Eine singende Revolution wird das nicht. Die russische Gegenkultur konfrontiert das Regime

Schaut man sich die Revolutionen in den postkommunistischen Ländern durch das Prisma der kulturellen Phänomene an, von denen sie begleitet wurden, kann eine gewisse Vernachlässigung ausgemacht werden. Die meisten dieser gesellschaftlichen Aufstände wurden „Farbrevolutionen“ genannt, manchmal wurde die Bezeichnung mit einem Bezug auf eine Blume konkretisiert. So gab es die Orangene Revolution, die Jeansrevolution, die Tulpenrevolution und die Rosenrevolution. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die zeitgenössische Inspiration für diese politische Emblematisierung von der Nelkenrevolution stammt. Wenn dem so ist, dann ist die portugiesische Revolution jedoch ein Beispiel für eine nachlässige Namensgebung. Denn das Signal für den Beginn des Putsches gegen Marcelo Ceatano war die Ausstrahlung des Liedes Grândola, Vila Morena [Grândola, braungebrannte Stadt]. Beim Sturz von Estado Novo [Neuer Staat] und der Revolutionserfahrung in Osteuropa hatten wir es nicht nur mit Farbrevolutionen zu tun, sondern auch mit Musikrevolutionen.

 

Die musikalische Seite gesellschaftlicher Prozesse hat sich am deutlichsten in den baltischen Staaten und in der Ukraine herausgebildet. In Estland, einem Staat mit starken volkstümlichen musikalischen Traditionen, entstand eine Widerstandsform, die im kollektiven Singen bestand, dies wurde dann „Singende Revolution“ genannt. „Die Orangene Revolution“ und die „Revolution der Würde“ stellten ebenfalls durch Musik eine Sphäre der symbolischen Gemeinschaft her. Im ersten Fall war es das lebhafte Lied Zusammen sind wir viele der Band Greenjolly. Im zweiten das Lemkische Lied Der Strom der Theiß trägt eine Ente in der dramatischen Interpetation von Pikkardiyska Tertsiya, das auf dem Begräbnis der Himmlischen Hundertschaft [der 2014 umgekommenen Demonstranten] erklang, und die schweren Riffs der belarussischen Band Brutto in dem Song Krieger des Lichtes.

 

Mit anderen Worten, für die Entstehung von antiautoritärem Widerstand sind außer der Festlegung gemeinsamer Ziele, der Konkretisierung von Forderungen und der klaren Führung Sinnbilder notwendig, kulturelle Zeichen, die im Rahmen der Protestbewegung mit politischer Bedeutung angereichert sind. In diesem Prozess ist die Musik nicht nur ein Hintergrundelement, sondern hat ein gewaltiges Mobilisierungs- und Widerstandspotenzial. Autoritäre Regime sind sich dessen bewusst und versuchen, diesen Bereich der kulturellen Produktion zu neutralisieren oder zumindest zu kontrollieren.

 

Am deutlichsten ist das heutzutage in Putins Russland zu sehen. Mit der in den letzten Jahren wachsenden wirtschaftlichen Krise und der Erosion der politischen Initiative des Kremls werden die Bedrohungen seitens der jugendlichen Subkultur zu einem realen Problem für die Regierung. Deshalb hat die Kontrolle über diese Sphären Priorität.

 

Man möchte meinen, dass sich die russische Musikszene klar einteilen lässt. Einerseits sind da Künstler, die man Urgesteine der Bühne nennen kann. Sie sind seit Jahren fester Bestandteil föderaler Fernsehsender und füttern die Zuschauer mit unvorstellbarem musikalischem Kitsch, der als ausgeklügeltes Kunstwerk verkauft wird. Die letzten Präsidentschaftswahlen haben die Prinzipien der eheähnlichen Gemeinschaft von Regime und „sanktionierten“ Künstlern aufgedeckt, von denen für den Zugang zum Äther Bezahlung verlangt wurde. Berühmte Musiker posteten massenweise und „spontan“ in ihren sozialen Medien Appelle, in denen sie Putin unterstützten und zur Teilnahme an den Wahlen ermunterten. Die eifrigeren unter ihnen nahmen einen untertänigen Videoclip auf, in dem sie die aktuelle Regierung und Russland überhaupt priesen.

