Spuren einer vergessenen Grenze

Mit der Gründung der Zweiten Polnischen Republik und der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Polens 1918 entstand eine deutsch-polnische Grenze, die fast viermal so lang war wie die heutige. Dennoch ist sie im kollektiven Gedächtnis kaum präsent. Die Autorinnen und Autoren des Sammelbandes „Die vergessene Grenze. Eine deutsch-polnische Spurensuche von Oberschlesien bis zur Ostsee“ möchten das ändern und entdecken Erinnerungsorte und Eigenheiten entlang der früheren Grenze neu. Prof. Dr. Dagmara Jajeśniak-Quast hat das Buch gemeinsam mit dem Journalisten Uwe Rada herausgebracht. Mit uns sprach sie über ihre Faszination für die vergessene Grenze

Ricarda Fait: Frau Professorin Jajeśniak-Quast, gemeinsam mit dem Journalisten Uwe Rada haben Sie in diesem Jahr die zweite und überarbeitete Auflage Ihres Buches „Die vergessene Grenze“ herausgebracht. Um welche Grenze geht es Ihnen und warum ist diese vergessen?

Prof. Dr. Dagmara Jajeśniak-Quast: Das ist die Frage, ob die Grenze tatsächlich vergessen ist. Es geht um die deutsch-polnische Grenze der Zwischenkriegszeit. Wenn wir heute über die deutsch-polnische Grenze sprechen, haben wir die heutige Oder-Neiße-Grenze vor Augen. Auch die Geschichte dieser Grenze ist spannend, aber wir wollten ihre Vorgeschichte zeigen. In unserem Verständnis gibt es eine große Kontinuität von Problemen, die Grenzziehungen mit sich bringen. Deswegen haben wir uns entschlossen, die vergessene Grenze aus der Zeit nach dem Versailler Vertrag zu erforschen. Allerdings muss man sagen, dass einige Grenzposten, Grenzmarkierungen und Grenzsteine bereits vor dem Versailler Vertrag entstanden sind. All das macht die Geschichte dieser Grenze äußerst spannend.

Welche Fundstücke haben Sie bei Ihrer Spurensuche entlang der deutsch-polnischen Grenze der Zwischenkriegszeit noch gefunden? Sie erwähnten bereits Grenzsteine, was gab es noch?

Unsere Frage lautete: Was ist als materielles Objekt geblieben, aber auch als Erinnerung an diese Grenze? Deswegen haben wir mit Studierenden in einem Bus die einstige Grenze von Oberschlesien bis zur Ostsee abgefahren, so wie sie damals wirklich verlaufen ist. Und wir haben festgestellt: Es findet sich noch sehr viel, was an die Grenze erinnert.

Da ist vor allem die Infrastruktur. Plötzlich verlaufen die Eisenbahn- oder auch die Straßenbahngleise, wie z.B. in dem Verbund mehrerer Städte in Oberschlesien, anders und man fragt sich, warum verlaufen sie so komisch? Oder es stehen noch zwei Häuser nebeneinander, die an Zollhäuser erinnern. Wenn man die Geschichte der deutsch-polnischen Grenze nicht kennt, dann könnte man natürlich meinen, es seien zwei Häuser, die etwas miteinander verbindet, aber man weiß nicht, warum gerade diese zwei Häuser an eben jenem Ort stehen. Erst ein Blick in die Geschichte zeigt, dass es sich um ein polnisches und ein deutsches Zollhaus handelt, zwischen denen damals die Grenze verlief.

Wir haben auch sehr viele Erinnerungen von den Einwohnern selbst für unsere Publikation berücksichtigt. Wenn man mit den Leuten spricht, dann erfährt man, dass die alte Grenze noch Teil ihrer Erinnerung ist und in ihren Köpfen steckt – entweder aufgrund von Erzählungen der Eltern, Großeltern oder auch weil sie sich selbst noch daran erinnern können.  Es kommt auch vor, dass sie sagen: „Wir gehen nach drüben“, obwohl das „drüben“ innerhalb eines Dorf ist. Aber dort verlief eben früher die Grenze.  Man findet also vieles, was an die Geschichte dieser Grenze anknüpft, nicht nur in materieller Art.

