„Der Völker Pfau warst du einmal und deren Papagei“

Überlegungen zur polnischen Außenpolitik

Juliusz Słowacki (1809–1849), einer der Dichter aus dem Dreigestirn der polnischen Romantik, lieferte mit seinem Gedicht „Das Grab des Agamemnon“ eine beißende Abrechnung mit Polen, seinen Niederlagen und seinen eigenen Schuldgefühlen gegenüber dem Vaterland. Aus diesem Gedicht stammt der Vers „Der Völker Pfau warst du einmal und deren Papagei“. Diese Worte waren an die szlachta, den polnischen Adel, gerichtet und schrieben ihr zu, zum einen der Pfau zu sein, der genauso schön und stolz wie schwach sei, aber eben auch der Papagei, der hier für das gedankenlose Nachreden steht. Nicht ganze zweihundert Jahre später ist die polnische Außenpolitik hin‑ und hergerissen zwischen dem messianistischen Nationalismus der Rechten und dem Internationalismus, aber auch der Nachäfferei westlicher Vorbilder, wie sie die polnischen Führungsschichten charakterisiert.

Ein Text zur polnischen Außenpolitik mit der vorstehenden Einleitung wäre gleich nach 1989 gewiss als völlig wirklichkeitsfremd aufgefasst worden. Über die Jahre machte Polen ganz den Eindruck, als hätte es sich endlich aus der Gefangenschaft seiner Geschichte, seiner Traumata und nicht aufgearbeiteten Niederlagen befreit. Dreißig Jahre nach dem Fall des Kommunismus zeigt sich jedoch, dass das wohl größtenteils eine Illusion war. Aber kann einen das wirklich überraschen? Denn was den politischen Beobachtern entgangen sein mag, wurde von den Künstlern sehr wohl erkannt.

Słowackiego „Der Völker Pfau warst du einmal und deren Papagei“

In dem Gedicht „Das Grab des Agamemnon” des polnischen Dichters Juliusz Słowacki (1809-1849) heißt es über Polen: „Der Völker Pfau warst du einmal und deren Papagei“.

Kazik Staszewski, einer der populärsten polnischen Rock‑ und Popmusiker, nahm 1991 ein allbekanntes Lied auf, das im Titel den Anfang der polnischen Nationalhymne aufnimmt („Noch ist Polen…“), das aber eher nach seinem Refrain benannt wird: „Was habt ihr Hundesöhne nur mit diesem Land gemacht“. Darin singt er zum einem vom Polen A, dem Land der schönen Dinge, aber auch der Vergötterung des Mammons; zum anderen vom Polen B, nämlich dem Land der demütigenden Armut und Perspektivlosigkeit. Trotzdem geht es in dem Lied nicht um soziale Ungleichheit, denn auf einmal fallen die Worte „der dumme Nationalstolz und jahrhundertealte Komplexe“. Wieder geht es also um Pfau und Papagei. Und wieder gibt es, wie schon bei Słowacki, diese Traurigkeit, dass die Polen, dem Anschein entgegen, keineswegs zusammenhalten.

Das alles ist umso erstaunlicher, als die polnische Politik nach 1989 doch beinahe geschlossen dafür war, das Land in Richtung auf die Mitgliedschaft in Europäischer Union und NATO zu steuern. Diese Einigkeit war jedoch von Anfang an mit einigen Elementen verbunden, die sich als zu stark erwiesen, um weiter einig bleiben zu können, nachdem erst die genannten Mitgliedschaften vollzogen waren.

