Lasst uns eigene Medien gründen

Die Personal- und Programmänderungen im polnischen öffentlichen Fernsehen seit dem Machtantritt von PiS haben seitens der Zuschauer keine Proteste ausgelöst. Diejenigen, denen die propagandadurchtränkten Tagesnachrichten „Wiadomości“ und die Telenovelas nicht gefallen, haben ihren Fernseher einfach ausgeschaltet. Doch beim öffentlichen Rundfunk, insbesondere beim Sender Trójka, kam es anders. Warum haben nur dieser Sender und seine Hörer so heftig auf die staatliche Zensur reagiert und was haben sie beschlossen zu tun?

Polskie Radio Program Trzeci, kurz Trójka [Das Dritte] ist ein polnischer, landesweiter öffentlicher Radiosender, den es seit dem 1. April 1962 gibt. Ziel der damaligen Regierung war es, die polnische Jugend von den westlichen Sendern wegzubekommen, weshalb viel Musik gesendet wurde, die sonst nirgendwo im kommunistischen Polen zu hören war. Außer Musik standen publizistische Sendungen auf dem Programm, Hörspiele, Reportagen, insbesondere Autorensendungen, deren Macher von Grund auf selbst über die Form ihres Berichtens über Musik, Kultur und gesellschaftliche Ereignisse entschieden. Den in den kommunistischem Medien „Ventil“ genannten Sender Trójka hörten vor allem Studenten, die ihm auch nach Studienabschluss treu blieben, weil zwischen den Journalisten und den Hörern eine starke Bindung entstanden war, die von Generation zu Generation weitergetragen wurde.

Über den Charakter von Trójka spreche ich unter anderem mit Mikołaj Lewicki, Soziologe der Universität Warschau, der sich mit Wirtschaft, gesellschaftlichen Spaltungen und Medien befasst. Kürzlich hat er den Bericht „Koniec prawdy, niech żyją prawdy. Media i polityczność w dzisiejszej Polsce” [Das Ende der Wahrheit, es leben die Wahrheiten. Medien und ihr politischer Charakter im heutigen Polen] veröffentlicht. Lewicki sagt: „Der Sender Trójka hob sich darin von anderen Sendern ab, dass er eine symbolische, glückliche Verbindung aus Pop und Massenkultur mit einer Dosis Intellektualität sein sollte.“ Diese glückliche Verbindung wurde dem Sender jedoch auch zum Vorwurf gemacht. Diejenigen, denen Trójka nicht gefiel, bezeichneten den Sender als zu elitär, als Insidersender. Sie warfen den Journalisten vor, sich nicht um die Einschaltquoten zu kümmern und für Veränderungen nicht offen zu sein, was den Sender in einem langanhaltenden Prozess zerstört habe, bis zum heutigen Tage: „Die gleichen Stimmen, die gleichen Jingles, die gleichen Songs, das gleiche Tempo, oft die gleiche Langeweile. Alles ringsherum verändert sich, aber Trójka verändert sich kein Stück“, schreibt der Journalist Marek Pyza auf der Internetseite wPolityce.pl.

Nach den Parlamentswahlen in Polen im Jahr 2015, nach denen die Regierung von der PiS-Partei übernommen wurde, kam es bei Trójka zu zahlreichen Veränderungen. Für die Hörer waren diese beunruhigend. Die Inhalte der Nachrichtensendungen wurden der Propaganda des Polnischen Öffentlichen Fernsehens immer ähnlicher, und manche Themen durften auf Sendung nicht angesprochen werden. Es wurden Mitarbeiter entlassen und durch Journalisten regierungsnaher Medien ersetzt, ins Studio wurden Gäste eingeladen, die die Regierung und deren Maßnahmen lobten. Die Entlassungswelle von 2017 hat fast 30 Journalisten erfasst. Die interne Atmosphäre war schlecht.

Über ihre Arbeit im Sender sprachen Mitarbeiter mit der Journalistin Renata Kim vom Wochenmagazin Newsweek, der Artikel wurde unter dem Titel „Wir wollen den Hörern mitteilen, dass uns die PiS-Propaganda nicht gaga gemacht hat.“ Die Hörer starteten Protestaktionen, eine davon war die Gründung der Facebook-Gruppe „Lasst uns Trójka retten“ (sie hat heute an die 101.000 Mitglieder). Der Schriftsteller und Journalist Jerzy Sosnowski, der seit einigen Jahren für das Polnische Radio arbeitet und auf Trójka Kultursendungen moderiert, vor allem aber Chef des Berufsverbandes des Senders ist, wurde entlassen, weil er sich kritisch über die Direktion des Senders geäußert hatte. Das Amtsgericht in Warschau erklärte den Kündigungsgrund für gesetzwidrig.