 

Andererseits, wahrscheinlich vollkommen unerwartet für den Kreml, bildete sich eine völlig unabhängige Musikszene heraus, zu der sich Künstler aus den Bereichen von Hip-Hop bis zu experimenteller Elektronik zusammentaten. Die meisten kritisieren die Regierung nicht offen, rufen nicht zu Protesten auf und sprechen sich nicht für Alexei Nawalny aus. Es handelt sich eher um konzeptuelle Kunst, oder sie befassen sich einfach mit aktuellen Problemen, die junge Menschen betreffen. Doch die Künstler dieser Strömung haben die Aufmerksamkeit der Strafverfolgungsorgane auf sich gezogen und plötzlich werden ihre Konzerte massenweise abgesagt. Symptomatisch ist hierbei der Fall des Rappers Husky. Im Jahr 2018 wurden seine Konzerte im ganzen Land abgesagt, bis der Rapper schließlich festgenommen und eingesperrt wurde mit dem Vorwurf der Sachbeschädigung und des Widerstandes gegen die Staatsgewalt. Dann folgte eine Repressionslawine mit voller Breitseite. Konzerte der Bands IC3PEAK (experimentelle Elektronik) und Frendzona (Pop-Punk) und der Musiker mit den Pseudonymen Face und LJ (Hip Hop) wurden verboten. Die Uniformierten wurden unterstützt von den lokalen Regierungen, die Expertenkommissionen gründeten und eilig Sowjets einberiefen, die sich mit Drogenproblemen und Selbstmord befassten und allgemein mit dem negativen Einfluss von Musik auf die Jugend. Das Echo der Repressionswelle drang bis zu den Föderationskreisen vor. Von der Panik des Regimes zeugen beispielsweise karrikaturartige Ideen für den Umgang mit der Krise in der unabhängigen Musikszene. Und wie das so mit autoritären Strukturen ist, wurde die Zentralisierung durch Vergabe von Zuschüssen für Rapper vorgeschlagen, die von da an über die positiven Seiten des Lebens rappen sollten. Absurd wurde es, als der Hauptpropagandist des Kremls, Dmitri Kisseljow, auf einem föderalen Sender die Poesie von Majakowski rappte und damit beweisen wollte, dass dieser der erste russische Rapper war.

 

Doch dieses polarisierte Bild des Musikmarktes in Russland ist nicht wahrhaftig. Es ist nicht so, dass sich konzessionierte Mainstream-Stars und stolze unabhängige Künstler, die sich der Sympathie der Straße erfreuen, gegenüberstehen. Die Grenze zwischen diesen Welten ist sehr durchlässig, und den Grenzverkehr kontrolliert das Regime. Der bereits erwähnte Rapper Husky ist das beste Beispiel dieser semantischen Konfusion. Kaum jemand erinnert sich daran, dass der heute repressionierte Künstler nach Ausbruch des Krieges im Donbas die russischen Söldner unterstützt hat und in den besetzten Gebieten auf Konzertreise war, und zwar in Begleitung von Sachar Prilepin (Journalist und Schriftsteller sowie aktives Mitglied der verbotenen Nationalbolschewistischen Partei) im Propagandakrieg zwischen dem Kreml und Kiev.

 

Dabei ist gar nicht sein Rollenwechsel vom Propagandisten zum Opfer oder andersherum das beste Beispiel für das Durcheinander, das der Kreml dirigiert. Das Regime konzessioniert nämlich nicht nur den Zugang zu den Medien, in denen Künstler ihre Regimetreue zum Ausdruck bringen können. Konzessioniert ist auch der Protest gegen das Regime selbst. Dies lässt sich ebenfalls am Beispiel des Rappers Husky zeigen. Nach seiner Festnahme stellten sich die Giganten der russischen Hip-Hop-Szene hinter ihn: Basta, Oxxxymiron und Noize MC. Es stellte sich heraus, dass es ihnen erlaubt worden war, ein spontanes Konzert für Husky zu veranstalten, das sogar von dem Fernsehsender Doschd übertragen wurde. Und obwohl die Musiker auf der Bühne Losungen wie „Ich werde meine Musik singen“ riefen, hatte sicherlich das Regime entschieden, dass die Frustration der Jugendlichen, der Rezipienten dieser Musik, ein Niveau erreicht hatte, das Entladung erforderlich machte. Auf diese Weise wurden Kult-Künstler als Inhibitoren der Proteststimmung instrumentalisiert.