Während die Liberalen sehr schnell die Kultur und Lebensweise des Westens adaptierten, unterstützte die polnische Rechte zwar die Eingliederung Polens in die europäisch-nordatlantischen Organisationen, entfernte sich jedoch mental immer weiter vom Westen. Die Gründe für diesen Tatbestand werden in Polen endlos diskutiert. Sie gehen sicher teils darauf zurück, dass die polnische Rechte den Anschluss an die westlichen Organisationen als krönenden Abschluss des Bruchs mit dem Kommunismus (und mit Russland) betrachtete und sich dem alten, guten, konservativen Westen aus der Zeit Reagans, Thatchers und Kohls anschließen wollte, wohingegen sie den im Westen vollzogenen soziokulturellen Wandel nicht akzeptierte. Mehr noch, sie bewegte sich auf einen religiösen Integralismus zu, also genau in die entgegengesetzte Richtung.

Auch die Umgestaltung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zur EU und die Integration, die vielleicht übereilt war, wie etwa am Brexit oder auch den Erfolgen des Front National in Frankreich zu erkennen, spielten eine Rolle. Für die polnische Rechte, für die nationale Souveränität immer schon ein Heiligtum war, musste das eine Provokation darstellen. Tatsächlich hatte die polnische Rechte immer schon einen nationalistischen Flügel, aber der gegenwärtige PiS-Vorsitzende Jarosław Kaczyński stand diesem Flügel noch in den 1990er Jahren keineswegs nahe. Ob er heute den Nationalisten vorgibt, weil sich das für ihn politisch auszahlt, oder ob er wirklich zum Nationalisten geworden ist, ist nicht ganz sicher zu entscheiden.

Ohne Zweifel war es ein Fehler der Liberalen, den Patriotismus unter Generalverdacht zu stellen (ich selbst hatte als Diplomat zur Zeit der Regierung der Bürgerplattform Unannehmlichkeiten, als ich mir den polnischen Adler an das Revers heftete, womit ich mich keineswegs als Nationalisten zu erkennen geben wollte), anstatt eine eigene Vision vom Patriotismus zu entwickeln. Die polnischen liberalen Eliten waren überzeugt, die Rechte sei irgendwie genetisch durch den Nationalismus beeinträchtigt, was sich leider größtenteils als wahr herausstellte; doch änderte das nichts an der Tatsache, dass es sich zu fragen gelohnt hätte, ob sich dem nicht beizeiten etwas hätte entgegensetzen lassen können. Verweigerung des sozialen Umgangs und der Diskussion ist kein Heilmittel gegen Nationalismus.

Die polnische Rechte war ihrerseits überzeugt, die polnischen liberalen Eliten hätten mental mehr mit jeder beliebigen Hauptstadt im Westen am Hut als mit der polnischen Provinz. Und auch das war leider wahr, doch es rührte nicht aus nationalem Renegatentum, sondern, so ließe sich sagen, aus unwillkürlichen Reflexen. Es ist nämlich eine Angewohnheit der polnischen Eliten, die polnische Provinz zu verachten, und das hat mit dem äußeren Umfeld gar nichts zu tun. Mehr noch, die polnischen Eliten verachten aus Gewohnheit auch die Armut. Auch wenn das die Rechte behauptet, waren die polnischen liberalen Eliten übrigens niemals linksliberal. Was sie auszeichnete, war die komplette Abwesenheit eines sozialen Sensoriums, also dessen, was die Linke doch gerade ausmacht.

Das Auseinanderdriften begann vielleicht nicht zuerst in der Außenpolitik, sondern eher auf einer mentalen Ebene, und zwar ganz aus den polnischen Gegebenheiten heraus, etwa derjenigen – auch wenn das die liberalen Eliten heftig bestreiten werden –, dass die Rechte weniger als alle anderen die vorhandenen öffentlichen Förderungen für sich nutzte, weniger oft Fördergelder bezog und weniger gern und häufig an Konferenzen teilnahm. Solche Konferenzen sind selbst dann, wenn ihre Ergebnisse inhaltlich eher bescheiden ausfallen, in jedem Fall von großer Bedeutung für das Networking, und wer dieses nicht betreibt, ist später im Nachteil.

