Der Fluch der Jahrestage

In den letzten Jahren erleben wir in Polen einen Boom von Jahrestagen mit unterschiedlicher Bedeutungsschwere und Reichweite. Es werden Konferenzen und Podiumsdiskussionen organisiert, parallel dazu erscheinen auch immer neue Bücher. Hinzu kommt die starke mediale Aufmerksamkeit. Jahrestage sind praktisch schon fester Bestandteil des täglichen Fernseh und Radioprogramms, ihnen sind unzählige Zeitungsartikel gewidmet. Doch nach einer Zeit stellt sich Übersättigung ein, was noch vor kurzem von öffentlichem Interesse war, verblasst, wird langweilig und lässt uns völlig gleichgültig. Doch gibt es Vorgänge, die uns noch nach Jahren und Jahrzehnten in Bann schlagen und kontrovers diskutiert werden. Dazu lässt sich pauschal das gesamte 20. Jahrhundert vom Ersten Weltkrieg bis zum Umbruchsjahr 1989 rechnen.

 

Ist es unvermeidbar, gewisse Jahrestage nicht zu begehen? Müssen wir uns gar einer Diktatur der Jahrestage unterwerfen? Bedenkt man die wechselnden Machtverhältnisse in der Politik und die entsprechend unterschiedlichen Vorstellungen von Geschichtspolitik, ist diese Frage kaum eindeutig zu beantworten. Der Staat stützt sich auf bestimmte Institutionen, die sich mit den Jahrestagen von ihrer organisatorischen Seite her befassen. Jahrestage bieten der Obrigkeit die Gelegenheit zur Herstellung ostentativer Einigkeit und nationaler Identität (konservative Regierungen) oder zur Akzentuierung der staatsbürgerlichen Identität (liberale Regierungen). Ohne an dieser Stelle auf die Einzelheiten einzugehen, die sich hinter solchen Absichten und deren Umsetzung verbergen, lässt sich doch anhand der Erfahrungen der letzten Jahre feststellen, dass die Begehung von Jahrestagen im erstgenannten Beispiel zur Exklusion neigten, im zweitgenannten hingegen zur Inklusion. Im ersteren Fall entfaltet die Geschichte ihre entzweiende Wirkung, im zweiteren sucht sie, bei weitreichender Toleranz für unterschiedliche Gruppierungen, nach Gemeinsamkeiten, nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner, der unterschiedliche Ordnungsvorstellungen und Standpunkte verbindet. Als Beispiele seien die Feiern zum 100. Unabhängigkeitstag Polens oder in jüngster Zeit auch die zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs genannt.

 

Im Kalender der Jahrestage gibt es fest verankerte Ereignisse. Zu denen aus der allgemeinen Geschichte können wir das Hitlerattentat in der Wolfsschanze bei Görlitz/Gierłoż vom 20. Juli 1944 rechnen. Dieses Ereignis der deutschen Zeitgeschichte wühlt wie kaum ein anderes die polnische Öffentlichkeit auf, was sich in den einschlägigen publizistischen Veröffentlichungen oder den dazugesetzten Kommentaren niederschlägt. Anlass dazu ist nicht allein der Umstand, dass das einstige Führerhauptquartier als Ort des Geschehens sich heute innerhalb der polnischen Staatsgrenzen befindet. Vielmehr lösen alle Versuche, der Hitlerattentäter zu gedenken, Kontroversen, gar Widerstände aus. Darin lässt sich eine gewisse Gesetzmäßigkeit beobachten. Obschon bereits Jahrzehnte verstrichen sind und ständig neue Publikationen erscheinen, kehrt das Thema wie ein Wiedergänger zurück, ein jedes Mal mit neuen Facetten ausgestattet, welche die Debatte in Gang halten.

