Turbopatriotismus als Methode politischen Handelns

Der Tag der Flagge der Republik Polen wurde am 2. Mai 2013 mit der fröhlichen, optimistischen Aktion „Der Adler kann das” gefeiert, deren Schirmherr der polnische Staatspräsident Bronisław Komorowski war. Sie fand unter dem Motto „Schnabel hoch und Flügel breit oh Pole, sei kein Griesgram – lautet die Parole!” statt, zu ihrem Aushängeschild wurde ein Schokoladenadler. Marcin Napiórkowski, Kultursemiotiker und Universalgelehrter, hält diese Feierlichkeiten in seinem neuesten Buch Turbopatriotyzm (Turbopatriotismus, 2019) für einen Wendepunkt im Streit um den polnischen Patriotismus der letzten Jahrzehnte.

Daher stellt er die Frage nach dessen Ursachen: Weshalb habe der Turbopatriotismus den Softpatriotismus besiegt, und „das lächelnde” Polen in der Konfrontation mit der patriotischen Energie, die u.a. in „Unabhängigkeitsmärschen” mit Emblemen von ONR (National-Radikales Lager), Młodzież Wszechpolska (Allpolnische Jugend), Obóz Wielkiej Polski (Großpolnisches Lager) und Stowarzyszenie Solidarności Walczącej (Verein der kämpfenden Solidarność) zum Ausdruck kommt, eine Niederlage erlitten? Auf welche Weise hat es die kulturelle Rechte geschafft, den öffentlichen Raum zu dominieren? Warum betrachtete man den Vorschlag von Präsident Komorowski als Karikatur eines patriotischen Feiertages, und seine Haltung als Verachtung für nationale Symbole? In diesen Fragen verbirgt sich alles, was in der heutigen öffentlichen Debatte am wichtigsten ist: Streitigkeiten um den Charakter der polnischen Demokratie, um das kollektive Gedächtnis und die Identität, um den Platz der Vergangenheit in der Gegenwart, um die zivilisatorische Vision Polens, um seinen Platz in Europa und die Verfassung des Individuums und der Gemeinschaft in der heutigen Welt.

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Ich gehe von der Annahme aus, dass der Turbopatriotismus, von dem Napiórkowski schreibt, im Grunde genommen keinen Vorwand in Form eines „Schokoladenadlers” vor dem Präsidentenpalais gebraucht hatte, um mit verstärkter Kraft alle seine Aktiva zu mobilisieren. Er verfügt nämlich über ein tief im Massenbewusstsein und in der Massenkultur verwurzeltes Potenzial, das unter den Bedingungen der wirtschaftlichen und politischen Transformation Polens nach dem Untergang des Kommunismus ein günstiges Klima gefunden hat, um zur vollen Blüte zu gelangen. Das Lager der Regierungspartei, das nach 2015 mächtige institutionelle und finanzielle Mittel zur Verfügung bekam, war fähig, mit Hilfe von Kultur- und Geschichtspolitik sowie einer Menge eifriger Helfer in allen staatlichen Ressorts, dieses Klima auszunutzen, indem es patriotische Propaganda als eines der wichtigsten Instrumente zur Ausübung und Legitimierung seiner Macht gebrauchte.

