Der lange Schatten des Vulkans

Zum 100. Geburtstag von Gustaw Herling-Grudziński

 

Die Asche des Vesuvs

Der größte polnische Prosaautor des 20. Jahrhunderts verbrachte den längsten Teil seines Erwachsenenlebens außerhalb seines Heimatlandes. Er wurde am 20. Mai 1919 in der Region von Kielce geboren, wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte. Nach Kriegsausbruch 1939 betätigte er sich zunächst in Warschau, später auch in den sowjetisch besetzten Städten Lemberg und Grodno, im polnischen Untergrund. Er wurde verhaftet und in das sowjetische Lager von Jerzewo (bei Archangelsk) gebracht. Nach der Amnestierung der polnischen Gefangenen gelangte er aus dem Gulag in ein Militärlager im Mittleren Osten, wo er sich der Anders-Armee (polnische Streitkräfte, die ab 1941 in der Sowjetunion formiert wurden) anschloss. Nachdem er den Feldzug vom ägyptischen Alexandria bis zum italienischen Taranto mitgemacht hatte, erkrankte er an Typhus und kam in ein britisches Lazarett in Norcia, anschließend zur Genesung nach Sorrento im Golf von Neapel. Mit dieser Landschaft sollte er als Mensch und Schriftsteller für den Rest seines Lebens verbunden bleiben.

 

Die ersten Sätze von Gustaw Herling-Grudzińskis „Tagebuch bei Nacht geschrieben“ (Dziennik pisany nocą), seinem Hauptwerk und einem der wichtigsten Texte der polnischen Literaturgeschichte, lauten: „Meine ersten Schritte in Italien machte ich 1944 im Widerschein eines Ausbruchs des Vesuvs, im Ascheregen unter einem unheilvoll verdüsterten Himmel. Nie werde ich die in Resignation und alter Gewohnheit erstarrten Gesichter der Bewohner derjenigen Dörfer vergessen, die auf dem Weg des Lavastroms lagen und eilig evakuiert wurden. Wer hier geboren ist oder sich niedergelassen hat, muss entweder ein angeborenes oder erworbenes Gefühl für die Verwundbarkeit von Land und Menschenleben haben“ (Neapel, April 1970). Seine spätere zweite Ehefrau Lidia Croce erinnerte sich in einem Gespräch mit Andrzej Litwornia, das für den Film „Herling. Fiołki w Neapolu“ (Herling. Veilchen in Neapel, 2003) aufgenommen wurde, genau an diesen Augenblick: „Ich erinnere mich, wie wir uns kennenlernten, das war in Sorrento, im März 1944. Damals regnete es Asche aus dem Vesuv.“

Herling-Grudziński war damals fünfundzwanzig Jahre alt. Auf ihm lastete die Zeit im Lager und sein jugendliches Herz war voller unstillbarer Unrast.

 

In der Villa Tritone, bekannt als das „Diadem des Golfs von Neapel“, lernte er Lidias Vater kennen, Benedetto Croce, den berühmten italienischen Philosophen; auch mit ihren Schwestern freundete er sich an. Kurz darauf, nach der Schlacht am Monte Cassino (1944), für die er den Orden Virtuti Militari verliehen bekam, stand er vor der vielleicht wichtigsten Entscheidung seines Lebens: was nun? Mit Lidia verband ihn damals sicher schon mehr als nur Bekanntschaft oder Freundschaft. In seinem intimen, nicht zur Veröffentlichung vorgesehenen „Tagebuch 1957–1958“, das unlängst beim Warschauer Verlag „Wydawnictwo Literackie“ erschienen ist, schrieb er: „Ein sonniger und kühler Tag. Über dem Golf sonnenbeschienener Dunst. Vor der Zufahrt auf die Chaussee Sorrento-Neapel mit Matten bedeckte Orangenhaine, die mich plötzlich ganz deutlich an den März 1944 in Sorrento erinnern und dieses schüchterne Gefühl der Liebe, das ich zu L. empfand“ (5. Januar 1958). Doch waren seine Herzensangelegenheiten sehr viel verworrener.

