Die Wiedervereinigung Deutschlands

Normalerweise liest man in Geschichtsbüchern über die Reihenfolge der Ereignisse folgendes: Erst fiel die Mauer, dann der Warschauer Pakt, und am Ende die Sowjetunion. Das ist eine vollkommen falsche Perspektive. Die Reihenfolge muss umgekehrt werden. Mit Professor Vladislav Zubok spricht Zbigniew Rokita.

 

Zbigniew Rokita: Wäre die Vereinigung Deutschlands während des Kalten Krieges möglich gewesen? Wir wissen, dass Stalin beispielsweise 1952 den ehemaligen Alliierten vorgeschlagen hat, ein vereintes und neutrales Deutschland zu proklamieren, aber die Alliierten lehnten ab.

Vladislav Zubok: Nein, ich habe nicht den Eindruck, dass die Vereinigung Deutschlands während des Kalten Krieges möglich gewesen wäre. Der von Ihnen angeführte Plan Stalins war außerdem der einzige Plan, der jemals diskutiert wurde. Er schickte eine Note an die drei Großmächte und schlug ein Gespräch über die Vereinigung Deutschlands vor, aber weder Bonn noch Paris, London oder Washington waren interessiert. Im Westen verstand man, dass Stalin einfach die Pläne zur Integration der Bundesrepublik Deutschland in die westlichen Strukturen unter der Ägide der Vereinigten Staaten torpedieren wollte.

Helmut Kohl und Michail Gorbatschow trafen sich im Herbst 1988 im Kreml. Sie diskutierten über die Zukunft Deutschlands. Hat Gorbatschow mit den Verhandlungen zur Wiedervereinigung hinter Erich Honeckers Rücken und gegen den Willen der DDR-Regierung begonnen?

Das hat er nicht gemacht, und zwar nicht, weil ihm so sehr an der Erhaltung der Berliner Mauer gelegen war. Licht in die Sache bringt eine kaum bekannte Episode, auf die ich einst im Archiv gestoßen bin.

Ende Mai, Anfang Juni 1987 fuhren Gorbatschow und der Chef der sowjetischen Diplomatie, Eduard Schewardnadse, nach Ostberlin zum Gipfeltreffen des Warschauer Paktes. Dort trafen sie sich mit Honecker und sprachen mit ihm über die Mauer. Ich weiß nicht, ob sie sich darüber im Klaren waren, dass Ronald Reagan schon bald anlässlich der 750-Jahr-Feierlichkeiten der Stadt nach Westberlin kommen und seine berühmten Worte sagen würde: „Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!“ Während des erwähnten Gipfeltreffens sagte Gorbatschow zu Honecker, die Mauer sei überflüssig geworden. Die sowjetischen Leader waren nämlich der Meinung, dass die Aufrechterhaltung der Berliner Mauer eine schlechte Idee sei, zumal die Sowjetunion bereits mit dem Programm der Gorbatschowschen Reformen begonnen hatte. Gorbatschow hatte 1986 einen neuen Kurs eingeschlagen, der bedeutete, sich für Westeuropa zu öffnen und von den Spannungen des Kalten Kriegs zur Partnerschaft überzugehen.

Wie reagierte Honecker?

Absolut negativ, und Gorbatschow sprach das Thema eine Zeitlang nicht mehr an. Ich habe selbst oft darüber nachgedacht, warum er damit nichts hinter Honeckers Rücken gemacht hat. Gorbatschow hat immer betont, dass die UdSSR sich nicht in innere Angelegenheiten ihrer Bündnispartner einmischen darf – wir hatten das Jahr 1956 in Ungarn, 1968 in der Tschechoslowakei und wir wissen, wie das alles ausgegangen ist. Aber das hier war etwas anderes: Die Berliner Mauer war keine innere Angelegenheit der DDR und der Bundesrepublik, sondern das Zentrum des europäischen Sicherheitssystems.

Er hat also auch nicht mit Kohl darüber diskutiert, als dieser im Oktober 1988 nach Moskau kam?

Nein. Interessanterweise sind diesem Treffen lange Bemühungen vorausgegangen. Kohl hatte nämlich Gorbatschow einst mit Goebbels verglichen und ihm Propaganda vorgeworfen. Gorbatschow war tief verletzt und wollte sich nicht mit ihm treffen. Die Frage der Wiedervereinigung wurde auch im Juni 1989 nicht angesprochen, als wiederum Gorbatschow in Bonn zu Besuch war.

