Polnisches Guernica

Das tiefe Brummen der Flugzeugmotoren hört sie bis heute, es hat sich in ihr Gehör und in ihr Gehirn eingebrannt. Sobald es ertönt, zuckt sie zusammen. Immer noch. Zofia Błeszyńska ist elf Jahre alt als ihre wohlbehütete Kindheit in einer Apothekerfamilie im polnischen Städtchen Wieluń ein jähes Ende findet. Es ist eine Spätsommernacht im August. Die letzte bevor am 1. September das Schuljahr beginnt. „Ich hatte neue Schuhe und konnte es kaum erwarten, sie zu tragen“, erinnert sich Zofia. Im Morgengrauen wird das Mädchen aus dem Schlaf gerissen. Das Haus bebt, die Glasscheiben zerbersten, die Decke reißt, es ist laut, dunkel. Die Mutter packt sie an der Hand, ein schneller Sprung aus dem kaputten Fenster im Erdgeschoss. Im Schlafhemd, barfuß. Sie rennen. Über ihren Köpfen kreisen Flieger. Man sieht sie nicht. Man hört sie. Ein schweres Dröhnen und Jaulen. Es schlagen Bomben ein, es brennt, überall gibt es Trümmer, Staub, Leichenteile, umgestürzte Stromleitungen. Es herrscht Chaos und Panik, Menschen laufen um ihr Leben. In einem Keller finden sie zunächst Schutz. Jemand legt einen Mantel um das kleine Mädchen, das vor Angst und Morgenkühle zittert. Das Bombardement wird heftiger. Frau Błeszyńska weiß: Sie und ihre Tochter müssen weg aus der Stadt, sonst werden sie nicht überleben. Sie laufen in die vor Kurzem geernteten Weizenfelder hinein, über das Stoppelfeld. Dass ihre Füße aufgerissen sind durch die harten Stoppel und bluten, merkt Zofia zunächst nicht. Sie krallt sich fest an ihre Mutter, fällt aber immer wieder hin, stolpert vor Müdigkeit und Eile, steht auf und es geht weiter… Hauptsache weg aus der brennenden Hölle.

 

Zofia Burchacińska
Fot.: Hoanna Stolarek

Zofia Burchacińska, wie sie seit ihrer Heirat heißt, ist nun 91 Jahre alt, hat zwei Söhne und Enkel. Eine gepflegte aktive Frau, die noch Auto fährt, Sport treibt, bestens über die Weltlage informiert ist und stundenweise in ihrer Apotheke, die seit Generationen im Familienbesitz ist, hinter der Ladentheke steht und Kunden berät. Man sieht ihr ihre seelischen Wunden nicht an. Die Stimme ist fest, klingt fast jugendlich stark. Über die Ereignisse von vor 80 Jahren zu berichten, hat sie mittlerweile eingeübt. Oft wird sie als Zeitzeugin gefragt. Eine der letzten. Nur einmal verliert sie beim Gespräch die Fassung, ringt um Worte und kämpft mit den Tränen. Als es um ihren geliebten Bruder Jędrek geht. Er starb mit 18 Jahren bei den Kämpfen im Warschauer Aufstand.

 

Dass der Zweite Weltkrieg in Wieluń, östlich von Breslau gelegen, mit einem Terrorangriff anfangen würde, ahnte keiner. Warum auch? Militärische Ziele, Kasernen oder Soldaten gab es in dem verschlafenen Provinznest nicht. Historische Dokumente belegen das. Es gab auch keine Industrie oder bedeutende Verkehrsknoten. Nur die Zivilbevölkerung. Etwa 16.000 Menschen wohnten dort. Zum Verderben wurde dem Ort die Grenznähe, meint der örtliche Historiker Tadeusz Olejnik, der zu dem Thema geforscht hatte. Nicht einmal 20 Kilometer waren es damals nach Deutschland.