Vor einigen Jahren war ich zu einer Konferenz in Berlin eingeladen. Nach einer Sitzung, die erst spät abends zu Ende ging, war ich mit einigen Politikern der Rechten im Stadtzentrum in der Nähe vom Hotel Adlon. Ich schlug vor, den Abend noch bei einem Tee oder Bier ausklingen zu lassen, aber wie sich erwies, fühlten sich meine damals schon sehr viel betuchteren Bekannten im Adlon nicht recht wohl. So gingen wir gegen Mitternacht in ein Kebaplokal im vormaligen Ostberlin, was einer der Bekannten kommentierte: „Außer Kebap gibt es nichts in Berlin,“ was umso lustiger war, als ihm noch eben ein eleganter Tisch vor dem Adlon nicht zugesagt hatte. Dieser Mensch hatte 25 Jahre lang niemals an Orten wie dem Adlon verkehrt. Vielleicht besteht gerade darin das Problem?

Die Wegscheide, an der sich Liberale und Rechte in der Außenpolitik endgültig voneinander trennten, war jedoch nicht die Frage des Verhältnisses zum Westen, sondern zu Russland. Sei es aus Naivität, sei es, weil sie sich den im Westen vorherrschenden Meinungen anschlossen, wollten die Liberalen die wachsende Bedrohung durch Russland nicht erkennen. Während sie noch Annäherungspolitik gegenüber Russland betrieben, war die Rechte schon überzeugt, dass Moskau eine Gefahr für die nationale Sicherheit darstelle.

Kurz darauf trat eins zum anderen: der Tod des polnischen Präsidenten bei dem Flugzeugabsturz 2010 auf russischem Staatsgebiet und die zynischen Reaktionen der russischen Regierung, die auch heute, zehn Jahre später, das Flugzeugwrack immer noch nicht an Polen zurückgegeben hat, während zugleich einige europäische Länder beispielsweise auf energiepolitischem Gebiet eine Annäherung an Russland dringend befürworten. Die polnische Rechte, die bei der Sicherheitspolitik oder leider der Politik im allgemeinen nur in Kategorien von alles oder nichts denkt, nahm das als Beweis dafür, dass man auch dem Westen nicht trauen dürfe (es sei hier daran erinnert, dass der spätere langjährige Außenminister der PO-Regierung Radosław Sikorski die Erdgas-Pipeline Nord Stream mit dem Ribbentrop-Molotow-Pakt verglich).

Wenn auch die antideutschen Ressentiments, welche die Rechte zu pflegen begann, sicher überzogen waren, so kann doch nicht übersehen werden, dass Nord Stream und die bis zum Ukraine-Krieg aufrechterhaltene deutsche Ablehnung der Verstärkung der NATO-Ostflanke keine Phantasiegebilde der polnischen Rechten waren. Ein weiteres Problem war, dass in der EU einige für Polen äußerst nachteilige Vorhaben propagiert wurden, so zum Beispiel im Bereich der Klimapolitik. Die Liberalen begingen den Fehler, dass sie im privaten Kreis davon sprachen und sich diesen Projekten widersetzten, doch öffentlich mit der Rechten selbst dort Streit vom Zaun brachen, wo die Rechte die besseren Argumente auf ihrer Seite hatte, was ihr nur Stimmen zutrieb.

Dieses außenpolitische Auseinanderdriften ging mit einer sehr unglücklich gewählten Sprache in der öffentlichen Debatte einher. Als es darum ging zu begründen, wieso einige in Polen, wo sich die Preise kaum mehr von den deutschen unterscheiden, weiterhin 400 Euro im Monat verdienen müssen, während die Miete selbst einer winzigen Wohnung in Warschau bei 300 Euro liegt, wurde das damit begründet, Polen arbeite sich in der Europäischen Union doch gerade erst hoch, während es völlig normal sei, dass die Preise bereits auf europäischem Niveau lägen. Menschen, die bei eigener finanzieller Misere ansehen durften, wie ihre Chefs bereits Monatseinkommen von mehreren Tausend Euro bezogen, erklärte man, es sei schwer, in einem Mitgliedsland der EU einen guten Fachmann für einen Niedriglohn zu finden. Anders gesagt, die Europäische Union und Europa überhaupt wurden missbraucht, um das Nebeneinander von bitterer Armut und unverhältnismäßigem Reichtum zu begründen. So als ob jemand den Leuten das europäische Projekt um jeden Preis leidig machen wollte. Nach 45 Jahren Kommunismus hungerten die Polen nach dem Westen, doch unterschwellig reifte eine ganz andere Stimmung heran, die nur noch offen in Erscheinung zu treten brauchte.

