Polen-Deutschland-Frankreich. Versuch einer neuen Sichtweise

Eine Analyse der trilateralen Beziehungen zwischen Polen, Deutschland und Frankreich ist keine leichte Aufgabe. Es fehlt noch an überzeugenden Analyseinstrumenten. Es geht hierbei nicht um einen separaten Ansatz für die deutsch-französischen, polnisch-französischen oder deutsch-polnischen Beziehungen. Die Summe dieser Beziehungen, wenn sie sich uns denn erschließen sollte, liefert nicht zwangsläufig eine Antwort auf die Besonderheit der Verflechtungen innerhalb des Dreiecks. Das ist kein neues Problem. Bis heute gibt es trotz der Fortschritte in den dreiseitigen Beziehungen zwischen Polen, Deutschland und Frankreich keine Publikation, die diese in einer historisch-politologischen Perspektive untersuchen würde. Wäre ein solcher Ansatz notwendig und würde er überhaupt neue Elemente zur Betrachtung der internationalen Beziehungen einführen? Ich denke, das ist eine interessante Herausforderung für Politikwissenschaftler, die uns in Zukunft vielleicht ein überzeugendes Analyseinstrument zur Verfügung stellen werden, das es uns ermöglicht, den historischen Kontext zu berücksichtigen und aktuelle Beziehungen vor diesem Hintergrund darzustellen.

 

Wie wurden die deutsch-französischen Beziehungen in der Vergangenheit in Warschau wahrgenommen? Waren sie nach der Wende von 1989 in Polen ein nachahmungswürdiges Modell? Welche Rolle können sie in Zukunft spielen?

 

Vor allem zwei Themen spielten und spielen aus polnischer Sicht eine wichtige Rolle im Rahmen der deutsch-französischen Beziehungen. In erster Linie wären dies die europäische Integration und Versöhnung. In jedem dieser Bereiche haben Deutschland und Frankreich bedeutende Erfolge erzielt, beide Länder sind Gründungsmitglieder der heutigen europäischen Gemeinschaften geworden und beteiligen sich aktiv am aktuellen Integrationsprozess. Dank langfristiger Bemühungen der Politiker und Gesellschaften beider Länder haben sie die Zeit der gegenseitigen Feindschaft und Versöhnung beendet. Die heutigen deutsch-französischen Beziehungen werden von den Worten von Bundeskanzler Helmut Kohl und Präsident François Mitterrand aus dem Jahr 1984 geprägt: “Wir haben uns versöhnt. Wir haben uns verständigt. Wir sind Freunde geworden”.

 

Zunächst gab es keine Anzeichen dafür, dass dies einmal so kommen würde. Um die Komplexität dieses Prozesses und den Weg von Feindschaft zu Versöhnung und Freundschaft zu erklären, sollten wir uns auf die deutsch-französischen Beziehungen im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beziehen. Damals wurde das beidseitige Verhältnis von dem Begriff der “deutsch-französischen Erbfeindschaft” geprägt. Diese Zeit, um nur die wichtigsten Etappen zu nennen, war von den napoleonischen Kriegen, Revolutionen (1830, 1848), der Frage nach der deutschen Einigung, der Eingliederung von Elsass und Lothringen nach der Niederlage Frankreichs in den ersten deutschen Nationalstaat, der 1871 gegründet wurde, und der Phase des harten Wettbewerbs um die Hegemonie in Kontinentaleuropa in der Zeit der Kriege von 1870/71 bis zum Ersten und Zweiten Weltkrieg geformt. Wandmalereien, die das Schloss von Helmut von Moltke in Krzyżowa (Kreisau) in Niederschlesien schmücken, sind ein anschauliches Beispiel für die Bedeutung dieser Ereignisse in der historischen Vorstellung und im Bewusstsein der Deutschen. Der talentierte Befehlshaber der preußischen Armee spielte eine wichtige Rolle bei der Niederlage Frankreichs. Die Fresken, die nach seinem Tod an der Wende des 19. und 20. Jahrhunderts gemalt wurden, spiegelten genau die Emotionen wider, die Deutsche bei der Wahrnehmung ihres westlichen Nachbarn empfanden. Das erste Fresko zeigte die Plünderung Lübecks durch die französische Armee im Jahr 1806 und war ein Symbol für die demütigende Schwäche des damals zersplitterten Deutschlands. Das zweite zeigt den Einzug der Deutschen in Paris im Jahr 1871 und spiegelt die Stimmung des Triumphes und Preußens Glorie wider. Auf beiden Fresken ist von Moltke selbst zu sehen, auf dem ersten als kleiner, machtloser Junge, auf dem zweiten als siegreicher Führer. Solch symbolische Bilder, Momente und Gesten gibt es viele. Bleiben wir jedoch in Kreisau. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg sollten die Deutschen die französischen Kanonen zurückgeben, die nach dem Siegeszug von Moltkes vor seinem Schloss in Kreisau aufgestellt wurden (sie wurden nicht zurückgegeben, sondern versteckt und nach dem Zweiten Weltkrieg … im Museum der Polnischen Armee in Warschau untergebracht). Trotz stets drohender Kriegsgefahr oder zumindest heftiger politischer Rivalität und gegenseitig erklärter Feindschaft: Deutschland und Frankreich haben sich stets respektiert und geschätzt.

