Film und europäische Realitäten

Nicht zu jeder Zeit tritt ein Festival derart in einen Dialog mit der Gegenwart, wie es beim diesjährigen „goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films“ in Wiesbaden geschah, das vom 8. bis 11. Mai stattfand. Möglich war das nur, weil die künstlerische Leiterin des Festivals, Heleen Gerritsen, sich entschied, die 20. Ausgabe des Festivals trotz Corona nicht abzusagen, sondern es stattdessen in den digitalen Raum zu verlegen. Von den geplanten 107 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen konnte zwar nur ein Teil auf diese Weise gezeigt werden, dennoch ist es dem Festival gelungen, seinem selbstgestellten Auftrag nachzukommen, ein Brückenbauer zwischen Ost und West zu sein.

Für das Publikum gab es gegen ein geringes Entgelt ein gut zusammengestelltes Video on Demand Angebot, das auch mit Panels und Werkstattgesprächen mit Regisseuren sowie der Ausstellung „Memes on Slawistan“ ergänzt und online zu besuchen war. Für das Fachpublikum wurde ein zusätzliches Videoangebot über einen geschützten Kanal bereitgestellt, in dem u.a. alle Wettbewerbsfilme zu sehen waren. Insgesamt ist es Heleen Gerritsen und ihrem Team damit gelungen, das Festival zu feiern, denn: „Absagen gilt nicht!“, wie sie es im Vorfeld stolz verkündeten.

Aus dem breiten Angebot stach auch ein politischer Anspruch hervor, der in der Rubrik „Europa Europa“ untergebracht war. Hierin sollten Entwicklungen auf europäischer Ebene in den Blick genommen werden, die ja auch goEast mitgeprägt hatten. Nur drei Jahre nach der Festivalgründung 2001 wurde die Europäische Union um zehn Staaten aus Mittel- und Osteuropa erweitert, darunter Polen, Tschechien und Lettland. Zu seiner 20. Jubiläumsausgabe und noch dazu rund um die Gedenkveranstaltungen zum 75. Jahrestag des Kriegsendes, spürte goEast dem europäischen Kino vor diesem Hintergrund nach. In sechs Filmen sollten dabei europäische Erfahrungen aus Ost und West reflektiert und die europäische Einheit gefeiert werden. Die Narrative, die es dabei aufspürte, traten in einen aufschlussreichen Dialog mit der Realität.

Liebesgeschichten aus dem Ghetto

Da war zunächst der polnische Beitrag „Marek Edelman… und es gab Liebe im Ghetto“ von Jolanta Dylewska, der in einer Stadt spielt, die im 20. Jahrhundert durch eine Mauer geteilt ist: Warschau während des Zweiten Weltkriegs. Der spätere Kardiologe Marek Edelman (1919–2009) war einer der Anführer und letzten Überlebenden des Aufstandes im Warschauer Ghetto (1943), in das die Nationalsozialisten Juden deportierten und vom dortigen „Umschlagplatz“ systematisch in Vernichtungslager abtransportierten. Der Zeitzeuge erinnert sich in dem Film allerdings nur widerwillig dieser Momente im Ghetto, der er als junger Mitarbeiter im Krankenhaus beiwohnte. Stattdessen reiht er eine Geschichte an die nächste, in denen er die wenigen Situationen schildert, die den Menschen im Ghetto Geborgenheit und Sicherheit gaben: Augenblicke von Liebe und Hingabe, auch wenn alle Geschichten, an die er sich in seiner Erzählung erinnert, mit dem Tod der Liebenden enden.

Marek Edelman... Und da war Liebe im Ghetto / Marek Edelman… And there was Love in the Ghetto / Marek Edelman… I była miłość w Getcie / Polen, Deutschland 2019 / Regie: Jolanta Dylewska, Andrzej Wajda

Marek Edelman… Und da war Liebe im Ghetto (Jolanta Dylewska, Andrzej Wajda) © Pallas Film & Otter Films

Jolanta Dylewska führte kurz vor Edelmans Tod ein langes Gespräch mit ihm und schuf daraus gemeinsam mit Agnieszka Holland sowie dem ebenfalls verstorbenen Altmeister Andrzej Wajda einen einfühlsamen Film. Die Erzählungen Edelmans werden durch schauspielerische Sequenzen ergänzt und mit Archivaufnahmen in ihren historischen Kontext gesetzt. Alle Aufnahmen – ob archivalisch oder inszeniert – entstanden in dem Teil von Warschau, wo sich einst das Ghetto befand. Im Film scheint es, als würden die Stadt und ihre Geschichte selbst sprechen. Gerade vor dem 75. Jahrestag des Kriegsendes und den Debatten, die rund um die Bewertung dieses Ereignisses geführt wurden, gibt dieser Film als hybride Form zwischen Dokumentation und Spielfilm eine der immer seltener werdenden Möglichkeiten, den Zeitzeugen Gehör zu verschaffen. Ihr Zeugnis lässt die Geschehnisse lebendig werden, die das Verhältnis v.a. auch zwischen Deutschland und Polen und den Ländern Mittel- und Osteuropas anhaltend prägen.

