Zbigniew Herbert und seine liebgewonnenen Todfeinde

Schließlich habe ich euch liebgewonnen meine Todfeinde […]

 

ich habe dich liebgewonnen Michael
und euch Hubert Günther Nikolaus Horst und Werner Jan – die Liste ist lang
Barbara – Sybille – Renate – Eleonore –

 

das hat nichts von Sentimentalität Spiel List Verführung
es ist nur große Verwunderung

 

Nichts als „große Verwunderung“ stellt der große polnische Dichter und Essayist Zbigniew Herbert fest, wenn er auf die Liste seiner „liebgewonnen“ Freunde aus Deutschland blickt. Hinter den Vornamen verbergen sich fruchtbare Beziehungen des Polen zum Übersetzer Klaus Staemmler, dem Verlagslektoren Günther Busch, Schriftstellern oder Freunden wie Horst Bienek oder Sibylle von Eicke und anderen. Die Liste der Vornamen ist wie ein Rückblick auf Herberts verzweigte Rezeptionsgeschichte im deutschsprachigen Raum zu lesen. Mit Ausnahme seines österreichischen Übersetzers Oskar Jan Tauschinski beziehen sie sich auf Deutsche, die zwar liebgewonnen, aber dennoch  zu den eigentlichen „Todfeinden“ zählten: „erblich wie Krankheit Armut schlechte Wirbelsäule / der Weg von den Gräben ins Bierhaus war lang“, heißt es in den ausgelassenen Versen. Doch der Weg gelang. Und das Bier schmeckte wohl beiden Seiten, denn die Wertschätzung beruhte auf Gegenseitigkeit.

 

Mit den oben zitierten Versen beginnt das Gedicht „An Michael Krüger“, das Herbert für seinen Schriftstellerkollegen und einflussreichen Freund in einer Novembernacht 1991 am Starnberger See schrieb. Dieser erinnert sich ebenso liebevoll an Herbert. Neben dessen verschmitztem Lächeln, der altmodischen Höflichkeit und nachdenklichen, unprätentiösen Weise, seine Gedichte vorzutragen, fasst Krüger eindrücklich zusammen, welche magische Kraft Herberts Werk im Leser entfalten kann: „Wer sich […] den Blick dieses polnischen Zauberers zu eigen macht, wird bald feststellen, dass sich die Welt auf substantielle Weise verändert: Man lebt anders in ihr.“

 

Wertschätzung wie auch Verwunderung über den geistigen Austausch beruhen somit auf Gegenseitigkeit. Das Interesse an Zbigniew Herbert reißt auch heute im deutschsprachigen Raum nicht ab. Im vergangenen Jahr ist es zu dessen 20. Todesjahr noch einmal in besonderem Maße gewachsen, zahlreiche Veranstaltungen und Publikationen haben ihn ins Rampenlicht der deutschen Rezeption gestellt. Bezeichnenderweise sind doch eben seine Gesammelten Gedichte erstmalig in Deutschland herausgegeben worden, die auch die bisher nicht übersetzte und nicht publizierte Lyrik enthalten. Neben seinen essayistischen Werken wie z.B. Ein Barbar in einem Garten, Stilleben mit Kandare sowie einzelner Dramen, stehen dem deutschsprachigen Leser nun alle neun eigenständigen Gedichtbände zur Verfügung, inklusive einem Nachwort von dem bereits erwähnten Michael Krüger. Wer also war dieser dichtende Zauberer Zbigniew Herbert und was macht seine Lyrik aus, dass sie die Leserschaft so für sich einnimmt?

 

Herberts deutsche Landkarte

Jeder Dichter erhält zu Lebzeiten (zumal im Ausland) nur so viel Aufmerksamkeit, wie er auch Förderer, Verlage und Übersetzer findet, die bereit sind, in ihn und sein Werk zu investieren. Daher seien zunächst einige wichtige Stationen und Personen um Herberts Rezeptionsgeschichte genannt.

 

Fotografie von Zbigniew Herbert © Wikimedia

Als Zbigniew Herbert 1956 mit dem Band Lichtsaite (Struna Światła) debütierte und bereits ein Jahr später den Folgeband herausbrachte, schlug seine Dichtung große Wellen sowohl in der damaligen Volksrepublik Polen wie auch in Westdeutschland. Der Suhrkamp-Verlag unterstütze ihn vom Beginn seiner Karriere an, allen voran dank des Engagements von Karl Dedecius. Was im Kleinen anfing, schlug große Wellen. Herbert wurde in keine andere Sprache so viel übersetzt wie ins Deutsche, zwei seiner Gedichtbände sind sogar zuerst in Deutschland erschienen – auch wenn sie inhaltlich nicht identisch mit den gleichnamigen polnischen Gedichtsammlungen sind: Inschrift (Napis) und Herr Cogito (Pan Cogito). „Über die deutschsprachige Rezeption wurde Herberts Position in der Weltliteratur gefestigt“, schreibt Henryk Citko sogar in seinem Beitrag für den Konferenzband Herr Cogito im Garten. Zbigniew Herbert, der im vergangenen Jahr im fibre Verlag erschienen ist und auf ein Symposium vom Willy Brandt Zentrum für Deutschland- und Europastudien in Breslau zurückgeht.