Flagge von PolenDort, wo die kulturelle und staatliche Kontinuität in der Vergangenheit gestört worden war, bei nationalen Gedenktagen, wie in unserem Fall am bereits erwähnten Feiertag der Flagge, am 3. Mai, dem Verfassungstag, oder am Tag der Unabhängigkeit, haben wir es mit Momenten zu tun, in denen die kulturelle, staatliche oder (und) nationale Zugehörigkeit am stärksten zum Ausdruck kommt. Das sind Momente, in denen unsere Gegenwart im Namen der Vergangenheit beglaubigt wird, sie sind auch Ausdruck staatlicher Repräsentation und historischer Orientierung und zugleich ein Element der Manipulation, der Propaganda und der Mobilisierung öffentlicher Meinung. Diese Feiertage bieten Gelegenheit, in einer öffentlich institutionalisierten Kultur historische Tatsachen an die große Glocke zu hängen oder zu verschweigen. Die Aktualisierung von Kommunikationsritualen erfüllt wichtige Funktionen für jede Regierung. Sie vermittelt die Illusion von Gemeinschaft und das Gefühl von Zugehörigkeit, kompensiert reales und eingebildetes Unrecht, ist Ausdruck von Loyalität gegenüber der Regierung. Organisierte nationale Mysterien evozieren Emotionen, die mit der Vergangenheit verbunden sind und oft nur einen einzigen Tag in der öffentlichen Vorstellungskraft verbleiben. Die Organisatoren der Feiertage stellen jedoch nicht die Frage, was nach dem Abbau des Bühnenbildes zurückbleibt.

Die polnischen Erfahrungen der letzten Jahrzehnte zeigen, wie die Form der Äußerung nationaler Gefühle polarisiert und die Menschen in feindliche Lager stellt. Aber unterscheidet uns der Charakter unseres Feierns von Jahrestagen bedeutend von den anderen europäischen Völkern und Staaten? Die Suche nach einer Antwort lenkt mich in Richtung unseres westlichen Nachbarn. Zwar stellt die Aufarbeitung der Vergangenheit der Deutschen als Tätern des Zweiten Weltkrieges sie in eine andere Wahrnehmungsperspektive, doch die Dilemmata, mit denen dieser demokratische Staat offen mit dem Erbe des totalitären Staates zu kämpfen hatte und immer noch kämpft, sind sehr lehrreich.

Deutsche Gedenkfeiern von Jahrestagen machen bewusst, wie wichtig Sprache und der richtige Ton sind. Nicht minder wichtig ist die Glaubwürdigkeit der beim Feiertag auftretenden Akteure. Den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Reichspogromnacht 1988 in Bonn wurde Staatsrang verliehen. Die aus diesem Anlass gehaltene Rede von Philip Jenninger, dem Präsidenten des Deutschen Bundestages, befand man für skandalös, obwohl er nichts gesagt hatte, was nicht wahrheitsgemäß gewesen wäre. Die Medien warfen ihm einen zu trockenen, rationellen Ton vor. Jenninger verlor sein Amt, da er weniger von den Opfern gesprochen und sich mehr auf die Schuld seiner Landsleute konzentriert hatte, auf die Passivität der untätigen Zeugen, die ihren Blick von den Gewaltakten abgewandt hatten, und an die Pflicht des Gedenkens erinnerte. Marion Gräfin Dönhoff sagte damals: „Es ist, (…), als würde in einem Haus, in dem um ermordete Familienmitglieder getrauert wird, ein Exkurs über den geschichtlichen Prozeß gehalten, anstatt Verzweiflung und Trauer der Anwesenden zu teilen.” (Die Zeit, 18.11.1988).

Gedenkfeierlichkeiten bringen außerdem den aktuellen Stand internationaler Beziehungen zum Ausdruck (wer eingeladen und wer von der Teilnahme ausgeschlossen wird). Internationale Kontroversen erweckte das Treffen von Bundeskanzler Kohl mit Ronald Reagan zum vierzigsten Jahrestag des Kriegsendes auf dem Friedhof in Bitburg 1985, wo es neben Gräbern amerikanischer Soldaten auch Gräber von Angehörigen der Waffen-SS gibt. Der kompromisslose Jürgen Habermas hegte den Verdacht, dass die Aura eines Soldatenfriedhofs nationale Gefühle erwecken, und der Zeitplan der Feierlichkeiten – am Morgen der Leichenberg in Bergen-Belsen, am Nachmittag Bitburg – der direkte Weg zur Relativierung der Verbrechen sei.