Dann gibt es im ehemaligen Grenzland tatsächlich auch Spuren in der Sprache…

So ist es. Man spürt das noch in der Sprache und die Leute erinnern sich selbst oder – beeinflusst durch die Erzählungen der Eltern oder Großeltern –, dass hier die Grenze war. In vielen dieser Orte gibt es z.B. irgendwelche kleinen Erinnerungstafeln oder auch schon fertige Projekte zu dem Thema. Wir haben in einem Wald sogar eine Ausstellung über die vergessene Grenze gefunden.

Es gibt auch viele Museen, Heimatsmuseen, aber auch professionelle große Einrichtungen. Ein sehr beeindruckendes Museum, was wir gesehen haben und auch die Thematik dieser Grenze betrachtet, ist das Schlesische Museum in Kattowitz. Das ist sehr zu empfehlen, vor allem weil es unter Tage, auf dem Gelände des ehemaligen Bergbaus errichtet worden ist. Also wenn man mit offenen Augen und Ohren – hier muss man eigentlich alle Sinne aktivieren – durch diese Region reist, dann findet man sehr viele Spuren der Grenze aus den zwanziger Jahren.

Würden Sie sagen, die Erinnerungspflege wird eher von den Menschen, die dort leben, also von lokalen Initiativen betrieben oder wird sie auch von staatlicher Seite gefördert?

Weil wir vor Ort waren, haben wir vor allem mit lokalen Initiativen zu tun gehabt. Es gibt kleinere und größere Projekte, die auch von den grausamen Geschichten des Zweiten Weltkriegs erzählen, wie zum Beispiel von der Polenaktion oder der Vertreibung der jüdischen Bevölkerung. Auch das passierte alles an der ehemaligen deutsch-polnischen Grenze.

Unser Projekt wurde im Rahmen eines Jubiläums durchgeführt: 2018 feierte nicht nur Polen, sondern auch andere Staaten den 100. Jahrestag der (Wieder-)Erlangung der staatlichen Unabhängigkeit. Im Rahmen dieser Feierlichkeiten wurden aus Regierungskreisen und vielen zentralen Stellen Projekte initiiert. Etwas fehlte uns aber. Und eben das war der Impuls, warum wir uns auch mit der Grenzfrage beschäftigt haben. Wir haben in dem offiziellen Programm der polnischen Regierung für den 100. Jahrestag der Wiedererlangung der Unabhängigkeit kein Projekt gefunden, das die Frage der Grenze betraf. Wenn man bedenkt, dass gerade die Zweite Polnische Republik mit fast allen Nachbarn Grenzkonflikte führte, dann erschien uns die Grenze als Frage – auch für die europäische Geschichte – enorm wichtig. Und das war ein Stimulus, warum wir überhaupt mit dem Projekt angefangen haben – wir haben hier eine Lücke im offiziellen Programm gesehen.

Und die zweite Lücke betraf den europäischen Kontext. Die polnische Regierung hat zwar sehr viel vorbereitet, sich aber nur auf die polnische Perspektive konzentriert. Wir wollten zeigen, dass natürlich nicht nur Polen 1918 entstanden bzw. wiederentstanden ist, sondern zehn weitere Staaten in Ostmitteleuropa, v.a. aber in Mitteleuropa, und die geographische wie politische Karte Europas umkrempelten. Und diesen europäischen Kontext wollten wir mit dem Projekt auch zeigen, deswegen haben wir auch Studierende der Europa-Universität Viadrina eingeladen, die aus dem ganzen Kontinent und darüber hinaus stammen.