 

Wie aus dem Nichts wird das Städtchen in den frühen Morgenstunden am 1. September 1939 bombardiert. In drei Durchgängen. Mit Sturzanflug und Präzision. Es ist der erste Einsatz von Hitlers Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg und ein Vorbote dessen, wie der Krieg in den nächsten Jahren aussehen wird. Die Flotte und die Bomben werden hier getestet. Im Einsatz ist der neue JU-87-Sturzkampfbomber. Die Stukas sind von der Dessauer Flugzeugfabrik Junkers eigens für den Polenfeldzug mit einem doppelt so starken Motor wie das bisherige Modell ausgerüstet worden. Die Vorführung am 15. August 1939 für die Generäle bei Cottbus geht schief, beim simulierten Sturzangriff bohren sich die Stukas in den Sand, alle Besatzungsmitglieder sterben. Nun gilt es zu beweisen, dass die Technik funktioniert. Wieluń als reales Übungsfeld. Vorne mit dabei ist Wolfram Freiherr von Richthofen. Er hatte sich schon einen Namen im Spanischen Bürgerkrieg als Befehlshaber der berüchtigten Legion Condor gemacht. Nach der Bombardierung des baskischen Städtchens Guernica 1937 jubelte er: „Guernica, Stadt von 5.000 Einwohnern, buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht, Bombenlöcher auf Straßen noch zu sehen, einfach toll.“ In Polen wird er sein Zerstörungswerk fortsetzen. Ziel ist es, Wieluń zu vernichten. Ein neues Guernica – diesmal auf polnischen Boden. Das Krankenhaus – weit durch das aufgemalte rote Kreuz auf dem Dach sichtbar – ist das erste Ziel, dann die Pfarrkirche, die Synagoge, der Marktplatz. Insgesamt fallen 380 Bomben, die in drei Angriffswellen von jeweils 29 Stukas abgeworfen werden. Sie töten nach Schätzungen zwischen 1.200 bis 1.600 Menschen. Allesamt Zivilisten. Die Stadt ist zu 70% zerstört, der enge Stadtkern durch Brände sogar zu 90%.

 

Während die Stukas im Süden im Morgengrauen zuschlagen, greift fast zeitgleich das Schulschiff „Schleswig-Holstein“ die Danziger Westerplatte im Norden an. Dieser Angriff gilt als der eigentliche Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die Attacke auf Wieluń wird in Deutschland lange verschwiegen, schon weil nach dem Haagener Abkommen von 1907 unverteidigte Städte nicht angegriffen werden dürfen und der Terrorangriff somit als Kriegsverbrechen eingestuft wäre. In Polen wiederum pflegt man jahrzehntelang lieber den Kult um den heroischen Kampf auf der Westerplatte, wo die polnischen Verteidiger den deutschen Marinekommandos schwere Verluste zufügten, bevor sie in Ehren kapitulierten. Und Wieluń? „Wieluń war eine kleine, ruhige Stadt, wo es ein Massaker, aber keine Helden, nur Opfer gegeben hat“, sagt der Historiker Tadeusz Olejnik, der mehrere Fachbücher zum Kriegsanfang in Wieluń veröffentlicht hat und selber als Kleinkind die Stadt vom Nachbarort aus brennen sah. Bis heute bleibt es ein Politikum, vor allem wenn es darum geht, wo das offizielle Gedenken an den Beginn des Zweiten Weltkrieges und die Opfer stattfinden sollte. Auf der Westerplatte in Danzig, in Warschau oder doch in Wieluń?

 

