Warschau könnte die beste Stadt der Welt sein

Es ist eine verbreitete Überzeugung, Warschau hätte seine Prachtzeit vor dem Zweiten Weltkrieg erlebt, der die Stadt in Schutt und Asche legte. Die nicht mehr existierende Hauptstadt der Zweiten Polnischen Republik sei eine vom Leben pulsierende Weltmetropole, das „Paris des Ostens“, die Stadt der „Empfänge, Limousinen und Tanzabende“ gewesen. Die nach dem Krieg wiederaufgebaute Stadt, deren unrühmliches Symbol der Kulturpalast im Stil des Sozialistischen Realismus ist – ein Geschenk von Josef Stalin –, verbinden viele Polen mit kommunistischer Propaganda, mit grauen Betongebäudezügen gleich einem Geschwür in dem verlorenen, vermeintlichen Paradies.

 

So denken vor allem ältere Generationen über Warschau, die in der letzten Phase der Volksrepublik Polen groß geworden sind und vom Westen geträumt haben, dem sich Polen letztlich anschließen sollte. An den Kommunismus in Polen hat eigentlich schon in den siebziger und achtziger Jahren niemand mehr geglaubt. Und als er endlich untergegangen war, sollte Warschau eine vollkommen andere Stadt werden: voller bunter Werbung, gläserner Gebäude und eleganter Appartement-Siedlungen.

Warschau, Zentrum, Kulturpalast und moderne Hochhäuser

Der Kulturpalast prägt bis heute das Stadtbild Warschaus.

 

Aber die Jüngeren sehen Warschau anders – sie haben weniger Komplexe dem Westen gegenüber. Und Warschau selbst hat auch angefangen, sich zu verändern. Glücklicherweise hat die Stadt erst mit der Fußballeuropameisterschaft 2012 eine Modernisierung durchgemacht, sodass sie um die Welle der „Pastellitis“ (das Streichen von Fassaden mit Pastellfarben, die nicht zueinander passen), um Sanierungen von schlechter Qualität und um den Bau von Pseudobaudenkmälern, die das erste Jahrzehnt nach dem Untergang des Kommunismus charakterisierten, herumgekommen ist. Dafür wurden ihre Vorzüge genutzt: die gute öffentliche Infrastruktur, die riesigen städtischen Grünflächen und der zugängliche Fluss im Zentrum der Stadt. Also das, was die Stadt während der Volksrepublik Polen bekommen hat.

 

Der Blick auf Warschau ist natürlich auch – wie alles, was in Osteuropa mit Geschichte verbunden ist – sehr politisiert. Nach dem verlorenen Paradies sehnt sich vor allem die Rechte, die aus ideellen Beweggründen alles ablehnt, was in Polen in kommunistischen Zeiten entstanden ist. Das wiederaufgebaute Warschau ist den konservativen Herzen ein unliebsames Zeugnis für die sowjetischen Einflüsse in Polen. Ab und an kehrt die Frage, ob der Kulturpalast abgerissen werden sollte,  wie ein Bumerang in die rechten Medien zurück .

 

Während die Rechte in ihm – natürlich nicht ohne Grund – ein Symbol für die düsteren Zeiten des Stalinismus sieht, nimmt die Linke ihn eher als das wahr, was er der Stadt bietet: Kino, Theater, Museen, Hochschulen und kostenlose außerunterrichtliche Veranstaltungen. Und in Warschau sieht sie gut geplante Bezirke voller Licht und Grünanlagen, mit Zugang zu Dienstleistungen, Schulen, Arztpraxen und öffentlichem Nahverkehr. Das hat man erst richtig schätzen gelernt, als die Verantwortung für die städtebauliche Entwicklung vom wilden Transformationskapitalismus mit seinen „Luxusappartements“ übernommen wurde, in denen man nicht ohne mindestens ein Auto leben kann. Zum Glück ist es gelungen, den Bau-Boom, der aus dem polnischen Wohnungshunger resultiert, heute zumindest teilweise mit städtebaulichen Regulierungen zu bändigen.