Lassen Sie uns zu den Konfliktpotentialen kommen und dem, was in den Beiträgen des Buches detailliert beschrieben wird. Betrachten wir die polnische Seite der Grenze: 1918 ist nach 123 Jahren der Teilung ein neuer Staat, die Zweite Polnische Republik, und damit natürlich auch eine neue Grenze entstanden. Das hatte auf das Leben der Polen und Deutschen, die vorher gemeinsam in vielen dieser Gebiete lebten, Auswirkungen. Nach der Entstehung der Zweiten Polnischen Republik sind 85 Prozent der Deutschen aus dem Staat ausgewandert. Im Hinblick auf den Bergbau z.B. gingen damit viele Fachkräfte und Absatzmärkte verloren. Wie hat sich die Grenzziehung auf das Leben auf der polnischen Seite in den 1920er Jahren ausgewirkt? Was waren die größten Herausforderungen für den jungen, neu entstandenen Staat?

Das waren sehr große Veränderungen für die Zweite Polnische Republik. Erstmal musste aus drei Teilungsgebieten ein Staat entstehen. In den Teilungsgebieten gab es natürlich unterschiedliche Systeme, sei es das wirtschaftliche, infrastrukturelle oder rechtliche – alles musste vereinigt werden. Gerade dieser westliche, ehemals preußische Teil war, was die wirtschaftliche und infrastrukturelle Entwicklung betrifft, noch am meisten entwickelt.

Hier, glaube ich, können wir einiges entdecken, was in der polnischen Historiographie lange Zeit gar nicht präsent war: dass die Teilungszeit auch einen Modernisierungsschub für die polnischen Gebiete nach sich zog. Ich habe in der Schule meistens nur gelernt, die Teilungszeit bedeutete Germanisierung, das war Bismarcks Politik, nur negative Seiten – das stimmt natürlich alles. Aber es gab auch etwas, was der polnische Staat nach 1918 nutzen konnte. Schon allein die Bodenreform, also die Agrarreform, hatte dazu geführt, dass die landwirtschaftliche Entwicklung in dem ehemals preußischen Teil ein sehr hohes Niveau hatte. Man hatte sozusagen von dem Feind auch gelernt, wie man etwa das Genossenschaftswesen praktiziert. Das alles war, teils in großen Konflikten, aber teils auch in Symbiose gelernt worden.

Und plötzlich war das nicht mehr möglich. Das heißt, die Deutschen, wie Sie sagen, mussten Polen verlassen. Einige haben sich aber auch entschlossen zu bleiben. Dann gab es noch die sogenannten Optanten, die sich für Polen entschieden hatten, obwohl sie zum Beispiel gar kein Polnisch sprachen – auch das kann man an der vergessenen Grenze beobachten. Spuren davon sieht man zum Beispiel an Klassenbüchern in ehemaligen Schulen, die bis 1918 auf Deutsch geführt worden sind und, als das Gebiet polnisch wurde, nur kurz noch auf Deutsch, dann auf Polnisch mit Fehlern weitergeführt wurde. Das war dann ein Lehrer oder Direktor, der für Polen optiert hatte. Das ist materielle Kultur, die die enormen Herausforderungen der damaligen Zeit zeigt, die viele Menschen bewältigen mussten.

Es gab aber auch infrastrukturelle Probleme mit den Wirtschaftsräumen, die zerschnitten worden sind. Wir haben das in Oberschlesien, etwa im Bergbau oder in Hüttenwerken gesehen. Plötzlich ist ein Teil des geschlossenen Organismus einer Wirtschaftskette im anderen Land. Das heißt, der Hochofen ist zum Beispiel auf der deutschen, Walzwerke aber auf der polnischen Seite. Und das ist eine enorme Herausforderung für das Wirtschaftsleben.

Das wirklich Erstaunliche ist, dass es in dieser schwierigen Phase des politischen Konfliktes, z.B. auch der Oberschlesischen Aufstände, sehr viel Pragmatismus gab, wo die Unternehmer sich irgendwie halfen und gesagt haben, wir werden dem Werk weiterhin dies und jenes liefern, also Rohstoffe oder Produkte, um die Anfertigung weiter am Leben zu erhalten.

