Die positive Erinnerung an die DDR

Über die nicht mehr existierende Deutsche Demokratische Republik (DDR) gibt es im wiedervereinigten Deutschland mehr als ein Narrativ. Die offizielle Geschichtsversion über die DDR, deren Gedankengang unter anderem von der Ausstellung des DDR-Museums in Berlin dargestellt wird, zeigt das dunkle Bild der Unterdrückung durch den totalitären Staat. Einen anderen, ergänzenden Blick auf die Vergangenheit geben Erzählungen von Personen mit positiven Erinnerungen an das nicht mehr existierende sozialistische System und an die Jugendzeit, die sie dort erlebt haben. Um ihre Erinnerungen vor der Vergänglichkeit zu bewahren, versuchen sie, das zu retten, was von der ehemaligen DDR noch geblieben ist.

 

Ich beginne meine Reise in Berlin, wo ich mit der Touristenmasse in der Schlange zum berühmten DDR-Museum stehe. Das Museum über den nicht mehr existierenden Staat wurde 2006 eröffnet, befindet sich am Spreeufer und gehört zu den Attraktionen der deutschen Hauptstadt. Es wird jährlich von hunderttausenden Touristen besucht. Die schaue ich mir in der Schlange zur Kasse an und sehe, wie sehr sie sich voneinander unerscheiden. Neben britischen Teenagern stehen Touristen aus Asien, hinter ihnen ein französisches Paar mittleren Alters, am Ende der Schlange zwei ältere Polinnen. An Deutschen fehlt es auch nicht.

 

Geschichte zum Anfassen

 

Die Ausstellung im Berliner DDR-Museum ist – so die Macher – an alle gerichtet. Deshalb macht sie es möglich, Geschichte durch Anfassen zu erfahren, so kann der Besucher das Leben in dem nicht mehr existierenden Staat kennenlernen. Beispielsweise kann man sich in einen Trabant setzen und damit durch die Straßen inmitten sozialistischer Plattenbauten fahren. Das ist der größte Hit des Museums. In Zeiten der sozialen Medien kann wohl kaum jemand widerstehen, ein Selfie mit diesem Symbol von sich zu machen.

 

Die direkte Erfahrung des totalitären Systems bieten auch Fernsehprogramme, die in alten Fernsehgeräten gezeigt werden, darunter einzelne Folgen der DEFA-Produktion Der Augenzeuge. Es fehlt auch nicht an DDR-Presse, wie zum Beispiel das beliebte Frauenmagazin Sibylle. Geschichte zum Anfassen bieten vor allem die Räume, in denen die Besucher die Atmosphäre der Inneneinrichtung in DDR-Plattenbauten und öffentlichen Institutionen spüren können. Unter letztgenannten ist auch ein Kindergarten mit vielsagender totalitärer Ausstattung. Scheinbar fröhlich, aber doch traurig und bedrückend.

 

Auch Produkte aus DDR-Geschäften tragen dazu bei, Geschichte durch Anfassen kennenzulernen. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Verpackungen von Lebensmitteln aus der Kette Konsum, aber auch um Devisenprodukte aus dem Intershop. Hier konnten Parteifunktionäre luxuriöse Westprodukte, vor allem Zigaretten und Alkohol erwerben, aber auch hochklassige DDR-Produkte, die der sozialistische Staat in den Westen exportierte, um sie dann wieder zu importieren. Auf diese Weise war der Westen mit dem Osten verbunden, worauf die Museumsaufschriften hinweisen. Auch in der für die Welt verschlossenen DDR.

 

Provokation durch Fragen

 

In dem Museumsführer, den ich mir am Eingang gekauft habe, steht, die Methode der direkten Erfahrung von Geschichte beziehe sich nicht nur auf die Interaktion, sondern sei auch richtungsweisend. Deshalb sei es, wie ich weiterlese, nicht das Ziel des Museums, eindeutige Antworten zu geben, sondern eher die Besucher mit Fragen zu provozieren, wie sie sich verhalten hätten, wenn sie in einem Staat gelebt hätten mit ständiger Propaganda, im Schatten des Zwanges und des Gehorsams. Ob sie getan hätten, was sich gehört?