 

Das ist kein neues Problem. Bereits die Enthüllung der Gedenktafel zu Ehren des Obersten Claus Schenk von Stauffenberg und anderer Angehöriger der deutschen Widerstandsbewegung an der Wolfsschanze löste 1992 eine lebhafte öffentliche Debatte in Polen aus. Sie entwickelte sich aus einem Brief des Publizisten Janusz Roszkowski, den die „Gazeta Wyborcza“ Ende August 1992 veröffentlicht hatte. Sie machte deutlich, welch scharfe Gegensätze die polnische Gesellschaft bei der Beurteilung des deutschen Widerstands durchzog. Roszkowski bemängelte in seinem Schreiben vor allem die Formulierung der Tafelinschrift: „Er [d.h. Stauffenberg, K. R.] und viele andere, die sich gegen die nationalsozialistische Diktatur erhoben hatten – bezahlten mit ihrem Leben.“

Vor allem der Nebensatz „die sich gegen die nationalsozialistische Diktatur erhoben hatten“ missfiel Roszkowski. Seiner Meinung nach war das Attentat nicht durch einen Angriff „auf die Diktatur als solche“ motiviert, sondern eher ein „Versuch zur Rettung Deutschlands“ im Angesicht der näherrückenden totalen Niederlage. Stauffenberg beging sein Attentat im letzten Augenblick, um „für Deutschland Chancen auf eine vorteilhaftere Behandlung in der Nachkriegszeit zu schaffen“. Die Attentäter seien zuvor „loyale Exekutoren der Feldzüge Hitlers“ gewesen, oft für ihre Hingabe belohnt. Erst die deutsche Niederlage habe sie zu ihrer Verschwörung bewegt. Die Formulierung, „sich gegen die nationalsozialistische Diktatur erhoben“ zu haben, könne falsche Schlüsse nahelegen, denn dann müsse man neben Stauffenberg und seinen Mitverschwörern auch „die Soldaten Hubals [d.h. einer polnischen Partisanengruppe 1939/40; A.d.Ü.], die Warschauer Aufständischen, Angehörigen der Kościuszko-Division und Teilnehmer der Kämpfe um den Monte Cassino“ nennen. Hätte der Anschlag Erfolg gehabt, hätte sich für die Deutschen nichts geändert, mit einem Unterschied: Polen hätte nicht die reichsdeutschen Ostgebiete gewonnen.

 

Der Schriftsteller Andrzej Szczypiorski reagierte auf Roszkowski mit einem zeitgleich in der „Gazeta Wyborcza“ abgedruckten Text. Szczypiorski stellte fest, Roszkowski repräsentiere eine strikt polnische Sichtweise, aus der er Stauffenbergs Handeln beurteile. Doch hielt Szczypiorski den Bezug auf die polnischen Partisanen oder Soldaten für verfehlt. Und er meinte, es sei absurd, das Ausmaß des Widerstands in Deutschland mit demjenigen in den von NS-Deutschland besetzten Ländern zu vergleichen: „Die Widerstandsbewegung in Polen, Jugoslawien, der UdSSR, Frankreich bedeuteten den Kampf gegen einen äußeren Feind, einen Invasoren und Okkupanten. Die Widerstandsbewegung im Reich bedeutete, sich von der Schicksalsgemeinschaft mit der eigenen Nation loszusagen und einen aktiven Kampf gegen den eigenen Staat zu führen […].“

 

“Das stelle das moralische Dilemma noch stärker heraus, in dem sich Stauffenberg und seine Mitverschwörer befanden”, so Szczypiorski. Er schlussfolgerte, es gebe „im Menschen etwas, das für ihn mehr bedeuten sollte als der eigene Staat, auch mehr als die eigene Nation […]. Das Gefühl der individuellen Verantwortung für die Wahl zwischen Gut und Böse.“

