Die Filmrevolution?

Das „Gesetz zur finanziellen Förderung von audiovisuellen Produktionen“, das Mitte Februar 2019 in Kraft getreten ist, kann für viele Jahre sowohl die polnische Kinolandschaft als auch den gesamten lokalen Filmmarkt verändern. Die Frage ist nur, ob es dies entsprechend den Annahmen des Gesetzgebers tun wird.

 

Polen in der Offensive

Die polnische Kinematografie war lange nicht in so guter Verfassung, wahrscheinlich seit der Polnischen Filmschule nicht mehr, einer Gruppe polnischer Filmschaffender, die von Mitte der fünfziger bis zu Beginn der sechziger Jahre aktiv war und aus der die größten Kunstwerke von Andrzej Wajda, Andrzej Munk und Jerzy Kawalerowicz hervorgingen. In dem Moment, da ich diese Worte schreibe, warte ich auf die Premiere von zwei berühmten Filmen, die kürzlich auf renommierten internationalen Festivals gezeigt wurden: „Obywatel Jones“ [Mr. Jones] von Agnieszka Holland, nominiert für den Goldenen Bären in Berlin, und „Słodki koniec dnia“ [Das süße Ende des Tages] von Jacek Borcuch, für den Krystyna Janda auf dem Sundance Film Festival ausgezeichnet wurde. Als ob das nicht genügen würde, tönen die sozialen Medien davon, dass Joanna Kulig für die neue Serie von Damien Chazelle, dem Macher von „La La Land“, engagiert wurde.

 

Das sind keine Einzelfälle. Polnische Filme schaffen es seit einigen Jahren regelmäßig in Wettbewerbe der wichtigsten internationalen Festivals und in den internationalen Vertrieb. Die Auswahlkommission vom Sundance Film Festival hatte vor ein paar Jahren Agnieszka Smoczyńskas überragenden Film „Córki Dancingu“ [Sirenengesang] und Michał Marczaks „Wszystkie nieprzespane noce“ [All die schlaflosen Nächte] zu schätzen gewusst; beide Filme kamen später in die amerikanischen Kinos, und „Sirenengesang“ erlangte außergewöhnliche Beliebtheit im fernen Japan. Das Berliner Filmfestival zeigt jedes Jahr mindestens einen polnischen Film: „Zjednoczone stany miłości“ [United States of Love] von Tomasz Wasilewski (Silberner Bär für das beste Drehbuch 2016), „Pokot“ [Die Spur] von Agnieszka Holland (Alfred-Bauer-Preis, 2017) und „Twarz“ [Die Maske] von Małgorzata Szumowska (Silberner Bär für den besten Film 2018).

 

In den Programmen großer internationaler Festivals findet man auch andere polnische Künstler, wie zum Beispiel Jagoda Szelc („Wieża. Jasny dzień“ / Tower. A Bright Day, „Monument“), Adrian Panek (ausgezeichnet beim Black Nights Film Festival in Tallinn für „Wilkołak“ / Werwolf) und Bartosz M. Kowalski („Plac zabaw“ / Playground). Hervorragend international präsentiert wird die polnische Kinematografie von Paweł Pawlikowski, der für „Zimna wojna“ [Cold War – Der Breitengrad der Liebe] in Cannes die Goldene Palme für die beste Regie bekam und – natürlich – einen Oscar für „Ida“, die einzige Statuette in der Geschichte der polnischen Kinematografie für den besten nicht-englischsprachigen Film. Das polnische Kino hat heute ein Renommee, das mit dem deutschen vergleichbar ist, obwohl unsere westlichen Nachbarn fast dreißigmal mehr für Filmproduktionen ausgeben als Polen. Angesichts der neuen Erfolge scheint es am sinnvollsten zu sein, die Fördergelder zu erhöhen und stärker neue Talente zu fördern. Beides soll unter anderem von dem neuen Gesetz garantiert werden.