Paweł Okrasa, Bürgermeister von Wieluń
Fot.: Joanna Stolarek

Paweł Okrasa ist für Wieluń. Von hier aus soll in diesem Jahr ein Ruf nach Frieden und Versöhnung ertönen. Auch im eigenen Land. Seit 2013 ist er Bürgermeister der Stadt, im vergangenen Jahr wurde er als unabhängiger Kandidat mit einem fulminanten Ergebnis wiedergewählt, setzte sich gegen den Kandidaten der in Polen regierenden PiS-Partei durch. Okrasa gilt als ein Macher, pragmatisch, volksnah – als jemand, der mit jedem das Gespräch sucht, auch mit denen, die nicht in sein politisches Bild passen. Als die Vertreter der nationalistischen polnischen Jugend immer wieder die Gedenkfeier störten und instrumentalisierten, lud er sie zu sich ein, appellierte an ihren Patriotismus und die Solidarität mit den Opfern. Das half. Seit dem Gespräch gibt es keine Zwischenfälle mehr. „Historische Erinnerung und Gedenkkultur sollen nicht dazu genutzt werden, um in Hass umzuschlagen. Das dürfen wir nicht zulassen.“ Okrasa sieht sich als Brückenbauer, aber auch als Visionär. Die Stadt mit etwa 23.000 Einwohnern floriert, Besucher sind positiv überrascht wie gepflegt sie ist, und wie viele nette Ecken, Denkmäler und Skulpturen sie hat, wie dezent, aber auch dezidiert sie an ihre Tragödie sowie auch an ihre multikulturelle Geschichte und die jüdischen Wieluner, die früher ein Drittel der Bevölkerung hier ausmachten, erinnert. An den Gedenkpunkten sind alle Informationen viersprachig: polnisch, englisch, deutsch und russisch. Eine Geste, die in Polen nicht selbstverständlich ist.

 

Wie Phönix aus der Asche ist Wieluń auferstanden nach seiner fast kompletten Auslöschung. Das merkt man der Bausubstanz an. Was die Bomben nicht zerstörten, sprengten die deutschen Soldaten nach ihrem Einmarsch. Unter ihnen war auch der später Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Wieluń bezeichnet sich selbst als „Stadt der Versöhnung und des Friedens“. „Ja, das wollen wir sein. Klar, die Wunden sind da. Gar keine Frage“, sagt Elżbieta Kalicińska, die das örtliche Kulturhaus leitet. „Doch wir wollen nicht nur die Stadt des Leidens sein, die Wunden stets aufreißen und immerzu an die Vergangenheit denken. Die Erinnerung, das Gedenken sind unsere Pflicht, um zu mahnen und das Bewusstsein zu schaffen, wie zerstörerisch ein Krieg ist. Aber wir wollen auch Gemeinsamkeit, Hoffnung und Schönheit kultivieren. Verbinden und versöhnen.“ Symbolisch dafür steht am zentralen Platz die Skulptur des bekannten Künstlers und gebürtigen Wieluners Wojciech Siudmak. „Ewige Liebe“, zwei einander zugewandte Gesichter. In Sichtweite dazu gibt es noch ein anderes Denkmal. Ein sowjetisches, der die „Befreier“ von 1945 im sozrealistischen Stil darstellen soll. Die Bewohner haben sich in einer Umfrage mehrheitlich für den Erhalt ausgesprochen, weil es auch zu der Geschichte der Stadt gehört, auch wenn es umstritten ist. Aber der Woiwode entschied nun, das Denkmal wird abgerissen. Die Zeiten verlangten es, hieß es.

 