 

Einerseits haben wir es also mit einem dämonisierenden Narrativ des Wiederaufbaus von Warschau zu tun, andererseits mit seiner Idealisierung. In dieser Diskussion geht es nicht nur um die Gestalt der polnischen Hauptstadt, sondern auch um Identität, um die Vision von gesellschaftlichen Funktionen von Städten und darum, wie die Geschichte der Region interpretiert wird. Vor kurzem hat sich Grzegorz Piątek in diese Diskussion eingeschaltet. Er ist ein junger Architekt, Kritiker und Architekturhistoriker, dessen Buch mit dem Titel Najlepsze miasto świata. Warszawa w odbudowie 1944–1949 [Die beste Stadt der Welt. Warschau während des Wiederaufbaus 1944–1949] im Verlag W.A.B. erschienen ist.

 

Piątek beginnt in seinem Buch im Jahr 1944, kurz nach der Befreiung des rechtsseitigen Ufers von Warschau (das weniger zentral, aber besser erhalten geblieben ist), als Städteplaner und Architekten damit anfingen, an Visionen zum Wiederaufbau der damals bereits brennenden Stadt zu arbeiten. Anfang 1945 wurde zu diesem Zwecke das Büro zur Organisation des Wiederaufbaus von Warschau gegründet, das spätere Büro zum Wiederaufbau der Hauptstadt (BOS), das vier Jahre lang mit seiner Arbeit dafür sorgte, dass ein wesentlicher Teil der Hauptstadt wiederaufgebaut wurde, und das die Richtung für die weitere Stadtentwicklung vorgab. Die Geschichte des BOS endet in dem Moment, da das städtebauliche Planen von der inzwischen stabilen kommunistischen Regierung übernommen wurde und der Sozialistische Realismus zum offiziell geltenden Stil in der Architektur erklärt wurde.

 

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Piątek setzt sich mit dem Mythos vom „Paris des Nordens“ auseinander und erinnert daran, dass das Warschau der Vorkriegszeit eine hässliche, chaotische und überbevölkerte Stadt war, die nicht aufgehört hatte, das zu sein, was sie gewesen war, bevor Polen 1918 seine Unabhängigkeit wiedererlangt hatte: eine russisches provinzielles Industriezentrum. Die Stadt hatte mit Armut, mit Krankheiten und mit Enge zu kämpfen: auf ein Haus kamen 95 Bewohner, während es in London nur 8, in Paris 32 und in Prag 42 waren. Das knappe Budget des jungen polnischen Staates lies es nicht zu, die Situation wesentlich zu verbessern.

 

Der Warschauer Historiker Alfred Lauterbach schrieb 1915 „Warschau gehört zu den unter ästhetischen Gesichtspunkten am stärksten vernachlässigten Städten Europas“. Deshalb machten Städteplaner bereits in den zwanziger und dreißiger Jahren auf dem Papier Entwürfe für einen grundlegenden Umbau der Stadt, der wegen des schmalen Budgets und der Zerstückelung der Eigentumsgrundstücke nicht umgesetzt wurde. Selbst der letzte Stadtpräsident der Vorkriegszeit, Stefan Starzyński, hatte den Einwohnern versprochen, dass Warschau „noch eine Abriss-Phase durchlaufen wird“.

 

Angesichts des Todes von hunderttausenden Zivilisten während des Warschauer Aufstandes klingt das nicht angenehm, aber aus städtebaulicher Sicht – so Piątek – hatte Warschau Glück, dass es zerstört und der Boden verstaatlicht wurde. An den Wiederaufbau der Stadt – eine Aufgabe, von der Architekten träumen – machten sich Dutzende Visionäre und Visionärinnen, die vernarrt waren in modernistische Ideen, welche die wiederaufgebaute Hauptstadt zu einem angenehmeren, saubereren und gerechteren Ort zum Leben machen sollten. Ein Teil – wenn auch, wie wir aus dem Buch erfahren, ein geringer – der kühnen Träume von „der besten Stadt der Welt“ konnte realisiert werden.