Wenn ich Jerzy Sosnowski frage, warum PiS Trójka kaputt machen will, spricht er über die Rache von Politikern an den Journalisten, die die Regierung nicht unterstützen, und charakterisiert die Hörer des Senders und dessen Arbeit folgendermaßen: „Wir haben an der Grenze zwischen der Massenkultur und der – nennen wir sie einmal so – postintellektuellen Kultur gearbeitet. Nur, dass wir einen charakteristischen Stil hatten und Kitsch vermieden. Aber für die Regierenden, für die die nationale Kultur in einem Gemisch aus Disco Polo und Ritterromanen besteht, war unser Stil, oder genauer gesagt der Hörerkreis, dem dieser Stil gefiel, ein Feind, dem sein Lieblingsspielzeug kaputt gemacht werden musste …“ Über Trójka und die Entlassungen der Journalisten spreche ich auch mit Tomasz Ławnicki, einem Journalisten, der zehn Jahre lang für den Sender tätig war, und in der Funktion als Nachrichtensprecher und stellvertretender Leiter der Redaktion Aktuelles im Jahr 2016 entlassen wurde. Offiziell wurde seine Entlassung mit der Streichung seiner Stelle begründet, was nicht der Wahrheit entsprach. Der Journalist klagte gegen die Direktion des Polnischen Radios und bekam Recht. Ławnicki erzählt: „Wenn ich Anweisungen oder Vorgaben der Direktion kritisiert habe, dann deshalb, weil es keinerlei Kriterien entspricht, wenn man den Reportern vorgibt, wen sie interviewen sollen und wen nicht. Ich war der Meinung, dass man kämpfen muss. Und die Entlassungen von Journalisten wurden vorgenommen, damit andere sehen konnten, dass es hier nichts mehr zu verteidigen gibt, das war eine Form der Abschreckung.“ In dieser Atmosphäre, die von Angst, der Zensur und von Unsicherheit geprägt war, traf die Journalisten die Corona-Pandemie, und mit ihr kam Jarosław Kaczyńskis mittlerweile bekannter Friedhofsbesuch.

April 2020. In Polen gilt landesweit Quarantäne – länger und strenger als in Deutschland. Doch der April ist seit zehn Jahren in Polen auch der Monat, in dem der Flugzeugkatastrophe von Smolensk gedacht wird, bei der der damalige Präsident Polens, Lech Kaczyński, und viele andere Politiker verunglückt waren. Der April ist der Monat des Erinnerns, der Kranzniederlegungen und politischen Diskussionen, die die gesellschaftliche Spaltung vertiefen. In diesem Jahr wurden die Feierlichkeiten begrenzt, doch Kränze wurden niedergelegt und es wurden Reden gehalten (vor allem über soziale Medien). Aber da war noch etwas. Ein kleines Vorkommnis hat die Öffentlichkeit empört: Der Vorsitzende der PiS-Partei Jarosław Kaczyński legte am 10. April am Grab seiner Mutter und auf der symbolischen Grabstätte seines Bruders und dessen Gattin Blumen nieder.

Diese Geste, der Besuch auf dem Friedhof, der in der polnischen Kultur eine enorme Bedeutung hat, wurde zum Anlass für einen politischen Skandal. Denn als Jarosław Kaczyński in seiner Limousine mit seinen Bodyguards durch einen Seiteneingang auf den Warschauer Powązki-Friedhof fuhr, hing am Tor ein Zettel, der darüber informierte, dass aufgrund der Epidemie der Friedhof für Besucher geschlossen sei. Die Diskussion ging über mehrere Tage: War der Besuch auf dem Friedhof privat oder dienstlich? Darf ein Abgeordneter mehr als andere Bürger und warum, und war dieser Besuch notwendig und nicht eher eine Ohrfeige für die Menschen, die wegen der Epidemie ihre Arbeit und Perspektiven verloren hatten, weil sie zuhause eingeschlossen waren, während für andere, „Privilegiertere“ die Quarantäne und Vorschriften keinerlei Bedeutung hatten? Ein Kommentar und eine Reaktion auf diesen Vorfall war der Song von Kazik Staszewski mit dem vielsagenden Titel „Dein Schmerz ist besser als meiner“, in dem der Sänger sich auf Kaczyńskis Friedhofsbesuch bezieht, und auf die einfache Melodie einer Straßenballade folgendes singt:

„Nur Du kannst deinen Schmerz lindern

Alle anderen sind arm dran

Eine, zwei Limousinen, der ganze Friedhof ist deiner

Besser als meiner […]“

Und dann geht es weiter:

„Vor vier Jahren am 10. April

Ist Marias Tochter vors Auto gelaufen

Maria darf heute nicht durch das Tor

Denn dein Schmerz ist besser als ihrer

Dein Schmerz ist besser als ihrer […]“

Das Lied wurde am 8. Mai veröffentlicht und war zugleich die Prämiere des neuen Albums „Zaraza“ [Seuche], wobei hier erwähnt werden muss, dass der 57-jährige Kazik Staszewski nicht zum ersten Mal etwas Politisches singt und die Regierung kritisiert. Im Gegenteil, denn er ist dafür bekannt, dass er niemanden verschont. Er hat über Lech Wałęsa („100 000 000“) gesungen, über den Ministerpräsidenten Józef Oleksy (Łysy jedzie do Moskwy/Der Kahle fährt nach Moskau), über Präsident Aleksander Kwaśniewski (Prezydent/Der Präsident). Staszewski kritisiert in seinen Songs nicht nur Politiker scharf, sondern auch die Kirche und die polnische Mentalität.

Und an dieser Stelle sind wir wieder beim Thema Trójka. Denn in der seit über 35 Jahren laufenden Kult- und Prestigesendung von Marek Niedźwiecki – die Hitliste des Dritten Programmes – wurde Kaziks Song gesendet und hat am 15. Mai den ersten Platz auf der Liste belegt, was sich für den Sender als Sargnagel erweisen sollte. Warum? Nach der Ausstrahlung annullierte die Direktion die Abstimmung mit dem Argument, es sei zu Manipulationen und Regelverstößen gekommen. Wenige Stunden darauf kündigte Marek Niedźwiecki seine Arbeit, und mit ihm verließ innerhalb der darauffolgenden Tage ein gutes Dutzend Spitzen-Journalisten den Sender. Viele Musiker untersagten dem Sender, ihre Musik zu spielen. Kazik selbst zog seinen Song von der Liste zurück. Die Hörer von Trójka bombardierten die Facebook-Seite des Senders mit dem Kommentar „Dein Schmerz ist besser als meiner“. Wegen fehlenden Personals im Sender wurden einstündige Musikblocks gesendet, und am 25. Mai verzichtete der Direktor von Trójka Tomasz Kowalczewski, der, wie sich herausstellte, per SMS die Ausstrahlung von Kaziks Song im Radio verboten hatte, auf seinen Posten.

Das ist ein noch größerer Skandal als Kaczyńskis Besuch auf dem Friedhof – und welchen Folgen hatte er? Bis Ende Juli wurde der Videoclip des Songs auf YouTube fast 15 Millionen Mal angesehen, und Kazik freut sich über die kostenlose Werbung. Direktor Kowalczewski wurde durch den bei Trójka-Hörern beliebten Jakub Strzyczkowski ersetzt, der in den ersten Tagen in seiner neuen Funktion einige Journalisten davon überzeugen konnte, zum Sender zurückzukommen, und sich als nächstes offiziell bei Marek Niedźwiecki entschuldigte. Doch er war in einer schwierigen Lage, und der bittere Nachgeschmack der Hitlisten-Affäre und der Zensur wird noch lange anhalten. Ausländische Medien reagierten auf den Skandal sofort, konzentrierten sich jedoch allein auf die Zensur in Polen seit der PiS-Regierung. Doch Jakub Strzyczkowski konnte sich nicht lange auf dem Posten halten. Am 20. August wurde er aufgrund „interner Regelverstöße“ entlassen.

„Der PiS-Partei gelingt in der Politik praktisch alles, außer neue Eliten zu schaffen und sich die Kultur einzuverleiben“, sagt Mikołaj Lewicki. „PiS hat keine eigenen Eliten, die in der Lage wären, sich der Bilder und Symbole zu bemächtigen, insbesondere bei der Mittelklasse. Und sie schafft es nicht, die Bilder und Symbole, die es bereits gibt, für sich einzunehmen. Und sie schafft es auch nicht, das kulturelle Establishment für sich zu gewinnen. PiS ‚zerstört‘ Medien wie Trójka, weil die Partei keine Idee hat, wie sie sie sowohl wirtschaftlich als auch symbolisch und ideologisch übernehmen könnte, deshalb ist das einzige, was PiS kann, diese Medien fertig zu machen. Ich bin der Meinung, dass es sich in diesem Fall nicht um gezielte Maßnahmen gehandelt hat, das war eher eine Serie von Versehen, und keine Strategie.“ Versehen oder nicht, Tatsache ist, dass es Trójka praktisch nicht mehr gibt: Es gibt die Zensur, ein verschrecktes, demontiertes Team und personelle Lücken – die Mauer des intellektuellen Radios mit ausgezeichneter Publizistik, mit Autorensendungen und anspruchsvoller Musik ist zusammengebrochen. Geblieben sind schwelende Brandstätten. Aber ein paar Funken haben woanders ein Feuer entfacht.