Die Grenze verlief ja auch Untertage in Bergbauwerken und die Kumpels, die Bergleute, sagten sich, die Grenze verlaufe zwar auch unter der Erde, aber aus Sicherheitsgründen haben sie die Korridore – diese müssen als Fluchtwege immer zugänglich sein – immer offen gelassen. Sie sagten sich, die Politik sei die eine Sache, aber wir sind Kumpels und es ist egal, ob wir deutsche, polnische oder schlesische Bergleute sind. Für sie war das ein Berufsstand und sie haben das so gemacht.

Eine andere Frage, die häufig auch zu pragmatischen Lösungen führte, betraf die Häuser, Gehöfte und Bauernhöfe, die auf der jeweils anderen Seite geblieben sind, wenn die Leute umzogen. Wir haben im Schlesischen Museum zum Beispiel sehr viele Kleinanzeigen gesehen, wo die Leute einfach Wohnungen oder Höfe getauscht haben. Sie haben ihren Hof auf der polnischen Seite angeboten und suchten einen Hof auf der anderen Seite. Daran wird deutlich, dass man in dieser Zeit, die politisch ganz auf Konfrontation gestellt war, Lösungen für das gemeinsame Leben nach der Grenzziehung fand.

Das persönliche und private Leben war also eher von Pragmatismus geprägt, was man von der politischen Situation nicht sagen kann. Die in der Weimarer Republik vorherrschende Politik und gesellschaftliche Stimmung war von revisionistischem Gedankengut durchzogen. Um den Anspruch auf die verlorenen östlichen Gebiete zu untermauern, diente auch die Architektur als Propagandamittel. In den Beiträgen des Buches wird immer wieder der neu entstandene Grenzbahnhof Zbąszynek / Neu-Bentschen als heutiger Erinnerungsort für diese Haltung beschrieben. Wie würden Sie die Ziele beschreiben, die von deutscher Seit mit den architektonischen Bauvorhaben verfolgt wurden?

Bahnhof Zbąszynek (deutsch Neu Bentschen)

Ich würde schon sagen, dass die Architektur und andere Projekte einem Kräftemessen gleichkamen, um zu zeigen, dass die Weimarer Republik ein moderner Staat sei. Die Propaganda zielte auch auf die Deutschen ab, die womöglich in Polen bleiben würden. Es wurde propagiert, dass man für Deutschland optieren solle, getreu der Auffassung, was euch da im „Wilden Osten“ erwartet, ist nicht auf demselben zivilisatorischen Niveau wie auf der deutschen Seite.

Auch diese Propaganda äußerte sich zum Teil in der Architektur, aber auch in den publizistischen Beiträgen und in dem Slogan, Polen sei nur ein „Saisonstaat“, der bald wieder von der Landkarte verschwinden würde. Man ging in der Tat davon aus, dass Polen sich nicht lange halten werde, es nicht schaffen würde, drei Gebiete der ehemaligen Teilungsmächte zu vereinen und die Grenzen zu stabilisieren. Mit dem Großpolnischen Aufstand (1918-1919) haben die Polen noch vor Abschluss des Versailler Vertrags die Westgrenze festgelegt, bzw. anschließend noch im Zuge der Oberschlesischen Aufstände (1919-1921).

Nichtsdestotrotz denke ich, dass diese Siedlungen und der neue Grenzbahnhof zeigen sollten: Das ist die Modernität, das ist die Zivilisation, die wir gewohnt sind. Und das gab es übrigens auf beiden Seiten. Auch der neue polnische Staat hat enorm viel in neue Bauten und den Modernismus investiert, um zu zeigen: Wir können das auch – etwa in der Hafenstadt Gdingen. Das war ein richtiger Wettkampf, nicht nur später militärisch, sondern auch die Architektur, Kultur und Sprache waren Waffen. Das kann man tatsächlich bis heute sehen.