In die Geschichte dagegen ging die aus demselben Anlass gehaltene Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker ein, aus der eine klare Botschaft hervorging. Er gab die Gefühle der Deutschen im Jahre 1945 vollständig wieder und erfüllte aktuelle Erwartungen der internationalen öffentlichen Meinung, indem er vom Erinnern der Schuld als einem integralen Teil des Bewusstseins der Deutschen sprach. Bis 1994, also bis zum Ende seiner zweiten Amtszeit, waren zwei Millionen Exemplare seiner Rede verteilt worden, die zu einem kanonischen Bezugspunkt für seine Nachfolger wurde.

Auch unsere Gedenkfeiern zum Ausbruch und Ende des Zweiten Weltkriegs stellen im demokratischen Polen einen Lackmustest der aktuellen Beziehungen zu Deutschland und Russland dar, und die letzten Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag der Befreiung des Lagers Auschwitz spiegelten die Spannungen u.a. zwischen der Regierung Polens und Israels wider. Vieles deutet darauf hin, dass der Rang von Jahrestagfeiern vom Niveau der demokratischen Debatte im Lande und der aktuellen Position des Staates im internationalen „Ranking” von Anerkennung und Autorität abhängt.

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Wenn man nun nach den Ursachen für den Erfolg des Turobopatriotismus in Polen fragt, kommt man nicht umhin, die rechte Propaganda bezüglich der Unterlassungen der III. Polnischen Republik im Bereich Vergangenheitsgedenken zu erwähnen. Die vergangenen zwei Jahrzehnte verweisen auf eine Welle von Aussagen, auch seitens der heutigen Opposition, aus denen man eine lange, den ersten Regierungen der Republik Polen zugeschriebene Liste von Fehlern zusammenstellen könnte. Der bei der Beurteilung der Politik dieser Kabinette praktizierte Präsentismus lässt keine glaubwürdige Beurteilung jener Zeit zu. Wenn die Entscheidungsträger Polens in den neunziger Jahren das Wissen gehabt hätten, über das sie heute verfügen, wäre dann die Geschichte anders verlaufen? Ich denke nicht.

Die intellektuelle Rechte hat eine Atmosphäre der Stigmatisierung von Eliten der III. Polnischen Republik als jener geschaffen, die „das Polentum” zum Tode verurteilt hätten. Im Buch Wygaszanie Polski 1989-2015 (Die Auslöschung Polens 1989-2015), an dem viele prominente Politiker der PiS, sowie mit dieser Formation verbundene Intellektuelle als Coautoren beteiligt waren, wurde die „Epidemie, Polen loswerden zu wollen, sich von Polen zu kurieren”, beschrieben. Denjenigen, die die Mühe der Transformation nach 1989/1990 auf sich genommen hatten, wurde vorgeworfen, „die Kultur degeneriert, nationale Symbole bespuckt, Kriegshelden verleidet und das Kreuz durch den Regenbogen ersetzt” zu haben. Krzysztof Koehler sieht in diesem Vorgehen historische Wechselbeziehungen: „Die Dressur der Aufklärung (vereinfacht gesagt), und dann die Dressur der Teilungsmächte, danach die kommunistische Dressur, und die heutige Dressur unserer Pseudoeliten haben uns wohl sehr wirksam einen Chip der Scham gegenüber eigenen Leistungen, gegenüber der eigenen Kultur implantiert”.

Der Patriotismus hat, ähnlich wie die Identität, kein endgültiges Szenario. Die Welt kennt kein ideales Modell des Patriotismus. Die Umstände der Wendezeit verlangten, Institutionen der pluralistischen Demokratie von Grund auf aufzubauen, und die damaligen Regierungen betrachteten diese Aufgabe als eine im besten Sinne des Wortes begriffene patriotische Pflicht. Keines der Länder, die den Transformationsprozess von 1989/1990 miterlebt haben, konzentrierte sich auf die Vergangenheit. Und dort, wo es anders war, endete es mit einem bewaffneten Konflikt, wie im Fall von Serbien. Dort auch rief der 600. Jahrestag der Niederlage auf dem Amselfeld im Jahre 1989 eine nationalistische Hysterie hervor, und Slobodan Milošević versuchte davon zu überzeugen, dass jedes Volk eine Liebe habe, die ewig in seinem Herzen brenne. Für die Serben war es das Kosovo.