 

Noch in der Armeekantine im Irak hatte er die Malerin Krystyna Stojanowska kennengelernt, mit der er in dieser bewegten Zeit zusammen war. Vor allem in Rom: Dort gelang es ihm wirklich, zu leben und dort war er glücklich. Die wilde Leidenschaft, die das Paar damals verband, nahm in späteren Jahren immer wieder von dem Schriftsteller Besitz – beharrlich, im Wachen und im Schlaf und weiterhin heftig wie am Anfang. Doch wenn er den Zwiespalt seiner Gefühle ernsthaft abwog, dann gaben doch praktische Erwägungen und schließlich der kühle Verstand den Ausschlag. Die Croces waren damals eine in Italien hochangesehene Familie und der polnische Soldat, der erst noch von der großen Schriftstellerkarriere träumte, hätte selbst unter besseren Bedingungen kaum eine gute Partie für eine der ihm geneigten Töchter abgegeben. Mit Krystyna war das anders, mit der zusammen er einfach nur ein weiteres Kapitel seiner fern von Europa begonnenen und immer noch voller Möglichkeiten steckenden Odyssee durch Krieg und Emigration begonnen hatte.

 

London – München – Neapel

Herling-Grudziński und Krystyna heirateten in Ancona, damals das Zentrum des Zweiten Korps der Anders-Armee. Er lebte nicht mehr in der Kaserne, trug aber immer noch Uniform. 1947 siedelten sie gemeinsam nach London über. In England nahm er seinen Abschied von der Armee. Seine Londoner Jahre standen im Zeichen von Mühsal und Misserfolgen, wie sie in dieser Zeit auch anderen Landsleuten in der Emigration begegneten. Andererseits war dies auch eine literarisch sehr fruchtbare Zeit: 1949–1951 schrieb Herling-Grudziński sein bekanntestes Buch, „Inny Świat“ (Eine andere Welt, dt. Ausgabe: Welt ohne Erbarmen, 1953), das bereits 1951 mit einem Vorwort von Bertrand Russell auf englisch erschien (A World Apart). Auf polnisch, aber nicht in Polen, wurde das Buch zwei Jahre später veröffentlicht.

 

„Welt ohne Erbarmen“ brachte Herling-Grudziński internationalen Ruhm. 1952 begann der Schriftsteller seine lange und fruchtbare Zusammenarbeit mit Radio Free Europe. Er ließ sich in München nieder, wo der Sender, der ursprünglich in New York ansässig war, nun seinen Sitz hatte. Erster und langjähriger Leiter der polnischen Abteilung des Senders, der so aufmerksam von der Regierung in Warschau gehört und ebenso systematisch von dieser gestört wurde, war Jan Nowak-Jeziorański.

 

Herling-Grudziński machte selbst das Angebot, für den Sender zu arbeiten. An Nowak-Jeziorański schrieb er: „Ich könnte Ihnen in einigen Bereichen behilflich sein. Was die Lage in Polen angeht, könnte ich Beiträge zur Sowjetisierung und zur Bevormundung der Kultur in Polen liefern. […] Beiträge über Buchneuerscheinungen zu verschiedenen Themen wie Russland und den Kommunismus. […] Allgemeinverständliche Beiträge zur Literatur und Kultur im Ausland“ (22. Juli 1952). Nowak-Jeziorański nahm das Angebot an, und seither gehörte Herling-Grudziński zum engsten Kreis der Mitarbeiter von Radio Free Europe.

 

Seine Beiträge, von denen heute nur ein Teil erhalten geblieben ist (obschon es sich auch hierbei um ein enormes Werk handelt), waren äußerst beliebt. Der Autor betrachtete diese rein journalistische Arbeit eher als „Frondienst“, die er jedoch in dem Gefühl leistete, eine wichtige Mission zu vollbringen.

 

Es hatte den Anschein, als ob sich in der Zusammenarbeit mit Nowak-Jeziorański auch privat der Erfolg einstellen würde. In seiner autobiografischen Schrift „Sehr kurzer Touristenführer über mich selbst“ (Najkrótszy przewodnik po sobie samym) erinnert er sich Jahre später: „Ich freute mich darauf, dass nach den Londoner Jahren der Not, ja der Verachtung, Krystyna und ich endlich eine ordentliche Wohnung haben würden. Doch diese Vorfreude dauerte ganze zwei Wochen“. Noch in London beging Krystyna Selbstmord.