Die Geringschätzung für den Plebs, welche typischerweise die polnischen Eliten auszeichnet, hinderte diese allerdings auch daran, die antieuropäischen Stimmungen zu identifizieren und etwas dagegen zu unternehmen. Nach meiner Erfahrung als Publizist brauche ich ganze zehn Minuten, um etwa 80 bis 90 Prozent der Online-Hater mit nationalistischen Ansichten vom europäischen Projekt zu überzeugen, nachdem sie mich eben noch als Verräter im Sold Brüssels und der USA bezichtigt haben. Gewöhnlich reicht eine höflich formulierte Nachricht direkt an die betreffende Person und die Einleitung eines Gesprächs. Fast immer kommt heraus, dass ich der erste aus dem gegnerischen politischen Lager bin, der sich überhaupt die Mühe macht.

In soziokulturellen Fragen stehen die polnischen Liberalen zwar links von der hierin ultrakonservativen Rechten, haben in Wahrheit aber weder mit der Linken noch dem Liberalismus irgendetwas gemeinsam. Sie haben nicht einmal den Versuch unternommen, das Antiabtreibungsgesetz zu liberalisieren oder an den Schulen einen Sexualkundeunterricht einzuführen, der den Namen verdient hätte. Da macht es auch keinen Unterschied, ob dies dadurch zu erklären ist, dass sie Angst vor dem politischen Einfluss der Kirche haben oder damit, man selbst könne sich schließlich die Abtreibung in Berlin leisten und sei deshalb von dem Verbot nicht tangiert. Die polnische Führung musste anlässlich des Referendums zum EU-Beitritt selbstverständlich die Zustimmung der Kirche gewinnen, doch darf man nicht die Meinungsführerschaft der auf Kollisionskurs mit dem Liberalismus befindlichen Kirche überlassen und sich hinterher über die Ergebnisse wundern.

Alle diese Fragen schwelten lange Zeit vor sich hin. Gegen Ende der Regierung der Bürgerplattform war klar, dass es längst keinen außenpolitischen Konsens mehr gab. Doch erst die Regierungsübernahme durch „Recht und Gerechtigkeit“ führte allen vor Augen, wie sehr sich die außenpolitischen Konzepte der beiden wichtigsten Parteien unterscheiden. Den beiden Schlüsselbegriffen „Konsens“ und „Konzeption“ soll hier einmal nachgegangen werden.

Der Konsensbegriff stammt aus dem politischen Vokabular. Das Problem ist nur: Anstatt Politik zu betreiben, sehen sich beide Seiten auf einer historischen Mission. Die Liberalen sehen sich auf einer zivilisatorischen Mission, nämlich Polen an den zivilisierteren Westen anzuschließen, was zwar niemand so in Worte gefasst hat, sich aber aus der Sache her klar ergibt. Und die Rechte sieht sich, wie Ministerpräsident Mateusz Morawiecki in einem Moment der Aufrichtigkeit formulierte, mit der Mission zur Rechristianisierung des Westens betraut, oder wie es die Rechte sagen würde – des „verdorbenen Westens“. Der Natur der Sache nach ist also ein Konsens unmöglich, denn historische und zivilisatorische Missionen und Moralpolitik sind nicht verhandelbar. Unterdessen führt die Unfähigkeit zum Kompromiss dazu, dass kein Land Polen ernst nehmen wird, denn wer sollte sich schon mit einem Land einlassen, dass keinerlei außenpolitische Kontinuität garantieren kann, weil es zu fast hundert Prozent sicher ist, dass die nächste Regierung weitreichende Änderungen vornehmen, wenn nicht gar einen völlig anderen Kurs einschlagen wird.