© Krzysztof Ruchniewicz

© Krzysztof Ruchniewicz

„Deutschland und Frankreich waren relativ gleichwertige Gegner und Partner“, kommentierte Adam Krzemiński, ein bekannter Publizist und Experte für deutsche Angelegenheiten, den Charakter der deutsch-französischen Beziehungen. “Napoleon besetzte Berlin und Hitler Paris, deutsche Philister sehnten sich nach dem Moulin Rouge und französische Philosophen nach Marx, Nietzsche und Heidegger.“

Die Niederlage des Dritten Reiches im Zweiten Weltkrieg und die anschließende Aufteilung der Welt in zwei gegensätzliche politische und wirtschaftliche Blöcke sowie die Teilung Deutschlands zwangen Frankreich zu einer Neuorientierung seiner Politik. Das neu geschaffene Deutschland wurde langsam zum Partner im gleichen politischen Bündnis. Die deutsch-französischen Beziehungen gewannen an Dynamik. Die einstigen Gegner hatten die Wahl, entweder nach Möglichkeiten einer Verständigung zu suchen oder in entgegengesetzten, feindlichen Positionen zu verharren, was zumindest den Rest der sogenannten freien Welt verärgert hätte.

 

Die Möglichkeit der Überwindung der “Erbfeindschaft” wurde zum Ausgangspunkt für die Integration Europas (zunächst auf den westlichen Teil beschränkt) und den Versuch, beide Nationen miteinander zu versöhnen. Ambitionierte Ziele übertrafen damit die übliche enge politische Zusammenarbeit. Am 22. Januar 1963 unterzeichneten Deutschland und Frankreich einen Vertrag (den sogenannten Elysée-Vertrag), der den Rahmen für gutnachbarschaftliche Beziehungen schuf. Deutsche und französische Politiker legten großen Wert auf die Symbole der gegenseitigen Annäherung. Dies wurde von Bundeskanzler Konrad Adenauer und Präsident Charles de Gaulle initiiert, als beide am 8. Juli 1962 an der Messe in der Kathedrale von Reims teilnahmen.

 

„Der französische Präsident und der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland haben persönlich und im Namen der von ihnen vertretenen Gesellschaften Frieden geschlossen“, sagt der französische Historiker und Politikwissenschaftler Pierre-Frédéric Weber. „Die Zeremonie wurde von einem entsprechenden performativen Diskurs begleitet, der direkt von der Versöhnung zwischen den beiden Nationen sprach. Auf diese Weise wurde Reims, das bereits im Deutsch-Französischen Krieg von 1870 und noch schwerer im Ersten Weltkrieg zerstört wurde und nicht umsonst als Märtyrerstadt bezeichnet wurde, wieder zu einem Ort der Erinnerung, an dem religiöse Elemente eingeschrieben waren – diesmal positiv.“

Die religiöse Geste verwandelte sich schnell in eine politische und brachte so neue Elemente in den Versöhnungsprozess ein. Ähnliche Wirkung entfaltete auch der Handschlag zwischen Bundeskanzler Helmut Kohl und Präsident François Mitterrand – eine symbolische Versöhnungsgeste im September 1984 in Verdun während der Feierlichkeiten zum Jahrestag der blutigen Schlacht im Ersten Weltkrieg, bei der auf beiden Seiten mehr als 300.000 Soldaten starben (Es sei darauf hingewiesen, dass der Prozess der deutsch-französischen Versöhnung verschiedene Etappen durchlaufen hat und nicht sofort vollständig akzeptiert wurde. 1966 stimmte Charles de Gaulle trotz seiner Teilnahme an der oben genannten Messe der Teilnahme deutscher Vertreter an den Gedenkfeierlichkeiten nicht zu).

 

Dem Elysée-Vertrag folgte u.a. die Schaffung des deutsch-französischen Jugendwerkes. Im Rückblick erwies sich dies als ein sehr wichtiger Schritt. Obwohl bereits nach dem Zweiten Weltkrieg ein Netzwerk von Kontakten zwischen jungen Menschen aus Deutschland und Frankreich bestand, schaffte die Gründung des Jugendwerkes einen institutionellen Rahmen und trug dank erheblicher finanzieller Mittel zur Erziehung kommender Generationen im Geiste von Verständnis und Versöhnung bei. Ein Ergebnis dieser intensiven Zusammenarbeit war die Idee, zu Beginn des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts ein gemeinsames deutsch-französisches Geschichtsbuch zu entwickeln.