 

Doch trotz der fruchtbaren Beziehungen, was das Wirken des Autors angeht, hatte Herbert wohl lange Zeit ein ambivalentes Verhältnis zu allem, was „deutsch“ war. Hierauf machen die Herausgeber des Bandes, Dr. Andreas Lawawty, Dr. Piotr Przybyła und Prof. Dr. Marek Zybura, aufmerksam. Der Grund liegt wohl in den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs. Der 1924 in Lemberg, dem damals polnischen Lwów, geborene Herbert, erlebte 1939 zunächst die Invasion der Roten Armee und 1941 die Okkupation durch die Nationalsozialisten. Nachdem er im Januar 1944 noch sein Abitur ablegte, floh er zwei Monate später als 19-Jähriger mit seiner Familie nach Krakau. Sowohl der Verlust seiner Heimat wie auch die vorherigen Belagerungen waren einschneidend und blieben prägend im Leben und Werk des Autors. Nach eigenen Aussagen wirkte das durch die deutsche Besatzung ausgelöste Trauma wie eine psychologische Blockade. Dennoch schloss er Freundschaften mit den „Todfeinden“ und drei deutsche Städte sollten zu seinen Anlaufpunkten in der Bundesrepublik werden: Frankfurt am Main, München und West-Berlin.

 

In Frankfurt am Main liegt der Suhrkamp als deutscher Verlag mit Siegfried Unseld an der Spitze und Karl Dedecius, der als Herausgeber und erster Übersetzer das Fundament für die Rezeption Herberts in Deutschland legte. Nach ihm schlossen sich weitere an, etwa Klaus Staemmler, der vor allem Herberts Essayistik übersetzte. Mit München verband ihn die Bayerische Akademie der Schönen Künste sowie der oben bereits zitierte Schriftsteller Michael Krüger, der deren Präsident war, als Herbert 1967 zum korrespondierenden Mitglied berufen wurde. Krüger war damals auch als Lektor beim Carl Hanser Verlag tätig und Leiter der hauseigenen Literaturzeitschrift „Akzente“, in dem er Herberts Gedichte publizierte.

 

Als wichtigster „Stationierungsort“, wie es Herbert selbst formulierte, galt für ihn West-Berlin. Hier wohnte er mit Unterbrechungen ab Oktober 1967 bis Ende 1980 immer wieder, unter anderem bei dem Ehepaar Barbara Stieß-Heinrich und Werner Heinrich. Die beiden stehen ebenfalls in seiner Liste der liebgewonnenen Feinde im oben zitierten Gedicht, genauso wie die Filmemacherin und Tochter von Hans Fallada: Lore Ditzen (als Eleonore). Alle Berlin-Aufenthalte stehen im Zusammenhang mit seiner Mitgliedschaft in der Akademie der Künste, der er 1974 bis 1992 angehörte. Einen früheren Besuch von 1969 hielt Ditzen fest und so verdanken wir ihr ein aufschlussreiches Zeitdokument, in dem der Künstler porträtiert wird und selbst zu Wort kommt.

 

„Lyrik als Kunst des Wortes macht mich gähnen“

In charmantem Deutsch proklamiert Zbigniew Herbert darin: „Lyrik als Kunst des Wortes macht mich gähnen“. Solch eine poetologische Formulierung ist für einen Dichter, einen Sprachkünstler, doch verwunderlich. Stattdessen meint er, die Leser mit dem „trockenen Gedichte des Moralisten“ zur Poesie locken zu können, wie er es im Gedicht Klapper schreibt. Eine Verführung, die überraschenderweise gelang und die bis heute wirkt.

 

Bei Herbert ist Lyrik eine Kunstform, die sich von dem Individuum lösen kann. So beschreibt es der deutsche Dichter Jan Wagner heute. Bei einem Gesprächsabend gemeinsam mit seinem polnischen Kollegen Tomasz Różycki im Literarischen Colloquium Berlin schwärmen beide von Herberts Zurücktreten der eigenen Persönlichkeit hinter die sinnliche Welt. Dies sei erlösend und befreiend, ja sogar reinigend in einer Gesellschaft, die immer stärker das Individuum in den Vordergrund rückt. Gerade davon sprechen Dinge und Gegenstände bzw. offenbaren sie es dem, der die Geduld hat, seine Sinne auf sie einzustellen. „Die Dinge lügen nicht“, ist sich Herbert sicher, weshalb er sich Stühlen, Hockern und anderen toten Dingen widmet, um aus ihnen die bleibenden Geheimnisse des Lebens herauszulesen.