Nun zum zweiten Schlüsselbegriff, der „Konzeption“. Die polnische Außenpolitik verfügt zwar über eine Konzeption, verfolgt aber keine bestimmte Strategie und stellt sich nur selten auf die praktischen Gegebenheiten ein. In einer stark polarisierten politischen Lage, in der alles hinter der innenpolitischen Auseinandersetzung zurückzustehen hat und die Außenpolitik dabei nur eine untergeordnete Rolle spielt, interessiert sich die politische Führung kaum für Außenpolitik und Diplomatie. Hier haben wir das vielleicht größte Paradox: Die politische Klasse Polens interessiert sich überhaupt nicht für Außenpolitik.

Jarosław Kaczyński, den seine Anhänger gelegentlich auf eine Stufe mit Józef Piłsudski (1867-1935, Gründervater der Zweiten Polnischen Republik) stellen, unterscheidet sich darin von diesem, dass der Marschall sich beinahe ausschließlich für Außenpolitik interessierte, während sich Kaczyński für alles außer Außenpolitik interessiert. Donald Tusk war ein bisschen stärker außenpolitisch engagiert, doch auch für ihn war sie eher zweitrangig. Die polnische Außenpolitik ist entweder Pfau oder Papagei, oder zugleich Pfau und Papagei, selten aber etwas zwischendrin.

Das Fehlen von klarer Orientierung und Pragmatik in der polnischen Außenpolitik hat verschiedene Gründe.

Erstens ist in der polnischen Politik leider das Alles-oder-nichts-Denken sehr vorherrschend: Solange uns keine schwere Niederlage droht, solange ein überragender Sieg nicht erreichbar ist, solange sich die Sache nicht propagandistisch ausschlachten lässt, ist sie der weiteren Mühe nicht wert.

Zweitens ist die polnische außenpolitische Schwäche auch auf die intellektuelle Schwäche sowohl der liberalen als auch der rechten politischen Eliten zurückzuführen. Diese zeigt sich darin, dass ein Amtsträger bei Antritt sich nicht etwa mit Fachleuten umgibt, sondern sich umgekehrt aller Fachleute entledigt, und zwar nicht nur solcher der Konkurrenz, sondern auch der eigenen Ratgeber. Beispielsweise hat von den gegenwärtig fünf stellvertretenden Außenministern nur ein einziger zuvor außenpolitische Erfahrung gesammelt. Einer der dreißigjährigen Vizeminister machte durch den Ausspruch auf sich aufmerksam, nachdem er als einzige Erfahrung in einer staatlichen Institution zwei Jahre lang in der Kanzlei des über keine wirkliche Macht verfügenden Präsidenten gearbeitet habe, er habe mehr diplomatische Kenntnisse als „irgend so ein“ Botschafter mit zwanzigjähriger Berufserfahrung im Außenministerium. Der Ehrlichkeit halber sei hinzugefügt, dass der außenpolitische Erfahrungshorizont des Außenministeriums unter der Leitung von Radosław Sikorski nahezu derselbe war. In der Präsidentenkanzlei arbeitet kein einziger früherer Botschafter. In den beiden wichtigsten Institutionen für Politikberatung, dem Polnischen Institut für Internationale Angelegenheiten und dem Zentrum für Oststudien, ist gleichfalls weder ein früherer Botschafter noch ein Diplomat höheren Ranges beschäftigt. Die Leitung liegt in den Händen von Theoretikern, die niemals in der Diplomatie, dem Nachrichtendienst oder der Wirtschaft tätig waren.