Zunächst wurde der Krieg mit propagandistischen Waffen geführt, doch schon bald darauf mündete die deutsch-polnische Auseinandersetzung im Krieg. In den Beiträgen des Buches wird sehr deutlich, dass die Grenze auch ein entscheidender Grund für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war. Das ist zwar bekannt, aber vielleicht nicht immer so stark im Bewusstsein verankert. Wie würden Sie die Rolle der Grenze für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs beschreiben? Welche Rolle spielte sie in dem europäischen Gefüge?

Ich glaube tatsächlich, dass die Grenze sehr gut die deutschen Angriffsbegründungen legitimieren konnte, weil sie eben 20 Jahre lang ein Dorn im Auge der deutschen Gesellschaft war. Es wurde immerzu über die Grenze gesprochen und sie wurde in Architektur, in Schriften thematisiert, sodass es sehr leicht war, auf solch eine Argumentation zurückzugreifen. Nicht nur die Grenze zu Polen diente für Mobilisierungszwecke, sondern der Versailler Vertrag an sich und das, was nach dem Ersten Weltkrieg in der Weimarer Republik geschah.

Viele Historiker würden sagen, dass der Zweite Weltkrieg eigentlich ein dreißigjähriger Krieg war – er hatte eine Vorgeschichte. Beide Weltkriege hängen auch in meinen Augen miteinander zusammen. Deswegen waren die Lösungen nach dem Zweiten Weltkrieg andere gewesen als nach dem Ersten. Man hat dann eine ganz andere Politik gegenüber Deutschland verfolgt.

Sie sprachen zu Beginn darüber, dass Sie mit Ihrer Publikation auch eine Lücke im Bewusstsein der polnischen Gesellschaft schließen möchten, aber gibt es vielleicht auch eine Lücke auf deutscher Seite zu schließen? Meinen Sie, dass die Spannungen der Zwischenkriegszeit, die im Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mündeten, im deutschen Bewusstsein ausreichend verankert bzw. ausreichend wahrgenommen wird?

Ich würde sagen, das wird nicht ausreichend wahrgenommen. Man weiß in Deutschland viel über den Zweiten Weltkrieg, das ist keine Frage. Gerade die Erwachsenenbildung, aber auch Schulbildung ist hierbei vorbildhaft. Doch je östlicher wir schauen, desto weniger Kenntnis, also diese intime, fachliche und konstruktive Kenntnis, ist vorhanden. Die Besatzungszeit des Zeiten Weltkriegs in Polen und Osteuropa verlief ganz anders als im Westen. Im Osten stand die Kolonisierung und Vernichtung im Vordergrund, gepaart mit der Propaganda vom Untermenschentum.

Ich glaube, die heutige Initiative zur Errichtung des Polen-Denkmals zeigt sehr deutlich, dass noch viel Aufklärungsbedarf besteht. Das Polen-Denkmal, sollte es entstehen, soll auch eine Dokumentation der Besatzungszeit in Polen sein.  Es wäre wichtig, dieses Thema stärker im Bewusstsein der deutschen Gesellschaft zu verankern, damit die Debatten rund um das Erinnern an den Krieg in Deutschland und Polen stärker auf einer sachlichen als auf emotionaler Ebene geführt werden können.

Es liegt noch viel Arbeit vor uns. Haben Sie noch Pläne für weitere Nachfolgeprojekte?

Also dieses Projekt, dieses Buch, entstand im Rahmen eines größeren Verbundprojektes, wo sehr viele Partner von Poznań bis Berlin mitgearbeitet haben. Jetzt würden wir tatsächlich gerne noch in dieser Zeit bleiben, denn für Ostmitteleuropa war die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg sehr prägend, und ist es auch bis heute.

Und wir haben auch heute noch Grenzkriege in Europa – das ist nicht vorbei, wenn man an die russische Annexion der Krim und an den Krieg in der Ostukraine denkt. Die politische Karte dieser Region ist noch nicht zu Ende gezeichnet. Um das zu verstehen, wollen wir uns tatsächlich erst einmal der Grenzfrage zwischen Polen und der Ukraine bzw. Polen und der Ukrainisch-Sowjetischen Republik aus der Zwischenkriegszeit widmen. Und genauso wie damals bereiten wir uns in den wissenschaftlichen Seminaren seit zwei, drei Semestern auf das Thema vor.