 

Dieses Ereignis erschütterte Herling-Grudziński bis ins Innerste. Krystyna begleitete ihren Mann nicht mehr nach München, doch ihr Gespenst verfolgte seine Seele. Das ist allerdings seinem „Tagebuch bei Nacht geschrieben“ kaum zu entnehmen, in dem sie nur schemenhaft auftaucht, doch im „Tagebuch 1957–1958“, das er, wie wir uns erinnern, bereits während seiner Ehe mit Lidia Croce schrieb, gehört sie zu den wichtigsten Protagonisten. Sie sucht den Autor in seinen Träumen heim, erscheint ihm in den Gesichtern anderer Frauen, führt mit ihm Gespräche, stachelt ihn auf. Mit einem Wort, sie ermuntert ihn, ihr nachzufolgen…

 

Herling-Grudziński kehrte 1956 mit seiner zweiten Frau nach Neapel zurück. Zwei Jahre zuvor hatten sie in London geheiratet. Sein Sohn Benedetto war schon geboren, seine Tochter Marta kam kurz darauf zur Welt. In dieser Zeit frischte Herling-Grudziński seine Kontakte mit Jerzy Giedroyc’ „Kultura“ auf, die er mit diesem zusammen 1947 in Rom gegründet, für die er vermutlich sogar den Namen ersonnen und in den ersten Jahren auch geschrieben hatte.

 

Er arbeitete ständig an Beiträgen für Radio Free Europe, die er in einem Studio in Rom aufnahm, wohin er regelmäßig ein‑ oder mehrmals im Monat von Neapel aus pendelte. In dieser publizistischen Tätigkeit sah er nach wie vor eine patriotische Pflicht: Er lieferte seinen Beitrag zum Kampf gegen das Regime in Warschau. Und er war stolz darauf. Er baute seine Zusammenarbeit mit italienischen Zeitungen und Verlagen aus. Er übersetzte und wurde übersetzt. Mindestens ein weiteres Mal nahm er einen Anlauf, einen Roman zu schreiben, ließ es dann aber sein. Mit seinen Erzählungen und Tagebüchern eignete er sich aber das Werkzeug an, das ihm später gestattete, ein Meisterwerk der Prosa wie das „Tagebuch bei Nacht geschrieben“ zu verfassen, das die Grenzen von Nationalliteratur und Gattungen überschritt.

 

Im Schatten des Vulkans

Unabhängig davon, was Herling-Grudzińskis Neapolitanisches Archiv noch birgt – und wir wissen ganz sicher, dass darin noch vieles zu finden ist –, sind die vor einigen Jahren aufgefundenen und vor kurzem veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1957 und 1958, die ich an dieser Stelle so oft heranziehe, ein unschätzbares Zeitdokument. Der Autor ist darin viel offener als in seinem „Tagebuch bei Nacht geschrieben“ und nennt das, was in seinen zur Veröffentlichung gedachten Texten ungesagt bleibt, hierin direkt beim Namen: „Und hier werde ich endlich das beschreiben können, was mich persönlich am meisten interessiert: die Unmöglichkeit, Selbstmord zu begehen“ (Eintrag vom 6. März 1957).

 

Gustaw Herling-Grudziński, 1994

Herling-Grudziński war stets ein Rätsel für mich. Wie konnte er sich mit dem tragischen 20. Jahrhundert, seiner Lagerhaft und seinen Kriegserfahrungen nur derart bescheiden auseinandersetzen? Reichte es aus, „Welt ohne Erbarmen“ zu verfassen und sich ein wenig publizistisch zu betätigen? Das „Tagebuch bei Nacht geschrieben“ erstreckt sich über drei Jahrzehnte und doch findet sich darin kaum eine Spur von jenen bedrückenden Erfahrungen; ebenso wenig handeln Herling-Grudzińskis Erzählungen davon. Auch im „Tagebuch 1957–1958“ kommt er nicht auf diese Erlebnisse zurück, zumindest nicht auf das, was sich nach außen hin abgespielt hatte. Eher handelt es sich um die Chronik eines noch jungen Mannes, der mit einem ganz gewöhnlichen Leben klarkommen muss. Der Autor hält Arbeitsfortschritte fest, berichtet von seinen Lektüren, von Kino‑ und Konzertbesuchen, erzählt von Reisen und Begegnungen, sorgt sich um die Gesundheit seines Sohnes. Est stimmt wohl einfach, dass er über bestimmte schreckliche Dinge absolut nicht schreiben, ja nicht einmal nachdenken kann.