 

Das sind schwierige Fragen, insbesondere für Menschen, die nie die Erfahrung gemacht haben, dass ihre Freiheit beschnitten wird oder die nie in einem geschlossenen sozialistischen Staat gelebt haben. Ich gehe davon aus, dass die meisten Besucher solche Erfahrungen nicht gemacht haben. Deshalb können ihre Antworten selbst nach intensiver Beschäftigung mit allen Elementen der Ausstellung nur hypothetisch sein. Das heißt, dass das Risiko besteht, Fehler zu machen. Ähnlich denken wahrscheinlich die Museumsmacher, die es den Besuchern lediglich ermöglichen, verbreitete Vorstellungen über die DDR zu erforschen und die Reaktionen von Menschen, die in totalitären Systemen leben, zu verstehen.

 

Auf dieser Grundlage zeigt das Museum die Geschichte des Regimes durch das Prisma dessen, wie das kommunistische System das Leben des Einzelnen und der ganzen Gesellschaft beeinflusst hat. Bereits im ersten Raum bekommt man den Eindruck, dass das Narrativ um eine Chronologie gebaut ist, die die politische Entwicklung in der DDR darstellt, welche schließlich zu ihrem Untergang und der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten im Jahr 1990 geführt hat. Der Rundgang ist tatsächlich ein Weg von der Unterdrückung bis zur Freiheit. Am Ende weiß der Besucher selbst, auf welcher Seite die Macht ist.

 

Bei dieser Entscheidung helfen ihm unter anderem Exponate wie das geschützte Trägerfrequenz-Telefoniesystem der Marke WTsch, das Honecker und Breschnew für ihre Kommunikation benutzten. Hier kann man auch einen Ausschnitt aus den Gesprächen der damaligen Staatschefs hören. Es handelt sich um eine Originalaufnahme, die einen Vorgeschmack auf den geopolitischen Kontext für das Funktionieren der DDR gibt, das natürlich der direkten Kontrolle durch Moskau unterstand. In Verbindung mit den Informationen, die das Museum über die Überwachung der Bevölkerung durch die Staatssicherheit liefert, kann der Besucher beim Anhören dieser Aufnahme eine Gänsehaut bekommen. Hilft das aber, die allgemeine Wahrnehmung der DDR zu verstehen, wie es sich die Museumsmacher vorstellen?

 

Zweifelsohne sind viele Ausstellungselemente lehrreich und wichtig, dennoch habe ich das Gefühl, dass, um die Erinnerung an die DDR richtig kennenlernen zu können, hier etwas fehlt. Mit dieser Erfahrung verlasse ich Berlin, um andere Ausstellungen zu besuchen, die das Leben in dem nicht existenten Staat zeigen. Ich habe sie dank der Facebook-Gruppe „DDR – kennst Du das noch …“ gefunden. Administrator ist Conny Kaden, Gründer des DDR-Museums im sächsischen Pirna.

 

Pirna

 

Der Zug fährt im Bahnhof von Pirna ein. Die Kleinstadt lieg 30 Kilometer südöstlich von Dresden. Wie zuvor abgesprochen, kommt Conny mit einem alten Lada, der eine mobile Werbung für das Museum ist. Das Auto ist eines von vielen Exponaten, mit denen er die materiellen Leistungen der nicht mehr existierenden DDR zeigen will.

 

Dass solche Objekte nach 1990 aus dem öffentlichen Raum verschwanden, war für Conny der Hauptgrund, das Museum zu eröffnen. Die unter einer Überdachung geparkten Wagen werden hier wirklich gut konserviert. Sie sind stumme Zeitzeugen. Was sich vom Palast der Republik nicht sagen lässt, denn dieser wurde geschlossen, nachdem in seinen Wänden Asbest nachgewiesen wurde. Die Erinnerung an dieses Symbol des DDR-Staates besteht heute lediglich aus Fotos und alten Miniaturen. In einer Glasvitrine können die Museumsgäste sie betrachten.

 

DDR Museum Pirna, Foto: Iwona Reichardt

 

Der etwa fünfzigjährige Conny hatte das DDR-Museum 2002 gegründet. Heute besitzt die von ihm gegründete Institution eine der größten Sammlungen von DDR-Gegenständen in Deutschland. Neugierig gemacht von der Initiative, eine private Sammlung von diesem Umfang zu gründen, frage ich ihn, wie er auf die Idee kam.