Es gibt bei uns keine Disziplin aus dem Bereich der Sozial- und Geisteswissenschaften, die sich heute nicht mit dem Phänomen des Turbopatriotismus beschäftigen würde. Es ist ein Phänomen, das vor allem durch „die Vereinigung von Kräften angesichts des Erzfeindes, und die Pflege der Reinheit von Kategorien” zum Ausdruck kommt, „so dass Weiß und Rot niemals zu einem Rosa zusammenfließen und sich in keinem Regenbogen zerstreuen” (M. Napiórkowski). Noch nie bisher hatte die patriotische Agitation im demokratischen Polen einen so aggressiven und ausschließenden Charakter wie heute angenommen, was durch Stärkung der symbolischen und physischen Gewalt zum Ausdruck kommt.

Wir suchen also eine Antwort auf die Frage nach den Quellen und der Besonderheit des Patriotismus, den man als autoritären Patriotismus bezeichnen kann. Seine Sprache und Materie decken sich mit der von Forschern beschriebenen autoritären Persönlichkeit. Diese wiederum bezeichnet eine psychologische Formation, in der die Aufteilung in ein „Wir” und ein „Ihr” gilt. Theodor W. Adorno unterscheidet unter den Eigenschaften dieser Persönlichkeit Fügsamkeit und eine unkritische Haltung gegenüber moralischen „Autoritäten” – der Partei, der Konfession oder der gesellschaftlichen Gruppe, weiterhin Misstrauen gegenüber anderen Menschen und sogar deren Ausschluss aus der Gemeinschaft sowie Stigmatisierung, Handeln auf Grundlage von Vorurteilen und Stereotypen, Toleranz für Akte wörtlicher und physischer Gewalt, Zynismus, das Missionarische, Verachtung für den Verstand zugunsten einer ungezügelten Emotionalität und eine oberflächliche, konventionelle Religiosität, die in einer höheren Macht nach Rückhalt sucht. Es ist kein Zufall, dass Katholiken die dominierende Gruppe in dieser Kategorie ausmachen.

In den letzten Jahren treten all die erwähnten Merkmale in der von der obersten politischen Bühne gesteuerten, polnischen patriotischen Propaganda auf. Die Geschichte liefert viele Beispiele, in denen die von den Regierungen betriebene politische Mystifizierung, eine Mischung aus Größenwahn und Minderwertigkeitskomplexen, ganze Nationen auf die schiefe Bahn gebracht hat. Erich Fromm, einer der größten Denker der 20. Jahrhunderts, fand die Quellen dieser psychologischen Orientierung im individuellen und kollektiven Narzissmus.

Für das gefährlichste Charakteristikum einer narzisstischen Persönlichkeit hält Fromm den „Verlust des rationalen Urteils”. Das Urteil einer solchen Person sei der Objektivität beraubt, denn „er selbst und alles, was ihm gehört, wird überschätzt. Alles außerhalb seiner selbst wird unterschätzt.” Der Gruppennarzissmus verlange Befriedigung, genauso wie der individuelle Narzissmus. Dies wird durch das Bekenntnis zu einer gemeinsamen Ideologie, begleitet vom „Gefühl der eigenen Überlegenheit und der Minderwertigkeit einer anderen Gruppe” erreicht. Für beide Haltungen seien ein mentales Feststecken in der Vergangenheit und die gar obsessive Bezugnahme auf die Vorfahren charakteristisch, was sich wiederum – laut Fromm – mit einer nekrophilen Orientierung verbinde, wenn die Gefallenen wichtiger als die Lebenden seien.  Am stärksten wuchern solche Haltungen dort, wo das Gefühl historischen Unrechts und Verrats angefacht wird.