 

Polen war nach dem Zweiten Weltkrieg – im Gegensatz zu Frankreich und Deutschland – vom Prozess der westeuropäischen Integration ausgeschlossen. Die Beziehungen zu anderen Nationen wurden den ideologischen Zielen und der Politik Moskaus untergeordnet. Aus diesen Gründen wurde der Vorschlag zur Gründung eines vorläufigen Gesprächsformates – des Weimarer Dreiecks – nach der Wende von 1989 und der Wiedererlangung der vollen außenpolitischen Unabhängigkeit Warschaus an der Weichsel als eine große Chance interpretiert, eine bedeutende Position auf der internationalen Bühne zu erlangen und von der Erfahrung zweier wichtiger europäischer Partner, Deutschland und Frankreich, zu profitieren. Mit dem Beitritt Polens zur EU endete die Übergangsphase, Polen als Vollmitglied konnte seine Politik auf europäischer Ebene aktiv verfolgen, und seine Beziehungen zu seinen Partnern sind nicht mehr auf bilaterale Beziehungen beschränkt. Bedeutet das nun, dass man aus den deutsch-französischen Beziehungen keine weiteren positiven Schlüsse zu ziehen braucht? Das kann man durchaus, aber die trilaterale Zusammenarbeit ist gescheitert. In den letzten Jahren scheint die Idee des Weimarer Dreiecks trotz zahlreicher Wiederbelebungsversuche erschöpft zu sein. Sollte das heutige Europa mit all seiner Vielfalt solche Gesprächsformate, die sich in der Vergangenheit bewährt haben, nicht auch weiterhin pflegen (sie bewähren sich vor allem in Konfliktsituationen, von denen es in Europa ja nicht mangelt)?

 

Seit Beginn der demokratischen Ordnung in Polen nach 1989 wurde der Prozess der deutsch-französischen Aussöhnung als Vorbild wahrgenommen. Polen und Deutschland unterzeichneten 1990 einen Grenzvertrag und ein Jahr später den Vertrag über gutnachbarschaftliche Beziehungen. Am 1. Januar 1993 wurde das Deutsch-Polnische Jugendwerk ins Leben gerufen, dessen Idee sich direkt auf das deutsch-französische Äquivalent bezog.

 

Nachdem in den ersten Jahren nach 1989 nach guten Vorlagen für die Bildung von Grundlagen für neue Beziehungen in Europa, insbesondere mit Deutschland und Frankreich, gesucht wurde, hat sich jedoch schnell herausgestellt, dass die Anlehnung an Erfahrungen der deutsch-französischen Beziehungen nicht immer zur Verbesserung der deutsch-polnischen Beziehungen beitrugen. Der Prozess der deutsch-polnischen Aussöhnung hat einen anderen Weg eingeschlagen und ist noch nicht abgeschlossen. Die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland sind nach wie vor sehr asymmetrisch, was in den Beziehungen Deutschlands zu Frankreich nicht der Fall ist. Die Gründe dafür sind unterschiedliche historische Traditionen, Nachkriegserfahrungen, Vorstellungen von Europa und schließlich auch der wirtschaftliche Entwicklungsstand.

 

„Polen und Deutschland sind asymmetrische Nachbarn”, schrieb Adam Krzemiński, der bereits zitiert wurde. „Aufgrund unterschiedlicher Potenziale und historischer Belastungen (…). Aus deutscher Sicht des 19. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kann man sich Europa ohne Polen vorstellen, nicht so aus polnischer Sicht – fundiertes Wissen über Deutschland (und Russland) wurde mehrere Generationen lang im Familienkreis vermittelt.“

Trotz so großer Unterschiede scheint die Beobachtung der deutsch-französischen Beziehungen heute immer noch inspirierend zu sein. Sie zeigen, wie verschiedene Länder bzw. Nationen miteinander sprechen, nach Einigung und Kompromissen suchen. Auch wenn in Paris oder Berlin kritische Aussagen über den Partner zu hören sind, so handelt es sich dabei nicht um überspannte, langwierige Reden, sondern meist um Worte, die Emotionen beruhigen und konstruktive Lösungen aufzeigen sollen. Trotz der bestehenden Meinungsverschiedenheiten über die europäische Integration gibt es für Deutschland und Frankreich keine Alternative. Das Hauptziel ist die Vertiefung der Integration und die Erhaltung des Friedens. Diese Anliegen müssen Frankreich und Deutschland weiterhin gemeinsam initiieren.

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Krzysztof Ruchniewicz

Historiker, Professor an der Universität Wrocław und Direktor des dortigen Willy-Brandt-Zentrums für Deutschland- und Europastudien.

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