Schattenseiten der Arbeitsmigration

Daneben wurden in den Filmen in der Kategorie „Europa Europa“ auch weitere gegenwärtige Herausforderungen unseres gemeinsamen Wirtschaftsraums wie die Freizügigkeit und Arbeitsmigration innerhalb der EU thematisiert. In „Oleg“ von dem lettischen Regisseur Juris Kursietis steht der Protagonist Oleg (Valentin Novopolskij) im Fokus, der zur russischen Minderheit in Lettland gehört und mit einer Arbeitserlaubnis für eine Fleischerei nach Brüssel fährt. Hier unterstellt ihm ein Kollege, er hätte einen Fleischereiunfall verursacht, bei dem ein Mitarbeiter seine Finger verlor.  Obwohl er unschuldig ist, verliert er so bereits kurz nach der Ankunft die Stelle. Da er dringend Geld für seine Familie verdienen muss, lässt er sich auf illegale Jobangebote des jungen Polen Andrzej ein. In der polnischen Community, in der er sich nun bewegt, wird er jedoch ausgenutzt und es entwickelt sich ein Drama um den schrittweisen Verlust von Souveränität, dem Oleg nur schwer entkommen kann. Das wohlhabende Brüssel, die Hauptstadt Europas, verkommt darin zu einer Kulisse – entzaubert von Hoffnungen und Versprechungen.

Der Regisseur Juris Kursietis arbeitete als Journalist, bevor er sich dem Film widmete. So ist es nicht verwunderlich, dass auch sein zweiter Spielfilm „Oleg“ teilweise wie eine fiktive Dokumentation wirkt. Den Anstoß zur Geschichte hatte er 2013 beim Lesen eines Zeitungsartikels über einen ähnlichen Fall wie Olegs. Das Thema ließ ihn daraufhin nicht mehr los und er machte sich für eine Recherchereise nach Brüssel auf. Dabei kam er zufällig mit einer Fleischfabrik in Kontakt, in der zehn Letten arbeiteten. Von ihnen erfuhr er mehr über die katastrophalen Bedingungen ihres Arbeitsverhältnisses – angefangen bei den Arbeitszeiten bis hin zu den niedrigen Löhnen und den kaum bestehenden Arbeitsrechten.

Es ist ein Zufall, dass dieses Thema ausgerechnet zum Ende des Festivals wegen der massenhaften Corona-Ansteckungen in deutschen Fleischereien eine längst überfällige mediale Aufmerksamkeit in Deutschland erhielt. Die Arbeitsbedingungen (meist osteuropäischer) Leiharbeiter grenzen an Sklaverei inmitten von Europa, und die Relevanz der Festivalfilme wurde auch in diesem Punkt bewiesen. Speziell Kursietis Film erschien aufgrund der immer noch herrschenden Umstände hochaktuell, auch wenn er bereits 2019 in Cannes seine Weltpremiere feierte.

Sprache als Grenze

Hier wurde bereits 2017 „Western“ von Valeska Grisebach gezeigt. Auch dieser Film fand Einzug in das kuratierte goEast-Format „Europa Europa“ und dreht die geografische Richtung der Arbeitsmigration um: In „Western“ fährt eine Gruppe deutscher Bauarbeiter nach Bulgarien, um dort ein Wasserkraftwerk zu bauen – ein EU-Infrastrukturprojekt, von dem als einziges die Bewohner des nahegelegenen Dorfes nicht Bescheid wussten. Und gegenüber genau denen haben die Deutschen nichts als Spott übrig. Auf dem Grundstück mit einigen Bungalows, die sie auf einem Berg in der Nähe der Baustelle bewohnen, hissen sie zur Begrüßung erst einmal eine deutsche Fahne. Konflikte mit den einheimischen Bewohnern sind vorprogrammiert.

Nur der neue aus der Gruppe, Meinhard (Meinhard Neumann), der von seinen Kollegen zu einem Außenseiter stilisiert wird, versucht von Anfang an, Nähe zum Dorf aufzubauen und ihre Sprache zu lernen. Er sucht hier, was er zwischen seinen Kollegen nicht findet und zuhause verloren hat: Gemeinschaft und Verbundenheit. Auch wenn er das Vertrauen des Dorfes Stück für Stück gewinnen kann, muss auch er am Ende feststellen, dass er als Fremder gilt, den man verantwortlich macht, wenn es im eigenen Leben nicht so läuft wie vorgesehen.