 

In dem Prosagedicht „Gegenstände“ schreibt er: „Tote Gegenstände sind immer in Ordnung und man kann ihnen, leider, gar nichts vorwerfen. Es ist mir niemals gelungen, einen Stuhl ausfindig zu machen, der von einem Bein auf das andere träte, oder ein Bett, das kopfstünde. Auch Tische, sogar wenn sie müde sind, wagen es nicht, niederzuknien. Ich habe den Verdacht, dass die Gegenstände es aus erzieherischen Gründen tun, um uns stets unsere Unbeständigkeit vorzuhalten.“ Unsere Unbeständigkeit steht gegenüber den Gegenständen also ziemlich schwach da, denn sie entfalten in ihrer Beständigkeit einen „steinernen Sinn“, den es zu entschlüsseln gilt.

 

Stark tritt dies auch in dem berühmten Gedicht Der Kiesel hervor: „Der Kiesel ist als Geschöpf / vollkommen // sich selber gleich / auf seine Grenzen bedacht // genau erfüllt vom steinernen Sinn“, und endet in voller Bewunderung: „Kiesel lassen sich nicht zähmen / sie betrachten uns bis zum Schluss / mit ruhigem sehr klarem Auge“. Der Kiesel hat dem Menschen damit einiges voraus, weil dieser uns überdauert, genauso wie er auch schon vorher Generationen von Menschen überdauert hat. Er bleibt sich dabei selbst treu, nimmt zwar die „falsche Wärme“ eines Menschen an, aber seine Form kann er dabei nicht verlieren. Der Kiesel, dieses beständige Geschöpf, widerspricht der einfachen Inanspruchnahme durch Menschen, Ideologien und Systeme. Für diese steinerne Vollkommenheit verdient er Herberts ganze Bewunderung.

 

Das geduldige Betrachten der uns umgebenden Welt lehrt uns daher einen ehrfürchtigen Blick auf sie und auf das Erbe, das wir von der Vergangenheit übernehmen. In künstlerischen Artefakten haben die Erfahrungen der europäischen Geschichte die Zeit überdauert. Sie verbergen sich jetzt in Bildern, Literatur, Plastiken und der Architektur. Dem, der sie ausdauernd betrachtet, erschließt sich doch zumindest ein kleiner Teil ihres Sinns. Herbert entdeckt beispielsweise in mythologischen Texten die „versteinerte Erfahrung der Menschheit“, aktualisiert diese und deutet ihre Helden für sich ganz persönlich um. So macht er in Nike wenn sie zögert kurzerhand aus der stolzen Siegesgöttin ein ebenso zögerliches Wesen, wie es jeder gewöhnliche Mensch ist, denn für Zweifler und Zögernde war schon immer Platz in der Geschichte der Menschheit – das zeigt sich dem, der sie liest und kennt.

 

Statt das Unerreichbare anzustreben, führt Herbert den Leser durch die Sprache „zurück“ in die reale Welt, um in ihr Schätze und Geheimnisse zu entdecken. Was bleibt, das sind die kurzen Momente, in denen Erkenntnis aufblitzt, auf dass sich das Verstehen der Welt wieder für den Menschen verdunkelt. Diese kürzesten Momente jedoch können beschrieben werden – der Rest ist Schwäche, Zweifel und Unvollständigkeit, die Herbert schon bei den mythischen Helden und Göttern erkennt und sie belebt. Und so verwandelt Herbert bei der Lektüre ganz nebenbei den Blick auf die Welt und zeigt die schönen Ambivalenzen seiner Beobachtungen, die zwar die präzise Objektivität als Ausgangspunkt wählen, aber sich doch in individuellen und sehr persönlichen Beschreibungen manifestieren.

 

Herr Cogito denkt nach

Die Bescheidenheit, sich als Individuum zurückzunehmen, die Welt zu betrachten und nicht andauernd beherrschen zu wollen, wirkte schon zu Lebzeiten anziehend auf Herberts deutsches Umfeld. So erinnert sich auch Michael Krüger: „Zbigniew Herbert, so schien es uns jedenfalls, verließ sich ganz und gar auf das poetische Ergebnis seines intensiven Nachdenkens und seiner geduldigen Beobachtung und teilte uns dies so genau und so unprätentiös wie möglich mit.“ Der stärkste Ausdruck für das Nachdenkliche seiner Lyrik ist wohl der poetische Alter Ego des Dichters Herr Cogito (Pan Cogito), der mit dem gleichnamigen (insgesamt fünften) Gedichtband 1974 in das Schaffen Herberts eintrat und bis zu seinem Tod 1998 nicht mehr von ihm wich.