Diese Beobachtung wird vom ungarischen Beispiel bestätigt – kraft des Vertrages von Trianon im Jahre 1920 verlor Ungarn seinen Zugang zum Meer und fast zwei Drittel seines Gebietes und seiner Bevölkerung. Das dort heute regierende politische Lager betrachtet also die Vergangenheit – ähnlich wie in Polen die Partei PiS – als das wichtigste Element der Konstruktion von Identität und die Legitimierung für seine Regierung. Die Projektion der Vergangenheit auf die Gegenwart erlaubt es, die Theorie einer belagerten Festung zu konstruieren, und der Begriff des Verrats hat inzwischen den Status einer Beleidigung erlangt, die reflexionslos und blind in Richtung politischer Gegner, trotziger Richter, Journalisten und Kritiker der Politik der Regierungspartei gebraucht wird.

Die Geschichte liefert übrigens allzu viele Beweise dafür, wozu ein in den Völkern erwecktes Gefühl verletzter Würde führt. Denn wie Karl Bruno Leder treffend bemerkt hat: „Demütigt ein Volk, und ihr werdet in ihm einen militanten Nationalismus wecken, dem kein Preis zu hoch erscheint für die Wiederherstellung des Selbstwertgefühls, der ‘nationalen Ehre’ oder wie immer die Umschreibung lauten mag. Versprecht einem Volk die Steigerung seines Selbstwertgefühls bis ins Übermenschliche, bis zum Himmel hinan, und ihr werdet von ihm sowohl übermenschliche Leistungen wie übermenschliche Leiden fordern können!” (Nie wieder Krieg? Über die Friedensfähigkeit des Menschen, München 1982, S. 131)

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Vor ein paar Jahren nahm Professor Jan Pomorski in seiner hervorragenden Polemik gegen Professor Andrzej Nowak eine tiefgründige Analyse der Kategorie des Verrats vor (Dzieje Najnowsze R. XLIX, 3/2017). Er berief sich dabei auf die ihm nahestehende Wertewelt von Priester Józef Tischner, die dieser in seiner „Philosophie des Dramas” vorgestellt hatte. Der Philosophieprofessor und Pfarrer Tischner beantwortete die Frage „Was bedeutet Verrat?” wie folgt: Verraten bedeute etwas mehr als untreu zu sein. „Es bedeutet: zuerst Treue versprechen, und dann verraten”, denn Treue verlange Gegenseitigkeit. Tischner konstatierte, dass der Verrat eine dialogische Struktur habe, dass er wie eine falsche Antwort auf eine richtige Frage sei. Als Beziehung zwischen Personen setze der Verrat das Bewusstsein beider Seiten voraus: sowohl der Verratende als auch der Verratene müssen sicher sein, dass es zum Verrat gekommen sei.

Jan Pomorski zieht, Józef Tischner folgend, aus der philosophischen Analyse den im Kontext der Vergangenheit und Gegenwart Polens enorm wichtigen Schluss, dass die obsessive Überzeugung, „man existiere einzig durch das Verratensein”, äußerst destruktiv für eine Gemeinschaft sein kann, die dem Druck dieser Besessenheit ausgesetzt ist. In der vermeintlichen Sorge um die Sicherheit der Nation und immer im Namen des Patriotismus werden dann eingebildete Bedrohungen vermehrt, die die realen aus dem Blickfeld entfernen. Die psychologischen Folgen des Glaubens an vermeintliche Bedrohungen sind denen einer realen Bedrohung gleich. Jeder Angriff wird durch die Notwendigkeit der Verteidigung begründet.