 

Der Autor des Buches Die beste Stadt der Welt setzt sich auch mit dem Mythos auseinander, der Wiederaufbau Warschaus sei ein Projekt gewesen, das von den Kommunisten streng kontrolliert und von außen aufgedrückt wurde. Piątek zeigt, dass unter den heute vergessenen Baumeistern Warschaus Menschen mit verschiedenen Ansichten und Affiliationen waren, und dass der sprunghafte Anstieg der Lebensqualität in der Stadt sogar von Regimekritikern wahrgenommen wurde, wie zum Beispiel dem Schriftsteller Leopold Tyrmand. Dieser schrieb in seinem Tagebuch begeistert davon, dass „1946 in Warschau fieberhaft Betten gesucht wurden, im Jahr 1947 Zimmer und im Jahr 1948 Wohnungen“. Den dynamischen Wiederaufbau Warschaus nannte er „das großartigste Phänomen der Nachkriegswelt“.

 

Piątek beschreibt auch die schwierigen Umstände der Nachkriegszeit, die oft größeren Einfluss auf die Zukunft der Stadt hatten als die harte Hand der politischen Entscheider. Darüber, welche Gebäudereste stehen gelassen und welche abgerissen wurden, entschieden statt der Beamten eher die Warschauer, die massenweise in die Hauptstadt zurückkehrten und sich hartnäckig in den Ruinen ansiedelten. Unter anderem ist es genau deshalb – zum Glück! – nicht gelungen, die Idee umzusetzen, Warschau als Ruine zu belassen, die als Denkmal für die deutschen Zerstörungen stehen sollte.

 

Der Autor von Die beste Stadt der Welt zeigt letztlich, dass die hitzigen, aber auch hoffnungsvollen Nachkriegsjahre darüber entschieden haben, wie wir die Stadt Warschau heute wahrnehmen – sowohl ihre Vor- als auch ihre Nachteile. Von den Reißbrettern des BOS haben wir die räumliche Anordnung der Hauptstadt geerbt, was sowohl Sonne als auch Grünflächen bedeutet und Frischluftschneisen (obwohl es wegen der vielen modernen Bauprojekte davon immer weniger gibt), auch die Degradierung des rechtsseitigen Ufers von Warschau, monofunktionale Stadtteile im Stile eines Business-Mordor und die wiederaufgebaute (und nachgebesserte) Altstadt, die nie wieder ihre zentrale Funktion erlangt hat.

 

In den folgenden Jahrzehnten der Volksrepublik Polen arbeiteten Architekten und Städteplaner unter immer stärkerem Zeit- und Leistungsdruck, und, je näher das Ende des Regimes rückte, auch unter den Bedingungen einer tiefen Wirtschaftskrise. Es wurden massenhaft Wohnsiedlungen produziert, während die mutigen Visionen funktioneller Plattenbauten meist nur auf dem Papier vorhanden waren, denn bei der Umsetzung wurde gespart, wo es nur ging. Doch die kurz nach dem Krieg erbauten Siedlungen in den Stadtteilen Mokotów, Młynów, Mariensztat, Nowe Miasto, Nowa Praga, Koło und Muranów erfreuen sich heute großer Beliebtheit und beweisen, dass ein Architekt mehr zum menschlichen Leben beitragen kann als Umzäunungen einer Wohnsiedlung und private Parkplätze, was in den letzten Jahrzehnten Standard geworden ist.