Direkt vor der Ausreisewelle, die im darauffolgenden Monat losging…

Das stimmt, obwohl während Gorbatschows Besuch die Situation noch stabil war und beide Seiten eine Vereinbarung trafen, die diese Stabilität aufrecht erhalten sollte. Kohl versprach dem sowjetischen Oberhaupt, keine einseitigen Maßnahmen vorzunehmen, die zur Destabilisierung der Situation in der DDR führen könnten. Als dann der deutsche Bundeskanzler im November 1989 seinen Zehn-Punkte-Plan zur Wiedervereinigung vorlegte, war Gorbatschow rasend vor Wut, denn er fand, Kohl hätte sein Wort nicht gehalten, das er ihm gegeben hatte.

Selbst als die Mauer schließlich fiel, war die Zukunft der beiden Staaten noch nicht entschieden. Anfangs dachten Bonn und Berlin daran, konföderative Strukturen zu errichten, und Kohl ging davon aus, dass die vollständige Wiedervereinigung bis zu fünf Jahre dauern könnte. Doch einige Monate später, im Herbst 1990, war bereits klar, dass die DDR und die Bundesrepublik Deutschland keine Konföderation als Übergangsphase bilden werden. War dem Kreml, als die Mauer fiel, bewusst, dass es so schnell zur Wiedervereinigung kommen würde? Wie nahm er damals die Zukunft der DDR wahr, seines – so scheint es – stärksten Bündnispartners in Mitteleuropa?

Wie alle damaligen Staatsoberhäupter dachte Gorbatschow nicht, dass es so schnell zur Wiedervereinigung kommen würde. Im Gegenteil. Er hat nicht erwartet, dass die DDR unter der Führung von Honeckers Nachfolger Egon Krenz schon bald de facto ihre Grenzen öffnen würde.

Dachte er, dass die DDR bestehen bleibt?

Ja, eine Zeitlang. Er wollte sie politisch unterstützen, schließlich war in Ostdeutschland eine gewaltige sowjetische Armee stationiert: 300.000 Offiziere und Soldaten.

In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 wurde um Mitternacht die Fahne der Einheit an einem großen Fahnenmast vor dem Reichstagsgebäude gehisst. © Wikipedia

Aus Gorbatschows Sicht ist die Berliner Mauer im denkbar schlechtesten Moment gefallen. Wenn wir über die deutschen Ereignisse von 1989 sprechen, vergessen wir die innere Krise in der UdSSR selbst. Am 9. November, als die Mauer fiel, war das Politbüro ziemlich beschäftigt, denn seine Mitglieder versuchten, mit der Sezession Litauens fertig zu werden. Normalerweise liest man in Geschichtsbüchern über die Reihenfolge der Ereignisse Folgendes: Erst fiel die Mauer, dann der Warschauer Pakt und am Ende die Sowjetunion. Das ist eine vollkommen falsche Perspektive. Die Reihenfolge muss umgekehrt werden, denn im Herbst 1989 war die Krise in der UdSSR in vollem Gange. Gorbatschow war damals einfach mit dem Chaos in seinem eigenen Laden zu sehr beschäftigt, um sich für das Thema Deutschland stärker einzusetzen und die DDR intensiver zu unterstützen.

Wann wurde klar, dass die Tage der DDR gezählt sind?

Ende Januar 1990. Ostdeutschland war zu einem sehr instabilen Gebilde geworden, die Regierung hatte keine Kontrolle über die Finanzen und sorgte mit der Öffnung der Grenzen zur Bundesrepublik dafür, dass die Deutsche Mark de facto auch im Osten zu einer Währung wurde.

Aber Moskau hat zumindest theoretisch über gewisse Instrumente verfügt, um den Prozess der Wiedervereinigung anzuhalten, beispielsweise die erwähnte Armee.

Was hätten die Sowjets denn machen sollen? Panzer an die Grenze schicken und sie wieder schließen? Das wäre eine Rückkehr zu 1953 gewesen. Das Politbüro hat damals nicht einmal die Möglichkeit diskutiert, die Armee in Ostdeutschland einzusetzen. Die Soldaten hatten den Befehl, in den Kasernen zu bleiben. Gorbatschow wusste, dass, wenn er sich in Deutschland für den Einsatz des Militärs entscheiden würde, dies den Zusammenbruch seiner Perestrojka bedeutet hätte. Er hatte keine Wahl. Er musste dieses enorme Opfer bringen und auf die DDR verzichten, einen Staat, der ungeheuer wichtig war für das Gleichgewicht der Kräfte und für das Image der UdSSR als Supermacht. Die einzige Möglichkeit für Gorbatschow war, sich mit der westdeutschen Regierung, den Franzosen, den Briten und den Amerikanern an einen Tisch zu setzen und Gespräche zu führen.

Wir sprechen viel vom Einsatz des Militärs, aber Gorbatschow hätte ja auch politisch protestieren und zu den Wiedervereinigungsplänen einfach Njet sagen können.