Die patriotische Propaganda richtet also die Aufmerksamkeit auf die oft mystifizierte Vergangenheit. „Turbopatriotismus ist eine politische Philosophie, die den Vorrang der Feier und der Reaktualisierung von Geschichte vor dem Marsch zu einem besseren Morgen anerkennt”, unterstreicht Napiórkowski. Es lohnt sich, diese Feststellung zu erweitern.

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Vor Jahren hatte George L. Mosse in seiner Analyse der „völkischen Bewegung” in Deutschland an der Wende des 19. und 20. Jahrhunderts veranschaulicht, auf welche Abwege die Loslösung der universellen Ideen von der abendländischen Zivilisation und die ausschließliche Konzentration auf die eigene Geschichte geführt habe. Die Diskrepanz zwischen dem Tempo zivilisatorischer und sittlicher Umwandlungen am Ende des 19. Jahrhunderts und der mentalen Kondition des Menschen war enorm.

Die einfachste Antwort auf die Enttäuschung, das Gefühl des Verlorenseins angesichts dieser heftigen Transformation war der Nationalismus. Er war es, der die Sehnsucht nach authentischer Einheit befriedigte. Visionen und Träume von einem Großdeutschland verbanden fast alle gesellschaftlichen Schichten. Aus Protest gegen die Moderne verwarf man die Zivilisation als künstlich und fremd, und glorifizierte dagegen die Kultur. Der damalige Nationalismus war vor allem eine Rebellion der Seele gebildeter Menschen. Diese war nicht reformorientiert, denn nach dem Allheilmittel gegen die Probleme und Sehnsüchte der Gegenwart suchte man im Bereich des Irrationalen. Es war eine Flucht vor der feindlichen Realität. Die Verteidiger des „deutschen Geistes” fühlten sich, ähnlich wie die Verteidiger des „Polentums”, von der „moralischen Seuche”, der unsicheren Zukunft, den Fremden usw. bedroht.

Vor einhundert Jahren verstand man unter „Volk” etwas mehr als Nation. Es war die Verbindung mit dem Kosmos, mit der Heimaterde, mit der Natur, dem Weltall: Es war eine überzeitliche, generationsübergreifende Gemeinschaft, stärker als der Tod. Das idealisierte und transzendente „Volk” symbolisierte eine Einheit jenseits der Alltagsrealität. Alle westlichen faschistischen Bewegungen waren eine Flucht in Richtung einer mystischen und emotionalen Ideologie. Marcel Déat, Journalist und faschistischer Politfunktionär, sah im Nationalsozialismus „den jungen, brennenden und unwiderstehlichen Glauben einer Gemeinschaft, der sich gegen die Zivilisation fragmentarischer und widersprüchlicher Ideen richtete.”

Der heutige, autoritäre Patriotismus, der von der polnischen rechten Szene vertreten wird, hat viel mit den Ideen gemeinsam, auf die sich die faschistischen Bewegungen im 20. Jahrhundert in Europa bezogen. Die gegen die Moderne, die liberale Demokratie, die westliche Zivilisation gerichteten Aussagen mancher Politiker des Regierungslagers gehen mit dem theoretischen Unterbau einher, der von Publizisten und Wissenschaftlern des rechten Spektrums an die öffentliche Meinung geliefert wird.

Ihre Aussagen unterscheiden sich in Nichts von den Erklärungen der Intellektuellen des 19. Jahrhunderts, die Polen zu „einem unermüdlichen Verfechter des katholischen Glaubens und der westlichen Zivilisation” kreierten, „der letzten Schanze der westlichen Zivilisation” im „verschimmelten Osten” –  „Gott selbst vertraute ihnen die Verteidigung der Zivilisation und der Freiheit an”, damit sie mit eigener Brust „den moralischen Besitz der ganzen westlichen Welt” vor der östlichen Barbarei schützten, oder die slawische Welt vor dem deutschen Drang verteidigten. „Die Soldaten Europas und Soldaten Gottes” waren von der Größe des polnischen Ruhmes und seinem Beitrag zur Entwicklung der westlichen Zivilisation überzeugt, die ebenso intensiv abgelehnt wurde. Es dominierte nämlich das Stereotyp der „kalten” westlichen Zivilisation. „Das Europa der Aufklärung hat nichts außer Formen und Negationen”. Der Westen sei „Lüge, Heuchelei, Selbstsucht”, alles sei „klein, geschrumpft” und „alle Herzen, sogar die Frauen- und Kinderherzen, werden hart vor Kälte”.

