„Architektur beginnt, wenn zwei Backsteine sorgfältig zusammengesetzt werden“

„Ein schönes Wohnhaus“ wünschen sich Erich und Elisabeth Wolf, Tuch- und Hutfabrikanten aus Guben an der Neiße, für die Gründung ihrer Familie. Als leidenschaftlicher Kunst- und Porzellansammler verkehrt Erich Wolf häufig in Berliner Kulturkreisen und hat sich dort nach einem begabten Architekten umgehört. Als ihm Ludwig Mies van der Rohe empfohlen wird, wünscht sich dieser selbstbewusst „freie Hand“. Dass sein Bauherr ihm dies zusagt, ist die Geburtsstunde des 1926 errichteten ersten radikal modernen Hauses des später in aller Welt berühmten deutsch-amerikanischen Architekten. Ein schönes Wohnhaus?

 

Villa Urbig in Potsdam

Mies van der Rohe hatte sich bereits einen Namen durch Wohnhäuser in klassischer Tradition gemacht wie die Villa Urbig in Potsdam-Babelsberg, auch als Wohnsitz Churchills zur Potsdamer Konferenz bekannt, eine an einen feudalen Palast erinnernde vornehme große Villa: ein rechteckiger Kubus unter einem Walmdach mit hierarchischem Grundriss, repräsentativ die Schauseite zur Straße, streng symmetrisch, raumhoch die französischen Fenster, balkonverziert das Eingangsportal in der Mitte.

 

Ganz anders das neue Haus in Guben an der Neiße. Das bürgerlich-familiäre Haus ist ganz nach innen gewandt, der Eingang vor Neugier schützend seitlich versteckt. Nur von fern auf der Höhe des Neißehanges zeigt sich das Haus von seiner schönsten Seite. Sie dient der Familie mit offen fließenden Wohnräumen, großer Gartenterrasse und Talblick. In den grünen Hang gestaffelt durchdringen sich Natur und Architektur, türmt sich unter flachen Dächern auf freiem Grundriss aus kleinen Backsteinkuben eine große kubische Skulptur.

 

 

 

Im selben Jahr 1926 erregt eine andere abstrakte Backsteinskulptur Aufsehen: das nach einem Entwurf Mies van der Rohes gestaltete Denkmal für die ermordeten Kriegsgegner Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Berlin-Friedrichsfelde. Haus und Denkmal sind Ausdruck der umwälzenden Kulturrevolution, die die Zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts erleben, Teil der sozialen und demokratischen Revolution nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ende einer über tausendjährigen Adelsherrschaft in Europa. Kunst und Architektur der Moderne schütteln alles Gestrige ab, um die Welt von Grund auf neu zu gestalten, in Neuer Sachlichkeit und einer Form, die der Funktion folgte.

 

So lenkt Mies van der Rohe in theoretischen Manifesten den Blick auf die Ursprünge der Architektur, auf die zweckbestimmten, aus natürlichen Baustoffen errichteten Behausungen von Urvölkern und Indianern. Er überträgt dies auf den „Bauorganismus“ eines modernen Wohnhauses: „Das Wohnhaus hat lediglich dem Wohnen zu dienen. Der Bauplatz, die Sonnenlage, das Raumprogramm und das Baumaterial sind die wesentlichen Faktoren für seine Gestaltung.“ (1924) Die neue Architektur verzichtet ganz auf schmückendes oder historisierendes Beiwerk und besinnt sich auf die elementaren geometrischen Ursprungsformen des Bauens, zugleich aber auf die neuen Möglichkeiten moderner industrieller Baustoffe und Techniken.

 

Die neue Architektur der Moderne verändert Europa. So entsteht in Polen in den zwanziger und dreißiger Jahren in Gdynia (Gdingen) eine moderne „weiße Stadt“ am Meer als Pionierstadt und Ostseehafen der wiedererstandenen Republik. Ein experimenteller Mittelpunkt der neuen Bewegung in Kunst, Handwerk und Architektur ist das Bauhaus in Weimar und Dessau. In den dreißiger Jahren von den Nationalsozialisten geschlossen, verbreiten zur Emigration gezwungene Architekten die Ideen des Neuen Bauens in aller Welt. In Tel Aviv entsteht von emigrierten jüdischen Architekten im Bauhaus-Stil – heute ein Weltkulturerbe – die „weiße Stadt“ am Meer.