Gorbatschow war ein sehr schlechter Mister Njet, er fühle sich besser als Mister Da. Bitte vergessen sie nicht sein großes Konzept vom Gemeinsamen Haus Europa, das er mehreren westlichen Hauptstädten schon früher vorgestellt hatte. Es sieht die Überwindung der militärischen Blöcke vor und die Errichtung eines Gemeinsamen Hauses Europa, zu dem auch Kanada, die USA und die UdSSR gehören sollten. Er wollte das wirklich umsetzen.

Andererseits versuchte er, starke Signale zu senden, beispielsweise an Kohl, als dieser seinen Zehn-Punkte-Plan zur Wiedervereinigung vorstellte. Gorbatschow war sich darüber im Klaren, dass er sich mit einem Njet die meisten Deutschen zum Feind machen würde. Deshalb blieb er Mister Da und heute sieht die Mehrheit der Deutschen in ihm ihren größten russischen Freund in der Geschichte. Er wollte sich einfach nicht dem Willen von Millionen entgegenstellen.

Wie sahen die von ihm vorgeschlagenen Verhandlungen zur Wiedervereinigung in Form der Zwei-plus-Vier-Gespräche aus?

An die Spitze der Delegation stellte er Eduard Schewardnadse, der aber ohne detaillierte Anweisungen hinfuhr.

Warum hatte er keine Anweisungen?

Ich habe bereits erwähnt, dass der Prozess der Wiedervereinigung in eine für Gorbatschow ungünstige Zeit fiel. Er plante groß angelegte Reformen. Beispielsweise beschloss er im Dezember 1989, dass die Rolle der KPdSU verändert werden müsse: Die Partei sollte ihr Machtmonopol verlieren. Er wollte auch Präsident werden und auf diese Weise eine Machtvertikale durch eine andere kompensieren. Diese und viele andere Reformen liefen im Februar und im März 1990, als die deutschen Verhandlungen begannen.

Wo befand sich damals Deutschland auf der Prioritätenliste des Kremls?

Ich versichere Ihnen, dass das nicht die wichtigste Angelegenheit war, obwohl sie sehr sensibel blieb. Gorbatschow hielt alle von ihr fern: das Politbüro, den Volksdeputiertenkongress, den Obersten Sowjet usw. Er ging so vor, weil er Unruhen befürchtete. Sie wissen, wie vielen sowjetischen Bürgern nur wenige Jahrzehnte zuvor von deutschen Händen Leid zugefügt worden war. Es gab auch Befürchtungen, was in zehn oder zwanzig Jahren nach der Wiedervereinigung aus Deutschland werden würde. Ein Mitglied des Politbüros fragte den Ersten Sekretär: „Wer kann uns garantieren, dass Deutschland nicht einen neuen Krieg beginnt?“ Gorbatschow hatte damals zwei offene Fronten: die heimische und die internationale. An der ersten musste er sich als harter Kerl präsentieren, der weiß, wie man mit den Deutschen und den Amerikanern redet, aber an der zweiten blieb er Mister Da, der für die Idee von Zusammenarbeit und Partnerschaft eintrat.

Doch im Mai geschah etwas Wichtiges: Gorbatschow verstand, dass sich die Wiedervereinigung hinter seinem Rücken vollzieht.

Was war passiert?

Die Ereignisse in Deutschland überschlugen sich. Gorbatschow wurde wach, umso mehr als Kohl eine Währungsunion der DDR und der Bundesrepublik ankündigte. Dies hätte die Übernahme der DDR und das Ende ihrer politischen Souveränität bedeutet.

Wie reagierte Gorbatschow?

Anfangs nahm er eine vollkommen irrationale Position ein. Er sagte, er habe nicht die Absicht, sein Militär aus Deutschland abzuziehen, solange die Amerikaner dies nicht tun. Später sagte er, er würde niemals zustimmen, dass das vereinigte Deutschland der NATO beitritt. Niemand machte ihm Druck, solche Dinge zu sagen. Das war Gorbatschow mit seinen Ausbrüchen, mit seiner Emotionalität.

Schewardnadse hielt an der harten Linie fest, begab sich zu den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen und kehrte mit leeren Händen nach Moskau zurück. Er sagte: „Wir verlieren und verlieren Zeit.“ Der Westen hatte es bereits geschafft, eine gemeinsame Politik bezüglich der Wiedervereinigung auszuarbeiten.

Gorbatschow stimmte schlussendlich der Wiedervereinigung zu und stellte praktisch keinerlei Bedingungen. Vielleicht war er von Bonn gekauft worden? Tony Judt schreibt in seinem Buch Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart, Bonn habe Moskau in den Jahren 1990–1994 im Gegenzug für das grüne Licht 71 Milliarden Dollar gezahlt.