Ein Echo dieser lang zurückliegenden Debatte war in Polen auch noch in diesem Jahr zu hören. Den Anlass dazu lieferte ein kritischer Beitrag von Maciej Olex-Szczytowski mit dem Titel „Stauffenberg kommt nach Kozienice [Koschnitz]“, der am 21. Juli 2019 in der Tageszeitung „Rzeczpospolita“ erschien. Darin warf er dem westlichen Nachbarn vor, ein neues historisches Narrativ zu schaffen und einen Kult der Täter zu betreiben. Diesem neuen Narrativ zufolge sei „die deutsche Nation nicht verantwortlich für die Verbrechen des Hitlerismus, weil sie von einer von den Deutschen verschiedenen Bande von ,Nazis‘ besetzt war und… Widerstand leistete. Bei Kriegsende wurde Deutschland so wie Frankreich oder Belgien ,befreit‘. Von hier ist es dann nicht mehr weit zu der Behauptung, der Holocaust sei ein internationales Unterfangen gewesen, betrieben von jenen ominösen ,Nazis‘ gemeinsam mit ihren Helfershelfern in ganz Europa, insbesondere mit den Polen.“

 

Der Stauffenberg-Kult dagegen beruhe auf einer Lüge. Konsequent und gezielt würden die in Polen und weiter im Osten von den Attentätern begangenen Verbrechen verschwiegen. Nach einer solchen Retusche hätten sie den Ehrentitel von „Widerstandskämpfern“ verliehen bekommen.

Zum Beleg seiner Ausführungen beruft sich Olex-Szczytowski auf unterschiedliche Quellen und Publikationen, wobei ich mich nachfolgend auf Stauffenberg konzentrieren werde. Er führt die polnische Episode vom September 1939 aus Stauffenbergs Biographie an. Dabei vermittelt er den Eindruck, er halte sich an alle Regeln der historischen Zunft. Doch seine Methoden wecken starke Vorbehalte.

 

Fot.: Krzysztof Ruchniewicz

Als Nachschuboffizier der 1. leichten Division nahm Stauffenberg ohne jeden Zweifel im September 1939 an Kriegshandlungen in Polen teil. Er bekam Zerstörungen und Opfer zu Gesicht. Doch sind die Kriegsverbrechen, die ihm Olex-Szczytowski vorwirft, schwer nachzuweisen. In keinem der angeführten Dokumente oder Berichte ist namentlich von Stauffenberg die Rede, vielmehr bezieht sich Olex-Szczytowski auf den Einsatz der ganzen Einheit und zieht indirekte Schlüsse. Seine Angaben bedürfen also kritischer Überprüfung, um eine persönliche Schuld Stauffenbergs erhärten zu können. Formulierungen wie „seine Division“ oder „seine Untergebenen“ suggerieren eine Entscheidungstäterschaft Stauffenbergs. Es bleibt jedoch unklar, auf welcher Grundlage der Autor seine Behauptungen aufstellt. Es ist gewiss ein dringendes Forschungspostulat, die Laufbahn und Karrierewege jener deutschen Offiziere nachzuvollziehen, die aus Hitlers disziplinierter Kriegsmaschinerie zu den konspirativen Gruppen in dem Bewusstsein gelangten, dass im Falle ihrer Enttarnung der Verratsvorwurf und somit der sichere Tod folgen würde. Zweifellos hatte das, was sie in den Jahren des Kriegs gesehen und selbst getan hatten, darauf Einfluss. Ob man ihnen jedoch wegen ihres Militärdienstes jede moralisch-ethische Motivation absprechen kann, sich Hitler zu widersetzen, selbst wenn sie dies aus unserer Sicht zu spät und nicht in einer Weise taten, wie wir uns das wünschen würden? Ist eine Form der Wertschätzung bereits ein „Kult“ und eine schwere Bedrohung für unser eigenes Geschichtsbild?