 

Nicht die Lagerhaft oder der Krieg brachen Herling-Grudziński, sondern der Selbstmord seiner Frau. Er begann sein geheimes Tagebuch in existenzialistischer Gestimmtheit und mit einem persönlichen Bekenntnis. „Was soll aus mir nur werden? Kann ich so weiterleben, ohne zu schreiben und ohne zu lieben, während ich mich für Dinge interessiere, die mich früher einmal etwas angingen, eher aus Gewohnheit als aus wirklicher Neugier? Oder komme ich doch Schritt für Schritt weg von diesen Belanglosigkeiten und dieser Ermattung zu der Entscheidung, die ich niemals treffen konnte?“ (1. Januar 1957). Diese Frage hängt wie ein Damoklesschwert über dem gesamten Tagebuch aus jenen Jahren, sie stellt sich beharrlich und schneidet sich tief ein, vielleicht ist sie auch nur ein feinsinniger Kunstgriff, aber sie ist eben da. Herling-Grudziński beendet seine Aufzeichnungen, m.E. nicht zufällig, mit dem Bericht von einer Reise durch Kalabrien und Sizilien, ein Abschnitt mit dem bezeichnenden Titel „Sonne und Tod“.

 

Denn Tod und Sonne begleiteten Herling-Grudziński in jeder Minute seines Erwachsenenlebens. Vielleicht dachte er 1944 an den Golf von Neapel noch nicht als Allegorie, aber beim Schreiben des „Tagebuchs 1957–1958“ und später des „Tagebuchs bei Nacht geschrieben“ war ihm schon sehr bewusst, dass die Region, die er sich als zweite Heimat ausgesucht hatte, für ihn stets mehr als nur eine Landschaft sein würde. Er lebte im dunklen Schatten des Vulkans, der für ihn die Last seines Lebens versinnbildlichte. So wie der Golf unablässig zwischen Leben und Tod existierte und sich der Autor in dieser Existenz wie in einem Spiegel sah, hatte das auf ihn die Wirkung eines Lebenselixiers: Diese schwebende Parallelexistenz wurde ihm zum Mittel seiner Kommunikation mit der Welt und mit sich selbst. Der aufgeweckte, insgeheim Lava speichernde, aber noch nicht ganz zur Eruption bereite Vesuv, Zeuge des ersten Besuchs Herling-Grudzińskis in der Gegend und Begleiter der zweiten Hälfte seines Lebens, war wie er selbst: Schritt für Schritt näher an der Grenze, deren Überschreitung sinnlose Selbstvernichtung wäre, die Nichtüberschreitung aber sinnloses, unerträgliches Zuwarten. .

 

Der Schatten des Vulkans und der Schatten des Autors wurden ein und dasselbe, im Guten wie im Schlechten.

 

Auf seinen Spaziergängen über die Promenade von Neapel machte sich Herling-Grudziński über die Jahre hinweg bewusst mit diesem furchteinflößenden und zugleich geheimnisvoll anziehenden Anblick vertraut. Dieses Flanieren war, so will es scheinen, nicht nur für sein Herz heilsam.

 

*

 

Ich erwähnte die Aufzeichnungen von der Fahrt nach Kalabrien und Sizilien, mit denen das „Tagebuch 1957–1958“ schließt. Diese Passage bestätigt meine These, die ich bei der Lektüre des „Tagebuchs bei Nacht geschrieben“ noch vorläufig formulierte, dass nämlich die Sizilianer und ihre Insel im Werk Herling-Grudzińskis Ersatzfunktion haben. Es fiel ihm auch leichter, über den Ätna zu schreiben als über den Vesuv, an dessen Fuß er lebte.

 

Anders nämlich als die mit dem Tod auf vertrautem Fuß lebenden Sizilianer und ihre Insel, diese Gefilde des Todes, war der Golf von Neapel für den Autor eine Gegend, in der der Mensch gerade in die Dämmerung eintritt, ein Ort, an dem sich noch nichts in seinem endgültigen Zustand befindet. Dort, wo er sich niedergelassen hatte, befand er sich ständig irgendwo dazwischen – zwischen Licht und Schatten, zwischen Gut und Böse, zwischen Leben und Tod. Neapel liegt schließlich auf halbem Wege zwischen dem vitalen Rom und der sizilianischen Schattenwelt. Aber obgleich er völlig in diese Welt eingetaucht und mit ihr eins geworden war, hat er sie eigentlich nie ausdrücklich beschrieben. Denn das, was ihn am meisten interessierte, entzog sich der Beschreibung; es zeigte sich im Spiel von Licht und Schatten oder als Negativ dessen, was leicht wahrzunehmen ist. Und die Größe Herling-Grudzińskis als Autor beruht gerade darauf, dass er sein Werk, gerade so wie sein Leben, irgendwo dort, dazwischen, schweben ließ.

 

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

 

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Jacek Hajduk

Jacek Hajduk ist Schriftsteller, Übersetzer und Altphilologe, lehrt an der Krakauer Jagiellonen-Universität.

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