 

In seiner Jugend hatte Conny wie die Mehrheit der Männer in seinem Alter, zunächst seinen Wehrdienst bei der Armee der DDR absolviert. Seine Arbeit in einem Uran-Betrieb, die er nach dem Wehrdienst bekam, verlor er kurz nach der Wiedervereinigung. Dann erhielt er eine Stelle als Fahrer in einer lokalen Speditionsfirma und sah bei seiner Arbeit, wie viele Gegenstände von dem nicht mehr existierenden Staat noch in den Häusern und Wohnungen der hiesigen Bevölkerung geblieben waren. Und so kam ihm der Gedanke, ein eigenes Museum zu errichten. Diesen Gedanken realisierte er bald darauf.

 

Conny wandte sich an die Behörden von Pirna, das damals von der CDU regiert wurde, mit der Bitte um Hilfe. Die Stadt war nicht bereit zu helfen, weshalb Conny die erste Mini-Ausstellung in seiner Wohnung eröffnete. Überraschend bot ihm die Wohnungsbesitzerin daraufhin einen größeren Raum ohne zusätzliche Bezahlung an.

 

Dieser neue Raum reichte Conny für Ausstellung bis 2005, als die Zahl der Exponate die Größe der Wohnung sprengte. Damals zog die Ausstellung in eine Scheune mit 200 Quadratmetern, unweit von dem heutigen Museum. Nach einiger Zeit aber wurde auch der Platz in der Scheune zu klein, denn die Menschen aus der Umgebung brachten immer mehr Exponate. Zur Hilfe kam die Bundeswehr, die dem Museum ihre Baracken zur Verfügung stellte, in denen sich bis heute die Ausstellung und das Magazin befinden.

 

Wir haben unser Land geliebt

 

Das Museum in Pirna wird jährlich von 25.000 bis 35.000 Menschen besucht. Sie kommen aus ganz Europa. Aus Holland, aus den skandinavischen Ländern, aus Großbritannien, aus Russland und aus dem nahe gelegenen Tschechien. Die meisten Besucher sind jedoch Deutsche. Laut Conny ist es inzwischen schwierig geworden zu erkennen, ob sie Einwohner der neuen Bundesländer sind, die die DDR kannten, oder Menschen aus westlichen Bundesländern, für die die DDR ein fremder Staat war. An letztere richtet das Museum seine Botschaft, die folgendermaßen lautet: Unser Leben in der DDR war nicht so grau und traurig, wie es euch scheint. Wir hatten auch eine glückliche Kindheit und haben unser Land geliebt.

 

Conny konzentriert seine Ausstellung mit dem positiven Bild der DDR, das er abbildet, auf die siebziger und achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. In den einzelnen Räumen werden DDR-Industriedesign, gut ausgestattete Geschäfte, volle Kaffeehäuser und stillvoll eingerichtete Wohnungen gezeigt. Darin unterscheidet sich die Ausstellung in Pirna von der in dem Berliner Museum, das eher die Ästhetik der fünfziger und sechziger Jahre zeigt. In die positive Erzählung über die DDR hat Conny auch sein eigenes Leben eingeflochten. Unter den Exponaten befinden sich sein Wehrdienst-Ausweis und seine Uniform, die im Soldatenzimmer hängt. Der erste Raum des Museums erzählt eine Familiengeschichte. Hier wurde die Polizeistation rekonstruiert, in der sein Bruder gearbeitet hat.

 

Der interessanteste Teil der Ausstellung befindet sich in einem Raum, der den Arbeiten von Hartmut Schorsch gewidmet ist, einem Fotografen der politischen Eliten und der Künstlerwelt in der DDR. Er ist berühmt für die Fotos von Honeckers Ehefrau, aber er hat auch den Aufbauprozess großer infrastruktureller Export-Projekte der DDR dokumentiert, darunter die Erdgasleitung im fernen Sibirien. Im Jahr 2010 übergab der Fotograf seine Arbeiten zusammen mit seiner Fotografenausrüstung dem Museum in Pirna. Damit bewahrte er sie vor der Zerstörung, die er selbst bereits nach der Wiedervereinigung Deutschlands hatte vornehmen wollen.