„Wieluń. 4.40. Pamiętamy“ – „Wielun. 4.40. Wir erinnern uns“, steht auf einem Transparent an einem Gebäude am Marktplatz. Darunter befindet sich die Filiale einer deutschen Drogeriemarktkette. Alltag trifft Geschichte.  Manchmal fast schon ironisch. Jedes Jahr am 1. September um 4.40 Uhr – der von Zeitzeugen überlieferten Stunde des Luftangriffs – versammeln sich Einwohner, Zeitzeugen, Gäste und Besucher zu einer Gedenkfeier. Darunter sind auch die Bürgermeister aus Adelebsen und Osterburg, den zwei deutschen Partnerstädten, und aus Dresden, der befreundeten Stadt, in der auch die Zivilbevölkerung Ziel eines Bombardements war. Der Gedenktag beginnt bereits in der Nacht. Jugendliche aus Deutschland und Polen nehmen an einem Staffellauf teil. Dieser Friedenslauf startet am Flughafen bei Oppeln, von wo auch die Bomber zum Luftangriff gestartet sind. 29 Läufer wie die 29 Flieger. Nur diesmal bringen sie nicht Tod und Verderben, sondern Friedenslicht. Die 90-Kilometer-Strecke ist so geplant und aufgeteilt, dass sie pünktlich zur Gedenkfeier im Morgengrauen in Wieluń ankommen. „Kein Geschichtsbuch vermittelt das, was die Jugendlichen bei diesem Lauf erfahren“, sagt Paweł Okrasa stolz. Nämlich wie man würdig gedenkt und gleichzeitig neue Verbindungen aufbaut und vertieft. Der rührige Bürgermeister wollte, dass dies auch über die Grenzen der Stadt sichtbar und hörbar wird. Er schrieb den polnischen Präsidenten Andrzej Duda nach dessen Besuch 2017 an. Und unterbreitete ihm den Vorschlag, den deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier zum 80. Jahrestag des Luftangriffs und des Ausbruchs des Krieges einzuladen. „Um die nächste Etappe der deutsch-polnischen Versöhnung einzuläuten“, erklärt der 47-Jährige. Hier wo ein Massaker an der Zivilbevölkerung stattfand, hier wo ein Zusammenleben und das Aufbauen neuer partnerschaftlicher Beziehungen zu Deutschland, dem früheren Täterland, praktiziert wird. Das Zusammentreffen der Staatsoberhäupter an dem Gedenktag im „polnischen Guernica“ soll ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zur Versöhnung der beiden Länder werden, wie es der Brief der polnischen Bischöfe, Willy Brandts Kniefall in Warschau und die Messe in Kreisau waren. „Wir brauchen diese Geste“, sagt Okrasa. „Aus Wieluń wird sie laut und deutlich zu hören sein.“  Der Bürgermeister will aber, dass diese Geste auch physisch sichtbar ist. Am 1. September werden die Präsidenten eine Friedensglocke mit jeweils einem Schlag einweihen. Diese Glocke wird der Stadt Wieluń später geschenkt und dorthin gebracht. Für sie wünschte sich Okrasa einen würdigen Platz und plant jetzt schon, dass ein Teil der zerbombten Pfarrkirche mit dem Glockenturm aufgebaut werden sollte. Ein Gedenkort, ein Memorial für die zivilen Opfer des Krieges sollte darin auch Platz findet. „Wer weiß, vielleicht kann ich für die Idee auch den Bundespräsidenten Steinmeier begeistern?“, denkt er laut nach.

 

Zofia Burchacińska runzelt die Stirn. So einfach ist es für sie nicht mit der Versöhnung. Mit 17 kam sie zurück in ihre Heimatstadt, die sie kaum wiedererkannte. „Die Deutschen haben mir meine Kindheit und Jugend geraubt“, sagt sie. „Dies kann ich denen nicht vergessen – und auch nicht verzeihen. Das sitzt zu tief.“ Als Dresden von den Alliierten bombardiert wurde, jubelte sie mit ihren Kameraden in Warschau. Es habe sich ein wenig nach Gerechtigkeit angefühlt. Auch wenn das moralisch verwerflich war. „Man kann niemals Unheil mit Unheil vergelten. In dem Moment dachten wir allerdings nur, sie sollen sehen, wie das ist.“ Bis heute kann sie nicht verstehen, wie ein so kultiviertes Volk solche Verbrechen begehen konnte. Verstehen kann sie auch nicht, dass Deutschland ihrer Meinung nach, eine Vormachtstellung in Europa anstrebe. „Was ist denn los mit denen? Warum dieser Drang nach Hegemonie?“, fragt sie immer wieder und schüttelt den Kopf. Ob sie sich eine Wiedergutmachung wünsche? Ja, Deutschland solle seine Rechnung begleichen und Reparationen zahlen. Die Diskussion darüber, dass es doch völkerrechtlich geklärt sei, findet sie „unwürdig“. „Es wäre anständig dies zu tun. Mir gibt das mein junges Leben nicht zurück, aber es hilft dem Land sich weiter gut zu entwickeln.“

 

 

 

 

 

 

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Joanna Stolarek

Journalistin/Redakteurin, Publizistin (Schwerpunkt Politik und deutsch-polnische Beziehungen), Direktorin der Heinrich-Böll-Stiftung in Warschau.

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