 

Hollywood contra Europa

Bevor wir jedoch zu den Einzelheiten des Gesetzesentwurfs kommen, soll noch einmal ins Gedächtnis gerufen werden, wie die polnische und, breiter gefasst, die europäische Kinematografie funktioniert. Während Hollywood von fünf großen Studios dominiert ist (bis vor kurzem waren es noch sechs, Fox wurde aber von Disney aufgekauft), ist die strikt kommerzielle Produktion in Europa eine Randerscheinung. Die meisten Filme entstehen dank staatlicher und institutioneller Subventionen. Die Traumfabrik Hollywood hat im letzten Jahrhundert eine Methode zur Entwicklung von Filmproduktionen und deren Vertrieb erarbeitet und damit auch zur Minimalisierung des Risikos: Durch in allen geografischen Breitengraden wiedererkennbare Filmstars, große Marketingkampagnen und hohe Budgets, aber auch durch die Kontrolle einzelner Aspekte seiner Maßnahmen (Produktion, Vertrieb und Ausstrahlung) bezieht Hollywood nicht nur aus dem lukrativen amerikanischen Markt, sondern auch aus ausländischen Märkten riesige Profite.

 

Die europäischen Kinematografien waren immer allzu verstreut, um einen ähnlichen Mechanismus durchsetzen zu können. Die Mehrheit der Filme in Frankreich, Deutschland, Tschechien und Italien schaffen es nicht in andere Staaten und selbst wenn es gelingt, finden sie kein breites Publikum. Daraus resultiert, dass die europäische Filmindustrie nicht in der Lage wäre, unter Bedingungen des freien Marktes zu funktionieren. Fast jedes EU-Land bietet Filmschaffenden ein Fördersystem für Projekte mit hohem künstlerischem Anspruch oder bedeutendem Frequenzpotenzial. In Polen ist das nicht anders.

 

Abgesehen von kommerziellen romantischen Komödien und Filmen von Patryk Vega wie etwa „Botoks“, „Kobiety mafii“ [Die Frauen der Mafia], entstehen fast alle Filme in Polen dank Subventionen. Ihr Hauptverteiler ist das 2005 gegründete Polski Instytut Sztuki Filmowej [Polnisches Institut für Filmkunst], das jährlich mit weit über hundert Millionen Zloty [über ca. 25 Mio Euro] Filmproduktionen fördert. Eine Rolle spielen auch regionale Förderprogramme, mit denen Filme gefördert werden, die innerhalb der jeweiligen Woiwodschaften gedreht werden. Das neue Gesetz soll diesem Topf zwischen 100 und 250 Millionen jährlich zuerkennen. Das würde bedeuten, dass sich die Summen, die von polnischen Institutionen für Filmproduktionen ausgeben werden können, verdoppeln.

 

Die Spielregeln

Artikel 1 des Gesetzes führt für die finanzielle Unterstützung neun Ziele auf. Darunter sind recht allgemeine Formulierungen zu finden („Verbesserung der Funktionsbedingungen des audiovisuellen Marktes) wie auch etwas konkretere und solche, die die Vorhaben des Gesetzgebers verraten: „Schaffung von Bedingungen für Investitionen von ausländischem Kapital in audiovisuelle Produktionen, die auf dem Gebiet der Republik Polen realisiert werden“). Besonders wichtig erscheinen dabei die Ziele der zweiten Kategorie, die nämlich verraten, dass das Gesetze nicht nur die polnische Kunst und das kulturelle Erbe stärker fördern, sondern auch ausländische Produzenten dazu anreizen will, auf in Polens zu filmen. Polen könnte dadurch mit Tschechien und Ungarn konkurrieren, indem es sich als Staat ins Spiel bringt, der ausländischen Filmemachern nicht nur Gastfreundlichkeit bietet, sondern auch reelle finanzielle Vorteile. In einem Interview nennt der Vizekulturminister Paweł Lewandowski als Hauptziel des neuen Gesetzes, ausländische Filmproduktionen an die Weichsel zu locken.

 

Die Förderungen sollen auf der Grundlage eines Qualifikationstestes vergeben werden: ein Träger, der Filme produziert und mindestens 51 Prozent Punkte erhält, bekommt ein Zertifikat, dass ihn zum Erhalt einer Förderung berechtigt. Die Bewertungskriterien betreffen den Inhalt des Werkes selbst (ob es „polnische oder europäische kulturelle Errungenschaften einbindet“), den Ort seiner Handlung („spielt auf dem Territorium der Republik Polen“), die Lokalisierung der Produktion („wird auf dem Territorium der Republik Polen produziert“), die Herkunft der Filmcrew („garantiert die Teilnahme […] von polnischen Mitarbeitern oder Trägern, die Dienstleistungen für audiovisuelle Produktionen anbieten“) und Fragen, die mit der Infrastruktur zusammenhängen („garantiert die Teilnahme polnischer Filminfrastruktur“).