Kohl bot als erster finanzielle Unterstützung für Gorbatschow und seine Perestrojka an. Der Bundeskanzler schlug de facto vor, dass der deutsche Steuerzahler für die sowjetischen Soldaten (Moskau hatte kein Geld mehr) zahlen soll, die noch vier Jahre nach der Wiedervereinigung auf deutschem Gebiet bleiben sollten.

Und sie blieben tatsächlich bis 1994, ein Jahr länger als in Polen.

Die Amerikaner übten Druck auf Kohl aus, er solle verlangen, dass das sowjetische Militär früher abzieht, aber Kohl wollte vorsichtig sein.

Doch Sie haben gesagt, Gorbatschow hätte keinerlei Forderungen gestellt – Geld war eine seiner Bedingungen. Der Generalsekretär war zu stolz, um die Sache selbst anzusprechen, aber er hatte kein Problem damit, als die westlichen Partner ihm ein Angebot machten. Es wurde nicht auf impertinente Weise gemacht, das war keine Bestechung. Die Japaner hatten versucht, Gorbatschow zu kaufen, um die umstrittenen Kurilen-Inselkette wiederzubekommen, aber das ist nicht gelungen. Kohl ist wesentlich klüger vorgegangen. Er betonte, er und Gorbatschow seien befreundet und er selbst wolle die Umwälzungen in der UdSSR unterstützen. Und das tat seine Wirkung.

Und was war mit der NATO? Wenn Gorbatschow der Vereinigung Deutschlands unter der Bedingung zugestimmt hätte, dass das vereinigte Deutschland neutral bleiben würde, hätte es dann dazu kommen können?

Nach dem Februar 1990 hatten die sowjetischen Oberhäupter nichts gegen die Wiedervereinigung, sondern gegen die Mitgliedschaft des wiedervereinigten Deutschlands in der NATO. Bis Ende Mai des Jahres stellte sich der Kreml einer solchen Mitgliedschaft in dem Bündnis entgegen. Der Westen aber einigte sich auf einen gemeinsamen Standpunkt: Bush verständigte sich mit Kohl, und auch Mitterand und Thatcher, die anfangs gegen eine Wiedervereinigung gewesen waren, stimmten der Mitgliedschaft Deutschlands zu. Gorbatschow fuhr Ende Mai 1990 nach Washington. Bush wies ihn darauf hin, dass in der Schlussakte der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa von 1975 jedem zugesichert wird, in der Wahl seiner Bündnisse frei zu sein. Und was tat Gorbatschow? Er gab ihm recht! Bush konnte sich nicht genug wundern. Das war noch keine formale Zustimmung, aber dennoch war die Zustimmung für die Mitgliedschaft des vereinigten Deutschlands in der NATO gegeben.

Bush gestand später, dass es ein amerikanischer Alptraum gewesen wäre, wenn Gorbatschow Kohl ein Angebot gemacht hätte, das dieser nicht hätte ausschlagen können: Moskau stimmt der Wiedervereinigung zu, aber Deutschland ist nicht in der NATO und somit neutral. Hätte ein solcher Schachzug von Gorbatschow seine Wirkung gezeigt? Wer weiß. Damals wurde in Deutschland selbst von allen Seiten Druck auf Kohl ausgeübt, damit es zu einer schnellen Wiedervereinigung kommt. Außerdem darf die Beliebtheit des Bündnisses unter den Deutschen nicht überschätzt werden. In der Bundesrepublik gab es eine starke Antikriegs- und AntiAtomwaffenBewegung. Für mitteleuropäische Ohren mag das seltsam klingen, aber Millionen Deutsche wären zufrieden gewesen, wenn Deutschland nicht Mitglied der NATO geworden wäre. Gorbatschow aber stellte diese Bedingung nie.

Warum nicht? Es gab einen Präzedenzfall: den Österreichischen Staatsvertrag von 1955, kraft dessen die UdSSR aus Österreich abzog und Österreich neutral wurde.

Das bleibt bis heute ein Rätsel. Brent Scowcroft, Bushs Berater in Sicherheitsfragen, sagte einmal: „Ich konnte nie verstehen, warum Gorbatschow diese Karte nicht gespielt hat.“


Professor Vladislav Zubok ist an der London School of Economics tätig. Er beschäftigt sich mit der Geschichte des Kalten Krieges und Russlands im 20. Jahrhundert. Im kommenden Jahr erscheint sein Buch über den Zerfall der UdSSR.

 


Zbigniew RokitaZbigniew Rokita ist Reporter und spezialisiert sich auf Themen rund um Osteuropa.


Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Miller

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