 

Der Rapper Basta (Wassili Wakulenko) selbst, ein wahrer Nestor des russischen Hip-Hops, gebürtig aus Rostow, galt bis vor kurzem als Verkörperung der Unabhängigkeit dieser Musikszene. Doch der kommerzielle Erfolg einer Musikgattung hat in einem autoritären Staat zur Folge, dass sie vom Regime monopolisiert wird. Noch vor kurzem hatte Wakulenko sich den Respekt der Jugend mit melodischen Protestsongs verdient, in denen er versteckt die Strukturen des Staates kritisierte, oder als er (gemeinsam mit Husky) an einem Videoclip einer anderen Hip-Hop-Ikone mitwirkte, der Gruppe Kasta, in dem er die in Russland gehasste Polizei parodierte. Aber als Künstler, der es versteht, das Olympia-Stadion mit Hörern zu füllen, konnte er nicht unabhängig bleiben. Anfangs wurde ihm angeboten, Jurymitglied in einer musikalischen Talent-Show des föderalen Fernsehens zu werden. Bald darauf sprach sich Wakulenko lautstark für die unbeliebte Rentenreform aus. Erst unter den Einfluss der Massenkritik und Vorwürfen, er würde sich an das Regime verkaufen, nahm er einen gelesenen Appell auf, in dem er sich von seinen Worten distanzierte und seine Fans um Verzeihung bat. Und so musste er, der bis vor kurzem Stimme des jugendlichen Widerstandes war, und nun an Bedeutung verloren hatte, unter dem Druck des gesellschaftlichen Widerstandes nachgeben. Man darf nicht vergessen, dass Basta einer von vielen korumpierten, in einem gewissen Sinne gebrochenen und kontrollierten Künstlern in Russland ist, die mit letzter Kraft um die Erhaltung ihres Images als unabhängiger Künstlers kämpfen.

 

Wie bereits erwähnt, konzessioniert das russische Regime die Protestaktivität und bestimmt, wem dieses Recht nicht zusteht, wer keine Konzerte geben darf. Solch eine Gruppe scheint das Elektro-Duett IC3PEAK zu sein. Während Basta und Oxxxymiron den Rapper Husky verteidigten, wurden die Konzerte von IC3PEAK abgebrochen und die Musiker selbst von Strafverfolgungsorganen festgehalten. Ohne die enorme Beliebtheit im Internet und die Unterstützung der Fans, hätte das Duo keine Unterstützung vom Musikestablishment erhalten. Dass IC3PEAK spielt, verdankt es also nur sich selbst und seinen Fans (die Songs haben um die 21 Millionen Aufrufe). Die kürzlichen Ereignisse, die mit der Beschneidung von Freiheitsrechten im Internet zusammenhängen, zeugen von der Stärke der Opposition im Kampf um die Vereinnahmung von Musikerstimmen. Das Duo trat während der Moskauer Demonstrationen für die Freiheit des Internets auf, wo es seinen Hit Es gibt keinen Tod mehr spielte.