Der dritte Grund für die Schwäche der polnischen Außenpolitik und Diplomatie ist das vollständige Desinteresse polnischer Unternehmen an Außenpolitik. Abgesehen von einigen kleineren gibt es in Polen praktisch keine privat geführten Thinktanks, die sich ernsthaft mit Außenpolitik befassen würden, und die bestehenden Einrichtungen betreiben eher Eventmanagement als dass sie Denkfabriken wären, weil sie keine Beratungstätigkeit betreiben und nichts publizieren. Die polnischen Unternehmen sind nicht daran interessiert, solche Einrichtungen zu finanzieren. Es herrscht vielmehr die Annahme vor, man müsse sich von Politik und Staat fernhalten und, wenn man etwas erreichen wolle, dann geschähe das eher durch moralisch nicht unbedingt ganz einwandfreie Lobbyarbeit.

Übrigens ist das auch gut nachvollziehbar. Polen hat sich seit dreißig Jahren sehr dynamisch entwickelt, aber das geschah weitgehend unabhängig vom Staat, nicht dank seiner Unterstützung oder Zusammenarbeit. Daher gibt es in der polnischen Außenpolitik so gut wie keine ökonomische Komponente, während Diplomaten, die Unternehmen unterstützen, von diesen dafür aber keine Bezahlung annehmen, nur naiv sind, denn die Unterstützung von Unternehmen gilt in Polen als „moralisch verdächtig“. Selbst der ehrlichste Beamte gerät zwangsläufig unter Korruptionsverdacht.

Dass die Unterstützung von Unternehmen als anrüchig gilt, wird den Leser im Westen sicherlich verwundern. Das Verhältnis zum Geld ist aber der vierte Grund, aus dem sich die fehlende außenpolitische Pragmatik des Landes erklärt. Die polnische Führung in Politik, Verwaltung sowie die Intellektuellen stammen nur selten aus dem Wirtschaftsbürgertum, das in den Zeiten der Unfreiheit keine Bildung erwerben und entsprechende Positionen bekleiden konnte und zudem im Zweiten Weltkrieg von den Nazis wie den Sowjets verfolgt und ermordet wurde. Die polnische Intelligenz stammt vielmehr überwiegend entweder aus dem Bauerntum oder dem Adel, sodass die gar nicht so fernen Vorfahren der ersteren Gruppe kein Geld besaßen und diejenigen der zweiteren sich um Gelderwerb nicht kümmern mussten. So wurde aus Polen nie eine Handelsnation. Die gegenwärtigen Eliten haben Handel, Dienstleistung und Geschäftsabschluss per Kompromiss nicht in ihrer DNA. Außenpolitik wird daher in Polen selten mit Handel oder Austausch assoziiert. Die Polen denken eher an Schlachtfelder, Moraldebatten, sinnen über ihre Niederlagen nach oder beten darum, den Anschluss an die „zivilisierte Welt“ zu finden. Pragmatismus ist in Polen heute wohl eher Sache der vormaligen Kommunisten, aber genau die sind politisch sehr schwach, obwohl sie doch Polen in NATO und Europäische Union geführt haben.

Der fünfte Grund besteht darin, dass die Polen als Nation, deren Geschichte von zahlreichen schweren Niederlagen und Tragödien geprägt war, diese irgendwie zu rationalisieren hatten. Zu diesem Zweck kreierten sie eine sehr spezifische, magische und leider komplett irrationale Denkweise, die noch die schlimmste Niederlage zu einem „moralischen Sieg“ umdeutet. So ein „moralischer Sieg“ war beispielsweise für die meisten Polen und für sämtliche rechtsgerichteten Landsleute (auf diesem Gebiet sind die liberalen Eliten ein wenig rationaler) der Warschauer Aufstand von 1944. Und jeder, der von diesem Denkmuster abweicht und argumentiert, der Aufstand sei eine militärische Unternehmung gewesen und habe als solche eben auch mit nichts weiter als einer Niederlage geendet, gilt als „amoralisch“.

