und Geschichten zu bleiben. Damit geht die Angst einher, souverän über bestimmte Menschen und Ereignisse denken zu können. Aus Furcht, die Gemeinschaft könne das Bild nicht ertragen, das sich in dem auf sie gerichteten Blick widerspiegeln würde.“

 

Vielleicht verbirgt sich hinter diesem Polentum, das sich ständig selbst und die anderen von seiner Größe versichert, ein anderes, unaufhörlich verängstigtes, das befürchtet, die Polen würden gleich zu existieren aufhören. Ein Polen, das Angst vor intellektuellem Mut und kritischem Denken hat, obwohl eine solche Haltung eine Unterschlagung der eigenen nationalen Kultur darstellt, in der das Nachdenken über unsere Nachteile, Fehler oder Delikte immer einen wichtigen Platz eingenommen hat.

 

 

Aus dem Polnischen von Markus Krzoska

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Piotr Kosiewski

Piotr Kosiewski ist Historiker, Kunstkritiker und Publizist. Er schreibt regelmäßig für die polnische Wochenzeitschrift „Tygodnik Powszechny” und das Magazin „Szum".

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