Dieser neue Ort ist das Internetradio mit dem Namen Radio Nowy Świat [Radio Neue Welt], das aus Journalisten von Trójka besteht, darunter auch große Namen. Bereits im April 2020 hatte die ehemalige Direktorin Magdalena Jethon über die Initiative zur Gründung eines neuen Musik- und Publizistiksenders im Internet informiert. Zu diesem Zweck wurde auf dem Portal Patronite nach dem Prinzip des Crowdfundings gesammelt. Die Ergebnisse waren für alle überraschend. Die geplanten 250.000 Złoty (etwa 62.500 Euro) die erforderlich sind, damit das Radio einen Monat lang auf hohem Niveau senden kann, waren innerhalb von 24 Stunden zusammengekommen. Radio Nowy Świat startete mit Karacho am 10. Juli und hat heute 28.760 Förderer, sprich Personen, die regelmäßig Geld einzahlen, damit der Sender weiter funktionieren kann. Die Summe, die die Hörer schicken, beläuft sich insgesamt auf 717.085 Złoty monatlich (etwa 180.000 Euro). Innerhalb von knapp drei Monaten gelang es, ein Gebäude zu mieten, zu renovieren und als Sitz des Senders auszustatten, ein Team zusammenzustellen, das Autoren-Sendungen erstellt.

Bei Radio Nowy Świat (Abkürzung RNŚ) gibt es keine Werbung, es werden keine Politiker ins Studio eingeladen. An seinem ersten Tag hatte RNŚ über 500.000 Hörer. Viele Journalisten von Trójka sind zum neuen Sender übergegangen, darunter meine Gesprächspartner Tomasz Ławnicki und Jerzy Sosnowski. „Das Ergebnis der Geldsammlung zeigt, dass die Verlegung von Medien ins Internet Zukunft hat“, sagt Ławnicki, mit dem ich auch via Internet spreche. „Insbesondere in Zeiten der Pandemie ist das eine enorme Verpflichtung den Hörern gegenüber. Der Sender läuft jetzt schon seit drei Wochen und es ist nichts Negatives zu hören, eher Begeisterung der Menschen, die sich freuen, dass etwas entstanden ist, was ihnen gefällt. Einer große Hörergruppe ist erst jetzt bewusst geworden, was in den vergangenen Jahren mit Trójka passiert ist, wie sehr der Sender in seinem Wesen beschnitten wurde.“

Doch der Soziologe Mikołaj Lewicki ist nicht so optimistisch: „Medien im Internet werden weniger eingeschaltet und gehört als traditionelle Medien. Man verdient an ihnen weniger. Natürlich dürfen die hohen Einschaltquoten von Radio Nowy Świat nicht bagatellisiert werden, doch ich befürchte, dass das durch die Frische und die Mobilisierung kommt und nicht lange anhalten wird. Das Internet als neues Medium ist eine Welt, die aus vielen Nischen besteht, aber kein Raum, in dem Platz für ein Radio mit einer öffentlichen Mission wäre, die konsequent großangelegt umgesetzt wird.“ Die Frage, ob man aus Angst vor den Einflüssen von PiS, vor der Zensur und der Zerschlagung von Kulturinstitutionen und Medien, die mit der derzeitigen Regierung nicht ganz konform gehen, ins Internet flüchten kann, bleibt offen. Die Zeit wird die Antwort darauf geben. Jerzy Sosnowski ist der Meinung, dass man es probieren muss: „Am Beispiel von China zeigt sich, dass für eine verbissene Diktatur nicht einmal das Internet eine Bastion ist, die sich nicht erobern lässt, aber ich glaube, dass man in der europäischen Realität versuchen muss, ins Netz ,zu flüchten‘. Jedenfalls deuten die ersten Wochen von Radio Nowy Świat darauf hin. Den bekannten Bürgerrechtler Jacek Kuroń (1934-2004) paraphrasierend könnte man sagen: Unsere Medien wurden zerstört, lasst uns eigene gründen. Ich habe nicht geglaubt, dass das klappt, aber jetzt fange ich an, daran zu glauben.“