 

Olex-Szczytowski geht in seinem Beitrag über Stauffenberg und sein Attentat hinaus. Er attackiert noch eine weitere Gruppe des deutschen Widerstands, nämlich den Kreisauer Kreis und die Arbeit der Stiftung, die seit dreißig Jahren in Kreisau/Krzyżowa bei Świdnica/Schweidnitz in Niederschlesien auf dem vormaligen Rittergut eines der Mitbegründer des Kreises tätig ist, Helmuth James Graf von Moltkes. Olex-Szczytowski schreibt: „Die Geschichtsmanipulationen betreffen auch den quasi Thinktank der deutschen Fronde, der sich im niederschlesischen Krzyżowa versammelte. Der ,Kreisauer Kreis‘ setzte sich hauptsächlich aus Bekannten und Verwandten Stauffenbergs und [Friedrich Werner Graf von der] Schulenburgs zusammen. Bis heute sehen die klassischen deutschen Beschreibungen nichts Anormales im Antisemitismus der Kreisauer und anderer Mitglieder der Fronde, in ihrer anfänglichen Befürwortung des Regimes und ihrer durchaus enthusiastischen Kollaboration mit diesem.“ Ferner: „Kreisau figuriert heute als Symbol der polnisch-deutschen Versöhnung. Der Haken dabei ist nur, dass die Ansichten der Kreisauer zu Polen wahrhaft nazistisch waren. Sie triumphierten, als die Zweite Republik zerschlagen wurde. Sie waren dagegen, den Polen das Recht auf einen eigenen Staat zuzuerkennen, oder sie gingen bestenfalls von der Existenz eines Deutschland untergeordneten Kleinstaats in den Grenzen von 1914 aus. Wir dürfen nicht vergessen, dass die deutsche Regierung nach einem erfolgreichen Putsch voller Verbrecher und aggressiver Polenfresser sein sollte. Das wird alles völlig kommentarlos hingenommen, leider auch bei uns.“

 

Namen, Quellenbelege, Beweise für antisemitische oder den Nazismus huldigende Einstellungen – Fehlanzeige. Allein eine scharfe Anklage. Bei der Lektüre dieses Artikels kam mir auch der Gedanke, welche Intentionen die Redaktion einer doch bis vor kurzem noch führenden polnischen Tageszeitung wohl gehabt haben mag, ebenso wie der Autor selbst. Die von ihm gerittene publizistische Attacke hat wenig mit der nüchternen Vorgehensweise eines Historikers gemein, obschon der Verfasser sich als solcher stilisiert. Sie belegt, dass hier jemand mit einer Agenda schreibt, sich die Tatsachen zurechtbiegt, sich kurzum von der Absicht leiten lässt, den Leser in die Irre zu führen. Das Schwarz-Weiß-Schema ist im Kontext der deutsch-polnischen Beziehung doch allzu bequem. Schließlich weiß der polnische Leser (oder zumindest ein Teil der Leserschaft) so gut wie nichts über den Forschungsstand oder die deutschen Debatten zum Thema, während ihm der Autor des kompromisslosen Beitrags in der Sache als natürliche Autorität vorkommen mag. Es gibt also guten Grund, auf Inhalt und Behauptungen zu reagieren. Und das ist eine Aufgabe für die Fachleute.

 

Fot.: Krzysztof Ruchniewicz

Im selben Blatt erschien wenige Tage darauf eine Entgegnung von Agnieszka Łada und Peter Oliver Loew unter dem Titel „Polnisch-deutsche Beziehungen: Suchen, was die Nationen verbindet“. In gelassener Argumentation weisen die beiden Autoren Olex-Szczytowskis steile Thesen zurück. Sie verweisen auf die kritische Forschung, die in Deutschland zur Opposition gegen den Nationalsozialismus angestellt wird. Seriöse Untersuchungen zu Stauffenberg und seinem Attentat befassen sich kritisch mit seiner Biographie und Weltsicht. Auch sind die Fakten der komplizierten Biographie Stauffenbergs in der deutschen Öffentlichkeit allgemein bekannt. Dies wird nicht erst seit gestern, sondern schon seit Jahrzehnten diskutiert: „Die Anerkennung des Wagemutes geht einher mit einer kritischen Haltung zu den elitär-nationalistischen Auffassungen des Personenkreises, mit dem Stauffenberg in Kontakt stand.“

 