 

Ludwig Mies van der Rohe, dritter und letzter Bauhausdirektor in Dessau und Berlin, emigriert 1938 in die USA, wo er die Architekturabteilung des Illinois Institute of Technology in Chicago leitet und auch dessen Gebäudekomplex entwirft. Berühmt werden besonders seine Wohnhochhäuser am Lake Shore Drive in Chicago, das Seagram Building in New York und als Wohnhaus das Farnsworth Haus in Plano, Illinois. Sein letztes bedeutendes Werk errichtet er 1965-1968 in Berlin – die Neue Nationalgalerie. Am 17. August 1969 stirbt Mies van der Rohe in Chicago.

 

Im 100. Jahr des Bauhauses und im 50. Todesjahr Mies van der Rohes, erinnert 2019 die deutsch-polnische Doppelstadt Guben-Gubin in einer Ausstellung und mit Vorträgen an das erste moderne Haus Mies van der Rohes. Eine deutsch-polnische Initiative beabsichtigt mit Unterstützung der Bürgermeister der europäischen Doppelstadt Bartlomiej Bartczak, Gubin, und Fred Mahro, Guben, den originalgetreuen Wiederaufbau der Villa Wolf im heute polnischen Gubin als kulturellen deutsch-polnischen Brückenschlag über die Neiße und Würdigung eines gemeinsamen europäischen Kulturerbes.

 

An der Fachhochschule Potsdam erarbeiten in einem Forschungsprojekt Prof. Annegret Burg und Dr. Ivan Brambilla mit ihren Studenten eine Rekonstruktion der im Krieg verlorenen Baupläne der Villa Wolf nach Dokumenten aus dem Mies van der Rohe Archive des Museum of Modern Art New York, vermittelt durch den Mies-Experten und Mitinitiator des Wiederaufbau-Projekts Prof. Dietrich Neumann, Brown University, Providence: Entwurfspläne, Ausschreibungen, Fotos. Wilhelm Wolf, der in der Villa aufgewachsene, heute in Montevideo lebende Sohn des Bauherrn Erich Wolf, hat Fotos aus dem Familienalbum beigesteuert.

 

Noch in diesem Jahr sollen in Zusammenarbeit mit beiden Städten durch Grabungen und Georadar-Messungen die Backsteinmaße und Umrisse der erhaltenen Keller erforscht werden. Die exakten Maße sind Voraussetzung für wissenschaftlich fundierte Wiederaufbaupläne und die durch ein deutsch-polnisches Architekturbüro in Breslau angestrebte Baugenehmigung. Noch im Bauhaus-Jahr 2019 erscheint ein Buch in drei Ausgaben, Polnisch, Deutsch und Englisch zur Bedeutung und Erforschung der Villa Wolf, im DOMpublishers Verlag Berlin, herausgegeben von Prof. Dietrich Neumann: „Die Villa Wolf in Gubin – ein Meilenstein der Moderne“.

 

Als Architekturmodell im Originalmaßstab 1:1 soll die Villa Wolf das wichtigste, begehbare und räumlich erlebbare Ausstellungsstück eines künftigen Mies-van-der-Rohe-Museums Gubin werden. Schwerpunkte einer künftigen Ausstellung sollen das europäische Werk des deutsch-amerikanischen Architekten sein sowie als grenzüberschreitender Architektur-Lehrpfad typische Beispiele polnischer und deutscher Architektur der Moderne.

 

Zusammen mit anderen beispielhaften Häusern und Siedlungsbauten soll Mies van der Rohes modernes Erstlingswerk die rasche Entwicklung seines europäischen Werks demonstrieren, die Backsteinvilla als früher Meilenstein der Moderne in einer Reihe mit der teilrekonstruierten weißen Villa Tugendhat (1929/30) im tschechischen Brünn mit ihrer raumhohen Glasfront und dem in den 1980er Jahren vollständig in Stahl, Glas und kostbarem Naturstein rekonstruierten deutschen Barcelona-Pavillon der Weltausstellung von 1929. Die Villa Tugendhat ist heute Weltkulturerbe, im Barcelona-Pavillon wird alle zwei Jahre der Mies van der Rohe Award verliehen, der Preis der Europäischen Union für zeitgenössische Architektur.

 

Gegenüber den spektakulären Folgebauten aus Glas und Stahl ist der moderne Erstling des großen Baumeisters in schlichter Backsteinarchitektur heute wenig bekannt, anders als zu seiner Entstehungszeit. Nach den Kriegszerstörungen wird er nun durch seinen Wiederaufbau die verdiente Würdigung erfahren – auch der zeitlos schöne Backstein, den Mies van der Rohe maßgeblich schätzte: „Architektur beginnt, wenn zwei Backsteine sorgfältig zusammengesetzt werden.“

 

nv-author-image

Florian Mausbach

Vorsitzender des Fördervereins Villa Wolf e. V. Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung 1995-2009

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.