 

Anastasia Kreslina, IC3PEAK

Vielleicht hat der Fall IC3PEAK und sein Hit den qualitativen Unterschied zwischen der heutigen kulturellen Situation des protestierenden Russlands und den Farbrevolutionen der angrenzenden Völker aufgedeckt. Auf dem Maidan wiederholten während der Orangenen Revolution die Massen immer wieder den Refrain: Zusammen sind wir viele, wir sind unbesiegbar. Die Sängerin von IC3PEAK, begleitet von synthetischen Klängen, ruft den Massen zu: Lass alles brennen. Es gibt keinen Tod mehr. Die singenden Revolutionen haben eine symbolische Gemeinschaft geschaffen, die sich auf Bruderschaft und Gemeinschaftlichkeit berufen, selbst wenn es sich um Gemeinschaftlichkeit in der Trauer handelt, wie im Falle der Revolution der Würde. Doch hinter der Stimme der jungen russischen Künstler verbirgt sich heute kein Versprechen. Das sind eher leere Hymnen, im Grunde ohne die Kraft eines eindeutigen Symbols. Wenn sie Hymnen irgendeiner Revolution werden sollten, dann eher einer nihilistischen, ähnlich wie der bolschewistische Aufstand.

 

Es gibt jedoch Ausnahme-Künstler, deren kritisches Potenzial groß ist. Ein Beispiel für eine Gruppe, die es im vergangenen Jahr ins Bewusstsein des typischen Massen-Internetusers in Russland geschafft hat, ist Shortparis, eine elektronische Post-Punk-Band aus Petersburg. Innerhalb von zwei Monaten wurde ihr Videoclip zu dem Song Schrecklich auf YouTube fast zwei Millionen Mal angeklickt und der Song Scham fast eine Million Mal.

 

In dem Videoclip zu Schrecklich geht eine Gruppe kurz geschorener Männer in eine Schule, über die Flure geht sie an den Schülern vorbei und betritt schließlich die Turnhalle, wo sich auf dem Fußboden ängstliche Menschen drängen mit – wie man in Russland sagt – Einwandererlook. Auf den Shirts der Eindringlinge stehen Aufschriften und der Zuschauer kann sich denken, dass das Arabisch ist. Überraschend wechselt die Szenerie zu einer Art Musical. Wir sehen Veränderungen der Szenografie, es tauchen Vorhänge auf, Teppiche, choreografische Einlagen. Am Ende kommt die wohl stärkste Szene. Eine Gruppe Menschen watet durch Matsch und hohes Gras, geht in eine unbestimmte Richtung und trägt auf einem Prozessionsbild einen Jungen, der die russische Flagge schwenkt. Im Hintergrund sind graue Plattenbauten zu sehen, und Shortparis singt: Ewig und redlich.

 

Der Liedtext in Verbindung mit der Geschichte im Videoclip ergibt meiner Meinung nach eine der interessantesten Analysen der gesellschaftlichen Lage in Russland. Es handelt sich hierbei um eine ganze Liste an Bildern aus der symbolisch-imaginierten Welt der Russen, die als Auslöser für verborgene, stark traumatische Inhalte gelten. Wörter wie: Schule, Imigranten, Turnhalle, Major, Kalaschnikow, Eis, Plattenbauten, Kind mit Flagge, arabische Buchstaben, das Bild eines jungen Mannes mit einer Tasche vor der Schule – das alles beschwört eine Reihe von Bildern herauf, die mit unaufgearbeiteten und oft totgeschwiegenen Tragödien zusammenhängen. Denn dahinter stehen terroristische Angriffe wie die Geiselnahme von Beslan und das Massaker in Kertsch, die Kriege in Tschetschenien, im Kaukasus, die Gewalt des Regimes, die Militarisierung, die Hoffnungslosigkeit des Widerstandes, der Konformismus und die Gleichgültigkeit. Der Titel „Schrecklich“ ist – wie die Künstler selbst sagen – ein Schlüsselwort, das die Stimmung im heutigen Russland definiert. Da ist das Gefühl der Bedrohung, einer undefinierten Angst, die über dem russischen Plattenbau hängt wie über ganz Russland, und das die Musiker aus Gesprächsfetzen um sich herum herausgefiltert haben.