Western / Deutschland, Bulgarien, Österreich 2017 / Regie: Valeska Grisebach

Western (Valeska Grisebach) © Komplizen Film

Kommt einem das nicht bekannt vor? Das grenzenlose Arbeiten birgt immer wieder Hoffnungen und Enttäuschungen. Dabei wird aber auch in allen Filmen deutlich, dass die Kommunikation der Schlüssel zur Gemeinschaft ist. Während Meinhard in „Western“ sich die Sprache teilweise aneignet, bleiben die anderen Deutschen auf den Dolmetscher angewiesen. Nur Meinhard gelingt eine Annäherung durch sein Bemühen zum Austausch. In „Oleg“ hingegen kann gar keine Kommunikation stattfinden und das Fehlen dieser Basis macht es möglich, dass dem Protagonisten Fallen von seinem Umfeld gestellt werden und er ausgenutzt wird.

Skokan / Tschechische Republik, Frankreich 2017 / Regie: Peter Václav

Skokan (Peter Václav)

Noch stärker wird die fehlende Sprache in dem tschechischen Film „Skokan“ deutlich. Wie bereits „Western“ ist auch „Skokan“ (Petr Václav) eine Produktion mit Laienschauspielern. Darin wird ein junger tschechischer Roma mit dem Namen Skokan (Julius Oračko) begleitet, der wegen Drogenschmuggel im Gefängnis saß und frisch entlassen wurde. Um nicht wieder in dasselbe Milieu abzurutschen, gleichzeitig auf der Suche nach seiner Geliebten, die irgendwo in Europa als Prostituierte arbeitet, sucht er im westlichen Europa eine neue Zukunft. Er hatte im Fernsehen einen Bericht über das Filmfestival von Cannes gesehen, das sich als Sehnsuchtsort in seine Vorstellung eingegraben hat und das Ziel seiner Reise ist. Er schlägt sich dahin durch und verdient sein Brot scheinbar nur mit einem einzigen Liebeslied, das er immer auf den Plätzen Europas in sein Mikro mit dem angeschlossenen kleinen Verstärker singt.

Der europäische Filmmarkt als Chance

Man hat den Eindruck, dass es der Festivalleitung mit der Europa-Sektion durchaus gelungen ist, gegenwärtige und reale Probleme des gewachsenen Europas in der Filmauswahl widerzuspiegeln. Ein Dialog über das, was Europa für die Filmschaffenden, aber auch für die Länder Mittel- uns Osteuropas bedeutet, wurde auch in dem Online-Panel „What would we do without Europe?” angestrebt. Hieran nahmen auch der lettische Regisseur Juris Kursietis und der Produzent von „Skokan“, Jan Macola, sowie die slowakische Regisseurin Barbora Berezňáková teil. Auf das, was Europa für die Filmbranche in ihren Ländern und für sie persönlich bedeutet, fanden sie viele positive Antworten. Da ist zum einen der große Teil der finanziellen Förderung, die gerade für die jungen Demokratien Mittel- und Osteuropas mit teilweise wenig nationaler Filmförderung wichtig ist. Außerdem wurde der durch die EU-Mitgliedschaft weitaus größerer Absatzmarkt hervorgehoben und die europäischen Strukturen, die grenzüberschreitende Koproduktionen und den kreativen Austausch erleichtern.

Hoffnung stiftet auch, was Jan Macola betonte: Der kulturelle Austausch, der in Workshops, bei Filmfestivals etc. zwischen den europäischen Filmschaffenden stattfindet, sei mittlerweile so verwachsen und miteinander verwoben, dass Freundschaften und Bindungen nicht verschwinden würden, selbst wenn das politische Gebilde sich wieder verändern sollte und auch dann nicht, wenn die Grenzen wegen Corona geschlossen sind.

Hinsichtlich der in den Filmen aufgeworfenen Fragen, scheint die Filmemacher allerdings weniger umzutreiben, sich ein Leben ohne Europa im Konjunktiv vorzustellen, als vielmehr die gegenwärtigen Fragen und Probleme einzufangen, die sich in einem Leben mit diesem, unserem Europa in der Gegenwart stellen. Hierzu waren die ausgesuchten Filme ein Spiegel unserer Gegenwart, in der wir dringend Antworten für die Zukunft finden sollten, bevor die Kategorie eines Filmfestivals mit dem Namen „Europa“ zu einer Kategorie von nostalgischen Rückblenden wird.

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Ricarda Fait

Ricarda Fait ist Slawistin, Musikwissenschaftlerin und Redakteurin bei DIALOG FORUM.

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