Die heutige Verfechtung des Patriotismus in der Version rechter Publizisten und Wissenschaftler ist nicht nur ein Reservoir an Anschuldigungen. Nach ihrer Überzeugung ist die Rekonstruktion der nationalen Identität nach dem Kommunismus nur durch die unverwüstliche polnische Idee möglich. Die polnische Idee soll heute eine Brücke und geistige Verbindung zwischen vergangenen und künftigen Generationen sein. „Das Fundament der Polnischen Idee ist das Streben nach Verwirklichung des Christentums im sozialen, wirtschaftlichen, politischen und internationalen Leben. Das polnische zivilisatorische Projekt ist also das genaue Gegenteil des Prozesses der Separation und Säkularisierung all dieser Bereiche, die der Moderne zugrunde liegen (…) Die polnische Idee kann also nicht nur Polen wiederauferstehen lassen, sondern auch die Welt erlösen.” (Paweł Rojek).

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Die Vergangenheit und die Zukunft wurden immer durch eine dynamische Verbindung zusammengehalten. So wie die Gegenwart der Vergangenheit einen Sinn gibt, so gäbe es ohne Geschichte keine Vision und Utopie der Zukunft. Nach Walter Benjamin leitet dieser „Heliotropismus geheimer Art” das Konstruieren von Geschichte. „Wie Blumen ihr Haupt nach der Sonne wenden, so strebt das Gewesene der Sonne sich zuzuwenden, die am Himmel der Geschichte im Aufgehen ist.” Wir bleiben mit den Fragen zurück, wie wir mit der Vergangenheit umgehen sollten, um eine sichere Zukunft zu garantieren? Wer und wie sollte die Verantwortung für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen der Erfahrung der Vergangenheit und Erwartungen gegenüber der Zukunft übernehmen, für die Perspektive des menschlichen Lebens? Wie soll man die Spannung zwischen der Verwurzelung in eigenen Kulturwerten und der Identität der Anderen lösen?

Es ist noch nicht lange her, dass uns Vaclav Havels Worte von der Macht der Machtlosen belebt hatten. Jerzy Jedlicki erinnerte an die „Ohnmacht der Mächtigen”, als die junge Demokratie in Osteuropa nicht imstande war, die Dämonen der Zerstörung aufzuhalten. Er wies auf die Erfahrungen des finalen Schauspiels des 20. Jahrhundert hin, als „der Krieg zu einem Instrument des Friedens wurde, und die Bomben nachts fielen, um Menschenrechte zu schützen”. Die Ambivalenz der Zivilisation lehrt Zurückhaltung. Wir haben nämlich im vergangenen Jahrhundert allzu gut erfahren, „dass das Wort nicht die Macht besitzt, die Menschheit zu retten, jedoch über eine ausreichende Macht verfügt, um Menschen zum Töten ihrer Nachbarn zu bewegen.

 

Aus dem Polnischen von Agnieszka Grzybkowska

 

Der Artikel erschien zuerst im „Przegląd Polityczny” Nr. 160/2020

 

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Anna Wolff-Powęska

Prof. Dr. Anna Wolff-Powęska ist Historikerin und Expertin auf dem Gebiet der deutsch-polnischen Beziehungen. In den Jahren 1990-2004 leitete sie das West-Institut in Posen.

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