 

Ich verlasse Pirna mit dem Gefühl, die Intentionen derer, die die positive Erinnerung an die DDR erhalten und anderen vermitteln wollen, ein bisschen besser zu verstehen. In vielen Fällen ist die Erinnerung in privater Abgeschiedenheit in Wohnungen und Häusern verborgen. Dort werden Bücher, Schallplatten, Feiertagsdekorationen und Gebrauchsgegenstände sorgfältig aufbewahrt. Das sind kleine häusliche DDR-Museen. In Pirna zeigt Conny sie einem breiteren Publikum. Das alles tut er, um den nachkommenden Generationen positive Aspekte des DDR-Lebens zu vermitteln. Seiner Meinung nach waren die Menschen in diesem Staat ebenfalls glücklich. Und diese Erfahrung teilt er jetzt seinen Gästen mit. Was aber in einem Jahrzehnt aus seinem Museum wird, kann Conny nicht sagen. Derzeit arbeiten hier drei Personen, aber es gibt niemanden, der die Leitung übernehmen wollen würde.

 

Magdeburg

 

Meine nächste Station ist Magdeburg. In einer Seitenstraße am Rande der Stadt befindet sich ein kleines DDR-Museum. Wolfgang, der Macher, begrüßt mich vor dem Haus, das er von seinem 2005 verstorbenen Großvater geerbt hat, und in dessen Keller er wahre Schätze der frühen DDR gefunden hat. Dort waren alte Konserven gelagert, elektrische Haushaltsgeräte und verschiedenste Gebrauchsgegenstände. Allein die enorme Anzahl schrie regelrecht danach, eine Sammlung anzulegen. Und sobald sich die Nachricht darüber, dass Wolfgang ein Museum aufbauen würde, unter den Nachbarn verbreitetet hatte, brachten die Menschen in Scharen das, was in ihren eigenen Kämmerchen noch überdauert hatte.

 

Conny aus Pirna trug auch seinen Teil dazu bei. Per Kurier schicke er ein paar Exponate. Daran ist nichts seltsames. Wolfgang erklärt, dass Leute wie er zusammenhalten. Sie vervollständigen und sie tauschen, um das beste Bild von der von ihnen geliebten DDR zu rekonstruieren. Sie wollen alles einfangen, was noch einzufangen ist, und vor dem endgültigen Vergessen bewahren. Wolfgang kauft seine Exponate auch im Inernet, aber hier müsse man, so sagt er, aufpassen. Vor allem auf Ebay, wo es viel Betrug gebe.

 

Der Rundgang beginnt in einer Gartenlaube und einem von seinem Großvater erbauten Gärtnerhäuschen. In der Gartenlaube sind beliebte Erholungsformen der DDR-Bürger dargestellt. Hier kann man auch die Geschichte durch Anfassen kennenlernen, denn in der Mitte des Raumes steht ein typisches DDR-Zelt und daneben eine rekonstruierte Mini-Eisdiele. Die Wand wird von der Staatsflagge und einem Foto von Honecker geschmückt. Über alle Objekte spricht Wolfgang nostalgisch und voller Rührung. Die nächste Etappe ist das Gärtnerhäuschen, in dem bis heute ungeöffnete Tütchen mit Samen für Gemüse und Blumen liegen, Dünger, Brennspiritus und Werkzeuge. Mit einem Wort, alles was die Kleingärtner und Hobbyhandwerker in der DDR brauchten. Von letzteren gab es viele. Wolfgangs Großvater war auch handwerklich begabt.

 

Am Ende des Rundganges gehen wir ins Haus, wo die Anwesenheit des einstigen Eigentümers noch immer zu spüren ist. Seine Bilder schmücken die Wände im Flur und entlang der Treppe, auf der wir nach oben gehen, in den eigentlichen Museumsteil. Hier befindet sich in der ersten Etage ein Mini-Lebensmittelgeschäft mit Produkten, oder eher ihren Verpackungen, die aus der inzwischen schon 30 Jahre nicht mehr existierenden DDR stammen. Wolfgang gesteht, dass dies sein Lieblingsplatz im Haus ist.

 

Beim Besuch des Geschäftes hört man DDR-Musik, so dass man sich mit fast allen Sinnen in die frühere Zeit versetzen kann. Die Musik verklingt langsam, als wir auf der steilen Treppe weiter nach oben in die letzte Etage steigen. Ähnlich wie in Pirna ist auch hier das Leben des Sammlers in den Gegenständen zu sehen. Als gelernter Elektriker hätte Wolfgang kein Museum ohne einen Saal für technische Anlagen aufbauen können. Die von ihm zusammengetragenen Fernsehgeräte zeigen nicht nur den technischen Fortschritt des sozialistischen Staates, sondern erinnern auch an die Popkultur der vergangenen Epoche. Eines der Geräte zeigt laufend DDR-Programme und im Hintergrund spielt ein Rekorder Musik, die damals beliebt war.