 

Die Kunst von Shortparis ist für die Regierung sehr schwierig, weil ihr Kritizismus sich aus der genialen Zusammenstellung von Bildern speist, die auf die gesellschaftliche Vorstellungskraft wirken. Gleichzeitig lässt sie sich schwer formal zensieren, weil man den Sinn des Werkes eher spürt, als dass er sich mit Worten zusammenfassen ließe. Deshalb hätte das, was die Musiker von Shortparis 2018 angeboten haben, die Antwort von kritischen Künstlern auf die staatliche Manipulation sein können, auf die Propaganda im Fernsehen und auf die Unterdrückung seitens der Sicherheitsstrukturen. Es hätte sich auch als das beste Muster dafür erweisen können, wie die Strategie des Widerstandes gegen den wachsenden Autoritarismus Putins konstruiert wird.

 

Doch das Beispiel Shortparis beweist eher etwas Gegenteiliges, nämlich die Fähigkeit zum schnellen und erfolgreichen Strategiewechsel bei der Neutralisierung ähnlicher Phänomene durch das Regime im Kreml. So wurde die Band zu Beginn des Jahres 2019 nach ihrem Erfolg im Internet in die sehr beliebte abendliche Talkshow Wetschernij Urgant eingeladen. Die Musiker spielten dort live ihren Song Schrecklich. Verfolgt man die Reaktionen der Fans, bekommt man den Eindruck, dass wir Zeugen des Durchbruchs eines kritischen Undergrounds in den Mainstream des föderalen Fernsehens waren, und der Moderator, Ivan Urgant, mit seiner Einladung an Shortparis wahren Mut gezeigt hat. Doch verfolgt man aufmerksam den Auftritt und seine Choreografie, stellt sich heraus, dass wir uns irren. Im Finale des Auftrittes, als der Sänger mit dramatischer Stimme die Phrase „Und deshalb ist es schrecklich!“ wiederholt, kommen junge Statisten an den Bühnenrand, die dem Frontman täuschend ähnlich sehen. Kahlköpfig, in Leuchtwesten gekleidet bewegen sie sich gleichmäßig und mit entsetzlichen Gesichtern wiederholen sie „schrecklich“. Dieser kleine choreografische Kniff ändert die Bedeutung des Songs vollkommen. Für Millionen von Zuschauern – allein der Kanal der Sendung auf Youtube hat fast zwei Millionen Abonnenten und anderthalb Millionen Klicks – wird Schrecklich zum Warn-Song vor dem Chaos der Gelbwestenproteste. Der kritische Song über Russland entspricht in Urgants Sendung vollkommen dem Kreml-Narrativ vom sterbenden Westen, und Millionen russische Fernsehzuschauer von Kaliningrad bis Wladiwostok lesen den Auftritt von Shortparis als eine Paraphrase von Putins Warnung „Wollt ihr, dass es hier wie in Paris ist?!“

 

Russlands Regime, das um die Erfahrung der Farbrevolutionen klüger ist, arbeitet unaufhörlich an einem Arsenal an Mitteln, die es ihm ermöglichen, Protesttendenzen in der Gesellschaft aufzuhalten. Im Verhältnis zu den kritischen Künstlern, die das Potenzial für eine Mobilisierung der Protestierenden besitzen, ist dieses Arsenal imponierend. Außer mit dem direkten Repressionsapparat geht es gegen Widerspenstige vor, indem es sie in das Klientelismus-System hineinzieht, mit ganz normaler Korruption oder mit der Konzessionierung künstlicher Proteste. Die subtilste Auseinandersetzung aber findet im Bereich der Symbolik statt. Hier, wie im Falle von Shortparis, zeigte der Kreml, dass er über das Potenzial verfügt, den Kontext eines Werkes neu zu definieren. Wie in einem magischen Märchen wird weiß zu schwarz, der Feind zum Verbündeten, der Täter zum Erlöser, und ein Tadel zum Lob auf die Wirklichkeit.

Wenn es unter diesen Bedinungen in Russland zu einer Revolution kommt, wird dies keine singende Revolution sein.

 

Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Miller

 

Der Text erschien zuerst in der Zeitschrift New Eastern Europe Nr. 5/2019

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Wojciech Siegień

Wojciech Siegień ist Ethnologe und Psychologe; er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Danzig und befasst sich seit Jahren mit kulturanthropologischen Kontexten in Osteuropa.

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