Das ist ein sehr spannendes und komplexes Thema, deswegen machen wir uns zunächst mit der wissenschaftlichen Literatur vertraut und dann wird die anschließende Prozedur ähnlich sein: Dann werden wir vor Ort fahren, um Spuren zu suchen.

Zum Abschluss lassen Sie uns noch zu den heutigen Grenzen kommen. Durch die Corona-Krise und die Grenzschließungen zwischen den Mitgliedsstaaten Europas sind uns die Grenzen, die zwischenzeitlich wirklich fast „vergessen“ waren, wieder sehr ins Bewusstsein gekommen. Sie arbeiten unmittelbar an der Grenze, an der Viadrina in Frankfurt (Oder) – wie hat sich die Grenzschließung bzw. die spätere Öffnung auf Ihr Leben und Ihr Arbeiten ausgewirkt?

Das war für uns alle hier eine sehr schmerzhafte Erfahrung. Diese mehreren Wochen der geschlossenen Grenze haben gezeigt, wie verletzlich solche Regelungen mitten in der Europäischen Union sein können. Das hat sich keiner vorstellen können, nicht einmal die Gründerväter der EU, dass wir Anno Domini 2020 nur nationale Lösungen für ein Problem suchen statt gemeinsame, europäische. Diese egoistische Vorgehensweise vieler europäischer Länder, also auch der Mitglieder der Europäischen Union, hat mich persönlich erschreckt. Das hat gezeigt, dass das europäische Projekt noch weit davon entfernt ist, als vollendet angesehen zu werden. Dieses Projekt müssen wir, genauso wie die Freiheit des Reisens, der Niederlassung usw., pflegen wie eine verletzliche Pflanze.

Deutlich wurde auch, dass Grenzen nach wie vor präsent sind. Wir hatten gedacht, spätestens mit dem Beitritt Polens zur Europäischen Union 2004 würde sich alles ändern. Dann mussten wir erfahren, dass wir auf Schengen noch länger (bis 2007) warten müssten. Dann mussten die Polen noch länger warten, bis die letzte Schranke fiel, nämlich die Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes für polnische Arbeitnehmer und umgekehrt: die Arbeitnehmerfreizügigkeit seit dem 1. Mai 2011. Und dann dachten wir: Jetzt haben wir es erreicht, jetzt sind die deutsch-polnischen Beziehungen auf demselben Niveau wie die deutsch-französischen.

Doch dann kam Corona und die Grenzschließungen, die insbesondere die grenznahen Regionen und tausende von Pendlern sehr hart getroffen haben. Wer hätte solch einen Rückschritt für möglich gehalten…

Dieses Bild von der Grenze als verletzliche Pflanze ist ein gutes Schlusswort dafür, die Grenze als etwas wahrzunehmen, was zwar mittlerweile sehr durchlässig geworden ist, aber was natürlich eine Errungenschaft war, um die man weiterhin ringen muss. Ich denke, Ihre Publikation ist ein wichtiger Beitrag dafür, die Sensibilität für dieses Thema aufrecht zu erhalten und vielleicht sogar zu verstärken. Ich danke Ihnen für das Gespräch und wünsche Ihnen viel Erfolg für das Folgeprojekt an der polnisch-ukrainischen Grenze der Zwischenkriegszeit.


Dagmara Jajeśniak-Quast ist Professorin für Interdisziplinäre Polenstudien an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Sie forschte und lehrte unter anderem am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam sowie am Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) an der Universität Leipzig.

 

 

 


Ricarda Fait ist Redakteurin bei DIALOG FORUM. Sie studierte Kulturen und Literaturen Mittel- und Osteuropas sowie Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin.

 

 


Dagmara Jajeśniak-Quast, Uwe Rada
Die vergessene Grenze. Eine deutsch-polnische Spurensuche von Oberschlesien bis zur Ostsee
erschienen im be.bra verlag
ISBN 978-3-86124-718-0

 

 

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