 

Aus diesem Nachdenken ergaben sich teils melancholische (Selbst-)Beobachtungen, wenn Herr Cogito etwa nach einem Rat sucht, wie sich der Mensch in dieser Welt zurechtfinden kann, deren Wissensschätze doch keinen Trost spenden. Und Wissen verhilft auch nicht zu mehr Mut, sich dem Leben zu stellen. Das erreichen nur die Überzeugungen, die Herr Cogito aus dem Nachdenken und der Beobachtung des Lebens zieht: „Geh wohin die anderen gingen bis an die dunkle Grenze […] // geh aufrecht wo andere knien / wo sie sich abwenden in den Staub fallen // […] bleib tapfer wenn der Verstand versagt bleib tapfer“. Mit den bekannten Schlussversen: „Bleib treu Geh“ endet Herrn Cogitos Vermächtnis. Und es stellt sicherlich eines der Hauptverse von Herberts Lyrik eines „ethisch-moralischen Widerstands“ gegen den Kommunismus dar, der seinen Höhepunkt in Bericht aus einer belagerten Stadt (Raport z oblężonego Miasta) von 1983 fand. Die Anerkennung hierfür erhielt er nicht nur in der Volksrepublik, sondern auch als polnische Stimme in ganz Europa während des Kalten Krieges.

 

In den letzten Jahren seines Lebens veröffentlichte er ab 1990 noch drei eigenständige Gedichtbände, erlebte den Fall des Kommunismus und den Beginn der Dritten Republik. Die politischen Entwicklungen und Polarisierungen in der Gesellschaft enttäuschten ihn allerdings nachhaltig und umfassend, wovon auch persönliche wie öffentliche Zerwürfnisse mit ehemaligen Freunden und Intellektuellen wie Adam Michnik oder Czesław Miłosz zeugten. Herbert musste einsehen, dass seine Kunst keine direkte politische Wirkungsmacht entfaltete, weshalb er sich in den 90er Jahren als öffentlicher Intellektueller versuchte. Hieraus ergaben sich allerdings durchaus Nachteile für seine gesellschaftliche Wahrnehmung, wie German Ritz folgendermaßen zusammenfasst: „Das Einstehen für moralische und ethische Werte wird jetzt zur Parteinahme nicht mehr für die Wahrheit, sondern für ein konkretes politisches Lager“, und zwar für eine „dezidiert konservative Ideologie“, was seiner Rolle als unparteiisches moralisches Gewissen deutlich Schaden zufügte. Die Aufarbeitung dieser späten Gesinnungsäußerungen und biografischen Verstrickungen ist allemal wünschenswert und gelingt durch so wertvolle Forschungsarbeit wie die des Breslauer Willy Brandt Zentrums.

 

Für einen Dichter dieses Ausmaßes reichen diese Ansichten allerdings nicht aus, um sein Werk für die heutige politische Sache in Anspruch zu nehmen oder eigene nationalkonservative Ansichten zu legitimieren. Herberts Werk selbst entzieht sich der Besitzergreifung. Es eignet sich nicht, um es unifiziert vom Lebensende her zu betrachten. Man mag mit der politischen Haltung Herberts einverstanden sein oder auch nicht – in Zeiten der Politisierung von Kunst und der zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung, lässt sich doch an den Kiesel als Metapher für das Wort erinnern. Es wartet beständig darauf, von der „falschen Wärme“ des Lesers durchzogen und aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Perspektiven betrachtet zu werden. Die Ambivalenzen in Herberts Werk sind doch unverkennbar und laden zur Auseinandersetzung ein – allerdings auch zu einem Disput ohne abschließende Wahrheit.

 

Indem Herbert die Sinne für die Kiesel, Stühle, Gegenstände und auch steinerne Quellen der europäischen Vergangenheit schärft, offenbarten sie nicht nur ihm ihre Geschichten, ihre Erfahrungen und ihre Magie. Vielleicht war es gerade das Universelle, das Herbert dabei herausarbeitete und das so grenzüberschreitend Wirkkraft entfaltete. So öffnet er durch seine Sprache auch unsere Sinne für die toten Dinge, die unter forschenden Blicken lebendig werden. Jede Erfahrung hat ihre Folgen und materialisiert sich irgendwo in der uns umgebenden Welt. Den Blick für sie zu schärfen – das eben ist der Trick des Zauberkünstlers Zbigniew Herbert.

 

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Ricarda Fait

Ricarda Fait ist Slawistin, Musikwissenschaftlerin und Redakteurin bei DIALOG FORUM.

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