 

Die Gesamtfördersumme kann für den Großteil der Fälle bis zu 50 Prozent der Kosten betragen, bis zu 60 Prozent im Falle von Koproduktionen und sogar bis 70 Prozent bei Filmen, die in dem Gesetz als „schwierig“ bezeichnet werden, sprich Filme mit begrenzten kommerziellen Werten. Weil jeder eine Förderung beantragen kann, der zuvor mindestens ein audiovisuelles Werk produziert oder koproduziert hat, das in Kinos vertrieben, im Fernsehen ausgestrahlt oder auf einem der wichtigsten internationalen Festivals gezeigt wurde, ist die Hürde wirklich nicht hoch, denn diese Anforderungen erfüllt fast jeder polnische Produzent. Das neue Gesetz sieht vor, dass jeder von ihnen eine Summe von 15 Millionen Zloty [ca. 3,5 Mio Euro] für ein Projekt beantragen kann.

 

Die Effekte des neuen Gesetzes werden sich erst in ein paar Jahren bewerten lassen, doch kann man sich kaum der Versuchung erwehren zu mutmaßen, welchen Einfluss die soeben beginnende Revolution auf das polnische Kino und das heimische Filmmilieu haben wird. In einer ausführlichen Begründung legen die Autoren vor allem Wert auf die oben beschriebenen Anreize für ausländische Träger, die große internationale Produktionen anziehen sollen und – was daraus folgt – Polen auf der internationalen Arena anpreisen, die Fähigkeiten polnischer Mitarbeiter positiv beeinflussen und Touristen anregen sollen, nach Polen zu kommen (Vorbild ist hier Neuseeland, für das sich zehntausende Fans von „Der Herr der Ringe“ für ihre Ferienausflüge entscheiden).

 

Vier Zweifel

Das Problem besteht darin, dass die Filmbranche sich schon immer dadurch ausgezeichnet hat, ausgesprochen unvorhersehbar zu sein, vergleichbar beinahe mit Glücksspielen. Nicht ohne Grund ist die berühmteste Aussage unter Filmproduzenten das legendäre „nobody knows anything“, geäußert von Drehbuchautor William Goldman gerade in Bezug auf Möglichkeiten, dass sich Investitionen in die audiovisuelle Industrie rentieren. Bevor wir uns also freuen, dass die polnische Kinematografie bald in einem wahnsinnigen Tempo aufblühen wird, sollte ein bisschen Zeit auf die sich häufenden Zweifel verwendet werden.

 

Erstens ist die Aufnahmefähigkeit des Filmmarktes beschränkt und die Konkurrenz wird nicht kleiner. Wenn Polen das erste Land in der Europäischen Union wäre, das ausländischen Produzenten Anreize bietet, würden wir gewiss einen wahren Ansturm von Filmcrews aus allen Ecken der Welt erleben. Polen kommt jedoch recht spät ins Spiel, denn von 28 EU-Ländern haben immerhin bereits 24 ähnliche Programme bei sich eingeführt. Einerseits gibt uns das die Chance, von den Fehlern anderer zu lernen, andererseits zwingt es uns zum Konkurrenzkampf gegen die übrigen Länder der Region. An dieser Stelle ist Tschechien ein gutes Beispiel: Bei unseren Nachbarn ist die Höhe ausländischer Investitionen zwischen 2003 und 2004 schlagartig um 70 Prozent gesunken, als Ungarn ein konkurrierendes Anreiz-Programm einführte.