 

Obwohl Piąteks Blick subjektiv bleibt – der Autor heroisiert die BOS-Architekten deutlich –, ist sein Buch eine wichtige Stimme in der Debatte über die Geschichte und die Zukunft Warschaus, gerade auch nach den wichtigen Publikationen Źle urodzone [Nachteilig geboren] von Filip Springer und Betonia: dom dla każdego [Betonien: Ein Zuhause für jeden] von Beata Chomątowska sowie den Ausstellungen Betonowe dziedzictwo. Od Corbusiera do blokersów [Das Betonerbe. Von Le Corbusier bis zur Plattenbau-Jugend] im Zentrum für Zeitgenössische Kunst im Ujazdowski-Schloss und Spór o odbudowę [Der Streit um den Wiederaufbau] im Rahmen des alljährlichen Festivals Warszawa w budowie [Warschau im Bau], das dem architektonischen Entwurf gewidmet ist. Der Autor macht uns bewusst, dass Warschau unabhängig vom Krieg eine Transformation zu einer freundlichen Stadt gebraucht hat und es sich lohnt, darauf zu achten, dass die Stadt auch heute vor allem für ihre Bewohner gemacht ist, und nicht nur für das große Business.

Bis heute prägen kommunistische Bauten das Stadtbild Warschaus

In postkommunistischen Städten wie Ostberlin, Warschau, Moskau, Kiew und Bukarest kann man sich schwerer verlieben als in alte europäische Städte mit zuckersüßen Marktplätzen und engen Gassen. Aber das, was auf Ansichtskarten für Touristen funktioniert, ist oft schlecht für die Bewohner. Und die Erinnerung daran, welche Verbrechen gegen die Menschheit ein Regime verübt hat, muss keine negative Bewertung der zivilisatorischen Entwicklung nach sich ziehen, die die kommunistische Modernisierung versucht hat, in Osteuropa einzuführen.

 

Berlin hat als erste dieser Städte verstanden, dass es nie eine für seine mittelalterlichen Gebäude oder ihre Business-City berühmte Stadt werden könne, sondern stattdessen immer eklektisch bleiben wird, voller Kriegs- und Nachkriegsnarben. Seinen Charakter haben Künstler, die Gegenkultur und die unterschiedlichsten Einwohner geprägt. Heute nutzt die gentrifizierte Hauptstadt Deutschlands natürlich ihre Atmosphäre kommerziell aus, aber es ist dies keine erfundene, nachgesüßte oder verfälschte Atmosphäre.

 

Auch Warschau beginnt langsam damit, sich selbst zu akzeptieren: seine schwierige Geschichte, das nicht offensichtliche Schöne, und seinen originellen Charakter. Es war eine russische Provinzstadt, nach dem Warschauer Aufstand eine Ruine, ein multiethnischer Friedhof, die Realisierung kommunistischer Träume. Heute ist Warschau eine der europäischen Geschäftshauptstädte und das Zuhause für eine äußerst zerstrittene Gesellschaft. Es lohnt sich, aus dieser reichen Erfahrung eine Lektion für die Zukunft zu lernen.

 

Liebgewonnen hat Warschau auch die junge Generation, die sich einfach nicht an die schlimmsten Krisenmomente der Stadt erinnern kann. Und sie versteht ganz genau, dass ausländische Freunde sich in Polen eher für die „Paläste für das Volk“ (die Plattenbauten des Sozialistischen Realismus) interessieren, für die Milchbars (einstige kommunistische Speiselokale) und für die berühmten Warschauer Neonleuchten als für die in Osteuropa dicht gestreuten Eifelturm-Attrappen. Zum Glück haben auch die Regierenden polnischer Städte angefangen, dies zu verstehen. Und langsam entfernen sie sich von der Hoffnung auf den (Wiederauf)Bau eines „Paris des Ostens“ oder eines „Venedig des Nordens“.

 

Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Miller

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Kaja Puto

Kaja Puto - Publizistin und Redakteurin, spezialisiert sich auf die Themenbereiche Osteuropa und Migration. Sie schreibt u.a. für die Zeitschrift "Krytyka Polityczna" und für n-ost - The Network for Reporting on Eastern Europe.

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