Auch deutsche Politiker warfen in Vergangenheit und Gegenwart einen kritischen Blick auf die Verschwörer und äußerten sich mehrfach öffentlich dazu. Łada und Loew nennen als Beispiel die Ansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich des 75. Jahrestages des 20. Juli 1944: „In ihrer Rede vom 20. Juli hielt sie fest, Stauffenberg sei Wehrmachtsangehöriger gewesen, doch stünden Gedenken und Kritik nicht in Widerspruch zueinander, und eine kritische Auseinandersetzung mit der deutschen nationalen Geschichte erfordere umso mehr, sich mit der Vergangenheit zu befassen.“

 

Łada und Loew werfen Olex-Szczytowski seine äußerst eklektizistische Methode im Umgang mit dem Kreisauer Kreis vor. Dagegen sei die Gruppe charakterisiert gewesen durch „Verschiedenartigkeit der Milieus, Berufe und Ansichten und verbunden durch die Gegnerschaft zur verbrecherischen Politik Hitlers im besetzten Europa. Das Grundziel ihre Tätigkeit und ihres Programms war die Wiederherstellung von Recht und Rechtsordnung. Sie erarbeiteten Konzeptionen zur Bestrafung der Kriegsverbrecher sowie zur Entschädigung der von Nazideutschland besetzten Länder.“ – „Die Angehörigen des Kreisauer Kreises, darunter Helmuth James von Moltke selbst, hatten verschiedene Funktionen im ,Dritten Reich‘ inne. In der Konspiration versuchten sie, ihr Wissen und ihre Positionen zu nutzen, um das Übel in der Zeit der Naziherrschaft einzudämmen. Zu den Freunden des Kreises gehörten von den Nazis verfolgte Sozialdemokraten, die als eine der ersten Opfer Hitlers in die Konzentrationslager gesteckt worden waren. Zum Kreisauer Kreis gehörten auch Geistliche beider christlicher Konfessionen. Der Gefängnispfarrer Harald Poelchau organisierte in Berlin Hilfe für verfolgte Juden, Lebensmittel brachte er unter anderem von dem Gut in Kreisau. 1971 wurde er mit dem Titel Gerechter unter den Völkern ausgezeichnet.“

 

Auch Olex-Szczytowskis Vorwürfe gegen die Ansichten des Kreisauer Kreises in polnischen Fragen sind nicht gerechtfertigt. Selbstverständlich stand seine Heimat Deutschland im Zentrum seiner Überlegungen, nicht Polen. Lässt sich ihm aber daraus ein Vorwurf machen? Vielleicht ist es aber auch nur eine Obsession gewisser Publizisten, zu denen ich Olex-Szczytowski zähle, bei jedem historischen Schlüsselereignis nach dem polnischen Anteil oder eher noch der antipolnischen Verschwörung zu suchen. Dieser Autor ist offenkundig unfähig zu verstehen, dass auch Stauffenberg und die übrigen Verschwörer ihr Vorhaben nicht unbedingt im Hinblick auf polnische Gesichtspunkte planten. Die Prozesse, die ihnen nach dem fehlgeschlagenen Anschlag gemacht wurden, zeigten, dass sie nicht so sehr durch die Verbrechen in Polen als vielmehr durch diejenigen in der UdSSR motiviert waren. Deren Massenhaftigkeit und Ungeheuerlichkeit waren niederschmetternd und zeigten das wahre Antlitz des Krieges, an dem sie teilhatten. Die Veteranen des Ersten Weltkriegs durchlebten dies besonders schwer, nicht minder aber die Generation, die erst in der Nazizeit das Erwachsenenalter erreichten.