 

Zweitens muss man an die vom Gesetzgeber vorgesehene „Stärkung des kreativen Potenzials und Verbesserung des professionellen Niveaus von Vertretern des polnischen Marktes für audiovisuelle Produktionen“ mit einer gesunden Skepsis herangehen. Obwohl ein ähnlicher Zufluss von Wissen und Fähigkeiten tatsächlich zumindest im Falle der italienischen Filmbranche stattgefunden hat, die in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts aktiv mit Hollywood zusammenarbeitete, kommt es unter den heutigen Umständen kaum zu solchen Effekten. An dieser Stelle lohnt es sich, wieder einen Blick auf Tschechien zu werfen: Die Anreize führten bei unseren Nachbarn zur Entstehung von einer Art kinematografischer Spaltung. Einerseits entstehen dort tschechische Filme, die von Tschechen in tschechischer Sprache gedreht werden, andererseits werden viele ausländische Produktionen gedreht, bei denen Tschechen gerade mal die Funktion von Subauftragnehmern ausführen.

 

Drittens hat es keinen Sinn, dem Bekanntmachungspotenzial von Minderheitskoproduktionen viel Glauben zu schenken (sprich solchen, im Falle derer polnische Träger „Gehilfen“ ausländischer Produzenten sind). Solche Filme tragen selten zur Entwicklung der Kultur und zur Bekanntmachung des kulturellen Erbes desjenigen Produzenten bei, der in der Minderheit ist. Die Beteiligung des jeweiligen Trägers beschränkt sich für gewöhnlich auf die Möglichkeit, einige polnische Schauspieler in Nebenrollen unterzubringen und weitere Dutzend Personen in der Filmcrew. Ein gutes Beispiel ist der Science-Fiction-Film „High Life“ mit Robert Pattinson, Juliette Binoche und Agata Buzek, finanziert von den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankeich, Deutschland und Polen. Obwohl die bekannte polnische Schauspielerin engagiert wurde, die unter internationalen Stars auf der Leinwand zu sehen ist, haben sich den Film in polnischen Kinos gerade einmal gut dreitausend Zuschauer angesehen.

 

Und viertens entwickelt sich der Filmtourismus (auch set jetting genannt) nur in besonderen Fällen und betrifft wenige Filme, im Falle derer der Handlungsort eine bedeutende Rolle spielt. Ich möchte nicht wie ein extremer Pessimist klingen, doch ich zweifle ehrlich daran, dass die Macher einer hypothetisch großen ausländischen Produktion unter dem Einfluss des neuen Gesetzes in ihren Drehbüchern Änderungen vornehmen werden, die die Handlung zum Beispiel nach Bydgoszcz verlegen würden. Viel wahrscheinlicher ist, dass sie in Polen einfach ein Umfeld suchen, dass sich erfolgreich in die Orte „verwandelt“, die im Drehbuch beschrieben werden. Und dem Zuschauer fällt nicht einmal auf, dass eine Szene an der Weichsel gedreht wurde.

 

***

 

Die oben angeführten Zweifel bedeuten jedoch nicht, dass wir uns von Projekten zurückziehen und auf Förderungen von Filmproduktionen verzichten sollen. Im Gegenteil, die Stimulation von zusätzlichen Bewegungen im Filmbusiness wird fast mit Sicherheit allen guttun. Denn selbst, wenn wir nicht so viele Filmcrews ins Land holen wie Tschechien und Ungarn, müssten einige große Projekte im Jahr zu einem größeren Interesse daran führen, in Polen zu filmen. Und obwohl polnische Spezialisten auf ausländischen Sets bestimmt Subauftragnehmer sein werden, müsste der höhere Bedarf an Profis das Zahlungsniveau verbessern.

 

Zu guter Letzt werden in Polen entstehende Koproduktionen vielleicht nicht für die Verbreitung des polnischen kulturellen Erbes sorgen und nicht tausende ausländische Touristen anziehen, aber unter den bezuschussten Filmen werden sicher solche dabei sein, die sich mit „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“, „Die Spur“ und „Sirenengesang“ vergleichen lassen und dabei helfen, die Marke der polnischen Kinematografie weiterzuentwickeln. Deshalb lohnt es sich, in den Film zu investieren. Es darf aber nicht vergessen werden, dass die Ergebnisse sicherlich anders ausfallen werden als geplant. Schließlich gilt für dieses Business „nobody knows anything“.

 

 

Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Miller

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Grzegorz Fortuna Jr.

Grzegorz Fortuna Jr. ist Publizist und Doktorand an der philologischen Fakultät der Universität Danzig.

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