In der polnischen Außenpolitik beginnt keine Analyse mit einer Bestandsaufnahme der Kräftekonstellation noch einer Einschätzung der absehbaren Folgen. Polen ist daher zu dem fähig, was in Polen als „Ulanenattacke“ bezeichnet wird. Eine solche, in diesem Falle erfolgreiche Attacke war zum Beispiel Lech Kaczyńskis berühmte Exkursion nach Georgien im Jahr 2008. Ganz offenbar rettete der ostentative Widerstand Polens und im Anschluss daran auch der baltischen Staaten und der Ukraine gegen die Pläne von Nicolas Sarkozy, der bereit war, aus Georgien faktisch ein russisches Protektorat zu machen, Georgien die wirkliche und nicht nur nominelle Unabhängigkeit. Der Ausflug nach Tbilisi war jedoch die Ausnahme von der Regel, doch sollte man sich an ihn erinnern. Polen vermag, aus der Reihe zu scheren und va banque zu spielen.

Der sechste und letzte Grund für den Mangel an Zielbewusstheit und an der Umsetzung theoretischer Vorannahmen in praktikable Maßnahmen sind die Kader des diplomatischen Dienstes und der Außenpolitik.Neben hervorragenden Fachleuten, sehr guten Diplomaten und blitzgescheiten Analytikern sind darin größtenteils Theoretiker reinsten Wassers anzutreffen. Allgemein in der polnischen Politik und insbesondere der Außenpolitik haben umfassend gebildete Humanisten die Führung, die große Theoretiker sind, aber für die Praxis nur Verachtung übrighaben. In der Politik geht es jedoch um die Realität und nicht die Theorie.

Einer der führenden Publizisten der Zwischenkriegszeit und der Nachkriegsjahre, Stanisław Cat-Mackiewicz, schrieb 1942 eines seiner wichtigsten Bücher, „Becks Politik“. Darin sagt er über den letzten Außenminister der Zweiten Republik, er habe ein „Defensivsystem der Staaten rings um Polen angestrebt, was auch gut und richtig gewesen wäre, wenn Beck nicht die Fakten vorweggenommen und so getan hätte, als ob es das im Übrigen nur schwer aufzubauende Verteidigungssystem bereits gegeben hätte. Ohne reale Stärke, imaginierte er diese und betrieb Außenpolitik, als ob er sie besäße.“

Seit einigen Jahren propagiert Polen die Drei-Meere-Initiative, die ich übrigens auch befürworte, weil ich glaube, dass sie, allerdings erst in 25 Jahren und unter der Voraussetzung konsequenter polnischer Investitionen, Polens Bedeutung in der Region anheben und das Land in der Europäischen Union stärken wird. Wenn man sich jedoch die führenden polnischen Politiker so anhört, dann tun sie offenbar so, als wäre das Trimarium schon heute und nicht erst in 25 Jahren ein wesentlicher Faktor für die politischen Realitäten in Ostmitteleuropa. Kurz gesagt, wir nehmen die Ergebnisse vorweg und, ohne das Verteidigungssystem zu besitzen, das nebenbei bemerkt unwahrscheinlich schwer zu realisieren sein wird, tun wir so, als ob es bereits existiere. Ohne über reale Stärke zu verfügen, imaginieren wir sie und betreiben Außenpolitik, als ob wir sie schon besäßen.

Leider wird die polnische Außenpolitik immer noch von denselben Krankheiten geplagt, wie sie der Dichter vor zweihundert und der Publizist vor achtzig Jahren beschrieben.

 

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

 

 

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Witold Jurasz

Journalist bei der Onlineplattform Onet.pl und der Tageszeitung Dziennik Gazeta Prawna, Vorsitzender des Zentrums für Strategische Analysen, ehemaliger Mitarbeiter der Investitionsabteilung der NATO, Diplomat in Moskau und Chargé d’affaires der Republik Polen in Belarus.

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