 

Diese ganz und gar auf polnische Angelegenheiten fixierte Optik kann blind machen. Łada i Loew weisen treffend darauf hin. Der Kreisauer Kreis war eine Ausnahme, dies ist folglich in besonderer Weise herauszustellen: „Helmuth James von Moltke und seine Freunde hielten den Überfall auf Polen von 1939 für ein Unrecht. Aus späteren Beratungen des Kreises hat sich der Entwurf für eine europäische Ordnung erhalten, geradezu ein Entwurf für die Verfassung eines vereinigten Europas vom Herbst 1942. Unter den darin aufgeführten Staaten ist auch ein unabhängiges Polen. Im Falle von Moltke selbst wissen wir, dass er damit rechnete, Niederschlesien, wo sich sein Gut befand, könnte als Entschädigung an Polen oder Tschechien fallen.“

 

In wenigen Wochen werden wir den 30. Jahrestag der Begegnung in Krzyżowa und der sogenannten Versöhnungsmesse begehen. Die Bekundung des Friedenszeichens durch die beiden Regierungschefs, Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki und Kanzler Helmut Kohl, wurde zum Symbol einer neuen Öffnung im deutsch-polnischen Verhältnis. Bei aller Kritik, zu der eine freie öffentliche Meinung stets berechtigt ist, sollte doch bedacht werden, dass wir die Früchte dieser historischen Zeit und Entscheidung genießen. Der Versuch ist schlicht destruktiv, die friedlichen Errungenschaften der bilateralen Beziehungen zu untergraben. Fluch der Jahrestage? Jeder Jahrestag, auch ein wenig bequemer und doppelbödiger, sollte nicht nur Anlass zu immer denselben Ritualen bieten, sondern zu Nachdenken und Besinnung. Sonst haben wir nur noch eine historische Popkultur, die im eigenen nationalen Saft vor sich hin köchelt. Sie schmeckt vielleicht, ist aber auf lange Sicht schwer verdaulich.

 

Die Opposition gegen den Nationalsozialismus und die geteilten Meinungen dazu bieten eine gute Gelegenheit für eine ernsthafte, sachliche Diskussion, ohne durch die nationalistische Brille zu blicken, welche Haltungen und Verhaltensweisen Menschen unter den Bedingungen eines verbrecherischen Systems und politischer Repression zeigen. Vielleicht bietet der Jahrestag der Begegnung von Krzyżowa dazu Gelegenheit.

 

Die Zitate stammen aus:

Janusz Roszkowski, Dlaczego nie lubię tablicy w Gierloży [Wieso ich die Gedenktafel in Görlitz nicht mag], in: „Gazeta Wyborcza“ vom 29. August 1992

Andrzej Szczypiorski, Kilka uwag o Stauffenbergu [Einige Anmerkungen zu Stauffenberg], in: „Gazeta Wyborcza“ vom 29. August 1992

Maciej Olex-Szczytowski, Stauffenberg przybywa do Kozienic [Stauffenberg kommt nach Koschnitz], in: „Rzeczpospolita“ vom 21. Juli 2019

Agnieszka Łada, Peter Oliver Loew: Relacje polsko-niemieckie: Szukać tego, co łączy narody [Die polnisch-deutschen Beziehungen: Suchen, was die Nationen verbindet], in: „Reczpospolita“ vom 1. August 2019

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

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Krzysztof Ruchniewicz

Historiker, Professor an der Universität Wrocław und Direktor des dortigen Willy-Brandt-Zentrums für Deutschland- und Europastudien.

Ein Gedanke zu „Der Fluch der Jahrestage“

  1. Krzysztof Ruchniewicz hat hier völlig Recht. Es geht aber auch um eine andere Dimension: es geht um den Stellenwert wissenschaftlicher Geschichtsschreibung im post-faktischen Zeitalter. Offenbar kann jeder sich zu Geschichte äußern: ob das einem Wahrheitsanspruch genügt, ist völlig egal. Jede steile These überzeugt mehr als ein mühsamer Beweis – oder Beweis des Gegenteils.
    Im vorliegenden Fall wird zu klären sein, was Stauffenberg wirklich verantwortet, befohlen, geduldet hat. Da ist solide Quellenkritik gefordert, die mühsame Arbeit der Ebene, bevor man urteilen kann. Nur lässt sich das eben nicht so leicht politisch instrumentalisieren.

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