 

Glückliche Kindheit

 

Nach der Wiedervereinigung hatte Wolfgang, der noch in der DDR Mitglied der Freien Deutschen Jugend gewesen war, nichts weggeworfen, was ihn an seine – so sagt er – glückliche Kindheit erinnerte. Das Sammeln ist ein Merkmal für die Gesellschaften, die auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs leben mussten.

 

In seiner Sammlung fehlen Wolfgang nur noch wenige Exponate. Das sind Kleinigkeiten wie beispielsweise manche Geschmacksrichtungen von Pulvermilch oder hausgemachtem Eis, die er gern haben würde. Er sucht nach ihnen, verfolgt unaufhörlich Auktionen im Internet, wo die Preise mancher Produkte in kosmische Höhen steigen.

 

Die Sammlung in dem Magdeburger Museum ist viel kleiner als Connys Sammlung in Pirna, aber dennoch sind es mehrere Tausend Exemplare. Seit der Eröffnung ist Wolfgangs Museum von etwa viertausend Menschen besucht worden. Darunter waren Gruppen, unter anderem auch Demenzkranke. Der Museumsbesuch war Teil ihrer Therapie, die ihnen dabei half, positive Erinnerungen aus ihrer Vergangenheit hervorzuholen. Es kommen auch Besucher aus anderen Ländern: Schweizer, Österreicher und andere. Für alle ist der Museumsbesuch kostenlos, worüber ein Schild an der Tür informiert.

 

Trotzdem klagt Wolfgang über das Finanzamt, das ihn seit Jahren plagt, weil es nicht glauben will, dass das Museum keine Einnahmen hat. Erst nach einer Publikation in der Lokalpresse sei er die Beamten losgeworden, die ihn gepiesackt hatten. Ohne sie im Nacken blickt Wolfgang schließlich optimistisch in die Zukunft und plant, seine Sammlung anderen Institutionen zu überschreiben. Er hat schon von einer gehört, die plane, in seiner Stadt ein größeres DDR-Museum zu errichten.

 

Die Berliner Mauer fiel 1989. Im Jahr 1990 hörte der Staat DDR auf zu existieren und seine ehemaligen Bürger mussten das Leben neu lernen. Sie wurden auch mit der dunklen Seite der Vergangenheit konfrontiert, als sie von den ihnen oft unbekannten Unterdrückungs- und Kontrollmaßnahmen erfuhren. Für manche waren diese Informationen regelrecht tödlich. In den neuen Bundesländern kam es zu vielen Selbstmorden.

 

Viele ehemalige DDR-Bürger entschieden sich für den Wohlstand des Westens und gaben ihre Vergangenheit und die DDR-Identität auf. Manche aber sind hier geblieben und bewahren die Erinnerung. Obwohl sie wissen, dass ihre Kindheit und Jugend in einen weniger schönen Zeitraum stattgefunden hat, als es ihnen einst schien, hält sie das nicht davon ab, die DDR in ihrer Erinnerung zu lieben.

 

Die Sammlungen in Pirna und Magdeburg und auch in anderen ehemaligen DDR-Städten sind ihre persönlichen Geschichten, das ist ihre materielle Erinnerung an die ehemalige DDR. Als ich den Machern der Museen lauschte, verstand ich, dass es hier um mehr geht. Das zwanghafte Sammeln von allem, was noch übrig geblieben ist, ermöglicht diesen Menschen in Wirklichkeit, den Wert ihres Lebens zu retten. Damit zeigen sie der Welt, dass sie es nicht hinnehmen, dass ihr Leben in der Bedeutungslosigkeit verschwindet.

 

 

Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Miller

 

Die Autorin dankt Dagmar Kriebel für ihre Unterstützung bei den Übersetzungen der in den Museen geführten Gespräche. Die Recherchen für diesen Text konnten dank des Journalistenstipendiums der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit erfolgen.

 

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Iwona Reichardt

Iwona Reichardt ist stellvertretende Redakteurin der Zeitschrift New Eastern Europe und Universitätsdozentin. Zu ihren Kernthemen zählt die internationale Politik. Seit vielen Jahren engagiert sie sich für Frauenrechte.

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