Doch die Meinungsfreiheit kann sich selbst in offenen und toleranten Kreisen, zu denen die Journalisten von Radio Nowy Świat zu gehören scheinen, zu einem Fiasko entwickeln und Grund für Streitigkeiten bieten. Einen Monat, nachdem Radio Nowy Świat auf Sendung gegangen war, trat der Vorstandsvorsitzende des Senders, Piotr Jedliński, wegen der ersten Image-Krise zurück. Anlass waren die Nachrichten vom 7. August, in denen auf dem Sender über die Proteste von LGBT-Personen in Warschau berichtet wurde. Auslöser der Proteste war die Verhaftung des Aktivisten Michał Sz., Pseudonym „Margot“, der wegen der Beschädigung des Transporters eines Anti-Abtreibungsaktivisten von der Stiftung Fundacja Proprawo do życia [Stiftung Pro – Recht auf Leben] für zwei Monate in Untersuchungshaft gelangte. In der Nachrichtensendung wurde „Margot“ – der sich selbst als nichtbinär definiert – als Mann bezeichnet, woraufhin sich einige Hörer und Journalisten zu Wort meldeten. Jedliński verteidigte diesen Ausdruck in sozialen Medien, wo er schrieb, dass Personen, die den Respekt für die Freiheit (in diesem Falle die sexuelle) wünschen, anderen nicht ihre Weltanschauung vorschreiben sollten.

Die Direktion von Radio Nowy Świat distanzierte sich sofort von Jedlińskis Haltung, und einige Stunden später stellte sich heraus, dass er nicht mehr Vorstandsvorsitzender des Senders und angeblich selbst von seinem Posten zurückgetreten sei. Viele Hörer (Förderer) reagierten brüskiert und erklärten, dass sie den Sender nicht länger mitfinanzieren würden. Der Kreis um Radio Nowy Świat griff Jedliński in Kommentaren, in denen von Toleranz und Meinungsfreiheit die Rede war, auf Facebook heftig an; es ergossen sich Hassreden, die mit kultivierten Aussagen gepudert waren, ohne Rechtschreibfehler und Schimpfwörter. Doch Hassrede bleibt Hassrede. Sowohl auf der linken als auch auf der rechten Seite. Die politische Korrektheit hat versagt, denn es gab auch Stimmen, die Verständnis für Jedliński zeigten und der Meinung waren, der Verlust des Arbeitsplatzes sei eine allzu heftige Strafe für sein Statement. Hat die Flucht von Trójka vor der PiS-Zensur nicht in einer Zensur durch Personen mit angeblich toleranten Ansichten gemündet?

Die Geschichte von Trójka, die Zerstörung eines bedeutsamen Radiosenders, für den die Meinungsfreiheit ein wesentliches Symbol noch aus den Zeiten des vorangegangenen politischen Systems in Polen ist, zeigt, wie die PiS-Regierung agiert, selbst wenn dieses Agieren nicht strategisch und nicht ganz logisch ist. Die Zensur und der Einsatz von „eigenen“ Mitarbeitern in öffentlichen Institutionen sind gescheiterte Versuche, die „Elite“ zu übernehmen. Doch auf der anderen Seite kommt es auch zu Konflikten, obwohl sich diese Kreise modern und tolerant geben. Aber im Hintergrund steht noch etwas, nämlich der polnisch-polnische Krieg, deren Zeugen Anhänger sowohl des einen als auch des anderen Lagers sind. Jerzy Karwelis, Journalist und Autor des Buches „Trzeci sort“ [Güteklasse drei], der den langjährigen Journalisten von Trójka die Schuld an der Zerstörung des Senders gibt, fasst seine Gedanken folgendermaßen zusammen: „Weder PiS noch PO machen Trójka kaputt. Der polnisch-polnische Krieg macht den Sender kaputt. Das Kultradio ist zu einem Nährboden für den Schlagabtausch zwischen zwei Stämmen geworden, die bis aufs Messer entzweit sind. Dieser Krieg saugt alles aus. In letzter Zeit habe ich überlegt, ob es überhaupt etwas gibt, was außerhalb seiner Reichweite geblieben ist. Ich habe lange darüber nachgedacht und eigentlich habe ich nichts mehr gefunden.“ Ist es in Polen schon so weit gekommen?

 

Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Miller

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Natalia Staszczak-Prüfer

Natalia Staszczak-Prüfer ist Theaterwissenschaftlerin, freiberufliche Journalistin und Übersetzerin.

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